War die Studentenbewegung von 1956 antikommunistisch?

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Von Karl Ludwig Lupsiasca


            Die gestellte Frage kann weder mit Ja, noch mit Nein beantwortet werden. Die damals vorgebrachten Forderungen enthielten aus heutiger Sicht eindeutig antisowjetische und deutlich antikommunistische Aussagen, die Zusammensetzung der damaligen Studentenschaft erlaubt aber keine Ja-Antwort. Was des Weiteren zu diesem scheinbaren Widerspruch ausgesagt wird, entspricht meiner eigenen Erfahrung. Um objektiv zu bleiben, will ich versuchen mich in die damalige Stimmungslage zu versetzen und mich hüten Ansichten, aus späteren Erfahrungen und Erkenntnissen einzuflechten.

 

            Die folgenden Ausführungen sind bei weitem keine umfassende Beschreibung der Temeswarer Studentenbewegung. Ich habe nur jene Aspekte aus meiner Erinnerung behandelt, die ich selbst erlebt habe und beobachten konnte. Sehr wichtige Ereignisse und Aspekte der Bewegung werden deshalb nicht behandelt. Folgende Fragen müssten noch behandelt werden:

  • Was geschah in anderen Gruppen des 4. Jahrgangs der Mechanik-Fakultät, in anderen Jahrgängen, in anderen Fakultäten des Polytechnikums, in anderen Hochschulen der Stadt?
  • Wie arbeitete das Organisationskomitee, was wurde abgesprochen und beschlossen?
  • Wie verliefen die Verhöre der Verhafteten, die Gerichtsverhandlungen und die Verurteilungen? Was beinhalteten sie?
  • Was geschah am 31. Oktober 1956 in Temeswar?
  • Was erlebten die aus der Hochschule ausgewiesenen Studenten?

 

 

Wegbereitung des Kommunismus in Rumänien

 

            Um das kommunistische System zu beurteilen, genügt eine Schwarz-Weiß-Malerei nicht.

Die Behauptung, der Kommunismus in Rumänien sei bloß den sowjetischen Tanks und der unter ihrem Druck aufgezwungenen Gesellschaftsordnung zu verdanken, ist ein bequemes Ausweichen der Frage nach eigener Verantwortung,

Gewiss war der Einmarsch sowjetischer Truppen die wichtigste Voraussetzung und tatsächlich gab es nach dem 23. August 1944 die besagten Tanks. Wer hat sie aber bedingungslos einfahren lassen? Wer hat die Ortsverwaltungen schon im Herbst 1944 abgesetzt und so genannte demokratische Verwaltungen eingesetzt. Am Ruder waren noch bürgerliche Parteien.

Als Rumäniendeutsche in die Sowjetunion verschleppt wurden, freuten sich am wenigsten ältere überzeugte Kommunisten. Die deutschen Kommunisten blieben übrigens von der Aushebung nicht verschont. Sie fuhren zuversichtlich dem Arbeiterstaat entgegen und beschworen die deutsche Schuldigkeit diesem Staat gegenüber. Für die Verschleppung gab es eine eingestandene Erklärung. Die Deutsche Volksgruppe hatte sich in den letzten Jahren überaus arrogant und hochnäsig gegenüber dem rumänischen Staat benommen und dieser Staat war nun zu den Feinden der Deutschen übergetreten. Söhne und Brüder, wenn sie nicht schon gefallen waren, kämpften noch immer innerhalb der Waffen-SS für das Reich. Die kommunistische Führung ließ die Ansicht verbreiten, die Verschleppung geschehe als Kriegsentschädigung Rumäniens und Rumänien bediene sich der nun verhassten Deutschen. Seitens des rumänischen Königreichs hatte kein Würdenträger den Mut etwas zur Sache öffentlich auszusagen, die rumänischen Medien verschwiegen den Vorgang mit Rücksicht nicht nur gegenüber den Sowjets, sondern den Alliierten allgemein.

Es waren nicht nur Kommunisten dabei, wenn jemand nach Bedarf als Faschist, Nazi oder Volksfeind abgestempelt und beseitigt wurde. Maniu gab eigene Parteigänger der Verfolgung preis, wenn sie vor oder während des Krieges ein Amt innehatten oder eine gesellschaftliche Stellung einnahmen. Wer den Terror ab den Herbst 1944 miterlebt hat, müsste wissen, dass dieser zwar von den Kommunisten unterstützt wurde, die Sowjets sich offen kaum daran beteiligen mussten, denn es gab eine genügende Anzahl Emporkömmlinge, die unbewusst und unbedenklich der von Moskau gewünschten Umkrempelung der Gesellschaft zuvorkamen und ihr durch „bereinigende” Untaten Vorschub leisteten. Dass die meisten dieser Übeltäter selbst in die Zucht des Systems geraten sollten, ob in Freiheit oder in Gefängnissen, ändert nichts an diesem Tatbestand.

Wie viele „antifaschistische” Eiferer es gleich nach dem Krieg gab, die ihre demokratische Gesinnung auf Kosten unschuldiger Menschen unter Beweis stellen wollten, müsste anhand von Archiven aufzufinden sein. Bequemer ist es, sie nicht aufzufinden. Heute werden die meisten unter Opfern des Kommunismus aufgelistet.

Eine den bürgerlichen Parteien nahe stehende Lugoscher Zeitung, „Cuvântul”, veröffentlichte anfangs 1945 auf ihrer ersten Seite einen Artikel unter den Titel „Gewesene Minister noch immer in Freiheit” (Foşti miniştri încă în libertate).Der Autor gab auch Namen. Als ersten, den meines Vaters. Mein Vater war niemals Parteigänger, hatte auch niemals ein staatliches Amt bekleidet. Den Namen hatte der Journalist, ein gewisser Rebreanu, einfach aus der Luft geschnappt. Einige Tage später wurde das Gebäude der bereits aufgelösten deutschen Volksschule zu einer Haftanstalt umfunktioniert und hauptsächlich mit ehemaligen Legionären gefüllt. Die in der Zeitung genannten „ehemaligen Minister” (keiner war es wirklich) kamen hinzu. Nach einigen Wochen befreite man die Legionäre. Ihnen wurde seitens der Kommunisten eine Atempause eingeräumt, nachdem Anna Pauker und Nicolae Petraşcu einen Versöhnungspakt abgeschlossen hatten. Hunderte ehemalige Legionäre traten 1945 in den damaligen Parteien ein, eine nicht unbeträchtliche Zahl in der sozialdemokratischen und in der kommunistischen. Bei meinen Vater ergab sich, dass er angestellter Geschäftsführer des Wirtschaftsamts der Deutschen Volksgruppe gewesen war und so blieben er und noch einige Personen in Haft bis zur Klärung ihrer Situation. Die Schule wurde geräumt, die verbliebenen Inhaftierten kamen noch einige Wochen in ein Nebengebäude der örtlichen Polizei.

Tatsache ist, dass die Rumänen kaum für die Annahme der kommunistischen Ideologie geeignet waren. Dass die Kommunisten auch in Rumänien in kurzer Zeit die Machthaber wurden beweist wie vielschichtig ihre Methoden waren. Es ist aber nicht so, dass der Kommunismus sich bloß durch Zwang und Terror gegen den Willen des Volkes durchgesetzt hat.

Die einzelnen Kampf- und Widerstandsgruppen in den Karpaten, die sich während des Einmarsches der Sowjets gebildet hatten, gaben ziemlich rasch auf, nachdem es offensichtlich wurde, dass eine Gegenoffensive der Deutschen nicht zu erwarten war. Als sich Ende 1947 neue Widerstandsgruppen in den Karpaten bildeten, handelte es sich nur in sehr geringem Maße um Menschen, die von dort die Entwicklung kommunistischer Verhältnisse verhindern wollten, vielmehr um Menschen, die verfolgt waren und dieser Verfolgung entgehen wollten. Verwandte und Freunde, die so genannte Partisanen versorgten und ihnen gelegentlich (z. B. im Winter) ein Versteck besorgten, mussten sich nicht nur vor der Machtordnung und den Behörden fürchten. Zu jener Zeit war das in die Bevölkerung ausgebreitete Spitzelsystem schon aufgebaut, obwohl die völlige Einschüchterung der Bevölkerung durch das kommunistische Regime nicht vollzogen war.

Die Beseitigung der rumänischen Politiker, die den Einmarsch der Sowjets vorbereitet und ermöglicht hatten, wurde nicht sonderlich bedauert, Die Bauernpartei hatte zwar viele Anhänger, aber ihre Beseitigung erfolgte in einer Zeitspanne, als die Bauern noch keine Ahnung haben konnten, was sie in Zukunft erwartet. Die Bodenreform war schließlich ein Zeichen, dass die Landwirtschaft bei alten Gepflogenheiten bleibt und sie war von Kommunisten vorangetrieben worden. Dass dieser Boden hauptsächlich den Deutschen abgenommen worden war, betrübte am wenigsten die damit Begüterten, auch nicht ihre rumänischen Nachbarn.

Die Beseitigung der ehemaligen Armeeführer wurde kaum wahrgenommen, weil sie in gut überlegten Zeitabschnitten erfolgte.

Fast alle Maßnahmen der Umkrempelung überlieferter gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und politischer Einrichtungen wurden von den Kommunisten mit Begleitvorkehrungen und Losungen durchgeführt, die von einer jeweiligen Schicht der Bevölkerung begrüßt werden konnten. Entweder indem man dieser Schicht gewisse Vorteile zuspielte oder ihren Neid und ihre Vorurteile befriedigte.

So, während der noch unter der Monarchie durchgeführten monetären Reform mit begrenzter Umtauschmöglichkeit des Geldes, als ein Teil der Unternehmer, Gewerbetreibender und Handelsleute ruiniert wurden, aber viele mittellose Leute sich als Vermittler des Umtausches ein Zinschen verdienen konnten.

Auch die Nationalisierung der „wichtigsten” Industrie- und Handelsunternehmungen (zu denen auch Werkstätte und Geschäfte einzelner Gewerbetreibenden und Kaufläuten gehörten wenn sie Angestellte hatten, also die Besitzer als Ausbeuter bezeichnet werden konnten) wurden von gewissen Schichten der Bevölkerung mit Zustimmung begegnet. Der damalige Besitzer der Muschong-Ziegelei, Sladek, Gatte einer Muschong, mit dessen einen der Söhne ich bis 1944 auf derselben Schulbank saß und noch 1948 befreundet war, hat vor meiner Mutter sein Erstaunen darüber geäußert, wie sich seine ehemaligen Arbeiter gegen ihn wenden konnten. Sie hatten sich bis zur Nationalisierung angemessener Löhne und Arbeitsbedingungen erfreut, wohnten in zivilisiert gebauten und eingerichteten Häusern der betriebseigenen Kolonie, mussten keine Miete bezahlen, bekamen unentgeltlich Heizmaterial und der eigene Stromverbrauch, unbefristet und kostenlos, wurde aus dem Kraftnetz der Fabrik gedeckt. Für Sladek war es unbegreiflich, dass diese Arbeiter während einer Versammlung die Nationalisierung mit Begeisterung begrüßt und ihn als Ausbeuter bezeichnet hatten.

Der Verbot der griechisch-katholischen Kirche und die Verhaftung ihrer Würdenträger wurden von der stärksten Glaubensgemeinschaft des Landes unterstützt und die Leidtragenden waren eine fast unbemerkt gebliebene und eingeschüchterte Minderheit.

Als anfangs der 50. Jahre die Kollektivierung der Landwirtschaft begann, gab es fast in jeder Gemeinde eine gewisse Schicht der Landbevölkerung, die selbst mit den radikalsten Eingriffen der kommunistischen Behörden einverstanden war. Zu diesen gehörten nicht nur ehemalige Knechte und bodenlose Landarbeiter. Auch solche, die 1945 begütert worden waren, aber denen die Bewirtschaftung des erhaltenen Grundes schwer fiel, erhofften sich mit der Kollektivierung ein leichteres Leben ohne viel Schweißverbrauch. Die so genannte „Liquidierung des Kulakentums” (lichidarea chiaburilor) war eines der traurigsten Kapiteln kommunistischer Verfolgung. Sie traf nicht nur die reichsten Bauern. Bis zum ärmsten, kam es zur Erschießung, Deportation oder Verhaftung, wenn der Betreffende sich der Kollektivierung widersetzte. Und dennoch hatte das System immer einen Haufen zustimmender Leute bei der Hand, die den Volkswillen vorzuspielen bereit war.

Mittlerweile hatte man begonnen eine Jugend zu züchten, der atheistische und sozialistische Gesinnungen eingepflanzt wurden, von Lehrern, die zum überwiegenden Teil keine Kommunisten waren.

Gelegentlich wurden seitens der kommunistischen Partei eigene Fehler zugestanden, nicht nur um Teile der Bevölkerung zu versöhnen, sondern auch um sich ehemaligen allzu geflissentlichen Mithelfern zu entledigen und ihnen begangene Untaten zuzuschieben.

 

 

Die Studenten des Jahres 1956 in Rumänien

 

Ab 1948 konnte ein Kind mit „ungesunder sozialer Herkunft” (origine socială nesănătoasă) oder eines „Volksfeindes” (duşman al poporului) keine höhere Schule oder Hochschule besuchen. Als Ausnahme galten Kinder kleinbürgerlicher Abstammung, aber auch in ihrem Fall wurde bei der Aufnahme in einer Hochschule im Einzelfall entschieden. Diesbezügliche Bestimmungen verschärften sich Ende 1952 indem nur jene Kleinbürgerlichen die Schule besuchen konnten, deren Eltern oder Großeltern kein Vermögen gehabt haben. Denjenigen, die aus der Schule ausgewiesen wurden, sich aber im letzten Schuljahr der Mittelschule befanden, wurde die Beteiligung an den Abschlussprüfungen zugesagt, jedoch bis dahin mussten sie vom Besuch der Schule Abstand nehmen. Die Arbeiter- und Bauernkinder sollten vor der Wühlarbeit des Klassenfeindes geschützt bleiben.

Mein Vater war ursprünglich Handelsangestellter bekam aber 1938 als Arbeitsinvalide (invalid de muncă fizică) die Erlaubnis, zweimal in der Woche einen Stand mit Kleinwaren auf dem Markt aufzustellen. So war ich mit kleinbürgerlicher Herkunft eingestuft, allerdings mit unvermögenden Eltern. Ich durfte das Gymnasium besuchen, hatte aber kein Recht auf Lebensmittelkarten. Nachdem ich die Aufnahmeprüfungen für das Polytechnikum in Temeswar abgelegt hatte fand ich mich nicht auf der Liste der aufgenommenen Studenten, obwohl ich überzeugt war, die Prüfungen gut bestanden zu haben. Mit Müh und Not wurde mir dann doch ein Platz in der gerade gegründeten Fakultät für Rollmaterial (Facultatea de Material Rulant) zugewiesen, weil es für diese Fakultät nur wenige Kandidaten gab. Gemäß der in den Temeswarer Hochschulen noch geltenden Bestimmungen, wurde ich sogar Gruppenleiter, weil ich die höchsten Noten während der Aufnahmeprüfung erhalten hatte. In der Gruppe war ich der einzige Student ohne Stipendium. Als im darauf folgenden Jahr die Bedingungen zur Erlangung eines Stipendiums geändert wurden, war ich plötzlich der einzige Student in der Gruppe mit Stipendium. Allerdings hatte ich einige ältere Kollegen, die aus der so genannten Arbeiterfakultät gekommen waren und von ihrem Betrieb mit Gehalt bezahlt wurden. Ab 1954 wurde die Fakultät für Rollmaterial aufgelöst, so kam ich im 2. Jahr der Mechanik-Fakultät. Ab diesem Jahr wurde auch die Aufnahme von Studenten gestattet, die keine gesunde soziale Herkunft hatten. Kinder von politisch Verfolgten (so genannte Volksfeinde oder Feinde der Arbeiterklasse) blieben weiterhin ausgeschlossen.

Als 1956 die Studentenunruhen stattfanden, waren in den meistbeteiligten Jahrgängen (IV. und V.) kaum Studenten bürgerlicher Herkunft oder Kinder von ehemaligen Grundherren und Großbauern (moşieri şi chiaburi) und gar keine von politisch Verfolgten anwesend. Das „kaum” im vorherigen Satz bezieht sich auf Studenten, die ihre sozialen Wurzeln verschleiern konnten. Es gab zum Beispiel einen „Kulakensohn”, der von seiner armen, unverheirateten Tante adoptiert worden war, den Sohn einer Mutter, die in sehr reichen Verhältnissen aufgewachsen war, aber als Sohn eines geschiedenen Vaters galt.

Wie schon erwähnt, gab es unter uns (im 4. und 5. Jahrgang) die Studenten der Arbeiterfakultät. Des Weiteren werde ich diese als Arbeiterstudenten bezeichnen. Das waren Arbeiter, die von der Gewerkschafts- und Parteiführung eines Betriebs aus den Reihen der für den Aufbau des Sozialismus zuverlässigsten Genossen ausgesondert und zum Hochschulstudium ermuntert wurden. Sie waren nach Abschluss der Hochschule für Leitungsposten in Staatsbetrieben bestimmt oder sollten als Parteiaktivisten im ökonomischen Bereich eingesetzt werden. Viele von ihnen hatten nur vier Klassen der Grundschule abgeschlossen. Seit 1953 war die Arbeiterfakultät aufgelöst, künftige Kader wurden aber weiterhin mit vollem Gehalt von den Betrieben in die Hochschule geschickt, mussten aber bereits das Abitur abgelegt haben. Der größte Teil dieser Arbeiterstudenten hatte kein Tagesgymnasium, sondern Abendkurse mit stark gekürztem Programm besucht. Auch das Abitur legten sie gesondert von Normalschülern ab.

Auf der ganzen Skala der Studentenschaft zeichneten sich große Unterschiede in Kenntnis von Grundwissen ab, die Diskrepanz zwischen Arbeiterstudenten und anderen Studenten war aber immens. Noch 1953-1954 bestanden einige Professoren darauf, dass der Gruppenleiter während der Prüfungen anwesend sein soll. Ich musste folglich im ersten Jahrgang bei diesen Professoren als erster die Prüfung ablegen und den weiteren Ablauf der Prüfung verfolgen. Falls irgendein Student . eine Benachteiligung bei der Leitung der Fakultät oder des Instituts melden sollte, konnte mich der Professor als Zeuge angeben. Zu unserer Gruppe gehörte unter anderen Arbeiterstudenten der Parteisekretär der Grundorganisation (secretar al organizaţiei de bază), der auch die Parteimitglieder des Lehr- und Dienstpersonals angehörten. Er war ziemlich bejahrt. Zu den drei Themen die er als Prüfung behandeln sollte hatte er kaum etwas zu sagen, und was er sagte war falsch. Dennoch erhielt er ein „gut” (Noten waren: sehr gut, gut, ausreichend, ungenügend). Bei solchen Gelegenheiten konnte ich feststellen, dass viele Arbeiterstudenten, gelegentlich auch andere Studenten, die einfachsten Grundbegriffe nicht kannten, z. B. den der arithmetischen Teilung.

Der enge Filter in Bezug auf den sozialen Stand der aufgenommenen Studenten bewirkte, dass Annäherungen und Freundschaften kaum nach sozialer Herkunft erfolgten. Ausschlaggebender waren: Die in der Familie und je nach Qualität des besuchten Gymnasiums erhaltene Bildung und Erziehung, kulturelle Neigungen (Opern-, Theaterbesucher, Musikliebhaber, Fußballfans, Interessierte für Literatur, Philosophie, Naturkunde, Geschichte), Muttersprache (auffallend der Zusammenschluss ungarischer Studenten).

Die Kommunikation unter den Studenten war bei Freunden und näher Bekannten sehr offen, sonst zurückhaltender und vorsichtig, wenn unbekannte oder bestimmte Gesichter dabei waren. Mit Arbeiterstudenten hatten wir grundsätzlich keine gesonderten Kommunikationsprobleme. Nur wenige litten an politischer Engstirnigkeit und wurden deshalb gemieden oder der Kontakt auf das notwendigste beschränkt. Ausgesprochene Fanatiker habe ich unter meinen Kollegen nicht kennen gelernt. Wir wussten, dass es unter uns Spitzeln gab, die allgemeine Atmosphäre war aber nicht so, dass wir uns ständig beobachtet fühlten.

In jedem Zimmer des Studentenheimes gab es einen Lautsprecher, der fast den ganzen Tag die Sendungen von Radio-Bukarest übertrug, sonst Sendungen einer Lokalstation des Polytechnikums. Jeden Morgen sollte in jeder Studiengruppe der Leitartikel aus der Jugendzeitung „Scânteia Tineretului” laut gelesen werden. In den meisten Gruppen wurde die Lesung übergangen, jeder Student tat aber so als ob es geschehen wäre. Je ein einstellbares Radio gab es in der Kantine der Mechanikfakultät und in der Bibliothek des Studentenheims. Diese waren fast immer, wenn Studenten anwesend waren, auf Musikprogramme von Radio-Novi-Sad, gelegentlich auch Radio-Luxemburg eingestellt. Da gab es nämlich viel leichte Musik aus dem Westen.

Nachrichten entnahmen wir nicht den Zeitungen. Unwillkürlich bekamen wir ja die offiziellen Nachrichten vom Lautsprecher mit. Der „Mundfunk” funktionierte aber sehr gut im Rumänien jener Zeit. Kollegen aus der Stadt vermittelten uns den Zugang. Die Posten „Freies Europa” und „Stimme Amerikas” sowie die Sendungen von BBC und „Deutsche Welle” in den Sprachen der Ostblockstaaten waren sehr gestört. Manchem gelang es am Rande des Störbandes gelegentlich etwas mitzubekommen. Es gab sehr starke und ungestörte Sender auf Mittelwelle und die waren eigentlich die sichersten Quellen der Neuigkeiten aus dem Westen, die uns per Mundfunk erreichten.

Zu unterscheiden wäre zwischen politisch interessierten und gleichgültigen Studenten. Unter politisch interessierten meine ich nicht jene, die in der Partei- oder Jugendorganisation tätig waren, auch nicht jene, die Parolen besser nachplapperten. Es handelt sich um jene, die sich um die politische Zukunft Gedanken machten, sich zum weiteren Schicksal der Gesellschaft Fragen stellten, Missstände beobachteten und Reformen herbeiwünschten. Die politisch interessierten Studenten waren in der Minderheit.

Die allgemeine Einstellung der Studenten war, was man heute als linksgerichtet bezeichnet. Wir bejahten die Vorzüge eines sozialistischen gegenüber einem kapitalistischen System. Wir hegten die Hoffnung, nach Abschluss der Hochschule zumindest im technischen Bereich am Aufbau der neuen Gesellschaftsordnung beteiligt zu werden. Trotz der Verfolgung, der meine Familie ausgesetzt gewesen war, und der empfundenen persönlichen Nachteile, hatte ich als Schüler bedauert, kein Pionier sein zu dürfen und freute mich als im letzten Schuljahr mein Freund, Heinrich Drobny, mir verhalf, im Verband der Arbeiterjugend (Uniunea Tineretului Muncitor – UTM) aufgenommen zu werden. Bestschüler Drobny war Sekretär der Jugendorganisation auch in der Hochschule, denn in seiner Familie gab es Kommunisten noch aus der Zeit ihrer Illegalität.

Viele der damaligen Studenten waren entgegen den Willen ihrer Eltern in die Hochschule eingetreten. Die meisten Studenten waren deshalb der Überzeugung, dass der Sozialismus ihnen den Weg zu einem intellektuellen Beruf geöffnet hat, sonst wären sie Bauern oder Arbeiter, wie ihre Eltern, geblieben. Die meisten damaligen Studenten kamen aus Familien, die vor 1944, „in der kapitalistischen Gesellschaft”, in Armut, ja viele in geradezu primitiven Verhältnissen gelebt hatten. Hauptnahrung vieler Bauern im Altreich war der Maisbrei gewesen, Gemüse und Fleisch gehörten zu den seltenen Zugaben, Zucker war Luxus, Kaffee und Gewürze waren unbekannt. Die armselige und einseitige, durch die Lebensmittelkrise der Nachkriegszeit bedingte Ernährung, war für solche Studenten der Normalzustand.

Missstände, Übergriffe, auch Verbrechen der Kommunisten waren uns bekannt. Nicht alle. Wir deuteten aber einige der uns bekannten im Sinne der Propaganda und sahen als Ursache, die Schwierigkeit der revolutionären Umgestaltungen. Die meisten konnten wir aber nicht daraus ableiten. Dafür konstruierten wir unsere eigenen Erklärungen. Sie waren recht unterschiedlich von Student zu Student, aber der Leitfaden war, dass die Durchführung falschen Leuten zufiel. Dafür gab es auffallende Begegnungen. Die meisten Parteiaktivisten, die im Laufe der Jahre vor uns aufgetreten waren, wenn sie das Aneinanderreihen von Losungen aufgaben um eigene Sätze zu bilden, erwiesen sich als Ignoranten in Sachen Marxismus-Leninismus. Im Polytechnikum gab es damals mehrere gut vorbereitete Lektoren innerhalb des Katheders für Sozialwissenschaften. Es waren intelligente Leute, in ihrem Fach vertraut, hatten gegenüber den Studenten ein ausgeprägtes Einfühlungsvermögen und scheuten sich nicht auch heikle Fragen nach unseren Erwartungen zu beantworten. Dies bestärkte unsere Überzeugung, dass das System reformierbar sei und die Unzulänglichkeiten mit einem systematischen Kaderwechsel verschwinden werden.

 

 

Die Stimmung vor der Studentenbewegung

 

Nachdem im Sommer 1955 sich die sowjetische Führung mit Tito versöhnt hatte und insbesondere nach der Verdammung des Personenkults durch Chruschtschow im Frühjahr 1956 wuchs unser Optimismus und es erwachten Hoffnungen an einer besseren Zukunft.

Die Studenten bekamen mehr Mut ihre Ansichten, mit einer noch bedachten Vorsicht, auch öffentlich vorzutragen. Wenn auch der Satz, die Partei hat immer recht, noch gültig war, war der Heiligenschein einzelner Parteigänger und Parteiführer doch verblasst. Mit der Bekämpfung des Personenkults konnten so manche Missstände, die in der Zeit Stalins ihre Wurzeln hatten, als solche bezeichnet werden.

Aus anderen sozialistischen Staaten, insbesondere aus Polen und Ungarn, kamen Nachrichten, die eine Wende in Richtung erwarteter Reformen andeuteten. Die rumänischen Medien brachten solche Nachrichten. Bedenklich war, dass die in der rumänischen Presse erschienenen Nachrichten von nachträglichen Ausführungen begleitet wurden. Entweder das betreffende Problem sei für Rumänien nicht anwendbar oder es sei in Rumänien schon gelöst. Maßnahmen zur Destalinisierung wurden mit dem Vermerk abgetan, bei uns sei die Destalinisierung schon 1952 mit dem Ausscheiden aus der Parteiführung von Ana Pauker und Vasile Luca vollzogen worden. Als im März 1956 gemeldet wurde, dass Rajk Laszlo in Ungarn auf Grund falscher Angaben erschossen worden war, hieß es, in Rumänien sei kein einziger kommunistischer Führer hingerichtet worden (der Fall Pătrăşcanu wurde verschwiegen).

Obwohl sich bei uns nichts rührte, waren wir überzeugt, die Reformwelle werde früher oder später auch Rumänien erreichen.

Noch bevor der Aufstand in Ungarn ausbrach, wurde der Rundfunk der Kantine laut auf Radio-Budapest eingestellt. Von dort kamen immer interessantere Nachrichten. Kenner der ungarischen Sprache vermittelten den rumänischen Kollegen ihren Inhalt. Politische Debatten zu den Ereignissen in Ungarn häuften sich unter den Studenten.

Wir kannten die 16-Punkte-Resolution (14 Forderungen) der ungarischen Studenten nicht vollständig, aber wir konnten angestrebte Reformen aus den Meldungen des Budapester Radio herausfiltern. Zusätzliche Informationen erhielten wir über den schon erwähnten Mundfunk.

Selbst als wir am Mittag des 24. Oktobers über den Eingriff sowjetischer Truppen unterrichtet wurden, waren wir überzeugt, dass Ungarn sozialistisch bleibt, sich durchsetzen, die angekündigten Reformen durchführen werde und Rumänien wird sich ähnlicher Reformen nicht entziehen können.

 

 

Die Fragestellungen des 4. Jahrgangs

 

Am Vormittag des 25. Oktobers 1956 hatte unser Jahrgang in eine Aula der Mechanikfakultät Marxismusvortrag. Am Ende des Vortrags stand Drobny in seiner Eigenschaft als UTM-Sekretär auf und ersuchte den Lektor, er möge Fragen der Studenten beantworten; die Studenten seien angesichts der Ereignisse in Ungarn beunruhigt und nicht orientiert. Velişcu, so hieß der Lektor, war einverstanden.

Auf alle gestellten Fragen kann ich mich nicht erinnern, vor allem weil einige davon auch in andere Zusammenhänge in den folgenden Tagen und während der Hauptversammlung vom 30. Oktober gestellt wurden. Die meisten Fragen bezogen sich auf die Ereignisse in Ungarn, einige mit Bezug auf der kommunistischen Ideologie im Allgemeinen, andere auf der Lage in Rumänien. Obwohl der erste Eingriff sowjetischer Truppen in Budapest schon am Vortag erfolgt war, schien der Lektor die nachträgliche Verurteilung der ungarischen Führung als Versuch einer Gegenrevolution im Auftrag kapitalistischer Kräfte nicht zu erahnen. Unsere Fragen und seine Antworten setzten voraus, dass die 14 Forderungen der Budapester Studenten mit dem kommunistischen System vereinbar und im Sinne einer notwendigen Reform korrekt seien.

Was die Problemstellungen dieser Befragung betrifft, kann ich mit Gewissheit bezeugen, dass mit einer Ausnahme sich keine in der später zusammengestellten Programm-Eingabe wieder findet. Auch die Ausnahme klang anders: Was könnte die Sowjetunion veranlasst haben, mit ihren Truppen gegen einen sozialistischen und befreundeten Staat vorzugehen?

Andere Fragen bewegten sich hauptsächlich im ideologischen Bereich, meist in Zusammenhang mit Forderungen der ungarischen Studenten. Die Fragen wurden mit Nebenbemerkungen versehen wie etwa: Hätte die Arbeiterpartei diesen Missstand nicht früher erkennen müssen? Oder: Beschwört die Sowjetunion doch selbst die Freundschaft zum ungarischen Volk und ihre Bereitschaft den Aufbau des Sozialismus in Ungarn zu unterstützen.

Der Lektor beantwortete die Fragen mit Gelassenheit, sachlich und im Sinne unserer Erwartungen. Die Stimmung im 4. Jahrgang war danach optimistisch und beruhigt. Von dieser Stimmungslage aus wäre es zu den stürmischen Ereignissen der nächsten Tage nicht gekommen.

 

 

Die Pflichtversammlungen vom 27. und 28. Oktober

 

Die Befragung im 4. Jahrgang und ihr Erfolg erzeugte Rumor unter den Studenten anderer Jahrgänge. Insbesondere im 5. Jahrgang wurde wiederholt der Wunsch geäußert, ähnliches zu veranstalten und womöglich mehr.

Am Vormittag des 26. oder 27. Oktobers wurde von Student zu Student der Aufruf zu einen „Maisbrei-Streik” (greva mămăligii) verbreitet. Zu jener Zeit wurde in der Kantine statt Brot je ein großer Würfel hartgekochter Mais verabreicht. Als wir in die Kantine zum Mittagsessen eintraten, befanden sich auf den Tischen außer den üblichen Maisbreiwürfeln die Körbchen mit Brotscheiben. Die Studenten haben das Brot verzerrt. Die Maisbreiwürfel blieben unangetastet aber der Protest war gescheitert.

Auch zur Frage einer Debatte zwischen Studenten und Propagandisten zur Lage in Ungarn übernahm die Parteileitung des Polytechnikums die Initiative. Es ist unwahrscheinlich, dass die Partei das Szenario der Befragung im 4. Jahrgang ausdehnen wollte um die Studenten anderer Jahrgänge zu beruhigen. Wahrscheinlicher ist, dass man korrigieren wollte was Velişcu in der Sicht der Partei falsch gemacht hatte.

Die Studenten wurden planmäßig nach Gruppen zu Versammlungen einberufen. Die Folgen dieser Versammlungen waren katastrophal, denn sie hatten die weiteren Ereignisse im Polytechnikum verursacht.

Die Leitung der Versammlung der drei Gruppen für Kraftmaschinen des 4. Jahrganges wurde einem Assistenten für Festigkeitslehre namens Rosinger anvertraut. Rosinger war Parteimitglied. Er hielt eine einleitende Ansprache, ziemlich ungelenkig aber parteikonform. Er ließ uns wissen, dass in Ungarn eine kriminelle Bande das Volk verunsichert und einen Staatsstreich durchführt. Das ungarische Volk wird aber den Sieg davontragen und die Schuldigen bestrafen. Gleich mit den ersten Antworten auf Fragen der Studenten ergab sich, dass die Nagy-Regierung ein Haufen Reaktionäre sei und die Autoren der 14-Punkte-Forderungen Gehilfen der Volksfeinde seien. Es hatte keinen Sinn weitere Fragen zu stellen, und Rosinger, um die Versammlung nicht frühzeitig abschließen zu müssen, verlief sich in einen umschweifenden Diskurs voller „proletarischer Wut” (mânie proletară).

Erst nach diesen Versammlungen verbreitete sich der Unmut in fast allen Schichten der Studentenschaft. Man achtete nicht mehr darauf, wer in einer Gesprächsrunde dabei war. Ohne Bedenken äußerten die Studenten ihre Ansichten und den Wunsch, die Dogmatiker wegzufegen.

 

 

Was wollten die Temeswarer Studenten 1956?

 

Kurz gesagt: Die Übernahme auch in Rumänien der Ansätze für Reformen, wie sie in anderen sozialistischen Staaten bemerkbar geworden waren, und ihre Vertiefung.

Die wichtigsten Themen wurden von den Studenten hauptsächlich während der Versammlung vom 30. Oktober vorgetragen. Jene, die sich auf Reformen des Systems bezogen, sind aber nicht in der anschließend ausgefertigten Programm-Eingabe eingebunden worden.

Ich werde dennoch den Forderungskatalog zunächst im Rahmen der Programm-Eingabe erörtern, insbesondere um den Unterschied zwischen den in ihr enthaltenen Formulierungen und den Inhalt der Rednerbeiträge und des Tatbestandes zu unterstreichen.

Abzug der Russen aus Temeswar und aus Rumänien; die leergewordenen Gebäude sollen für Unterkünfte und Lehrräume freigestellt werden sowie für Notwendigkeiten anderer sozialer Kategorien im Lande (1. Punkt der Programm-Eingabe).

Das Problem wurde in den Wortmeldungen tatsächlich  in Zusammenhang mit der Wohnungskrise in Temeswar angesprochen. Bis zur Hauptversammlung war aber dieses Thema nebensächlich. Immerhin hatte sich eine Stimmung gegen das Vorhandensein sowjetischer Truppen in den sozialistischen Staaten angesichts des Eingreifens solcher Truppen in Ungarn herangebildet und ausgebreitet.

In Temeswar, insbesondere in der Innenstadt, waren die Wohnverhältnisse äußerst dramatisch. Man hatte die Inhaber von Wohnungen oft in nur einem Zimmer gedrängt und die anderen Räume über das staatliche Wohnungsamt, ohne Zustimmung der Eigentümer oder Hauptmieter, mit dem Recht auf Zugang zur Küche und zum Badezimmer vermietet. Ganze Gassen waren von ihren ehemaligen Einwohnern geleert worden um russische Offiziere mit ihren Familien unterzubringen.

Auch Studenten hatten diesbezüglich eine Erfahrung. In einem ehemaligen Wohnhaus mit zwei Stockwerken, an der Ecke Josephsplatz-Bahnhofsgasse, befand sich ein Studentenheim, das im Frühjahr 1954 für die Unterbringung russischer Offiziersfamilien geräumt werden musste.

Eine ausgesprochene und unmittelbare Abneigung der Studenten gegen die russische Präsenz in Temeswar war jedenfalls nicht wahrzunehmen. Russische Soldaten fielen in der Stadt nicht auf (die Zustände 1944-1945 gab es nicht mehr, höchstens individuell nach Ausbruch aus der Kaserne irgendeines trinksüchtigen russischen Soldaten). Die russischen Soldaten hielten sich in Kasernen am Rande oder außerhalb der Stadt auf. Viele Studenten hatten Beziehungen zu russischen Offizieren, die ihnen Einkäufe aus den billigen Garnisonsläden mit russischer Ware vermitteln konnten. Fast jeder Student hatte seinen Rechenschieber und den Satz für technisches Zeichnen auf dieser Weise verschafft.

Ein Jahr nach den Studentenunruhen (im Sommer 1957), als unserem Jahrgang eine zweiwöchige Ferienreise per Bahn angeboten wurde, traf es sich, dass die erste Ankoppelung unserer zwei Spezialwaggone in Temeswar an einem Zug mit heimfahrenden russischen Soldaten erfolgte. Nach Balota musste der Zug einige Stunden die Räumung der Strecke abwarten, da in gewisser Entfernung von Balota ein Güterzug entgleist war. Diese Zeit verbrachten wir mit den Soldaten auf einer nahe liegenden Wiese. Es wurde gemeinsam Fußball gespielt und in einer sehr freundschaftlichen Stimmung miteinander geredet und gescherzt.

Streichung der Marxismus-Leninismus-Stunden aus dem Lehrplan, der Besuch dieser Kurse soll den Studenten nach freier Wahl angeboten werden (2. Punkt).

Diese einzige antikommunistisch anmutende Forderung entsprach in dieser Form nicht dem in Wortmeldungen ausgesagten Anliegen. Während der Hauptversammlung wurde die Überbelastung des Lehrplans kritisiert und Vorschläge zu dessen Kürzung vorgebracht. Darunter, die Einführung fakultativer an Stelle der obligaten Kurse für Gegenstände, die kein Verhältnis zu unseren künftigen Berufen beinhalten und Streichung jener Seminare, die erfahrungsgemäß keine Übung in der Materie vermitteln. Unter den Beispielen befanden sich auch der Russisch- und Marxismus-Kurs, aber nicht nur diese.

Für die besser vorbereiteten Studenten war der Marxismus-Kurs keine Belastung. Die Vorträge in dieser Materie waren meist langweilig, aber nicht immer. Es hing vom Vortragenden ab. Wir bekamen, je nach Semester und dem vortragenden Lektor, oft die Gelegenheit hintergründige Informationen zu erfahren, die in Zeitungen und Büchern nicht enthalten waren. Im laufenden Semester lernten wir Politische-Őkonomie (eine Unterteilung des Marxismus, nicht gleich mit dem Begriff der Wirtschaftspolitik). Es wurde uns fast weniger über sozialistischer Wirtschaft vermittelt als über Mechanismen der Marktwirtschaft, was aus den damaligen Büchern nicht zu erfahren war. Es ergab sich demnach keine allgemeine Abneigung gegenüber diesen Vorträgen. Außerdem erbrachten die Prüfungen in diesem Gegenstand Vorteile für Stipendienanwärter. Die Noten, die man bei Marxismus-Prüfungen erhielt, waren normalerweise „gut” und „sehr gut”, was für Notenpunkte zur Erlangen des Stipendiums sehr wichtig war.

Die Russisch-Stunden sollen bis auf ein Viertel gekürzt werden und an ihrer Stelle Englisch-, Französisch- und Deutschstunden, Sprachen weiter Verbreitung, eingeführt werden (3. Punkt).

Die Russisch-Stunden waren für alle Studenten belastend. Die Absolventen von Tagesgymnasien sprachen besser russisch als es die Kurse vermitteln konnten. Russisch war in den Gymnasien mit vielen Stunden bedacht. Im letzten Jahr des Gymnasiums hatten wir sieben Stunden pro Woche Russisch (bei sechs Stunden rumänische Sprache und Literatur). Es wurde in diesen Stunden nicht mehr übersetzt, wir lernten Grammatik und sprachen während der Stunde nur russisch.

Für Absolventen von Abendkursen oder der Arbeiterfakultät war es unmöglich, die notwendigen Sprachkenntnisse nachzuholen. Auch für sie waren vor dem Eintritt in die Hochschule Russisch-Stunden vorgesehen. Aus Zeitmangel wurden ihnen aber kaum Sprachkenntnisse beigebracht. Die Russisch-Stunden in der Hochschule waren bloß auf einer Erleichterung des Zugangs zur technischen Literatur abgestimmt, aber davon konnte kein Student etwas herausholen, weil die Lehrkräfte sich mit den Nichtkennern der Sprache beschäftigen mussten.

Das Essen in den Studentenkantinen soll radikal verbessert werden, und im gesamten Universitätszentrum sollen Diätkantinen für verschiedene Krankheiten der leidenden Studenten gegründet werden (4. Punkt).

Diese Forderung ist die einzige in der Programm-Eingabe, die inhaltlich und in ihrer Formulierung vollständig den Wünschen der Studenten entsprach.

Das Essen in der Kantine der Mechanikfakultät war äußerst einseitig und schwach. Am Morgen gab es Tee aus Essenz und ein Schnitt Brot mit Marmelade. Das Hauptgericht zu Mittag und das Abendessen waren tagelang dasselbe: abwechselnd Linsen und trockene Erbsen. Wenn zu Mittag Linsen gereicht wurden, gab es am Abend trockene Erbsen. Es folgten in ihrer Frequenz das Sauerkraut und gelegentlich (nie mehr als einmal in der Woche) Trockenbohnen. Zuspeise aus Trockenbohnen mit etwas Bratwurst war das einzig schmackhafte, das wir in der Kantine bekamen. Weil die Studenten das Recht hatten Zusatzportionen zu verlangen, musste im Falle der Trockenbohnen das Doppelte einer normalen Portion verteilt werden.

Die armen Studenten, die aus Kinderreichen Familien kommen, Waisen und andere benachteiligte Kategorien sollen materiell und finanziell unterstützt werden (5. Punkt)

Seitdem sich die Bedingungen zur Vergabe von Stipendien geändert hatten (Januar 1954), blieben viele Arbeiter- und Bauernkinder, die man durch Bevorteilung bis dahin in die Hochschule getrieben hatte, ohne Stipendium. Recht auf ein Stipendium hatten Studenten deren Eltern pro Familienmitglied (also auch nach Anzahl der Kinder) ein Einkommen unter dem vorgesehenen Betrag hatten. Die Studenten mussten aber bestimmte Leistungen im Lernen vorweisen können. Das Minimum wurde erreicht, wenn der Student beim ersten Prüfgang eines Semesters alle Prüfungen bestand, mindestens die Hälfte mit „gut” und mindestens eine Prüfung mit „sehr gut”. Diese Bedingung war nicht allzu streng, dennoch gab es viele Studenten, denen diese Hürde zu viel Mühe abverlangte.

            Die Forderung hatte eigentlich keine Berechtigung, denn nicht nur ein armer, auch ein gewissermaßen bemittelter Student konnte sich ein Stipendium erkämpfen, wenn er fleißiger studierte. Ein Stipendium reichte zur Deckung der Heimunterkunft, des Essens in der Kantine und es blieben 50 Lei Taschengeld.

Im ruralen Bereich sollen die Pflichtabgaben (cote obligatorii) abgeschafft werden und der Einkauf von industriellen Produkten und Haushaltsgegenstände auch mit Geld möglich sein (6. Punkt)

Jede Bauernwirtschaft musste Pflichtabgaben ihrer Produkte tilgen, deren Wert staatlicherseits abgeschätzt wurde und der Bauer konnte sich für diesen Wert Produkte aus den Läden der Handelsgenossenschaft beschaffen. Damit die Bauern angeregt werden mehr Produkte abzugeben konnte man in der Handelsgenossenschaft nur im Austausch mit Produkten einkaufen. Diese Lage betraf alle Bauern, auch jene, die in der Landwirtschaftlichen Genossenschaft oder in den so genannten landwirtschaftlichen Vergenossenschaften (întovărăşiri agrare) eingetreten waren, denn vom in Natura zufallenden Ertrag wurde der Abgabenanteil abgezogen und bewertet. Wenn der kollektivierte Bauer einen Garten oder eine Milchkuh besaß galten zusätzliche Abgaben.

Die Arbeits- und Lebensbedingungen der Fabrik- und Werksarbeiter sollen durch Erhöhung der Gehälter und Prämien verbessert werden (7. Punkt).

Diese Forderung war inhaltlich nicht ganz berechtigt. Arbeiter in industriellen Betrieben hatten weit höhere Gehälter als Ärzte, Lehrer, Beamte oder Handelsangestellte. Außerdem erhielten Arbeiter verschiedene Zugaben und Prämien, was andere Angestellten nicht bekamen.

Die Ausfuhr von Uranium aus Rumänien in die Sowjetunion soll gestoppt werden (8. Punkt).

Dieses Problem hatte ein jüngerer Student am Anfang der Versammlung aufgeworfen. Vermutlich kam er aus den Raum Ciudanoviţa, denn seine Schilderung der dortigen Arbeitsbedingungen, die Einzelheiten über den brutalen Abbau der Erze und die Rücksichtslosigkeit der sowjetischen Verwalter in ihrem Bestreben den Abbau auf höchsten Mengen zu treiben bewiesen eine gute Kenntnis der dortigen Verhältnissen.

Die Kultur- und Sporttätigkeit soll durch Einrichtung von Kulturhäusern und Sportklubs der Studenten verbessert werden (9. Punkt).

Die Studenten hatten Ermäßigung für Eintrittskarten der Vorstellungen (Kino, Theater, Oper, Konzerte). Insbesondere bei Opernvorstellungen war die Galerie mit Studenten gefüllt. Die Gesichter waren aber immer dieselben. Zu Konzerten der Philharmonie kamen weniger aber doch viele Studenten, auch hier waren es immer dieselben. Für eigene Darbietungen von Laiengruppen der Studenten gab es unter anderen den Kantinesaal, der mit einer großen Bühne ausgestattet war. Hinter dieser Bühne befand sich ein Flügelklavier.

An dieser Stelle wäre zu erwarten gewesen, den wertlosen und propagandistischen Inhalt mancher kultureller Veranstaltungen anzuprangern.

Das Polytechnikum in Temeswar erfreute sich eines der besten Sportklubs des Landes („Ştiinţa”). Besonders erfolgreich waren dessen Fußballer und Handballspieler. In diesem Klub waren mehrere Landesmeister tätig, insbesondere Athleten mit internationalem Ruf.

In der gegebenen Formulierung war die Forderung nach einem Sportklub gegenstandslos. Es ist aber möglich, dass an dieser Stelle ursprünglich etwas zur Sache der Selbstverwaltung angesprochen werden sollte.

Es soll für Studenten der kostenlose Zugang zu Polykliniken gewährleistet werden, und während der Ferien sollen arme Studenten Karten für ihre Behandlung in Kur- und Badeorte  bekommen (10. Punkt).

Auch diese Forderung war gegenstandslos. Mitten in Temeswar war in einem großen Gebäude  die Studentenklinik untergebracht. Außer regelmäßigen Untersuchungen chronischer Krankheiten, war diese Klinik offen für kostenlose Untersuchungen und Behandlung der erkrankten Studenten. Die Studentenklinik war für damalige Verhältnisse sehr gut ausgestattet und die hier wirkenden Ärzte und Assistenten waren überdurchschnittlich gut. Arzneien erhielten die Studenten auf Grund der ärztlichen Rezepte unentgeltlich in der Klinik.

Für Behandlungen in Badeorten genügte es, sich beim Arzt zu melden und eine solche Behandlung zu beantragen. Es geschah, dass der Arzt von sich aus die Behandlung in einem Badeort empfahl und die Vormerkung tätigte. Während ich im 1. Jahrgang war wurden die Studenten dieses Jahrganges einer Rekruten-Besichtigung unterworfen. Die Militärpflicht wurde innerhalb der Studienjahre, ohne Unterbrechung der Studien getätigt. Angesichts meiner physischen Erbärmlichkeit hatte der Arzt bloß gesagt, „Ich würde Dir einen Aufenthalt am Meer empfehlen”. Ich habe dieser Empfehlung keine Aufmerksamkeit geschenkt. Als die Prüfungen für das 2. Semester abgeschlossen waren, beeilte ich mich nachhause zu fahren und beachtete nicht die im Vorraum der Fakultät vorhandene Aushängevitrine. Als ich im Herbst wieder kam, entdeckte ich, dass ich mich im Sommer in ein Ferienlager am Schwarzen Meer hätte melden können. Später habe ich einen Ferienaufenthalt in den Winterferien beantragt. Die Gesuche für Ferienaufenthalte wurden bei der Führung der Studentengewerkschaft eingereicht. Ohne weiteres erhielt ich die Karten für einen zehntägigen Aufenthalt mit anderen Studenten in Călimăneşti. Mag sein, dass Studenten mit niedriger Prüfungsbewertung schwerer an Ferienkarten herankamen.

Die in der Programm-Eingabe nicht enthaltenen aber öffentlich ausgesprochenen Anliegen der Studenten (in den Vorbefragungen und während der Hauptversammlung) werde ich nach Themen behandeln. Die wie unmittelbare Aussagen klingenden Sätze der folgenden Darstellung dürfen allerdings nicht als Zitate aufgefasst werden. Sie liefern bloß eine Zusammenfassung verschiedener Aussagen in direkter Form.

Pressefreiheit

Zur Pressefreiheit gab es mehrere Äußerungen, das Wort Pressefreiheit wurde allerdings nicht verwendet.

Die Beiträge in den Zeitungen sind eintönig und langweilig. In allen Zeitungen und in allen Artikeln einer Zeitung wird dasselbe geschrieben. Die Vorlesung des Leitartikels aus der „Scânteia Tineretului” ist deshalb ein unnötiger Zeitverlust. Sie enthalten jeden Tag dasselbe. Sie enthalten nichts, was die Studenten interessieren könnte.

Viele wichtige Ereignisse, wie z. B. Die Ereignisse in Ungarn, werden verschwiegen.

Nach gewissen Vorfällen, die eine Anprangerung irgendeines Klassenfeindes oder von Machenschaften imperialistischer Kräfte erfordern, erscheinen Stellungsnahmen der Parteiführung, der Volksmassen oder der Journalisten ohne den Sachverhalt und Vorgang zu wiedergeben. Es entsteht der Eindruck, als ob die Leser schon wissen, was geschehen war. Der derzeitige Inhalt solcher Meldungen setzt geradezu voraus, dass die Leute aus westlichen Radiosendern ihre Informationen beziehen. Eine solche Vorgangsweise der Presse schadet unserer sozialistischen Gesellschaft.

Die Studenten sollen über einer eigenen Wochenzeitung oder einer Zeitschrift verfügen dürfen, die sie selbst leiten und redigieren und in der jeder Student sich frei äußern kann.

Redefreiheit

Wie vorhin, kam das Wort Redefreiheit in den Aussagen nicht vor. Aspekte, die aber eine begrenzte Redefreiheit voraussetzten, wurden direkt oder in anderen Zusammenhang angesprochen.

Immer wieder müssen wir erfahren, dass seitens der Partei oder irgendeines Parteileiters Fehler begangen wurden. Wenn man sich der offenen Kritik normaler Bürger, die schon früher solche Fehler wahrgenommen hatten, bedienen würde, könnten solche Fehler rechtzeitig vermieden werden. Das gilt auch gegenüber von Leitern von Betrieben und Institutionen. Wir erleben, dass oft in Reden der Propagandisten oder Aktivisten ideologische Entgleisungen vorkommen. Wenn man diesen Leuten widerspricht, reagieren sie mit Drohungen und bestehen auf ihrer Autorität. Solche Leute, müsste die Partei in dem Sinne bearbeiten, dass ihre Autorität nicht darin besteht andere Menschen zu bedrohen und an Stelle eines Dialogs Monologe führen.

Unsere Gesellschaft ist im Aufbau des Sozialismus schon derart fortgeschritten, dass feindliche Äußerungen einzelner Personen keine Bedrohung mehr für unsere Gesellschaft darstellen. Solche Leute werden sowieso schon von ihren Mitbürgern zurechtgewiesen. Auch haben wir genug Spürsinn, zwischen Feindseligkeit und Kritik zu unterscheiden.

Selbstbestimmung

In der Wortmeldung eines Studenten des 5. Jahrganges, Paul Marius, wurden die Autonomie der Hochschulen, die Selbstbestimmung und das Mitspracherecht der Studenten in eigener Sache gefordert. Die Frage der Autonomie der Universitäten kam in weiteren Wortmeldungen nicht mehr vor. Die Frage der Selbstbestimmung und des Mitspracherechts innerhalb der Universitäten in Sachen, die sie betreffen, wurde auch von anderen Rednern in verschiedenen Varianten behandelt.

Das Recht auf Vereinsgründung

Die Forderung, den Studenten soll erlaubt werden, einen eigenen Verband zu gründen, ergab sich ebenfalls aus der Rede von Paul Marius. Es muss ein Verband sein, dessen Satzungen von den Studenten selbst ausgearbeitet werden und dessen Tätigkeit ausschließlich von ihnen bestimmt wird im Gegensatz zur derzeitigen Studentengewerkschaft, die unter den Zwängen der Partei steht.

Umgestaltung der Lehrpläne

Zur zeitlichen Entlastung der Studenten sollen die Lehrpläne verschiedener Disziplinen überprüft und angeglichen werden. Es werden dieselben Kapiteln der Mathematik und Physik, hauptsächlich der Mechanik, in verschiedenen Kursen einbezogen und in unterschiedlicher Form behandelt. Während der Prüfungen müssen diese Abschnitte in unterschiedlichen Formen nachgelernt werden, weil einige Professoren auf ihren eigenen Stil Antworten anfordern. Manche Professoren sind so eitel, dass sie bösartig auf Antworten reagieren, die nicht mit der von ihnen geprägten Bezeichnungen (Gebrauch von Buchstaben) vorgetragen werden, aber insbesondere wenn sie erkennen, dass Kenntnisse in der Form ihrer Wiedergabe dem Kurs eines anderen Professors entnommen waren.

Disziplinen, die keine Bindung zum Ingenieurwesen haben, sollen aus dem Lehrplan gestrichen, fallweise fakultativ angeboten werden.

Echte Freiwilligkeit

Patriotische Arbeit (muncă patriotică, auch freiwilliger Arbeitseinsatz – muncă voluntară) soll außerhalb des Lehrprogramms erfolgen. Es dürfen keine Lehrstunden zugunsten der patriotischen Einsätze gestrichen werden.

Der freiwillige Arbeitseinsatz soll wirklich freiwillig sein. Er soll in der Freizeit erfolgen mit Studenten, die sich dafür melden.

Disziplinierung der Miliz

Wenn ein Fußballspiel zwischen „Ştiinţa” (Sportklub des Polytechnikums) und „Dinamo” (Sportklub des Innenministeriums) bevorsteht oder ausgetragen ist, werden Studenten, nicht immer nur Fußballfans, von Milizleuten aufgehalten und verprügelt. Es muss die Möglichkeit gewöhnlichen Bürgern eingeräumt werden, Milizangehörige für Übergriffe einzuklagen und die Täter sollen bestraft werden.

Freier Verkauf von Hauptnahrungsmitteln

Die Lebensmittelkarten sollten abgeschafft werden. Zwölf Jahre nach dem Krieg und acht Jahre nach der Nationalisierung der Industriebetriebe ergibt sich keine Erklärung zur weiteren Rationalisierung des Lebensmittelverbrauchs. Es wird dadurch auch viel verschwändet. Bei Zucker zum Beispiel. Manche Familien haben Obstbäume im Hof oder Garten, aber nicht in den Mengen, die von Genossenschaften oder Lebensmittebetrieben übernommen werden. Einlegen können die Leute das Obst nicht, weil sie kein Zucker kaufen können. Das Obst verrottet und geht zugrunde, ein Umstand, der auf Landesebene einen sehr großen Verlust bedeutet. Nahrungsmitteln müssten deshalb im freien Verkauf zur Verfügung stehen.

Reisefreiheit

            Reisen auf eigene Kosten in sozialistischen Ländern sollen gestattet und dafür auch die Umtauschmöglichkeit östlicher Währung eingeführt werden. Es gibt keine Begründung, das Reisen innerhalb des sozialistischen Lagers einzuschränken.

Das Recht sich zu dokumentieren

Der Zugang zu technischen Mitteilungen, technischen Zeitschriften und Fachbüchern aus dem Westen, die übrigens in manchen Universitätsbibliotheken vorliegen, soll nicht nur Forschern und Akademikern gestattet sein. Auch den Studenten soll dieser Zugang ohne Sondergenehmigungen ermöglicht werden

 

 

Die Hauptversammlung

 

            Einen Tag vor der Hauptversammlung nahm mich Drobny beiseite und sagte, man werde einen Schweigemarsch der Studenten durch das Temeswarer Zentrum veranstalten als Zeichen der Solidarität mit den ungarischen Studenten. Er bat mich, am nächsten Vormittag vor der Mittagspause den Studenten aus der Gruppe kund zu tun, sich um 3 Uhr nachmittags im Hof der Mechanik-Fakultät einzufinden. Dort würden auch die Studenten anderer Fakultäten antreffen, vielleicht auch jene des Mathematik-Physik-Instituts.

            Am nächsten Tag, zum gegebenen Zeitpunkt, ich war schon aufgestanden um die Meldung durchzugeben, kam mir ein Gruppenkollege, Mathias Cristian, voraus und machte die besagte Meldung. Später sollte ich froh sein, dass ich von diesem Auftrag erlöst worden war, obwohl es mir um Cristian furchtbar leid tat. Er wurde auf ein Jahr Zuchthaus verurteilt.

            Als wir am Nachmittag im Hof der Fakultät ankamen wurden wir verwiesen, in die Aula zu gehen. Als ich eintrat waren noch viele Plätze frei, aber am Katheder saßen schon einige lokale Parteiführer, der derzeitige Rektor und der vorherige, mittlerweile stellvertretender Minister im Unterrichtsministerium. Es war einleuchtend, dass die Partei den Organisatoren zuvorgekommen war um den weiteren Verlauf der Studentenansammlung steuern zu können. Nachdem sich der Saal in kurzer Zeit gefüllt hatte und einige Studenten vor der Tür stehen bleiben mussten erklärte uns eine der Persönlichkeiten aus dem „Präsidium” der Versammlung, dass man uns einberufen habe, um uns die Gelegenheit zu bieten, unsere Probleme vor Vertretern der Partei und des Unterrichtsministeriums darzulegen.

Mir war die Situation nicht ganz geheuer und habe während dieser Versammlung nicht das Wort ergriffen, obwohl ich bei den vorherigen Befragungen es getan hatte. Ohne einen bestimmten Verdacht nennen zu können, packte mich ein Verdachtsgefühl. Die anfangs verstummten Studenten, die lockere, unbeteiligte und gleichgültige Haltung der vorne Sitzenden Persönlichkeiten. Es war ungewöhnlich, dass Parteibonzen ohne Widerspruch kritische Aussagen mit so viel Geduld anhörten. Viel später fand ich die Erklärung meiner damaligen Verdachtsgefühle. Wir waren in einer Falle der Partei geraten. Das Ganze war ein Manöver, um so genannte Unruhestifter auszusondern. Vermutlich war in jenem Augenblick die Bestrafung dieser Studenten schon beschlossen.

            Während sich Studenten zu Wort meldeten, füllten sich die Korridore mit Studenten und es wurde beschlossen, die Versammlung im Kantinensaal fortzusetzen. Im vollen Kantinensaal ging der Vorgang weiter. Die Studenten waren diszipliniert und ruhig bis auf Applause, mit denen Aussagen der Redner von der Masse der Studenten bestätigt wurden.

            Plötzlich ereignete sich ein Zwischenfall. Während Teodor Stanca sprach, unterbrach ihn ein Kollege aus dem 5. Jahrgang, der sich auf dem rechten Balkon des Saales befand. Nachträglich erfuhr ich, dass er Stanciu hieß und die Chemie-Fakultät besuchte. Er war physisch behindert und ging auf Krücken. Ich kann kein Zitat wiedergeben, aber der Inhalt seines Einspruchs blieb mir klar in Erinnerung: Hört nicht auf diesen Verräter; er steckt mit den Kommunisten unter einer Decke; wir wollen keine belanglose Forderungen stellen, was wir wollen ist Freiheit, völlige Freiheit vom Kommunismus. Es war die einzige eindeutig antikommunistische Haltung eines Studenten innerhalb jener Versammlung.

            Freiheitsrufe erklangen auch später aus dem Saal, doch der neue Rufer schien den nahe stehenden Studenten verdächtig. Studenten umzingelten ihn, hielten ihn fest, durchsuchten ihn und zeigten anschließend seinen Securitate-Ausweis. Der Rufer musste den Saal verlassen.

            Die Parteibonzen aus dem Präsidium begannen einige Aussagen der Studenten zu erwidern. Seitdem erklangen Pfiffe, immer lauter und genau wenn jemand aus dem Präsidium sprach. Die Pfiffe erfolgten chaotisch und ohne einen unmittelbaren Zusammenhang mit dem, was der Präsidiumsmann sagte. Offensichtlich kamen sie von gestellten Provokateuren. Das Präsidium erhob sich, und verließ den Saal mit einer lauten Bemerkung eines ihrer Mitglieder: mit euch kann man nicht reden!

            Die Sitze auf der Bühne wurden von einigen Organisatoren besetzt und drei oder vier begannen die Programm-Eingabe zu redigieren.

            Es ereignete sich ein neuer Zwischenfall. Auf der Bühne erschien ein Mann in Arbeiterkluft mit beschmierten Händen und beschmiertem Gesicht. Er gab sich als Arbeiter, der gerade von der Arbeit komme, aus. Er beteuerte ein Freund der Studenten zu sein und forderte uns auf, den Saal zu verlassen.

Schon vor diesem Zwischenfall begannen Studenten den Saal zu verlassen. Dass Informationen zu den bevorstehenden Maßnahmen der Behörden im Saal eingedrungen waren, ergab sich daraus, dass auch Studenten, die das Abendessen einnehmen sollten, den Saal verließen. Diese Informationen kamen nicht nur von Leuten, die verdächtige Bewegungen von Soldaten auf den Straßen Temeswars bemerkt hatten. Es ist zu vermuten, dass Eltern, die selbst im Apparat mit den Vorkehrungen betraut wurden, oder Beziehungen zum Apparat hatten, die Aufforderung, den Saal zu verlassen, ihren Kindern, Nichten und Neffen überbringen ließen. In jenen Momenten, hatte ich und viele meiner Kollegen keine Ahnung davon und blieben deshalb im Saal.

            Nachdem alle Punkte der Programm-Eingabe vorgelesen waren wurde beschlossen auf der Strasse zu gehen, falls wir keine Antwort auf unsere Forderungen erhalten, und das wir geeint bleiben.

 

Die Programm-Eingabe

 

Die Ausarbeitung der Programm-Eingabe erfolgte seitens drei oder vier Studenten, die auf der Bühne an einem Tisch saßen. Später fiel mir auf, dass ihre Themen gewissermaßen jenen entsprachen, die Teodor Stanca in seiner Wortmeldung aufgegriffen hatte. Es hatte also einen Entwurf der Eingabe gegeben. Wenn ein Punkt formuliert war, wurde der Text vorgelesen und der Applaus der Menge galt als Abstimmung, Auf der Bühne wimmelte es von Studenten, die irgendetwas den Verfassern zuflüsterten oder mit ihnen etwas debattierten um dann wieder in den Saal abzusteigen, weswegen der Übergang von einem Punkt zum anderen etwas Zeit in Anspruch nahm. Es schien als ob die Autoren unter dem Einfluss der sie bestürmenden Studenten erst jetzt die Punkte zusammenstellten, dabei handelte es sich aber wahrscheinlich um Umschreibungen und Umformulierungen des vorhandenen Entwurfs.

Beim Durchlesen der Programm-Eingabe fällt auf, dass die drei ersten Punkte radikal ausfallen, danach, mit Ausnahme des 8. Punktes, sanfter werden, um am Ende bedeutungs- und gar gegenstandslos zu wirken. Möglicherweise hatten die Verfasser mittlerweile etwas über Vorkehrungen der Behörden erfahren.

Es ist zu bemerken, dass die Anliegen der Studenten in den Wortmeldungen vorsichtiger vorgetragen wurden aber tiefer zielten, als in der Programm-Eingabe. Die Wortmeldungen enthielten, mit Ausnahme des Uranium-Problems, keine direkte antisowjetische oder gegen das System gerichtete Aussagen. Das in der Programm-Eingabe der Akzent dreier Punkte in Richtung  antisowjetischer Aussagen verschoben wurde, ist auf einer nationalistischen Gesinnung der Autoren der Vorlage zurückzuführen. Unter den Organisatoren befanden sich auch Deutsche und Ungarn, denen dieser Aspekt, weil es um die Sowjetunion ging, vermutlich entgangen ist.

 Die Reife der Studenten, die das Wort ergriffen hatten, ist bemerkenswert. Sie ist erklärlich. Es handelte sich fast ausschließlich um Studenten, die ich schon als politisch interessiert bezeichnet habe, jene, die sich um der Zukunft des Landes und der Gesellschaft Gedanken machten. Sie gehörten zur Schicht der am besten vorbereiteten Studenten, der vernünftigsten, die auch begabt waren ein Thema in einer sachlichen und aussprechbaren Form zu behandeln.

Auch die Schwäche der Programm-Eingabe ist erklärlich. Die Verfasser waren dem Stress und dem Druck aus zwei Seiten ausgesetzt. An einer Seite befand sich die staatliche Autorität, die nicht allzu übertrieben gereizt werden sollte. Auf der anderen, die schwach vorbereiteten und politisch gleichgültigen Studenten, einschließlich die Arbeiterstudenten, deren spezifischen Eigeninteressen ebenfalls befriedigt werden mussten, um sich der Bewegung anzuschließen. Der 6. und der 7. Punkt der Eingabe sollte eine Solidarisierung der Arbeiter und Bauern mit der Studentenbewegung verursachen. Der Rückzug der noch im zweiten Teil der Versammlung anwesenden Parteibonzen und Institutsleiter verunsicherte die Verfasser und am Ende mussten sie unter der Bedrohung de Behörden das ganze doch zum Ende führen.

 

 

Die Haft in Kleinbetschkerek

 

Nachdem die Versammlung vom 30. Oktober abgeschlossen war, blieben im Saal viel weniger Studenten als die Zahl jener, die ihre Mahlzeit in der Kantine zu sich nahmen. Während wir, die Verbliebenen, die Tische auf ihren Stellen brachten bemerkten wir, dass Soldaten das Gebäude der Kantine in Abständen von etwa 2 m eng umzingelt hatten. Es kamen gleich danach Studenten zurück in den Saal. Sie wurden im Fakultätsgelände, von den Straßen und im Studentenheim eingefangen, bis zum Eingang der Kantine gebracht. In ungefähr einer halben Stunde war der Kantinensaal gefüllt.

Ein höherer Offizier, begleitet von anderen Gradierten und mehreren Soldaten trat ein und bahnte sich den Weg mit einen Teil der Soldaten zur Bühne an. Das Durchqueren des Raumes erfolgte auffallend vorsichtig. Der Blick der Angekommenen verriet Misstrauen, wenn nicht eine gewisse Befürchtung, wir könnten sie angreifen. Übrigens hatte der Offizier „stillhalten” beim Eintritt befohlen.

Nachdem der höhere Offizier vor der Bühne angekommen war und die Menge mit seinem Blick durchstreift hatte, las er nach einer Liste Namen vor und gebot den betreffenden Studenten sich auf der Bühne, in der Nähe der Soldaten zu stellen. Die Liste enthielt alle Studenten, die das Wort ergriffen hatten, einige waren im Saal nicht anwesend. Die Anwesenden wurden sofort abgeführt.

Danach sprach der Offizier uns an. Wir werden aus Sicherheitsgründen abtransportiert, sollen vollkommene Ruhe behalten, nicht miteinander reden und keine hastigen Bewegungen machen, denn die Soldaten haben den Befehl erhalten, bei geringster Verdachtslage zu schießen. Anschließend wurden wir auf mit Bänken ausgestatteten offenen Lastkraftwägen der sowjetischen Armee aufgeladen. Vorne auf der Plattform saßen vier oder fünf rumänische Soldaten mit aufgepflanzten Gewehren, in der Kabine sowjetische Soldaten, einschließlich der Fahrer. Der Transport erfolgte in einer Kolonne.

Während wir durch Temeswar fuhren, winkten uns Menschen vom Gehsteig entgegen, wir hüteten uns aus Angst (mit dem Begriff „hastige Bewegung” im Kopf) zurückzuwinken.

Nach der Einfahrt in Kleinbetschkerek fuhren die Lastkraftwägen in einem Kasernengelände ein, blieben stehen und fuhren uns reihenweise zum Eingang eines der lang gestreckten ebenerdigen Bauten. Wir wurden einzeln abgeladen und mussten sofort eintreten. In Richtung des Eingangs und der Fenster waren Maschinengewehre aufgestellt und eine Menge bewaffneter Soldaten standen in der Nähe des Eingangs und der abwartenden Lastkraftwägen.

Im Saal, der die gesamte innere Breite und fast die ganze Länge des Gebäudes einnahm, wurde uns gezeigt, welche Flächen - in der Nähe des Eingangs und ein Zugang zum Waschraum und zu den türkischen Klos - frei bleiben müssen. Danach konnte sich jeder eine Matratze und eine Decke von einem Haufen nehmen und sich seinen Platz einrichten. Die Matratzen mussten auf den Saalboden ohne Spalt dazwischen aufgelegt werden. Wenn einer im inneren der mit Matratzen belegten Fläche seinen Platz hatte, musste er, um an einer anderen Stelle des Saales zu gelangen, auf Matratzen der Kollegen treten.

Wir waren zu jenem Zeitpunkt eher belustigt als erschrocken. Was uns amüsierte, war die Panik unserer Wächter und der übertriebene Aufwand an schussbereiten Waffen. Von der Wachmannschaft kam nur selten einer in unserem Aufenthaltsraum und dann sehr umsichtig. Wir hatten noch die Überzeugung, das Missverständnis werde sich rasch auflösen.  Wir hatten nicht gegen das Regime rebelliert und das weitere Bestehen der sozialistischen Gesellschaftsordnung nicht in Frage gestellt. Wir hatten uns folgsam dem Abtransport gefügt und unsere Aufenthaltsbedingungen ohne murren akzeptiert.

Wie viele der Bauten noch am Abend mit Studenten belegt wurden, konnten wir nicht wissen. Noch mindestens ein Gebäude der Kaserne musste noch belegt worden sein, denn die mit uns hergebrachten Studentinnen wurden anderswo untergebracht. Das nächste gleich wie unseres aussehende Gebäude war noch leer. Es wurde am Vormittag des nächsten Tages mit Studenten gefüllt.

Von den Fenstern aus (wir durften sie nicht öffnen) bemerkten wir, dass die Neuankömmlinge uns eine Zeichensprache beibringen wollten. Studenten, die ihren Platz an den Fenstern hatten, darunter auch ich, begannen diese Sprache zu lernen. Sie wurde uns in der A-B-C-Folge vermittelt, aber nach wenigen Minuten hatten wir den Schlüssel begriffen. Es handelte sich um die Wiedergabe mit einer oder zwei Händen der Grundform großer Buchstaben in einer Weise, dass sich die richtige Form vom Partner aus gesehen ergibt. Besonderheiten ergaben sich für E (drei waagrecht gestreckte Finger), F (zwei waagrecht gestreckte Finger) und R (Finger kreisend um den Ohrlappen). Jeder von drüben hatte etwas Zusätzliches zu berichten. Von meinem Freund, Arpad Kuzmann, erfuhr ich, dass er am Vorabend zu Hause, im Temeswarer Weingartenviertel, angekommen war, heute morgens aber in die Stadt kam um mit anderen Studenten gegen unserer Festnahme zu protestieren. In der Stadt waren Panzerwägen und Tanks aufgestellt und unter einem mächtigen Aufgebot von Soldaten und Milizmänner wurden die Studenten eingefangen und auf Lastkraftwägen aufgeladen. Sonst erfuhren wir noch dass das in der Nähe der orthodoxen Kathedrale befindliche Heim für Studentinnen belagert war, die Mädchen von den Fenstern um die Befreiung ihrer Kollegen skandierten. Auch das Studentenheim des Medizininstitus sei belagert, die Studenten wehren aber die Annäherung der Soldaten mit Steinen ab. Auch ein Unfall sei dort geschehen. Ein Soldat, der eine Handgranate an der Wand des Heimes werfen sollte, wurde verletzt, da er die Granate zu lange vor dem Abwurf in die Hand hielt. Später ergab sich, dass auch die Mediziner und Mädchen in Kleinbetschkerek angekommen waren. Wir kommunizierten weiter, aber Neues konnte niemand mehr vermitteln.

Gleich am ersten Tag hatte man uns je einen Löffel, eine Gabel und eine Schale aus Aluminium ausgeteilt. Tee und ein Stück Brot bekamen wir am Morgen jeden Tages. Während der fast  6 Tage in Kleinbetschkerek habe ich außer Tee, Brot und Wasser nichts zu mir genommen. Aus zwei Ursachen.

Obwohl ich überhaupt nicht wählerisch beim Essen war, schienen mir das Mittags- und Abendessen furchtbar unappetitlich. Es war jedes Mal die gleich aussehende Grütze in irgendeinem dunkelbraunen Saft. Mag sein, dass der Geschmack nicht schlecht war.

Man konnte die Grütze nur im Kampf beschaffen. Wenn die Küchenfrauen mit den Töpfen kamen und sie auf den Tisch stellten, erstürmte ein Haufen Studenten die eine Seite des Tisches. Um zur Austeilung zu gelangen, musste man sich mit Fäusten und Ellenbögen in diesem Haufen hinein- und vordrängen. Die Studenten des „Stammhaufens” löffelten die ergatterten Portionen an der Stelle rasch aus und preschten für weitere Portionen vor. Niemand hatte die Autorität sie aus dem Haufen zu jagen. Zum größten Teil waren es Arbeiterstudenten. Außer mir gab es viele Studenten die nur Brot gegessen haben.

Diese Sachlage ekelte mich an und vom gierigen Haufen von Studenten war ich enttäuscht. Hatte auch den Verdacht, die Verabreichung des Essens auf dieser Weise geschieht absichtlich um die Kollegialität der Studenten zu zerstören.

Unsere anfangs gehegte Hoffnung, die Sache der Studentenbewegung werde sich rasch klären, schwenkte eines Tages in Angst um. Von unseren Fenstern aus, konnten wir bemerken, dass die äußere Umzäunung der Kaserne um anderthalb Meter erhöht wurde. Das Gelände sollte also in ein Haftlager umgewandelt werden. Sollte fast die gesamte Studentenschaft Temeswars und die Hochschulen der Stadt aufgelöst werden?

Zwei Tage darauf kam ein Securitate-Angehöriger, stieg auf den Tisch und hielt uns eine Ansprache mit Anweisungen, wie wir uns weiter verhalten sollten. Es sei unterdessen klar geworden, dass einige unserer Kollegen eine Rebellion gegen den sozialistischen Staat vorbereiteten und durchführen wollten. Wenn die Staatsorgane nicht rechtzeitig eingegriffen hätten wären wir (die Studenten) in eine Katastrophe geraten. In unserem Interesse müssen wir uns von diesen Kollegen distanzieren und in Zukunft wachsamer sein. Die strafbaren Kollegen werden für ihre Taten verurteilt werden, wir aber werden nach Temeswar geführt und können die Hochschule weiter besuchen, wenn wir das Geschehene und die Schuldigen verdammen.

Am Morgen des 6. Novembers wurden wir reihenweise zu je 6 Studenten (zur Zahl  bin ich mir nicht sicher) aus dem Saal gerufen und zu einem anderen Gebäude geführt. Hier saßen in einem Büro drei Securitate-Angehörige Es waren wilde, hässliche Gestalten mit noch hässlicheren und entstellten Gesichter, wie aus der Unterwelt. Ein erschreckendes Bild. Vermutlich hatte man es uns serviert, damit wir uns Gedanken über einer eventuell unerwünschten Zukunft machen. Dabei wurden wir gar nicht schlecht behandelt.

Einer der drei fragte uns trocken, ob wir mit den Aussagen in der Versammlung einverstanden sind, nachher ob wir mit der Verurteilung der Schuldigen einverstanden sind. Jeder Student antwortete ungefähr dasselbe. Zur ersten Frage sagten wir, es gab Aussagen mit denen wir einverstanden, andere mit denen wir nicht einverstanden sind. Mit welchen wir einverstanden waren, wurden wir nicht gefragt. Zur zweiten Frage hieß es, wir seien Einverstanden, wenn es Schuldige gibt.

Am Ende sagte uns der Befrager, wir seien frei, aber bei der kleinsten weiteren Abweichung (abatere) werden wir hart bestraft.

 

 

Furcht, Schande und Schuld

 

In den nächsten drei Tagen nach unserer Rückkehr aus Kleinbetschkerek gab es keinen Unterricht.  Für den 7. November war der übliche Aufmarsch entfallen und die Wiederaufnahme des Unterrichts auf einen der folgenden Tage verlegt. Es hieß später, in der Mechanikfakultät sei  der Unterricht am 3. November wieder aufgenommen worden. Zumindest der 4. Jahrgang hatte bis nach dem 7. November keine Vorträge und auch keine Seminare.

In diesen und nächsten Tagen, verschwand jede Nacht mindestens ein Kollege. Viele Ausgehobene kamen zurück und schwiegen, einige blieben verhaftet. In uns wuchs die bereits eingepflanzte Furcht.

Schon in der ersten Woche wurden eines Tages die Seminare und Kurse nach Gruppen unterbrochen und wir (der 4. Jahrgang) mussten in die Aula gehen. Eigentlich gab es zwei große Hörsäle in der Mechanik-Fakultät, den Lalescu-Saal und den Alaci-Saal, aber in welchem wir uns versammelten weiß ich nicht mehr. Anwesend waren Professoren der besseren Gattung. Einige waren bestimmt keine Parteimitglieder, möglicherweise die anderen auch nicht.

Das Wort ergriff ein Professor der Hydraulik, Victor Gheorghiu. Er deutete die Ursachen der Studentenunruhen aus seiner Sicht ohne nach politischen Floskeln zu greifen. Im Polytechnikum seien Studenten eingetreten, die keine Neigung für technische Berufe hatten, deshalb schwach im Studium waren und andere Sachen im Kopf hatten. Sie verkehrten mit gescheiterten Intellektuellen und bewegten sich in dubiöse Kreise. in denen oberflächlich politisiert und philosophiert wurde. Sie waren bestrebt durch etwas hervorzutreten, aber im Studienbereich waren sie es nicht im Stande. Wir seien diesen Studenten auf den Leim gegangen, ohne zu bemerken, dass es Wichtigtuer waren.

Nichts stimmte in der Deutung von Gheorghiu.

Diejenige der verhafteten Studenten, die ich kannte, gehörten zu den bestvorbereiteten, waren ernst und fleißig. Außerhalb der Seminare und Vorträge verbrachten sie die meiste Zeit in den Studiensälen oder in der Bibliothek. Einige schienen mir sogar allzu einseitig konzentriert auf ihr zukünftiges Fach. Paul Marius war Erfinder eines Drehmotors, hatte das Modell des Motors gebaut und ausgeprobt. Das Gericht sollte ihn freisprechen. Den Gerüchten zufolge, damit er an seiner Erfindung weiter arbeiten könne. Einige waren zurückgezogene Menschen, ohne Lust an weitschweifenden Diskussionen, schon gar nicht mit verkappten Intellektuellen oder in dubiösen Kreisen.

Nach dem Diskurs wurden wir  aufgefordert eine Erklärung zu unterschreiben aus der hervorging, dass wir uns von den Ereignissen distanzieren und mit einer Verurteilung der Schuldigen einverstanden sind. Wir wurden namentlich gerufen und unterschrieben in einem Register der unsere Namen schon enthielt. Alle anwesenden Studenten haben ohne eine Geste des Widerspruchs im Register unterschrieben. Auch ich habe ohne Widerspruch unterschrieben. Es überkam mich eine Selbstverachtung als Verräter, und ich schämte mich. Den Selbstvorwurf zur begangenen schändlichen Tat habe ich seitdem niemals mehr von mir abstreifen können.

Die Partei sah unsere Schuld in der Beteiligung an der Studentenbewegung, wir im begangenen Verrat an unseren Kollegen. Die wahre Schuld war, dass wir uns unter den damaligen Umständen zur Teilnahme an einer Versammlung mit den Parteibonzen eingelassen hatten. Wären wir beim Schweigemarsch geblieben, hätte die Ausfindung der Organisatoren schwer oder gar nicht erfolgen können. Der mildernde Umstand unserer Schuld bestand in unserer Naivität.

 

 

Das Scheitern des Ausschlusses von UTM-Mitgliedern

 

Eines Tages wurde ich verständigt, mich zu einer bestimmten Uhrzeit vor einem angegebenen Studienraum einzufinden. Ich weiß nicht, ob nur Mitglieder des Arbeiterjugendverbandes einberufen worden waren. Wir wurden einzeln gerufen und von einem Vertreter des Zentralkomitees (der Partei vermutlich, denn er war weit über 30 Jahre alt) verhört. Mir stellte er unter anderen die Frage, was ich am Vortag der Studentenversammlung gemacht habe. In der Aufzählung meines damaligen Tagesprogramms habe ich angegeben an einem Konzert der Temeswarer Philharmonie teilgenommen zu haben. Zur Frage, ob ich alleine oder mit anderen Studenten im Konzert war, musste ich zugeben, dass ich mit anderen Studenten dabei gewesen war. Er forderte mich auf, die Liste der betreffenden Studenten aufzuschreiben und abzugeben.

Weil ich für regelmäßige Konzerte der Philharmonie abonniert war, hatte ich Vorrecht beim Einkauf von Karten für Sonderkonzerte. Drobny hatte mich gebeten, 12 Karten für Organisatoren des angestrebten Schweigemarsches zu verschaffen, damit diese sich ein wenig entspannen können. So war ich in einer Reihe mit den nun verhafteten Kollegen gesessen. Ich habe die Liste angefertigt, weil ich nicht wusste, ob diese belanglose Sache nicht auch während eines Verhörs der Verhafteten auftaucht. So konnte ich in Zukunft mich auf Zufälligkeit berufen. Von Drobny konnte ich sicher sein, dass er den mir anvertrauten Auftrag in Bezug auf den Schweigemarsch nicht erwähnen wird.

Einige Tage später kamen am Ende der Pausen einige Freunde mir zuzuflüstern, ich solle ihnen Verzeihen, aber am Nachmittag müssen sie in der UTM-Sitzung unseres Jahrganges meinen Ausschluss aus der Organisation beantragen und gegen mich Stellung nehmen.

Schon die Verteilung der Sitze im Sitzungssaal ließ einen gefährlichen Verlauf erahnen. In der ersten Reihe saßen Lehrkräfte, die vier letzten Reihen waren von Angehörigen der Securitate und von Parteiaktivisten besetzt. Wir saßen dazwischen.

Geleitet wurde die Sitzung von jenem ZK-Vertreter, der uns verhört hatte, neben ihm saß Micu, Mitglied des Leitungskommitees der Organisation (der Sekretär war verhaftet). Der Leiter der Sitzung erläuterte ihren Zweck: Den Ausschluss gefährlicher Elemente aus der Organisation mit anschließendem Vorschlag an das Dekanat, sie von der Hochschule auszuweisen. Man habe eine Liste und die entsprechen Referate vorbereitet, weitere Fälle dürften sich aber während der Sitzung ergeben. Zunächst wurden die Verhafteten in einem gemeinsamen Referat behandelt und ohne Wortmeldungen, ihr Ausschluss abgestimmt. Alle Anwesenden Studenten, wenn auch mit Widerwillen, stimmten für Ja.

Danach kam meine Reihe. Das Referat bezeichnete mich als Exponent oder Werkzeug reaktionärer Kräfte, Feind der Arbeiterklasse oder des Volkes, dekadentes Element, Befürworter des Kapitalismus, alles Bezeichnungen, die schon an sich als Beschuldigungen galten. Die konkreten Beschuldigungen fielen spärlich aus: Ich habe von der Einberufung zur Versammlung schon am Vortag gewusst (das Konzert wurde nicht erwähnt), hätte Studenten zugunsten der Unruhen aufgehetzt, habe mich undiszipliniert und unruhestiftend (ich hätte gepfiffen und geschriehen) während der Versammlung benommen.

Den Ausschluss aus dem Jugendverband hätte ich in Kauf genommen, gegen meine Ausweisung aus der Hochschule war ich aber bereit mit all meinen Kräften zu kämpfen. Ein Risiko spielte keine Rolle mehr.

Als der Sitzungsleiter mir das Wort nicht erteilen wollte, sprang ich auf und wies alle Anschuldigungen kurz aber mit Nachdruck zurück und beteuerte, dass man mich Reden lassen muss, um eine Ungerechtigkeit zu vermeiden. Der Sitzungsleiter ließ mich, meine Behauptung zu begründen und es entstand ein Dialog zwischen mir und ihm. Er versuchte mich kleinzukriegen, ich beharrte darauf, ihn aufzuklären.

Dass ich schon am Vortag von der Versammlung gewusst habe, gab ich zu, verwies aber auf der Eröffnungsansprache, die ihre Legitimität bestätigt hatte, mehr noch, dass sie als eine von der Partei angebotene Gelegenheit dargestellt wurde. Ich könne mich nicht auf der Quelle der Information erinnern, aber diese konnte ihren Ursprung doch nur in ihrer Verbindung mit der Parteiführung gehabt haben. Der Sitzungsleiter bestand eigentlich nicht zu Unrecht darauf, ich möge diese Quelle nennen, ich bestand darauf mich nicht zu erinnern. Unter anderen behauptete ich, die Einberufung zur Versammlung sei unter den Studenten schon bekannt gewesen, fasst alle hätten davon gewusst, wonach aus dem Abschnitt der Studenten ein empörtes Raunen der Abwehr den Raum durchflog. Die anderen konkreten Anschuldigungen konnte ich leicht demontieren, die unkonkreten bezeichnete ich als erfunden und ergründete dies soweit ich konnte.

Mit meinem Einwurf hatte ich aber bei meinen Freunden keinen Mut erweckt. Alle sprachen gegen mich, ohne ein genaues Vergehen anzugeben und endeten ihre Wortmeldung mit dem gleichen Satz: „Wenn Genosse Lupşiasca schuldig befunden wird, bin ich mit seinem Ausschluss aus der Organisation einverstanden”.

Während der Arbeiterstudent Mühlroth sprach, sprang ich das zweite Mal auf: „Wie kann Genosse Mühlroth behaupten, er wisse nicht was ich in dieser Zeit getan hatte. Bei der Versammlung stand er neben mir und tat dasselbe wie ich”. Mit Mühlroth war ich letzter Zeit oft auch in unserer Freizeit zusammen, weil wir an ein Forschungsthema arbeiteten, dafür gemeinsam im Laboratorium Messungen vornahmen, die Ergebnisse bearbeiteten und das Referat schrieben. Mühlroth bestätigte meine Aussage, schloss aber seine Wortmeldung mit dem stereotyp gewordenen Schlusssatz ab.

Der nächste Redner war einer meiner besten Freunde, Victor Gheorghiţă. Er war der einzige, der mich verteidigte obwohl er zu meinem Verhalten während der Unruhen nichts aussagen konnte. Er war Bessaraber und gleich nach Beginn des Aufstandes in Ungarn zu seinem Bruder nach Reschitza gefahren. Flüchtlinge aus Bessarabien waren besonders gefährdet, denn ihnen drohte die Überführung in die Sowjetunion wenn sie nicht vorsichtig waren.

Gheorghiţă sprach jene Punkte der Beschimpfungen an, die an meinem allgemeinen Verhalten und meinen Charakter rütteln sollten. Es gelang ihm systematisch alle diese beleidigenden Einschätzungen meiner Person zu entkräften. Auch fand er den richtigen Weg, den formalen Ausgang meines Falles zu lösen. Er schlug vor, anstatt des Ausschlusses, mir die nächste Strafe zu verhängen. Nur mit dem Vorschlag zum Ausschluss, hätte kein Student es gewagt mit Nein zu stimmen. So kam ich mit Tadelsvotum mit Verwarnung (vot de blam cu avertisment) davon.

Das Eis war gebrochen.

Der zweite Fall betraf eine Studentin, der fast gar kein konkretes Vergehen vorgeworfen werden konnte, sie war aber Freundin von Drobny. Die Kollegen nahmen sie gleich anfangs an in Schutz und sie erhielt ebenfalls Tadelsvotum mit Verwarnung.

Zum dritten Fall kam es nicht mehr. Der Leiter kündigte die Vertagung des weiteren Verlaufs der Sitzung an.

Meine Freude über den Ausgang war nicht besonders groß. Ich konnte auch als UTM-Mitglied aus der Hochschule ausgewiesen werden. Zuversicht erreichte mich nach zwei Wochen als ich bei meinen Eltern in Lugosch war. Sie erzählten, dass mein Musiklehrer aus dem Gymnasium, Octavian Bacău, bei mehreren Nachbarn gewesen war, um sich über mein Verhalten in letzter Zeit zu erkunden. Bacău war Parteisekretär im Gymnasium. Es konnte sich nur um einer Untersuchung der Partei handeln. Der Lehrer war mir gutgesinnt und ich war sicher er werde ein für mich günstiges Gutachten liefern.

Fiel mein Fall günstig aus, waren auch die anderen Studenten aus der Liste gerettet, denn sie schien in abfallender Reihenfolge der Bedeutung der Vergehen aufgestellt worden zu sein. Tatsächlich wurde ich nicht aus der Hochschule ausgewiesen und die Fortsetzung der besagten Sitzung wurde nicht mehr einberufen.

Bis dahin war die „Beteiligung an den Studentenereignissen in Temeswar” (participare la evenimentele studenţeşti din Timişoara”) das schwerwiegendste Vergehen, dass man einem Studenten ankreidete. Ich kann nicht behaupten, dass keine Studenten mit solcher Begründung aus der Hochschule ausgewiesen wurden. In den Fällen, die ich kenne, klangen die Begründungen der Ausweisung anders. Hauptsächlich hieß die Begründung: Aktenfälschung, Unterlassung obligater Angaben in der Autobiographie, enge Beziehungen zu Personen in westlichen Ländern. Es wurden auch Studenten ausgewiesen, die nichts mit den Ereignissen der letzten Zeit etwas zu tun hatten. Dies alles entsprach einer Wende der offiziellen Darstellung der abgeflossenen Ereignisse. An der Bewegung hätten nur wenige teilgenommen: die Verhafteten, einige faule Elemente und Krawallsüchtige. Ein Teil guter Studenten geriet in dem Trubel weil sie nicht genug wachsam gewesen waren, aber die Masse der Studenten habe von Anfang an die Unruhen verurteilt.

Es fiel kein Wort mehr über Klassenfeinde und politisches Entgleisen. Auch die Urteile gegen jene, die für bis auf acht Jahren ins Kerker mussten, waren mit Anklagen bestückt, die auch in normalen Gesetzgebungen mit Strafen geahndet werden, damit sie nicht als rein politische Häftlinge gelten sollten. Bis heute konnten die damals verurteilten Studenten deswegen ihre gerichtliche Rehabilitierung nicht durchsetzen.

 

 

Die positiven Folgen der Studentenversammlung.

 

Bemerkenswert, dass fast alle in der Versammlung der Temeswarer Studenten gestellten Forderungen auf Landesebene nach kurzer Zeit in einer oder anderer Weise erfüllt wurden. Der Rückzug der Sowjetischen Armee begann im Sommer 1957 und war nach einem Jahr abgeschlossen. Das Essen in den Studentenkantinen verbesserte sich zusehends und war mit dem früheren nicht vergleichbar. Lebensmittel wurden für den Verkauf frei gegeben und keine Lebensmittelkarten mehr ausgefolgt (außer für Brot). Reisen in sozialistischen Staaten wurden ermöglicht und durch günstige Preise gefördert. Die Pflichtabgaben der Landwirte wurden abgeschafft, dafür die Kollektivierung beschleunigt. In den Hochschulen wurden zur Wahl Kurse für Englisch, Deutsch, Französisch und Russisch gestellt, Russisch hatte den gleichen Stellenwert wie andere Fremdsprachen. Es wurde der Studentenverband gegründet, der zwar unter Anleitung der Partei stand, aber Initiativen der Studenten mehr berücksichtigte als die ehemalige Studentengewerkschaft. Es erschien eine Zeitschrift, „Viaţa Studenţească” (Studentenleben), die zwar nicht unabhängig war, aber sich mit einer Problematik beschäftigte, die in der „Scânteia Tineretului” kaum in Erscheinung getreten war, und sich einer lockereren Sprache bediente als andere Zeitungen.

Die Partei musste auf Studenten Rücksicht nehmen und sie für sich gewinnen. Aus ihren Reihen musste doch das spätere Leitungspersonal von Betrieben, Abteilungen, Institutionen, ja sogar ein Teil der Aktivisten und Ordnungshüter kommen. Man konnte nicht einfach, den Klassenkampf mit einem Generationskampf ersetzen.

Was hieß aber irgendeine Bevölkerungsschicht für sich zu gewinnen? Die Partei wusste, dass die Unterworfenen nicht für die Partei und für das System schwärmten. Sie wusste aber, dass in jeder Schicht der Gesellschaft, und für ihr zählten nur die in jeder Bevölkerung vorhandenen unersetzbaren Schichten, nicht etwas einheitliches ist. Diese Kenntnis ermögliche ihr, jene herauszufinden, denen man die so genannte Wachsamkeit mit Privilegien übertrug.

Auch Studenten waren in ihrer Gesamtheit nicht etwas Einheitliches. Nachdem die Altkommunisten ohne Schulung aus ihren Leitungsposten entfernt wurden, war das Gebären des geschulten Führerstabs, nicht nur im politischen Bereich, noch dogmatischer. Man hatte Inkompetenz mit mehr Strebertum ersetzt. Nicht wenige dieser Streber waren 1956 noch Studenten und an der Bewegung beteiligt.

 


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