Volksglauben - Aberglauben. Hintergrundinformationen zu Banater volkskundlichen Überlieferungen

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Dr. Hans Gehl


1.       Einführung

 

Kennen Sie diesen Witz: „Du hast wohl deine neuen Schuhe noch nicht bezahlt, weil sie so knarren? - Törichter Aberglaube! Dann müsste mein Anzug doch auch knarren, den habe ich auch noch nicht bezahlt!“ Ein neuer Anzug hat in der Volksüberlieferung wohl nicht zu knarren, doch wird daraus in den Banater Dörfern „der Schneider ausgezwickt“. Wozu wohl das? Oder: Ich verschlucke mich aus Unachtsamkeit - und argwöhne bereits: „Jemand gönnt mir das Essen nicht!“ Der Schluckauf plagt mich und ich stelle fest: „Aha, jemand denkt an mich“. Wer das wohl sein mag; ein Freund oder die Einwirkung eines bösen Wunsches?

Wenn man „auf Holz klopft“, denkt man wohl nicht mehr daran, dass ursprünglich durch das Berühren Unheil abwehrender Stoffe und Gegenstände (auch Holz und Metall), dem „bösen Blick“ vorgebeugt werden sollte. Und man weiß schon längst nicht mehr, dass das Klopfen die Sprache der Geister ist, wie auch Klopferle ein Dämonennamen und „Klöpfelnächte“ die Bezeichnung der Geisternächt vor Weihnachten ist.

Man setzt sich bei einem Besuch, um nicht „die Ruhe des Hauses wegzutragen“ und fragt sich dabei nicht, ob denn das möglich sei. Ein Glas Wein wird „auf die Gesundheit“ des Gastgebers bzw. Partners geleert. Oder sollte noch jemand in Hörweite sein, den der Wunsch günstig stimmen soll? - Man niest plötzlich: „Gesundheit, wahr ist es“! ertönt es promt von allen Seiten, wenngleich der alte Knigge keinen lautstarken Kommentar, sondern nur ein Taschentuch vor der verschnupften Nase vorsieht. Und niemand fragt sich, was wohl wahr sei? Ein neuer Angriff der Virenarmee oder der Abwehrzauber gegen den bösen Unsichtbaren, dem man sein beschwörendes Gesundheit" entgegenhält?

Täglich und stündlich gebrauchen wir - im Scherz und auch im Ernst, solche Aussprüche und häufig treffen wir auf Handlungen, die als später Ableger mit einer abergläubischen Wurzel zusammenhängen. Auch im Zeitalter der Raumfahrt und der weltumspannenden Kommunikation treffen wir noch manchen blassen Widerschein magischer Handlungen an, der dennoch bis zu seinem Ursprung zurückverfolgt werden kann.

 

2.       Vorzeichen und Wahrsagen 

 

In unseren Tagen finden Hunde und Pferde, Tiger und Affen, Glücksferkel, Schornsteinfeger, ja sogar Sensenmänner als Postkartenschmuck, Pkw-Maskottchen und Nippsachen weitgehende Verwendung. Wegen ihrer vermeintlich gefahrbannenden und glückbringenden Aufgabe gelten sie in weiten Kreisen als gutes Vorzeichen. Als Vorzeichen gilt auch der Brauch des Münzenwerfens und des Halmziehens: Wer den längeren Halm zieht, hat den Vorrang. Kinder pflegten nach dem Essen das Schlüsselbein der Vogelbrust nach zwei Richtungen zu ziehen und sich dabei etwas zu wünschen. Wer den größeren Knochenteil in der Hand behielt, dessen Wunsch sollte - nach dem guten Vorzeichen - bald in Erfüllung gehen. Als schlechtes Vorzeichen dagegen galt, wenn der Vergessliche wegen einem Kleidungsstück oder Schlüssel umkehren muss oder wenn ihm eine schwarze Katze (dazu noch von links!) über den Weg lief. Glück hatte (in Lenauheim), wer einem Mann begegnete, der mit zwei Gießkannen Wasser vom Dorfbrunnen brachte. Ein Ungeschickter, der das Salzfässchen auf dem Tisch umstieß, beschwörte sicher Streit herauf. (Nicht umsonst galt das Salz noch bis in die Neuzeit als "weißes Gold".)

            Uralte Vorzeichen sind mit Körperteilen des Menschen verbunden. Vor nicht allzulanger Zeit hieß es noch: Beißt das rechte Auge, so sieht man nichts Gutes. Beißt jedoch das linke Auge, so wird man etwas Schönes sehen. Viele wissen noch: Juckt die linke Handfläche, so bekommt man Geld. Juckt die rechte, so wird man es ausgeben. Wenn einem alles schief geht, ist man mit dem linken Fuß zuerst aus dem Bett gestiegen, denn im allgemeinen ist alles Linke (Linkische) nicht gut angeschrieben, was allerdings bei der Hand und beim Auge gerade entgegengesetzt gedeutet wird. Die magischen Wurzeln dieser Auffassungen sind eben kompliziert und nicht immer leicht aufzudecken.

            Weihnachten und Neujahr werden als wichtige Marksteine der Wintermonate gewertet, deshalb knüpfen sich daran mannigfache Vorzeichen und Handlungen. Gute Vorbedeutung haben alle Dinge, die es in großer Zahl gibt wie: Schuppen (vom Fisch), Münzen, Getreidekörner, Erbsen, Mohn (denn die Menge mehrt durch Analogiezauber Glück und Wohlergehen). Deshalb soll man im Volksglauben in der Weihachts- und Neujahrszeit Mohnstrudel und Fisch essen, Münzen schenken und den Haustieren von allen Getreidekörnern zu fressen geben. Im Banat wurde das bis in unsere Zeit durchgeführt. Alexander Tietz notierte für das Banater Bergland um Reschitz als gutes Vorzeichen,, wenn jemand am Weihnachtsabend beim Durchschneiden eines Apfels ein sternförmiges Kerngehäuse findet. Der Volksglaube schloss daraus auf langes Leben. Wer dagegen ein kreuzförmiges Gebilde erblickte, würde bald sterben. Auch Nüsse wurden beachtet. Hatte die erste aufgebrochene Ziernuss des Tannenbaumes einen schwarzen Kern, so drohte der Familie ein naher Todesfall. Auch bei einer ungeraden Anzahl von Kerzen auf dem Weihnachtsbaum würde ein Familienmitglied im folgenden Jahr sterben.

            Mit der Ernte waren weitere Vorzeichen verbunden. Stehengebliebene Garben, wie überhaupt Unpaares, brachte angeblich immer Unglück; in diesem Fall würde der Ehepartner im Laufe des Jahres sterben. Glück- oder unglückverheißende Vorzeichen werden auch heute noch an gewissen, bedeutsamen Wendepunkten des Jahres beachtet.

            Das Traumdeuten und Wahrsagen entspricht dem uralten Menschheitswunsch, den Schleier der Zukunft zu lüften um das Schicksal der Mitmenschen und der eigenen Person zu erfahren. Das Traumdeuten und das Wahrsagen aus den Linien der Handfläche, aus einem Kartenspiel oder einfach aus dem Kaffeesatz (der ja in Deutschland keine Mangelware mehr ist) wird bis heute - halb Scherz, halb Ernst - gepflegt. Kundigen obliegt die einträgliche Aufgabe, der Lebenslinie mit allen Verästelungen in der Handfläche der lieben Mitmenschen nachzuspüren und daraus deren Schicksal zu ergründen. Und selbst die emanzipierteste Kultur ist der astrologischen Vorausschau der Sternzeichen und deren Auswirkungen auf die Menschen anscheinend hilflos ausgeliefert. Was Wunder, wenn fahrende Wahrsager im Banat die Leichtgläubigkeit ausnutzten, um neugierige Zeitgenossen auf Jahrmärkten gegen gutes Geld einen Zettel mit ihren Zukunftsaussichten aus einem Hut ziehen zu lassen (noch besser besorgte das ein hilfreicher Papagei). Das war dann der gezogene Planett des Kunden. Zufällig erfüllte Weissagungen wurden natürlich entsprechend verbreitet. Eine Gewährsperson aus Glogowatz berichtete von einer alten Frau, der die Mutter als Kind (wie allen ihren 12 Kindern) die „Planette gezogen“ hatte. Manches traf im langen Leben der Bäsl Kathi zu, auch dass sie das 90. Lebensjahr erreichen würde. Tatsächlich verstarb sie (1969) mit 90 Jahren. Was von den Wahrsagungen nicht zutraf (und das war sicher nicht wenig), wurde wohlweislich nicht berichtet.

 

3.       Beschreien“ und „Brauchen“

 

Im Volksglauben kommen die meisten Krankheiten vom Beschreien. Beschrien wurde man von einem Menschen, der sich über ein auffälliges Merkmal an einem Kind oder Erwachsenen wunderte: Wenn man auffallend mager oder zu dick, kraftlos, matt oder schläfrig, aber auch ungewöhnlich schön - also durch ein besonderes Kennzeichen auffällig war. Das Sich-Wundern löste den bösen Blick aus, der beim Opfer Kopfweh, Übelkeit, Brechreiz und auch schwerere Erkrankungen zur Folge hatte. Deshalb soll man beim Betrachten von kleinen Kindern oder Tieren ausrufen: „Pfui, pfui, dass ich dich nicht beschrei!“ Beschreien konnten nur Personen mit dichten, verwachsenen Augenbrauen, bei denen man sofort auf den „bösen Blick“ schließen konnte.

            Gegen solche „angehexte“ Krankheiten nützte logischerweise keine Arznei, sondern nur das „Brauchen“ als Gegenmittel. Brauchen konnten jene Personen, denen man als Säugling bei der Taufe einen Wurm in die Hand gegeben hatte. Zur Durchführung zauberhafter Handlungen eigneten sich am besten folgende exponierte Orte: Kreuzwege, Keller, Dachfirste, Türschwellen, aber auch Stuben und Gärten wurden nicht verschmäht.

            Eine alte Frau aus Glogowatz hatte noch berufsmäßige „Brauchweiber“ gekannt. Man rief sie zu den Kranken wie heute den Arzt und zahlte in Naturalien (Getreide oder Gemüse). Das "Brauchweib" nahm ein Töpfchen mit Weihwasser und warf drei Stückchen Holzkohle hinein. Wenn schon das erste Stückchen unterging, war die Krankheit besonders schlimm. Die Frau machte das Kreuzzeichen, sprach den Namen des Kranken aus und dazu folgenden Spruch: Bist du's beschrien von einem Mann,/ Soll es greifen an ihm an. Helfe dir Gott Vater" Sie warf die zweite Kohle ins Wasser, nannte den Namen und sprach dazu: Bist du's beschrien von einem Weib,/ Soll es fahren in ihren Leib. Helfe dir Gott Sohn. Bei der dritten Kohle beschwörte sie: Bist du's beschrien von einer Magd oder Knab,/ Soll es von dir weichen ab./ helfe dir Gott heiliger Geist und die heilige Deifaltigkeit. Als Probemöglichkeit galt: Wenn alle drei Kohlen untergingen, war der Kranke von einem Mann beschrien; wenn zwei untertauchten, von einer Frau, bei einer einzigen Kohle von einem Kind.

            Jetzt wurden Stirne und Hände des Kranken mit dem Wasser gewaschen, wobei die höchste Hilfe Gottes anzurufen war. Nach weiteren Formeln und Gebeten musste der Patient zwei, drei bzw. einen Schluck vom dem Zauberwasser trinken, dann wurde es über eine Türangel gegossen, am besten im Schweinestall (bei den glückbringenden Tieren). das "Brauchweib" warf nun die Kohlen zurück in das Herdfeuer und sagte dazu den Spruch: Wie die Kohlen sich verzehren, soll die Krankheit vergehen. Hier wirkte Analogiezauber. Das ging auch daraus hervor, dass nun die armen Seelen derer angerufen wurden, die durch "Beschreien" an derselben Krankheit gestorben waren.

            Außer diesem allgemeinen Vorgang gab es noch verschiedene Zauberhandlungen und Segenssprüche, Vorschriften und Verbote, wenn gegen eine besondere Krankheit bei Mensch oder Tier gebraucht wurde. Zauberkräftige Gegenstände waren außer Kohlen und geweihtem Wasser "Donnersteine" (faustgroße, dunkle, angeblich mit dem Blitz vom Himmel gefallene Feuersteine), Zwiebeln, gelbe Rüben, ein Bindfaden und sogar das Licht des Vollmondes. Die Reihe der - mitunter recht poetischen - deutschen, rumänischen und ungarischen Brauchsprüche könnte beliebig fortgesetzt werden. Alte Frauen bewahrten dieses uralte Kulturgut, an das unsere Vorfahren vor nicht allzulanger Zeit noch glaubten.

 

4.       Fruchtbarkeits- und Wachstumszauber

 

Der bäuerlichen Gemeinschaft aller Zeiten war viel an der Fruchtbarkeit der Haustiere und an reichem Feldertrag gelegen. Deshalb sollte durch überlieferte Zauberriten den oft säumigen Naturkräften nachgeholfen werden. Der Fruchtbarkeitszauber begann schon in der Neujahrszeit. Nach Alexander Tietz musste der Hausvater im Hügelland um Reschitz am Weihnachtsabend jedem Haustier einen Löffel voll von der Festspeise geben, damit es gesund und fruchtbar bliebe. Unter dem Weihnachtstisch sollte eine geschliffene Axt und in der Tischlade Salz, Brot und Geld liegen - alles zauberkräftige, glückbringende Gegenstände. Der Mist durfte drei Tage nicht ausgekehrt werden, damit die Dämonen an diesen Schicksalstagen nicht etwa Gewalt über die Abfälle und dadurch zugleich über die früheren Besitzer erhielten. Aus ähnlichen Gründen wurde am Vorweihnachtstag streng gefastet und auf dem Herd kein Feuer entzündet. Am Christabend schüttelte der Vater im Garten die Bäume und band um jeden einen geflochtenen Heukranz, damit die Früchte im kommenden Jahr gut gedeihen.

            Das Steffelreiten (von Sankt Stefanstag, 26. Dezember) in Franzdorf bezeichnet Tietz als Fortleben alpenländischer Bräuche in der neuen Heimat. Die Reiter zogen mit bändergeschmückten Pferden und viel Ulk durch die Straßen und wurden mit Krampampel ('gewürzter, erhitzter Schnaps', vgl. Krambambuli) bewirtet, während die Pferde Hafer erhielten. Der ursprüngliche Ritt über die Felder sollte die langsam wiederkehrende Sonne dazu bewegen, die Felder fruchtbar zu machen. In Saderlach wurde am Stefanstag das „Bindelifahre“ geübt, in Jahrmarkt am „Ghanstag“ (Sankt Johann, 27. Dezember). Dabei nahmen die Knechte ihren Bündel und wechselten den Brotherrn.

            Der erste März ist ein neuer Höhepunkt der Fruchtbarkeitsbräuche. Im alten Rom wurde der Jahresbeginn auf diesen Tag verlegt, wohl wegen der Heilkraft der höher steigenden Sonne und der erwachenden Vegetation. Und im Banat schenkt man an diesem Tag ein Mărţişor (als „Märzchen“ verdeutscht), ein Amulett, das dem Empfänger Gesundheit und Glück bringen soll. Am ersten April „schickt man den Esel, wohin man will“. Diese Neckereien gehen auf das römische Narrenfest der „Quirinalien“ zurück, das am 1. April als weitere Form des vielgestaltigen Fruchtbarkeitszaubers stattfand.

            Zahlreiche Bräuche wurden bei der Aussaat beachtet. Sympathiezauber der Farben und Maße sollte dabei die Lebens- und Wachstumskraft auf die ausgesäten Pflanzen übertragen. Nach alter Vorschrift muss man den Lein aus einer blauen Schürze säen, damit er blau und gleichzeitig blüht. Damit er groß wachsen soll, muss der Sämann große Schritte machen und am Ende des Ackers einen Luftsprung. Zum selben Zweck soll man (in Sekeschut) beim Faschingstanz hoch springen. Das Wachstum des Getreides sollte durch Flurumzüge im Mai günstig beeinflusst werden. Nach der Ernte wurde am Hausgiebel oder an einem Gangpfeiler ein Ährenkranz aufgehängt - auch die letzten Getreidehalme wurden stehengelassen, um den Feldgeistern für den Ernteertrag zu danken.

            Der Regenzauber wurde in den rumänischen paparude verkörpert, die nach dem Absingen ihres Liedes mit Wasser begossen wurden, um durch Analogiezauber den Regen auf die dürren Felder herbeizuwünschen und sie fruchtbar zu machen. Auf dieselbe Wurzel geht das Spritzen der Mädchen und Jungen (mit Wasser oder auch mit Parfüm) an den Ostertagen zurück. Der aus dem Ungarischen stammende Begleitspruch „frisch und gsund!“ erläutert den Sinn der Brauchhandlung. Einen ähnlichen Sinn haben Schläge mit der Lebensrute, etwa bei Faschingsumzügen.

 

5.       Vom Abwehrzauber zum Glücksbringer

 

Zum Neujahr - wie bei jedem bedeutungsvollen Neubeginn - können die Dämonen auf Mensch und Tier ihre schädigende Gewalt ausüben. Deshalb sollten in der Neujahrsnacht metallische Schneidegeräte wie Sensen oder Häckselmesser zur Dämonenabwehr in die Tröge gelegt werden. Lichtmesstag, der 2. Februar, war im Banat ein wichtiger Lostag. Gerade dann mussten geweihte Kerzen zum Schutz gegen Nachtgeister, auch gegen Krankheiten brennen. Am Geburtstag - als neuem Lebensabschnitt - brennen gleichfalls Kerzen auf der Geburtstagstorte. Die Dämonen fürchten angeblich das Licht, doch noch mehr den Lärm. In der Vorosterzeit schickt ihnen die rumänische toaca ('Klopfbrett') ihr einförmiges Klopfen zu, und auch das Ratschen erfüllt eine Abwehrfunktion, während das bannende Glockenge­läute ausgesetzt ist. In der Walpurgisnacht, dem Vorabend des 1. Mai, wurde überall viel Lärm gemacht, die Jugend hat Eggen weggetragen, Wagen umgestellt (sogar auf der Scheune aufgebaut), Türen und Fenster zugebaut, ursprünglich um die als gefährlich, aber auch als dumm gehaltenen Geister zu verwirren. Auf die Türpfosten malte man drei Kreidekreuze (Abwehr mit Hilfe christlicher Mächte), man steckte Holunder- und Fliederzweige ans Tor und suchte Hexen und Unholde durch viel Lärm zu verjagen, wenn diese durch die Gassen reiten. Grüne Zweige wurden (bis zum Zweiten Weltkrieg) zum Schütz gegen Feuer, Krankheit und Ungeziefer auch aufs Feld, auf den Düngerhaufen und in den Stall gelegt.

            Die Kerweihflasche wurde in manchen Banater Orten wie die Faschingspuppe (oder ein Fässchen wie in Sanktanna) symbolisch begraben - eigentlich, damit der Dämon dieses Festes zur Ruhe kommt und nicht weiter Unheil stiftet. Beim Kerweihfest geht man noch immer „zum Fass“, wenngleich es nur mehr leere Fässer sind, auf denen manchmal die Musikanten sitzen. Früher enthielt das Fass den gespendeten Kerweihwein, der den Gästen ausgeschenkt wurde. Längst vergessen ist der ursprüngliche Opfertrank für die Dämonen, die auch durch die Opfergabe des Schafbocks (der noch gelegentlich „ausgekegelt“ wird) günstig gestimmt wurden. Nicht umsonst war ja der Bock das heilige Tier Wodans, und die Kerweihburschen wählten bezeichnenderweise einen schwarzen Schafbock mit weißem Schwanz und Stirnfleck. Die Geister begnügten sich wohl mit den zauberkräftigen Eingeweiden, denn das gebratene Fleisch schmausten die Kerweihpaare.

            Die Bräuche des "Rapsche" (von "grapschen") beim Richtfest vermitteln noch einen blassen Widerschein vom notwendigen Opfer des rumänischen Baumeisters Manole. Früher musste tatsächlich ein schwarzer Hahn oder Hund geschlachtet, den Dämonen geopfert und ins Fundament des Bauwerks eingegraben werden, damit es die Hausgeister schützten und damit die Lebenskraft des geopferten Tieres in das Sein des Bauwerks überging. Nachdem das Opfer durch eingegrabene Münzen sinnentfremdet war, entwickelte sich aus der Opfergabe (z. B. in Glogowatz) das Beschenken der Kinder mit Popcorn, Keksen, Bonbons und Münzen, sobald der Richtspruch des Baumeisters erklungen ist. Der grüne Richtstrauß am Dachfirst sollte - wie die Holunderzweige am Tor - die gefährlichen Geister in dieser unfertigen Übergangszeit bis zum Bauabschluss abhalten. Auch der beliebte Dachwurz schützte vor Gewitter und heilte zugleich Ohrenschmerzen. Unsere Palmrute (Salix caprea) wurden Abwehrkräfte zugeschrieben. Nach der kirchlichen Segnung am Palmsonntag wurde sie zur Blitzabwehr und zur Abwehr von Feuer und Krankheiten unters Dach gesteckt. Auf dem Feld sollte sie Ungeziefer fernhalten. In Glogowatz wurden geweihte Palmkätzchen gegen Halsweh geschluckt. Rosmarinzweiglein, als symbolische Abzeichen bei Kerweih, Hochzeit und Begräbnis verkörpern allgemein Fruchtbarkeit, Gesundheit und lebensspendende Kraft.

            Talismane verkörpern den wirksamsten Abwehrzauber. Zur Entwicklung des Amuletts, des Talismans und des Glückbringers führte zuerst eine Kombination des Niederschreibens heiliger oder unheiliger Worte mit der Anwendung magischer (vor allem metallischer) Gegenstände. Auch Ringe, Ohrgehänge, Ketten - neuestens (wie ursprünglich bei primitiven Völkern) Nasen, Zungen- und Nabelringe, verschiedene Schmuckstücke, kraftspendende Steine (jetzt auch im Warenhaus erhältlich) und Gebrauchsgegenstände werden bis heute als Talisman zum Abwehrzauber verwendet. Das Hufeisen auf Türschwellen (mit der Öffnung nach außen) und im Auto oder als „Märzchen“ (Frühlingsamulett), die Nachbildung einer Katze oder eines Schornsteinfegers sollen schädliche Einwirkungen vom Amulettträger abhalten.

            Auch kleinere Dinge sind für den Abwehrzauber von Bedeutung. So gehören Körper- und Küchenabfälle zu den zauberkräftigsten Substanzen, die von Hexen und Unholden zum Schädigen des Besitzers verwendet werden können. Haar und abgeschnittene Nagelstreifen (besonders von hilflosen Kleinkindern), Speichel, Blut (man denkt dabei heute an die Übertragung von Aids) oder Kleiderfetzen sollten begraben oder vernichtet werden, um den Besitzer nicht zu gefährden. Deshalb schluckte manche Mutter die Nagelabfälle und ließ die Haare des Säuglings im ersten Lebensjahr nicht schneiden. Sogar der Liebeszauber bediente sich einiger Haare oder Kleiderreste, um die Gegenliebe zu sichern.

            „Scherben bringen Glück“ behauptet der Volksmund, besonders wenn ausgediente Töpfe oder Teller am Polterabend oder an Namenstagen (man denke an die Namensmagie) auf der Türschwelle zerschlagen wurden. Denn wenn die hier wohnenden Geister dieses Opfer annehmen - meinte man -, würden sie die Menschen fortan nicht mehr behelligen. Auch der am 27. Dezember geweihte Johanniswein (sowie geweihte Speisen) wurden als heilkräftig angesehen und von allen Hausgenossen bzw. Hochzeitsgästen, aber auch vor einer Reise und auf dem Sterbebett getrunken, da geweihte Dinge durch den Beistand christlicher Schutzkräfte vor Dämonenmacht schützen.

 

6.       Volksglauben durchs Menschenleben

 

6.1. Erste Lebensstufe - die Geburt

 

Ein bekanntes Kinderlied lautet: „Storich, Storich guder, bring mir an kleene Bruder / Storich, Storich bester, bring mir a kleeni Schwester.“ Animistische Wurzeln stellen die Verbindung Storch - Sonne her, die alles Leben bringt und nimmt. Der ägyptische Falkengott Horus hatte Macht über das Leben. Ähnliche Hintergründe hat der mythische Geburtsbaum, der zugleich mit dem Kind wächst und mit seinem Schicksal verbunden ist. Doch schon die werdende Mutter musste manche Zeichen beachten und Bräuche zum Wohle ihres Kindes befolgen. Gemäß dem Analogie- und Sympathiezauber überträgt sich alles auf das Kind, was die Schwangere sieht, fühlt und tut. Wenn sie erschrickt und sich dabei an den Körper fasst, bekommt das Kind an der gleichen Stelle ein Muttermal. Wenn sie stiehlt, wird es auch der Nachkomme tun. Sie soll nicht spinnen, sonst spinnt sie dem Kind den Strick.

In der schweren Stunde der Geburt und in der Übergangszeit danach mussten viele Vorschriften des Sympathie- und Analogiezaubers beachtet werden, um den hilflosen Säugling vor den lauernden bösen Mächten zu schützen. Der Vater hob das Neugeborene auf und es sollte ihm mit den Füßen an die Brust stoßen, damit es im Leben Glück habe. Die Wöchnerin sollte kein Brot backen. Denn wenn sie - die Unreine - vor der Aussegnung in der Kirche in den Teig griff, würde das Kind aufgerissene Hände bekommen. Zur Farbensymbolik gehört, dass Knaben blaue und Mädchen rosa Kissen und Deckchen erhielten. Uneheliche Kinder waren nicht gerne gesehen, sollten aber angeblich umso mehr Glück haben. Die Namen verstorbener Kleinkinder wurden nicht weitergegeben, damit das Geschwisterchen ihnen nicht bald folge. Gemäß dem Analogiezauber kann ein Kindlein nicht gedeihen, wenn man ihm „Würmchen“ sagt oder darüber wegschreitet. Sagt man ihm „alter Mann“, so bekommt es Runzeln. Man soll Kinder nur vormittags abwiegen, damit sie - wie der wachsende Tag - an Gewicht zunehmen. Wenn man sie dagegen nachmittags abwiegt, nehmen sie ab. Laut Farbenmystik müssen kranke Kinder schwarz angezogen und kirchlich gesegnet werden. Danach erhalten sie eine weiße Haube und Schürze, die als Gegenzauber wirken. Alexander Tietz notierte im „Kinderfriedhof“ die Vorstellung, dass ungetaufte Kinder nachts in ihrem Grab weinen. Wer ihre Klagen hört, muss ihnen Namen geben (Namenzauber), damit sie zu Ruhe kommen: Josef den Jungen und Maria den Mädchen.

 

6.2   Hochzeit - der Höhepunkt im Leben

 

Schon für die Brautleute gab es viele Verbote aufgrund der sympathetischen Wirkung von Tieren, Pflanzen und leblosen Dingen, deren Namen oder Gestalt als zauberkräftig galten. Die vermeintliche Rache der Toten am Witwer, der wieder Bräutigam wurde, stammte aus dem Totenkult primitiver Kulturkreise. Damit er nicht wieder heiratete, wurde der überlebende Ehepartner zusammen mit dem Leichnam des Verstorbenen verbrannt.

            Die meisten Vorschriften und Verbote betrafen die Braut. Sie sollte sich keine Schuhe kaufen (heute undenkbar!), sonst werde sie dem Mann weglaufen, bzw. sollten die Brautschuhe mit einer Kiste voll Münzen gekauft werden, denn die große Menge war ein Glückszeichen und verhieß Fruchtbarkeit. Auch durfte sie den Brautring, das Symbol des Umschließens, nicht vom Finger ziehen, sonst hielt sie die Treue nicht. Der Bräutigam durfte der Braut - laut Analogiezauber - nicht Schere oder Messer kaufen, sonst würde die Liebe zerschnitten werden. Auch sollte er kein Taschentuch schenken, denn das brächte Tränen (oder Schnupfen?), und ein Buch als Geschenk "verblättert die Liebe" (in Sekeschut).

            Von Bedeutung war die Wahl des Hochzeitstages. Freitag als Fasttag galt als Unglückstag, obwohl die Liebesgöttin Freya an ihrem Tag den Ehen Glück bringen müsste, doch der Dienstag galt als Glückstag. Das Wetter wurde verschieden ausgelegt. Zumeist galt die Regel: "Regen bringt Segen, doch Flockenschnee Ach und Weh". In Sekeschut war Sonnenschein ein gutes Vorzeichen, während Regen Unglück in die Ehe brachte. Die Hochzeit sollte bei zunehmendem Mond stattfinden, der als Symbol des Wachstums und der Fruchtbarkeit galt. In Blumental und anderen Ortschaften wusste man, dass ein Ehepartner bald stirbt, wenn sich ein Hochzeitszug und ein Leichenzug begegnen. Auch Umwege auf dem Hochzeitsweg brächten Unglück, und wer gar ein Gespenst hörte, sollte sich ja nicht umsehen. Wer dem Hochzeitszug begegnete, erhielt einen Schluck aus der Schnapsflasche, ursprünglich wohl, um die Dämonen abzuhalten und zu versöhnen.

Um die schutzlose Braut unbeschadet von den bösen Mächten nach Hause zu geleiten, sind die Brautführer mit einem Stab (ursprünglich wohl ein Zauberstab) ausgestattet, der in veränderter Funktion auch als Hirten-, Wander- und Bischofsstab, Königszepter und selbst als Taktstock des Dirigenten auftritt. Zum Schutz der Braut trug auch die Farbensymbolik bei. Allgemein war Rot die Farbe der Frau und der Liebe, doch bei den Brautkleidern wurde Blau - als Symbol der Treue - bevorzugt. Deshalb trug die Braut in Glogowatz: eine blaue Seidenschleife im Flechtzopf, ein blaues Halstuch, blaue Schafwollstrümpfe und blaue "Resl" auf den Samtschuhen bzw. Schlappen. Im Schuh sollten glückverheißende Zeichen wie: ein Getreidekorn, Münzen oder Schweineborsten getragen werden.

Zum Abwehrzauber zählt das Hufeisen, über dem die junge Frau die Türschwelle überschreiten musste, dagegen zählt der Brauch des Drehens des Brautpaars, also ein Tanzmotiv, zum Opfer- und Fruchtbarkeitszauber. Dabei wirft die Hochzeitsköchin Weizen­körner auf die Häupter der Brautleute. Heute wird dieser Brauch nicht selten mit Reiskörnern durchgeführt. Nach Szimits wird die Fruchtbarkeit verhindert, wenn die Braut auf dem Kirchweg über Seifenwasser schreiten muss, denn durch Analogiewirkung zur hygienischen Waschung verhindere dieses Seifenwasser den Kindersegen. Als Abwehrzauber wirken das Böllerschießen bei der Hochzeit (nach Alexander Tietz) und die Verkleideten (meist Männer in Frauenkleider), die den heimkehrenden Hochzeitszug empfingen und durch ihre Handlun­gen die Dämonen irreführten.

            Wichtige Aufgaben kommen den Hochzeitsköchinnen zu. Schon während der Suppe musste die Köchin mit dem großen Schlachtlöffel herumlaufen, der wohl auf die Lebensrute zurückführt. Nach der Suppe stellte sie vor die Brautleute zwei Bratenschüsseln. Die eine war verdeckt und mit einer blauen (!) Schleife abgebunden. Darin ist ein Sperling, ein Häschen, oder eine Taube, als Zeichen der Treue und der Fruchtbarkeit. Im Stehlen und Versteigern des Brautschuhs (ähnlich dem Schwänzel bei der Schweineschlacht) steckte ursprünglich Analogiezauber: Die Dämonen wollten sich eines Teils der Kleidung oder des Körpers bemächtigen, um Gewalt über den Besitzer ausüben zu können.

            Das Hauben der Braut, d.h. das Kranz- und Schleierabtanzen sind Aufnahmeriten in die Reihen der Vermählten. Während das Ehestandslied erklang, musste die Frau weinen. In Warjasch symbolisierte ein Volkstanz das „Begräbnis der Hochzeit“. Er begann mit einem Trauermarsch und ging in eine Polka über.

            Um Glück in der Ehe zu haben, mussten viele Vorschriften beachtet werden. Ein sicheres Mittel um reich zu werden war: Mitm Geldsack rapple, wann der Mond zunehmt, dann hilft der Analogiezauber bestimmt. Dagegen schreibt Johann Szimits: Wammr de letschte Kreizer hergit, git mrs Glick ausm Haus, was ja auch zutreffen mag. Der Erkältung kann auf magischem Wege abgeholfen werden und zwar: Wer de Schnuppe hat, soll sich mitm vrkehrte Unrstock vun seim Weib die Nas putze. Und beim Brotkneten soll dr Mann nit zuschaue, sunscht gehts Brot nit. Also hat auch der Mann einen „bösen Blick“. Auch dafür ist ein Mittel zur Hand: Geer de 'böse Blick' helfe nein Kohlenstickl im Wasser, wamr sich vor Oschtre drmit wescht.

            Hierher gehört auch das Erscheinen der Maskierten, als Sinnbild der bösen Mächte, die durch Geschenke besänftigt werden müssen, um das Glück des Brautpaares zu sichern. Bis zuletzt hatten sie bloß Unterhaltungswert, der in ihrem lustigen Dialog zum Ausdruck kommt:

Bäsl, von wo seit der dann? Von Gärtjanosch.

Wuhin geht der dann? Uf Perjamosch.

Ich hann gheert, dir seid Braut? Na jou, die Leit saan.

Wänne heirat der dann? Na, a Kochlefflmann.

Wieviel macht er im Tach? Na aane.

Do seid der jo gut dran? Na jou, die Leit saan.

 

6.2   Tod - Übergangsstufe und Lebensende

 

Viele Vorzeichen künden schon Jahre zuvor die Art und Umstände des Todes an, bereits beim Kleinkind: War es zu klug, lachte es zu früh, lief es vor einem Jahr, so meinte man, es werde nicht mehr lange leben. Auch wer etwas Gewohntes (selbst Pfeifenrauchen oder Weintrinken) aufgab, lebte im Volksglauben nicht mehr lange. Als Todeszeichen galten bis heute: fallende Sternschnuppen, wenn ein Licht von selbst verlischt, die Uhr plötzlich stillsteht, ein Bild ohne ersichtlichen Grund von der Wand fällt, das Käuzchen schreit oder ein Hund vor dem Krankenfenster heult. Kuckuck (der durch seinen Ruf die Lebensjahre vorzählt), Elster und Käuzchen (der Kommmitvogel) waren im Volksglauben Leichenvögel. Nach Hagel übertrug sich auf den Kauz der Glaube an die Habergeiß, eigentlich eine Sumpfschnepfe, Bekassine, nach ihrem meckernden Laut beim Balzflug benannt. Dieser Unglücksvogel wäre eine phantastische Eule, die den sie nachahmenden Menschen zerreißt.

            Es stirbt niemand, so hieß es, solange der Wald grün ist, erst wenn das Herbstlaub fällt. Hört man sich rufen ohne zu wissen von wem und antwortet auf diesen dämonischen Zuruf, so würde bald der Tod kommen. Wer ein Pferd ohne Kopf laufen sieht, liegt in drei Tagen auf der Bahre, hieß es in Lenauheim, während man in Blumental befürchtete: Wenn freitags (Unglückstag) jemand aufgebahrt ist, stirbt noch jemand aus der Familie. Die gleiche Vorbedeutung hat nach Szimits ein Strick, der nur schwer unter dem Sarg aus dem Grab herausgeht. Auch wenn ein Toter die Augen offen lässt oder wenn das Gesicht einer Leiche rot bleibt, müsse bald jemand nachsterben, denn der "Untote" hole sich bald ein Opfer nach.

            Um die Dämonen in der Übergangsstufe zwischen Leben und Tod abzuhalten, ließ man beim Sterbenden Kerzen brennen oder läutete ein Totenglöcklein. Sobald der Tod eingetreten war (insbesondere der des Hausherrn), sollte man Menschen und Vieh im Haus aufwecken (sogar an das Bienenhaus klopfen), denn der Schlaf gleiche dem Tod und sei gefährlich. Man musste die Uhr anhalten und die Spiegel verhängen, da Geister (infolge des Bildzaubers) gerne vor dem Spiegel verweilen. Wenn man aber ein Fenster öffnet, kann der Geist gleich hinausfahren.

            Die Todesriten dienen dem eigenen Schutz und helfen dem Verstorbenen auf seinem schweren Weg. Dazu zählt die Totenwache mit brennenden Kerzen und Gebeten. Für seine lange Reise zog man dem Verstorbenen einen Anzug und gute Schuhe an, man sollte Geld ins Grab werfen und Wein darauf schütten (davon blieb bis heute das Weihwasser). Auf rumänischen Begräbnissen ließ man den Toten von jeder Straßenecke (gefahrbringender Kreuzweg) bis zum Friedhof feierlich Abschied nehmen. Beim Leichenzug sollte sich (wie beim Hochzeitszug) niemand umsehen und keinen Zuschauer grüßen, damit der Tod nicht in dessen Familie weitergegeben wird. Was dem Verstorbenen gehört, sollte man nicht weiter verwenden. Der Sarg sollte mit den Füßen der Leiche voraus aus der Totenstube getragen werden, auch sollten die Stühle, auf denen der Sarg stand, umgekehrt werden, damit die Seele nicht mehr wiederkehrt. Aus Angst vor der Wiederkehr, vor dem „Nachzehren“ und dem „bösen Blick“ des „werdenden Dämons“ musste man der Leiche nach einem schweren Todeskampf Mund und Augen schließen oder diese wenigstens mit Münzen bedecken.

            Die Grabreden gehen auf die alte Vorstellung zurück, die Verstorbenen könnten hören, was man ihnen sagt, aber nicht antworten. Darauf sind die Bemühungen der Klageweiber (rum. bocete, sind die Klagelieder) und äußere Trauersymbole zurückzuführen. Dazu zählt die dunkle Kleiderfarbe - ursprünglich auch einmal weiß, so in Sackelhausen nach Egydius Haupt - und verschiedene Entbehrungen, um die Eifersucht der Toten zu beschwichtigen. Anachronistisch mutet heute der Leichenschmauß an (Todeims bzw. Leichtims, von Imbiss, rum. pomană), der z. B. in Wolfsberg bis vor kur­zem im Leichenhaus stattfand. Dabei wurde Paprikasch und Kuchen gegessen. Zum Trinken wurde Zuika und Wein serviert. In Baumgarten und Neupanat (Kreis Arad) war der Leichtims bis zum Zweiten Weltkrieg üblich, in Paulisch wurde er noch in den 1970er Jahren für die Fahnenträger und Gevatters­leute geboten. Heute ist auch die Bewirtung der von weit angereisten Begräbnisteilnehmer üblich.

            Der alte Ausdruck Er leit ufm Schab bezieht sich auf den Strohschaub, in der Rheinpfalz war es ein mit einem Leintuch überdecktes Strohlager ohne Kissen, auf das einst der Leichnam gebettet wurde, denn er sollte auf der Mutter Erde liegen, die ihn wieder aufnimmt. Das Leben geht weiter, und wenn eine Lebensstufe durch frühzeitigen Tod ausfällt, wird sie symbolisch zurückgeholt. So wurde dem Leichenzug bei Jungverstorbenen ein Totenkranz vorausgetragen, der aus zwei kronenartig gesteckten Hochzeitskränzen bestand. Die begleitenden Kranzelmädchen trugen in Warjasch noch in den 1950er Jahren eine Krone aus Myrtenkranz auf dem Kopf, seit den 1960er Jahren stattdessen eine symbolische Blume in der Hand. Zur Versöhnung des Toten kommen Blumenkränze und Kerzen aufs Grab, später setzt man auch lebende Blumen darauf, die nicht zertreten oder abgerissen werden dürfen. Früher war es auch üblich, auf Kindergräber Lebensbäumchen zu pflanzen, Buchsbaum oder Tannen, in jüngerer Zeit auch Rosen, Flieder oder andere Ziersträucher.

            Die behandelten abergläubischen Vorstellungen bestimmten bis nicht allzu ferne Zeit die Entscheidungen und Handlungen unserer Banater Landsleute durchs ganze Menschenleben und beeinflussen sie in Einzelfällen bis heute. Die Wurzeln der überlieferten Bräuche sind größtenteils in Vergessenheit geraten. Deshalb ist ihre Aufzeichnung und volkskundliche Besprechung angebracht. 



Der Vortrag geht aus von: Gehl, Hans 1973: Aberglaube in der Volkskunde. In: Gehl, Hans (Hg.): Heide und Hecke. Beiträge zur Volkskunde der Banater Schwaben, Temeswar: Facla Verlag,  S. 103-150.

Beitl Richard 1974: Wörterbuch der deutschen Volkskunde. Stuttgart, S. 455 Klopfen.

Die Informationen zu diesem und den folgenden Abschnitten beruhen auf persönlichen Beobachtungen des Verfassers und auf 1970-1972 erhaltenen Mitteilungen von 20 Gewährspersonen aus 13 Banater Ortschaften: Baumgarten, Blumental, Glogowatz, Pankota, Paulisch, Petschka, Saderlach, Sanktanna, Schöndorf, Sekeschut, Lenauheim, Warjasch, Wilagosch, Wolfsberg. (Vgl. Gehl 1973, S. 149 f.)

Vgl. für hier und auch folgend: Tietz, Alexander 1967: Wo in den Tälern die Schlote rauchen. Bukarest: Literaturverlag. darin: Von Floriani bis zum Ersten Mai, S. 293-318.

Der rumänische Schriftsteller Ion Luca Caragiale hält diesen Brauch in seinen Skizzen „Herr Goe“ und „Der Besuch“ fest.

Vgl. dazu Hans Hagel 1967: Die Banater Schwaben. Gesammelte Arbeiten zur Volkskunde und Mundartfor­schung. Hrsg. Anton Peter Petri, München. Darin: Banater Krankheitsaberglaube, S. 119-133.

Susanne Piskay, Der Wortschatz im Zusammenhang mit den Sitten und gebräuchen der rheinfränkischen Mundart von Sackelhausen. Magisterarbeit an der Universität Temeswar 1974, S. 94.

Hagel 1967, S. 107.

Vgl. Pfälz. Wb. II, S. 371.

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