»Um eine Situation wie in Ungarn zu vermeiden«
Der Forderungskatalog der Temeswarer Studentenbewegung von 1956
Von Uwe Detemple
Vor dem Hintergrund der Ungarischen Revolution entstand im Herbst 1956 unter den Temeswarer Studenten eine Reformbewegung mit dem Ziel der Erneuerung der rumänischen Gesellschaft. 3000 Studenten beteiligten sich am 30./31. Oktober 1956 an Protestkundgebungen; in einer Denkschrift forderten sie u. a. den Abzug der sowjetischen Truppen, das Ende des Personenkults, Meinungs- und Pressefreiheit. Obwohl sie damit verfassungskonform agiereten (die rumänische Verfassung von 1952 garantierte Meinungs-, Presse-, Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit), stufte das volksdemokratische Regime die Kritik als konterrevolutionär ein und setzte Armee, Securitate und Miliz ein, um die Bewegung niederzuschlagen. 2000 Studenten wurden verhaftet, die Anführer der Revolte wegen »öffentlicher Aufwiegelung« zu Gefängnisstrafen bis zu acht Jahren verurteilt.
Denkschrift der Temeswarer Studenten
I. Hinsichtlich der Sicherstellung der Weiterentwicklung des Wirtschaftslebens in unserem Land und der Stimulierung des Interesses der Werktätigen für den Aufbau des Sozialismus fordern wir:
a) Endgültige Abschaffung des Personenkults durch Sicherstellung der Selbstverwaltung der Arbeiterklasse. Jedem Werktätigen soll die Möglichkeit eingeräumt werden, seine Meinung zu den internen Problemen des Landes offen zu äußern, ohne dass seine persönliche Integrität gefährdet wird.
b) Abschaffung des gegenwärtigen Normensystems, das dem Equipment, über das unsere Wirtschaft verfügt, nicht entspricht und das die physischen Möglichkeiten der Arbeiter übersteigt.
c) Wesentliche Reduzierung der Abgaben und Steuern, die die Landwirte mit Privatwirtschaften ruinieren. Keine Abgaben.(1)
d) Anhebung der Löhne aller Kategorien von Lohnempfängern in Übereinstimmung mit den Preisen der Industrieprodukte und Lebensmitteln. Zum Beispiel: Da für die schlichte Existenz eines Studenten 310 Lei vorgesehen sind, kann ein Lohn von weniger als 600 Lei für die einfache Existenzsicherung eines Menschen nicht akzeptiert werden.
e) Für die Weiterentwicklung der Bildung in unserem Land soll die materielle Existenz eines jeden Schülers und Studenten durch die Verleihung von Stipendien – ohne Berücksichtigung der beruflichen Situation – und die Verleihung von speziellen Bildungsstipendien abgesichert werden.
II. Für die weitere Festigung der Freundschaftsbeziehungen, der Zusammenarbeit und der gegenseitigen Hilfe zwischen allen Staaten – Beziehungen, die auf dem Prinzip der Rechtsgleichheit und der Respektierung der Souveränität eines jeden Staates beruhen –, fordern wir:
a) Sofortiger Abzug der auf dem Territorium unseres Vaterlandes stationierten russischen Truppen. Da die Gefahr einer kapitalistischen Einkreisung und einer eventuellen Aggression nicht besteht, ist deren Anwesenheit unbegründet.
b) Für eine gerechte Wirtschaftspolitik unseres Staates fordern wir den Abschluss von Wirtschaftsabkommen mit allen Staaten, einschließlich der kapitalistischen, die keine besonderen Verpflichtungen eines Staates gegenüber einem anderen beinhalten, sondern alles auf Basis der Gleichberechtigung geregelt wird. Diese Abkommen sollen mit allen Details veröffentlicht werden, damit die Werktätigen über die Konditionen, zu denen sie abgeschlossen wurden, informiert sind.
III. Wir verlangen von der Rumänischen Arbeiterpartei und von der Regierung der Rumänischen Volksrepublik, dass sie sich beim Aufbau des Sozialismus nach der spezifischen Situation in unserem Land leiten lassen, ohne dieses oder jenes System zu kopieren.
Davon ausgehend, dass die oben genannten Forderungen die Zustimmung der Werktätigen unseres Landes, dessen Kinder wir sind, haben, verlangen wir, dass Partei und Regierung sie zur Kenntnis nehmen und versuchen, sie zu erfüllen, um eine Situation wie sie in der Ungarischen Volksrepublik entstanden ist, zu vermeiden.
Außerdem verlangen wir, dass keinerlei Zwangsmaßnahmen gegen jene, die diese Denkschrift übersandt haben, ergriffen werden. Im Gegenteil, es sollen freie Diskussionen in den Institutionen und Fabriken initiiert werden, in denen die Werktätigen ihre Meinungen bezüglich den Problemen, die sie beschäftigen, offen äußern können. Deren Vorschläge sollen ihren Niederschlag in den Beschlüssen der Partei und der Regierung finden, welche zu einem glücklichen Leben in unserem Vaterland führen sollen.
30.10.1956 Die Temeswarer Studenten
Denkschrift (Fortsetzung)
1) Russischunterricht streichen oder Wahlfach
2) Offene Vorlesungen
3) Zwei Jahre Pflichtunterricht Marxismus und Politische Ökonomie(2) sollen in der mittleren Schulausbildung gemacht werden.
4) Sportunterricht lediglich Wahlfach
5) Den bäuerlichen Studenten sollen, ohne Berücksichtigung ihrer materiellen Lage, Stipendien gewährt werden.
6) Presse- und Meinungsfreiheit
7) Reduzierung des Kantinenpreises auf 150 Lei
8) Wenn wir innerhalb von drei Tagen, bis Samstag, keine Antwort bekommen, ab Montag und weiterhin nicht zu den Vorlesungen gehen
Quelle:
Memoriu din partea studenților din Timișoara [Denkschrift der Temeswarer Studenten]. Original im Archiv des Militärgerichts Temeswar (Arhiva Tribunalului Militar Timişoara, dosar 3624, vol. I/Tm, f. 4), Kopie in: Sitariu, Mihaela (2004): Oaza de libertate. Timișoara, 30 octombrie 1956 [Die Oase der Freiheit. Temeswar 30. Oktober 1956]. S. 195-197, Iași: Polirom.
Vorbemerkung und Übersetzung aus dem Rumänischen: Uwe Detemple
9. August 2011
(1) Im rumänischen Original ist der Ausdruck »wesentliche Reduzierung« durchgestrichen und durch einen unleserlichen Text ersetzt worden. Zur Verdeutlichung der Änderung wurde die Forderung mit dem Zusatz »keine Abgaben« versehen. (Anm. d. Übers.)
(2) Im Original ist an dieser Stelle »eine Prüfung und ein Jahr Politische Ökonomie« eingefügt und wieder gestrichen worden. (Anm. d. Übers.)
Siehe auch:
http://www.banaterra.eu/german/content/die-temeswarer-studentenrevolte-von-1956

