Temeswar und seine alten Straßenbezeichnungen

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Hans Gehl

Bevor wir uns der Topografie der Stadt Temeswar und den entsprechenden Toponymen zuwenden, soll der Fluss mit seinen Nebenarmen zu Wort kommen, der lange vor der Stadt dieses Gebiet mit seinen Nebenarmen durchzog und sich auf die späteren Straßennamen auswirkte. Der bekannte Temeswarer Journalist  Franz Engelmann (1928 – 1984) befasste sich auch damit und beschrieb „Eine Fluss-Stadt-Symbiose“ in der Rubrik Kleine Heimatkunde des „Neuen Weg“. Franz Engelmann war bekanntlich – wie Franz Liebhard, ein vorzüglicher Kenner des historischen Temeswar. Anschließend zitieren wir dieser Beitrag Engelmanns und ergänzen ggf. durch Kommentare, Fußnoten oder bibliographische Angaben.

 

Franz Engelmann: Die Bega auf dem Temeswarer Stadtgebiet im 18. Jahrhundert (I)

 

Selten war und ist eine Stadt so eng mit dem Wasserlauf, der sie durchzieht, verknüpft wie Temeswar. Das War schon so, als Stadt und Festung noch „wie eine Schildkröte im Wasser lag“ und ist bis heute so geblieben, da die Bega das Trinkwasser liefert und das Abwasser wieder aufnimmt, die Turbinen treibt, Sportboote trägt und dabei - so behaupten es wenigstens einige unentwegte Petrijünger – sogar noch Fische beherbergt.

            Das Besondere aber an dieser Fluss-Stadt-Symbiose ist, dass beide sozusagen miteiander wuchsen und die Geburt des neuzeitlichen Temeswar – eben jener Stadt, wie sie ab dem 18. Jahrhundert geworden ist – gleichzeitig die Geburt der neuen Bega, des Bega-Kanals, bedeutete und manche Historiker behaupten, dass die ehemalige „Kleine Temesch“ überhaupt erst seit jener Zeit ihren heutigen Namen trägt.

            Im folgenden soll nun auf den Wandel der Bega auf dem Stadtgebiet eingegangen werden, und zwar nicht auf die von den ältesten Bürgern noch miterlebte und den jüngeren wenigstens vom Hörensagen bekannte Endregulierung um das Jahr 1910, sondern von der Frühphase im 18. Jahrhundert. Als Quelle sollen vor allem zeitgenössische Stadtpläne und Karten verwendet werden. Dass es technisch nicht möglich ist, die zum Teil großflächigen Kartenwerke hier auch nur ausschnittweise zu reproduzieren und der Leser außerdem schwer Bezüge von der damaligen Lage zu der heute wesentlich veränderten Stadtlandschaft herstellen könnte, will ich versuchen, eine Lokalisierung nach den heutigen Gegebenheiten – Straßenzügen, Gebäuden und anderen Orientierungspunkten – vorzunehmen. Dabei mag mancher Leser staunen, dass seine Straße vielleicht ein ehemaliges Flussbett war oder sein Haus direkt in einem solchen steht. 

            Zuerst wollen wir versuchen, anhand zweier Karten aus dem frühen 18. Jahrhundert den alten, ursprünglichen Verlauf der Bega bzw. ihrer Hauptarme, zu lokalisieren. Der erste der beiden Pläne trägt eine Aufschrift in französischer und niederländischer Sprache: „Plan des Temiswar et des ses environs avec l'Attaque dans la Planque et un Projet pour la Fortifier“ bzw. „Plaan van Temiswar en van zyne onlegende Strecken ...“ Er ist leider nicht datiert, dürfte aber schon in den ersten jahren nach dem Abzug der Türken, auf alle Fälle aber vor 1723, als der Bau der neuen Festung begann, entstanden sein, denn er zeigt noch sehr detailliert die türkische Stadt und ihre Befestigungen und darüber als Skizze die Umrisse der geplanten neuen Festung.

            Auch die Wasserläufe sind sehr genau mit allen Mäandern und Ausbuchtungen eingetragen, doch scheinen sie dem Zeichner so unwichtig gewesen zu sein, dass er sie nicht mal benannt hat, weder als „Kleine Temesch“ noch als „Bega“. Anders auf dem „PLAN. der Vöstung wo auch die herum liegende Situation wie solche zu Ende des 1734. Jahrs in Temeswar zu ersehen ist“. Hier heißt ves klar und deutlich: „Beghe Fluss“, wobei die auffallend an die rumänische Bezeichnung „Beghei“ erinnernde Orthographie Beachtung verdient.

            Die Lokalisierungsversuche werden jedoch dadurch erschwert, dass der diesbezüglich wichtigere Plan von 1734 einige offensichtliche Ungenauigkeiten aufweist. So sind beispielsweise die Straßenzüge der damals als „Neu Angelegte Raatzen Stadt“ und „Renzers Dorf“ im Entstehen begriffenen Vorstadt fabrik gänzlich falsch und viel zu weit nördlich eingezeichnet, so dass konkrete Orientierungspunkte fehlen. Versuchen wir also eine Übertragung auf den gegenwärtigen Stadtplan, so ergibt sich folgendes Bild:

Der „Beghe Flus“ tritt bei der heutigen Kunz-Kolonie entlang eines auch jetzt noch erkennbaren Wasserlaufs ins Stadtgebiet ein, zieht, den gegenwärtigen Suboleasa-Kanal querend, nach Westen, macht einen scharfen Knick nach Norden, durchquert den damals noch nicht bestehenden Fabriker Friedhof, wo sein vermutliches Bett noch auf dem Stadtplan von 1931 als ausgetrockneter Wasserlauf eingezeichnet ist, und das nördlich davon gelegene Viertel etwa bis zum „Türkischen Kaiser“ und wendet sich dort (oder auch schon ein-zweihundert Meter weiter südlich) in eine Schleife von fast 180 Grad nach Südwest und folgt nun dem bis 1910 bestehenden Flusslauf durch die Hasengasse, umspült die „Pfarrinsel“ (Vârful-cu-Dor-Platz), wo am südlichen Ufer damals schon der Turm der alten Wasserleitung stand, und folgt dann in etwa der heutigen Pestalozzi-Straße, wo an der Südseite des Fabriker Parks noch vor etwa einem Jahrzehnt ein kleiner Rest des alten Laufs zu sehen war. Hier mündete der Fluss schließlich in das verzweigte System der die Palanken und die innere Festung umziehenden Gräben, was hier nicht mehr ausführlicher dargestellt wird. 

            Machen wir also einen Sprung bis an den westlichen Stadt- bzw. Festungsrand. Hier tritt der „Beghe Flus“ westlich der damals noch nicht vollendeten „Eugeny-Bactiom“, also beim Innerstädter Marktplatz, wieder aus dem System der Festungsgräben, fließt südwestlich quer durch die Viertel zwischen der Bogdăneştilor-Straße und dem Bahnhof, etwa entlang der Cuza-Vodă und der Ţebea-Straße, dann im scharfen Knick nach Norden (Alecu-Russo- und Lăpuşneanu-Straße) und wendet sich dann in die Ion-Raţiu-Straße bis in die Ronaz. Auch dieser Abschnitt des ehemaligen Flussbettes ist noch auf dem Stadtplan von 1931 zu erkennen. Es ist bemerkenswert, wie einige Straßen dieser relativ neuen, erst um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert oder noch später entstandenen Viertels sich auch an den Verlauf des alten Flussbettes, das doch damals nur noch ein versumpfter Graben war, halten.

            Schließlich haben wir im Südosten, in dem damals noch sehr weiten Leerraum zwischen der Fabrik und den im Stadtplan von 1734 noch gar nicht erwähnten Meierhöfen, die „Alte Beghe“, die jedoch offensichtlich mit dem Suboleassa-Bach in einem ursprünglichen Regulierungslauf identisch ist und etwas weiter westlich von der Einmündung des „Beghe Flusses“, beim heutigen Thermalstrand in den Graben um die Große Palanka floss.

            Die Mehala aber war kreuz und quer von den Mäandern eines „Alten Arm von der Beghe“ durchzogen, wovon ein Sumpfrest noch bis in die jüngste Vergangenheit [also um 1980] als „Die Fresch“ (die Frösche - „Balta Verde“) erhalten war. 

(Aus „Neuer Weg“ vom 22. 05. 1984)

 

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Eine Studie über Temeswarer Toponyme (Stadtteil- und Straßennamen)

 

Der folgende Aufsatz des Temeswarer Journalisten Franz Engelmann ist als Serie mit 9 Folgen (vom 14. Januar bis zum 31. März 1984) im „Neuen Weg“ erschienen und umfasst auch 6 Reproduktionen alter Dokumente und Fotos.

Ich hatte Herrn Engelmann ein Jahr zuvor ersucht, diese Studie als Beitrag für den 5. Band der von mir betreuten und herausgegebenen Reihe „Beiträge zur Volkskunde der Banater Schwaben“ zu schreiben, die Nikolaus Berwanger 1972 angeregt und laufend unterstützt hatte. Engelmann hatte – wie immer - gut recherchiert, mir den fertigen Text bald übergeben, und ich hatte ihn in das Manuskript des 5. Bandes aufgenommen, der eine etwas ungewöhnliche Geschichte hatte.

Schwierigkeiten gab es beim Erscheinen jeden Bandes (Heide und Hecke – 1972, Handwerk und Brauchtum – 1975, Schwäbischer Jahreslauf – 1978, Schwäbische Familie – 1981 und der letzte, Schwäbisches Volksgut – 1984, in dem auch die Temeswarer Straßennamen vorgesehen waren), indem die Zensur einige Dinge beanstandete und das Manuskript jeweils ein Jahr und länger in der Schublade der Lektorin herumlag. Schließlich sprach Berwanger an der entsprechenden übergeordneten Stelle vor, wo die Freigabe des Bandes zum Druck erzielt werden konnte. Danach ging alles immer ganz rasch: das jeweilige Buch lag schon nach zwei Monaten auf dem Tisch.

Ende 1983 wurde ich zum damaligen Direktor des Temeswarer Facla Verlags, Ion Marin Almăjan zitiert, der mir eröffnete, dass mein Manuskript nicht mit dem bewussten Beitrag von Franz Engelmann über Temeswarer Toponomastik (Ortsnamenkunde) erscheinen könne, da rumänische Straßennamen fehlen und nur deutsche vorhanden sein würden. Meine Einwände, dass dies für das alte Klein Wiendoch normal sei, dieser Aspekt des mündlichen Volksgutes auch erforschtw ewrden müsse und dass ein guter Journalist wohl die damals geforderte „Selbstzensur“ anwenden würde, fruchteten nichts. Die Aufforderung des Verlagsdirektors, den Artikel mit den Straßennamen zu entfernen oder samt meinem Manuskript zu verschwinden, war eindeutig: Ich hatte mich also zu fügen.

Um nicht den ganzen Band zu gefährden, ersetzte ich die Dokumentation über Temeswarer Straßenbezeichnungen durch eine Gliederung der deutschen Mundarten des Banats. Engelmann hat es geschafft, die zurückgewiesene Untersuchung Anfang 1984 ohne Kürzung, mit Text und Illustrationen, als Serie mit neun Folgen im „Neuen Weg“ zu veröffentlichen. Die Temeswarer Volkskundebände wurden jeweils in einer Auflage von 1000 Stück gedruckt, mehr wurde für Minderheiten nicht genehmigt, wenngleich sich interessierte Leser noch jahrelang (vergeblich) an mich um ein Exemplar wandten.

Auf meine Frage, weshalb man die Auflage nicht erhöhen und dem Bedarf anpassen könne, gab man mir zu verstehen, dass so etwas nur der Kriterion Verlag (in Zusammenarbeit mit dem Kölner Böhlau Verlag tun könne, jedoch kein regionaler Verlag. Und im Übrigen wären 1000 Stück doch für eine kleine 3-Prozent-Minderheit mehr als ausreichend (das entsprach damals den Deutschen in Rumänien). Zum Glück konnte ich wesentliche Aspekte der fünf Temeswarer Volkskundebände in einen neuen Band über donauschwäbische Volkskunde einbinden, der alle wesentlichen Aspekte übersichtlich analysiert und beschreibt.

In der Annahme, dass die Studie von Franz Engelmann seit 25 Jahren nichts von ihrer Aktualität eingebüßt hat, habe ich sie aus dem Neuen Weg übernommen und stelle sie hier den Lesern in genauem Wortlaut vor (den ich ggf. durch Kommentare und Fußnoten ergänze). Engelmann hat seine Kenntnisse schon früher zu Papier gebracht, so in einem Aufsatz im „Neuen Weg“ vom 3. Mai 1979, dem wir der späteren Folge vorangestellt haben. beide Aufsätze Engelmanns könnten die Leser des „Temeschburger Heimatblattes“ zu Ergänzungen und Diskussionen anregen.

 

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Franz Engelmann: Die Grünangergasse und die „Neue Welt“. Ein Beitrag zur
deutschsprachigen Toponomastik [Toponymik] Temeswars

 

Dieser Aufsatz soll einen Überblick über die traditionellen deutschen Bezeichnungen von Stadtteilen – sowohl der bekannten Großbezirke wie auch einiger der kleinen, eng umgrenzten „Kretzel“ -, der Gassen und Plätze Temeswars zu vermitteln, als Beitrag zur Erschließung eines interessanten, für den Sprach- und Volkskundler wie auch für den Historiker in gleichem Maße aufschlussreichen Teilgebiet des sprachlichen Volksgutes der Stadt.

            Der Erarbeitung einer solchen toponymischen Studie stehen allerdings nicht unerhebliche Hindernisse im Weg: Der stete Wandel im wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Leben, nicht zuletzt aber auch das rasante Wachstum der Großstädte – und von einer solchen soll ja hier die Rede sein – bewirken, dass alte Toponyme verdrängt werden, teils weil das bezeichnete Objekt – die Straße, der Platz, das Haus – selbst verschwindet, teils durch Neubenennungen, oft ohne lokalgeschichtliche oder lokalgeographische Motivation, teils aber auch dadurch, dass die Neubauzonen mitunter, die alten Stadtteile an Größe, wirtschaftlicher und sozialer Bedeutung weit überrunden und so durch Verschiebung der Schwergewichte lokalgeographische Begriffe, die einst zur „Makrotopono- mastik“ der Stadt gehörten, zu minderer Bedeutung herabsinken lassen.

 

Geschichtszäsur

 

Im Falle Temeswars erwachsen aus der bewegten Geschichte der Stadt zusätzliche Schwierigkeiten. Die tiefe Zäsur der 164-jährigen Türkenherrschaft hat jede Kontinuität vom Mittelalter zur Neuzeit unterbrochen, auch hinsichtlich der Toponomastik. Es sind uns wohl die Namen einiger wehrtechnischer Anlagen – das Schloss, der Wasserturm, teilweise auch die Namen der Stadttore – sowie die einiger Kirchen überliefert, aber keine Gassennamen, obwohl es die zweifellos gegeben hat. Wir müssen uns also auf die zeit von knapp einem Vierteljahrtausend beschränken, denn wohl sind seit dem Abzug der Türken schon fast 270 Jahre vergangen [von 1984 gerechnet], aber in den ersten Jahrzehnten nach 1716 konnte es noch keine Straßennamen geben, weil die Straßen, die sie tragen sollten, noch nicht bestanden. Selbst makrotoponomastische Bezeichnungen haben sich in der Zwischenzeit geändert: Temeswar liegt heute nicht mehr an der Temesch.

            Eine weitere Besonderheit besteht darin, dass die Stadt innerhalb dieser neuzeitlichen Geschichte – also ab 1716 – nicht weniger als fünfmal die Staatszugehörigkeit gewechselt hat und deshalb volkstümliche Straßennamen und andere Lokalbezeichnungen häufig durch neue, politisch motivierte Benennungen ersetzt wurden, die oft auch sehr kurzlebig waren oder zu wenig Bezug zur lokalen Realität oder zum Volksempfinden hatte, um von der Bevölkerung wirklich assimiliert zu werden.

            Die größte Schwierigkeit aber ergibt sich aus der Tatsache, dass in dieser Stadt immer – auch im Mittelalter schon – Menschen verschiedener Zunge beisammen lebten, und jede Temeswar-Toponomastik müsste drei-, fallweise sogar viersprachig sein. So lohnend die Erarbeitung eines solchen mehrsprachigen Registers Temeswarer Straßennamen auch wäre – als Dokument jahrhundertelangen einträchtigen Zusammenlebens und Sich-Verstehens dieser Gruppen verschieden sprechender, aber im Grund gleich fühlender Menschen -, so kann der knappe Raum dieser Aufsatzserie doch nicht der Rahmen für eine solche Studie sein, die außerdem nur als Gemeinschaftswerk einer berufenen Forschergruppe zustande kommen könnte. So möchte ich mich also hier nur auf die deutschsprachigen Bezeichnungen beschränken.

 

Mehrsprachig seit Jahrhunderten

 

Es ist nicht der erste Versuch in dieser Richtung. Franz Liebhard hat in seiner umfassenden Publizistik viel zur Erschließung der deutschsprachigen Topomastik sowohl des ehemaligen Festungsbezirks, vor allem aber seines Heimatstadtteils, der Fabrik, beigetragen und dabei nicht nur die Gassennamen sondern auch die Hausnamen und –zeichen miteinbezogen, die hier nur berücksichtigt werden können, als sie für die Entstehung der Namen von Gassen oder Plätzen maßgeblich waren.

Ebenso bringen unsere deutschsprachigen Periodika – vor allem Neuer Weg und Neue Banater Zeitung - in ihren heimatkundlichen Spalten bereits seit Jahrzehnten Beiträge auch zu diesem Themenkreis. Einen, allerdings kaum zufriedenstellenden Versuch einer umfassenden Darstellung bot Lehnert-Cioclov (1976). Erwähnt werden muss außerdem das Buch von Petri (1975), wo Temeswar verständlicherweise breiteren Raum einnahm.

 

Ich wohne in der Tirolergasse

 

Es soll in diesem Beitrag also nur von den volkstümlichen deutschen Bezeichnungen von Straßen, Plätzen und Stadtteilen die Rede sein, ob diese nun jemals offiziell waren oder nicht, ob sie aus den gegebenen geographisch-wirtschaftlich-historischen Umständen heraus im Volke selbst, das heißt unter den Bewohnern der betreffenden Straße und ihren Anrainern entstanden sind oder durch die vollständige Assimilierung des dem Volksempfinden naheliegenden offiziellen Straßennamen. Nicht hinzuzählen möchte ich einfache Übersetzungen offizieller Namen. Denn wenn beispielsweise in der deutschsprachigen Presse um die Jahrhundertwende [also um 1900] gelegentlich auch „Palatingasse“ statt „Nádor-utca“ stand, kann diese Bezeichnung wohl kaum als ins volkstümliche Sprachgut eingegangen betrachtet werden.

            Zieht man aber in Betracht, dass es in Temeswar seit über hundert Jahren keine offiziellen deutschen Straßennamen mehr gibt – von den Benennungen nach deutschen Persönlichkeiten abgesehen -, so ist es wohl ohne weiteres verständlich, dass auch die Zahl der traditionell gebrauchten deutschen Toponyme laufend zurückging. Hinzu kommt noch, dass die Bevölkerung Temeswars, wie übrigens jeder größeren Stadt, laufend durch Zuzüge aus dem dörflichen Hinterland ergänzt wurde. Auch unter der deutschen Stadtbevölkerung der Gegenwart sind die Familien, die sich seit mehr als drei Generationen Temeswarer nennen können, in der Minderheit. Die Neuhinzugezogenen haben aber keine Beziehung zur Tradition der Straße oder des „Kretzels“, in dem sie nun wohnen, und werden schon der Einfachheit halber den Straßennamen akzeptieren, der auf der Tafel an der Ecke steht.

            Unter diesen Umständen ist es heute schon nicht mehr leicht, alle traditionellen Straßennamen zu erfassen, und ich erhebe auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Dennoch möchte ich diese Untersuchung als einen Beitrag zur Erhaltung des sprachlichen Volksguts der Stadt betrachten. Und wenn es meine Landsleute so halten wie ich, dann habe ich meinen Zweck erreicht. Werde ich nämlich nach meiner Adresse gefragt, so nennen ich selbstverständlich die Porumbescu-Straße, sonst aber sage ich, dass ich in der Tirolergasse wohne, und ich bin ziemlich sicher, von jedem alteingesessenen Temeswarer, zumindest von jedem Meierhöfer, verstanden zu werden, eventuell sogar, wenn er Rumäne, Ungar oder Serbe ist.

 

Die Stadtgeographie Temeswars

 

Doch bevor wir zu den Straßennamen kommen, ist es notwendig, auf die Stadtgeographie Temeswars in ihrem geschichtlichen Werdegang einzugehen, da sich nur in diesem Zusammenhang einige Besonderheiten der Makrotoponomastik, also der Gassen- und Platznamen, erklären lassen. Außerdem müssen die Namen der Stadtteile im weiteren zur Lagebestimmung der Straßen und Plätze immer wieder herangezogen werden. Historisches soll hier nur soweit erwähnt werden, als es zum allgemeinen Verständnis unbedingt nötig erscheint.

            Bereits das mittelalterliche Temeswar – die besondere geschichtliche Entwicklung des Banats erfordert, dass wir die gesamte Zeitspanne bis 1916, also auch die Türkenzeit, zum Mittelalter zählen – war in vier deutlich zu unterscheidende Teile gegliedert: die Stadt, das Schloss, die Große und die Kleine Palanka. Wenn diese ein geschlossenes, nur durch die Festungsmauern und die zahlreichen Arme der Bega – nach dem damaligen Sprachgebrauch die Kleine Temesch - gegliedertes ganzes darstellten, so wurde das nun anders. Die neue Festung, der fast die ganze Bausubstanz der mittelalterlichen Stadt geopfert wurde, einschließlich der beiden Palanken, forderte nach der damaligen Kriegstechnik ein weites, unbebautes Vorfeld, das der eigenen Artillerie freie Schussbahn gewährte, dem Feind aber jede Deckung nahm – die so genannte Esplanade.

            Da von Anfang an  die eigentliche Stadt nur einen kleinen Teil der Bevölkerung aufnehmen konnte, musste diese umgesiedelt werden – in die so genannten Vorstädte jenseits der Esplanade. So entstand das bekannte Fünfgestirn, das heute noch das Skelett der Stadtstruktur bildet: 1. die eigentliche Stadt, also der Festungsbezirk, 2. die Fabrik, 3. die Meierhöfe, 4. Die Josefstadt und 5. Die Mehala (die Nummerierung entspricht den jetzigen Stadtbezirken.

 

Die Stadt

 

Der Bezirk innerhalb der Festung war flächenmäßig und bald auch hinsichtlich der Bevölkerungszahl der kleinste Stadtteil, beherbergte jedoch alle Verwaltungs- und Kulturinstitutionen und war gleichzeitig auch der Mittelpunkt des Geschäfts- und Gesellschaftslebens. Dennoch fand in dieser Enge noch im 19. Jahrhundert eine Gliederung statt: Innerhalb des streng gradlinigen neuen Straßennetzes wurde ein „Raizen-“ und ein „Judenkarree“ ausgespart. (Geschichtliche Erklärung: gemäß den Anordnungen der neuen österreichischen Machthaber sollten innerhalb der Festung nur römisch-katholische Deutsche das Wohnrecht haben. Auf ihre älteren Rechte pochend, setzten jedoch die „Raizen“ (Sammelbezeichnung für die nichtkatholische, rumänisch-serbische Bevölkerung – ihre Zulassung in der Festung durch. Die Zulassung der Juden dürfte wirtschaftliche Gründe gehabt haben bzw. auf das Toleranzedikt der Aufklärungsepoche zurückzuführen sein.) Ich erwähne diese „Karrees“, weil von ihnen später, bei den Straßennamen, noch die Rede sein soll.

            Als am Ende des vorigen Jahrhunderts der Festungscharakter der Stadt aufgehoben wurde und zuerst die Tore und später die Wälle bis auf die bekannten, heute noch stehenden Reste abgetragen wurden, verschwand fast gleichzeitig auch das Toponym „Festung“ und wurde im allgemeinen Sprachgebrauch mit Innere Stadt oder einfach die Stadt ersetzt, wohl als spontane Reaktion der Bürger, denen die längst anachronistisch gewordene Zwangsjacke aus erde und Stein, die jede Entwicklung der Stadt behinderte, schon längst verhasst war. Der Bürger etwa aus der Josefstadt sagt auch heute noch einfach „Ich gehe in die Stadt“ und gebraucht nur selten die genauere Umschreibung „Innere Stadt“. Ähnlich auch im Ungarischen: „belváros“ oder einfach „város“. Nur im Rumänischen hat sich die Bezeichnung „cetate“ erhalten und wurde sogar auf die gesamte innere Stadt, also auch auf die Teile außerhalb der ehemaligen Festung, übertragen.

            Tatsächlich geht es ja auch gar nicht mehr nur um den ehemaligen Festungsbezirk. Schon seit den ersten Jahren unseres Jahrhunderts [also ab 1900] begann die Stadt mit stattlichen öffentlichen Bauten, ab 1910 auch mit prachtvollen Wohn- und Geschäftshäusern über die alte Walllinie hinauszuwachsen. Heute ist das ganze Gelände der ehemaligen Festungswerke und ihr unmittelbares Vorfeld restlos verbaut bzw. in Grünanlagen umgewandelt, und der gesamte 1. Stadtbezirk ist um ein Vielfaches größer als das ehemalige Festungsviertel. Zur genaueren Lokalisierung will ich deshalb im folgenden den Raum innerhalb der einstigen Wälle Alt-Stadt nennen – eine zutreffende, in Temeswar aber wenig gebräuchliche Bezeichnung -, den ganzen neuen Teil des Zentralbezirks aber Innere Stadt.

 

 

Fabrika alias Palanka maior

 

Ob wir es bei der „Fabrika alias Palanka maior“, die Franz Liebhard nach einer Urkunde von 1717 (vgl. Liebhard: Banater Mosaik, S. 51) bereits mit den Anfängen des heutigen Stadtteils Fabrik  zu tun haben, muss unter Fragezeichen gestellt werden. Denn es gibt keinen beweis dafür, dass sich schon knapp ein Jahr nach der Befreiung der Stadt von den Türken Vorstädte zu entwickeln begannen. Nehmen wir das Wort „fabrica“ in seiner Bedeutung im mittelalterlichen latein, also im Sinne von Bauhütte, Bauhof, so dürfte es möglicherweise ein solcher gewesen sein, vielleicht ein großer Werk- und Lagerplatz, wo Baustoffe für die bevorstehenden Umgestaltungen zugerichtet und gestapelt wurden, und der sich irgendwo in der Großen Palanka befand. Für die Benennung einer ganzen Vorstadt als „Fabrik“ waren einfach die Voraussetzungen noch nicht gegeben.

            Anders zehn Jahre später – 1727 -, als die „Tuchfabrik“, die vor dem Lugoscher Tor auf einer kleinen Begainsel angelegt wurde, bereits „einen beträchtlichen Gewinn“ brachte (Preyer 1853: 64). Und auf dem anonymen Stadtplan von 1734 sind schon die „Tuch Fabrique“ und die „Seiden Fabrique“ mit dem „Maul-Beer-Hainn-Garten“, das „Kays(erliche) Bräuhaus“ wie auch der „Cannal von der Papier Mühle und Draht Zug Hammer“ eingerechnet, also tatsächlich schon eine stattliche Industrie, durchaus in der Lage, der neu entstandenen Vorstadt ihren Namen zu geben.

            Diese Vorstadt erscheint denn auch tatsächlich auf dem gleichen Plan als Neu Angelegte Raatzen Stadt und als Renters Dorf, aus denen schließlich die Illyrische Fabrique wurde. Besiedelt wurde sie mit denen aus der Großen Palanka verdrängten Serben und Rumänen, die 1780 bereits 666 Häuser zählte, bzw. die deutsche Fabrique mit 190 Häusern (Liebhard 1976: 51). Die noch im 18. Jahrhundert vereinigte Vorstadt Fabrik wuchs rasch. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts [also um 1850] liegt jenseits der Bega bereits die Neue Welt mit acht Straßen (nach Preyer 1853, Stadtplanbeilage 3), und etwas später entstand östlich der Tigergasse ein weiteres Viertel mit sieben Gassen, das Palanka  genannt wird [vgl. Liebhard 1976, S. 51]. Nach mehr als hundert Jahren lebt also noch immer die Erinnerung an einen Stadtteil des mittelalterlichen Temeswar, aus dem einst die Mehrheit der Bewohner der neuen Vorstadt kam.

            In der Fabrik, die schon im 18. Jahrhundert an Einwohnerzahl die Festung weit überflügelt hatte und bis in die jüngste Vergangenheit der volkreichste Stadtteil blieb, entwickelte sich ein nicht unbegründeter Bürgerstolz. „Alles Gute kommt aus der Fabrik“, sagte man, und meinte damit das Bier und das Wasser aus der bis 1849 bestehenden alten Wasserleitung. Und als dann die elektrische Beleuchtung eingeführt wurde, hieß es „Ex orientem lux“ – die Fabrik, wo das Elektrizitätswerk steht, liegt je bekanntlich im Osten der Stadt. (Allerdings stimmt die Lobeshymne „Temeswar, die erste europäische Stadt mit elektrischer Straßenbeleuchtung“ nicht ganz, denn die oberösterreichische Stadt Steyr war gerade mal mit zwei Wochen voran. Gehl)

            Zu betonen wäre, dass die Vorstadt immer nur die Fabrik hieß. Die gelegentlich gebrauchte Bezeichnung Fabrikstadt  widerspricht sowohl der Tradition wie auch der offiziellen Benennung.

 

Die Meierhöfe

 

Nach Preyer (Monographie 1853: 61) wären die Meierhöfe die älteste der Vorstädte. Doch die von ihm zitierte Aufzeichnung aus dem Jahre 1721 beweist lediglich, dass die Bürger der Stadt damals in dieser Gegend Gärten besaßen. Und selbst wenn darin auch schon einige Häuser standen – vermutlich auch das oft genannte „Türkenhaus“ -, so war es doch bestimmt noch zu früh, von einer eigenen, geschlossenen Vorstadt zu sprechen. Man wird wohl nach wie vor der Fabrik das Recht der „Erstgeborenen“ zusprechen müssen.

            Im übrigen war auch diese Vorstadt in zwei Viertel geteilt, die „Walachischen Mayerhöfe“ und die „Deutschen Mayerhöfe" (Preyer 1853, Stadtplanbeilage 3). Wir haben hier also den einzigen Stadtteil, der offiziell als „rumänisch“ bezeichnet wird, was wohl in Anbetracht der Tatsache, dass in allen Stadtteilen – mit Ausnahme vielleicht der Josefstadt – von Anfang an Rumänen recht zahlreich ansässig waren, besondere Bedeutung gewinnt. Laut Ilieşu (S. 151 und 173) bestand hier bereits seit 1727 eine rumänisch-orthodoxe Holzkirche und 1758 auch eine rumänische Schule. Die Rumänischen Meierhöfe  befanden sich im Osten, die Deutschen im Westen, mit dem Berührungspunkt im heutigem Zentrum des Stadtteils, dem Bălcescu-Platz.

            Die Vorstadt bewahrte lange zeit ihren dörflichen Charakter mit kleinen Gärtnerei- und Handwerksbetrieben und begann sich erst gegen ende des 19. Jahrhunderts sehr rasch zu entwickeln, nun vor allem als begehrte Wohnzone mit eleganten Villenvierteln. Eine nennenswerte Industrie gibt e shier auch heute noch nicht, dafür entwickelten sich hier in der Zwischen-, vor allem aber in der Nachkriegszeit das Hochschulviertel der Stadt und mehrere Forschungsinstitute. Die ältesten Teile bewahren auch heute noch ihr dörflich-kleinstädtisches Gesicht.

            Im Jahre 1896 wurde die Vorstadt auf Elisabethstadt umbenannt, nach Elisabeth („Sissi“), der Gattin Franz-Josephs (1848-1916). Es entstand nun ein zwiespältiger Sprachgebrauch: Während sich die Bewohner der alten Teile weiter Meierhöfler nannten, pochten die der neuen Viertel, die alte Bezeichnung als abwertend betrachtend und ihre Nobelvillen von den dörflichen Häusern distanzierend, auf Elisabethstadt. Beide Bezeichnungen können als volkstümlich angesehen werden, auch der Rumäne kennt sowohl „Elisabetin“ wie auch „Maiere“, der Ungar „Eszébetváros“ wie auch „Majorok“. Ihc werde hier grundsätzlich nur Meierhöfe sagen, weil diese Bezeichnung die ältere, traditionsreichere und lokalgeschichtlich motivierte ist, und auch weil sie heute noch der Physiognomie der ältesten teile, in denen die meisten Straßen mit deutschen Traditionsbezeichnungen liegen, besser entspricht.

 

Ein Irrtum ist zu beseitigen (die Josefstadt)

 

Bezüglich der Josefstadt muss hier zuerst ein Irrtum aufgeklärt werden, der ab und zu noch zu hören oder auch zu lesen ist, dass nämlich diese Vorstadt mit den deutschen Meierhöfen identisch wäre, was nicht stimmt. Die Fehldeutung geht darauf zurück, dass die Vorstadt, die sich in den frühen vierziger, vielleicht auch schon in den dreißiger Jahren des 18. Jahrhunderts nordwestlich der Meierhöfe, jenseits der damaligen Peterwardeiner Straße (6.-März-Boulevard) zu entwickeln begann, ab 1744 offiziell den Namen „Neue Deutsche Meierhöfe“ trug, aber von Anfang an eine selbständige Vorstadt war, der zeitweilig sogar die „alten“ Meierhöfe administrativ unterstellt waren (was vielleicht ebenfalls zu der irrigen Gleichsetzung beitrug. Im Jahre 1773 wurde der Stadtteil auf Josefstadt umbenannt, nach Joseph II. (Kaiser von 1780-1790), anlässlich eines zweiten Besuchs in Temeswar. Diese Bezeichnung hat sich vollkommen eingebürgert, die alte Bezeichnung jedoch ist vergessen.

            Die Josefstadt hat ebenso wie der Festungsbezirk schnurgerade, sich rechtwinkelig schneidende, meist überbreite Gassen, ähnlich wie in den großen Siedlerdörfern der Banater Heide. Ursprünglich – wegen der „besseren Luft“ – vor allem mit Sommerhäusern wohlhabender Bürger aus der Festung verbaut, umfasste sie aber auch schon früh große Gärten mit ausgedehnten Wirtschaftsbauten. Dank der günstigen Lage am schiffbaren Teil des Begakanals entwickelten sich rasch auch der Handel und die Industrie. Nach dem Eisenbahnanschluss von 1857, wobei der Josefstädter Bahnhof Jahrzehnte hindurch der einzige der Stadt war und auch bis heute der Hauptbahnhof blieb, trat der Stadtteil sogar in den wirtschaftlich-industriellen Wettlauf mit der Fabrik ein, jedoch ohne diese überholen zu können. Eine Gliederung in historisch-geographisch und wirtschaftlich bedingt eigenständige Viertel wie in der Fabrik oder den Meierhöfen kannte die Josefstadt nicht, wohl als Folge ihrer relativ geringen Ausdehnung und der Tatsache, dass sie von Anfang an als systematisches Ganzes angelegt war.

Das „Dorf in der Stadt“ – die Mehala

 

Die Mehala entstand, ebenso wie die Fabrik, durch die Umsiedlung der rumänisch-serbischen Bevölkerung aus der Palanka. Am Anfang wurde die Siedlung, die gleichfalls ein ziemlich regelmäßiges Straßennetz mit zentralem Platz aufweist, „Neu-Város“ genannt, sonderbar nicht nur in der Verquickung eines ungarischen Grundwortes mit einem deutschen Bestimmungswort, sondern auch deshalb, weil die Mehala gar nicht Bestandteil der Stadt war, sondern eine selbständige Dorfgemeinde, die zu Temeswar in feudaler Abhängigkeit stand. Dies änderte sich auch nach 1848 nicht, als die Stadt zwar die Feudalvorrechte verlor, aber weiterhin Eigentümer eines beträchtlichen Teils des Bodens blieb.

Wann der Name Mehala, ein über das Türkische aus dem Arabischen  übernommenes Fremdwort aufkam, lässt sich nicht ermitteln. Wahrscheinlich schon gleichzeitig mit der Gründung der Siedlung, als volkstümliche Bezeichnung neben der bald in Vergessenheit geratenen offiziellen Bezeichnung „Neu-Város.“ Erst 1910 wurde die vorstädtische Landgemeinde an die Stadt angeschlossen und erhielt den Namen Franzstadt, der jedoch von der Bevölkerung nicht angenommen wurde und bald in Vergessenheit geriet.

            Die Mehala hat ihren dörflichen Charakter, in ihren ursprünglichen Grenzen, fast zur Gänze bis heute [um 1980] bewahrt. Eine Gliederung gab es auch hier bis zum Anfang unseres Jahrhunderts nicht. Danach [nach 1900] jedoch entstand ein ganzer Kranz von Randvierteln, von denen noch die Rede sein wird.

 

„Stadel“ und „Kretzel“

 

Im Zusammenhang mit den Namen der Stadtteile und –viertel sei noch auf zwei Ausdrücke hingewiesen, welche die Verwandtschaft des Temeswarer Dialekts mit dem Wienerisch-Österreichischen unterstreichen: Stadel und Kretzel. Wenn das Cameral Holz Stadel (Preyer 1853, Stadtplanbeilage 3), das zwischen der Festung und der Fabrik, an dem in drei Arme geteilten Holzschwemmkanal, also dem Floßhafen, lag, vielleicht noch im oberdeutschen Sinn von 'Scheune' oder 'Schuppen' (hier zur Lagerung des Holzes) zu verstehen wäre, so ist es beim Katharinenstadel  eindeutig nicht mehr so: Die Katharinenkirche mit dem alten Franziskanerkloster, an der äußersten Südostecke der Großen Palanka gelegen, ungefähr dort, wo beute das Pädagogische Lyzeum steht, war die einzige christliche Kultstätte, die als solche die Türkenzeit überdauert hatte. Alle anderen Kirchen waren in Moscheen umgewandelt worden.

Diese Kirche wurde erst 1757, als sie dem wachsenden Festungsbau im Wege stand, niedergerissen. Um die Kirche und das Kloster aber stand eine Gruppe von Häusern, wie aus dem schon erwähnten Stadtplan von 1734 ersichtlich, auch eine beachtlich große „Cassarne vor Cavallerie“ und das „Ober Mauth Amt“ – mit einer Zapfstelle der Wasserleitung, nämlich das „Katharinen Stadel“. Hier hat das Wort also offensichtlich die Bedeutung von 'kleiner Ort', auch 'Ortsteil', ein Diminutiv von Stadt sozusagen. Deshalb schreibt Preyer auch folgerichtig „Katharinenstadtl“ (also 'Städtchen'). Solche „Stadel“ oder „Stadtel“ gab es übrigens auch in der Festung, wobei allerdings die Bedeutung: 'Stadtviertel, Lagerhaus' oder auch einfach 'Stätte', schwer zu bestimmen ist: Auf dem Stadtplan von 1758 gibt es eine „Schiffs Requisiten Stadt“, ein „Salz Stadl“ und eine „Neu erbaute Cameral und Provinzial Mehlliegestadt".

            Noch ein vermerk zu den Temeswarer Toponymen „Stadl (Stadtl)“ und „Kretzl“. Wenn das Stadel längst aus dem Wortschatz der Temeswarer Stadtsprache verschwunden ist, so ist das verwandte „Kretzel“ umso zählebiger: Auch heute bezeichnet der deutsche Temeswarer damit seine unmittelbare Wohnumgebung und ist damit sogar dudenkonform: Im Großen Duden (Leipzig 1976) stand noch Grätzel oder Kretzel: österreichisch, umgangssprachlich für 'Umkreis, z. B. kleiner Teil eines Stadtviertels'.

 

Räumlich Trennung der Stadtteile

 

Die alten Temeswarer Stadtteile lagen in ihrer ursprünglichen Ausdehnung, die sich bis ins späte 19. Jahrhundert kaum verändert, sehr weit voneinander entfernt. Vom Zentrum der Josefstadt bis in die Mitte der Fabrik waren es, quer durch die Festung, fast fünf Kilometer. Die Mehala war ganz isoliert; keine einzige der großen Heerstraßen, die sich an den Festungstoren bündelten, streifte sie. Nur die Meierhöfe und die Josefstadt berührten sich, allerdings durch die Peterwardeiner Straße getrennt.

            Dieser räumliche Abstand hatte zur Folge, dass jeder Stadtteil sein Sonderleben führte, sich sozusagen als selbständige Gemeinde fühlte. Die Vorstädte hatten auch tatsächlich ihre beschränkte autonome Eigenverwaltung, das „Grundgericht“, dem ein „Grundrichter“ vorstand. So ist es auch nicht verwunderlich, dass sich gewisse Toponyme wiederholen, dass es also den gleichen Straßennamen sowohl in der Festung als auch in der Josefstadt, in der Fabrik und in den Meierhöfen gab. Das muss in den folgenden Ausführungen berücksichtigt werden.

            Die Entfestigung wurde Ende des 19. Jahrhunderts in Angriff genommen. Dadurch entstanden für die Stadtverwaltung große baupolitische Aufgaben: Es galt, den Festung genannten 1. Bezirk und die in einer Entfernung von rund 1800 Metern um den entfestigten Stadtkern inselartig gelagerten Vorstädte zu einer modernen Stadt zu verschmelzen. Der Stadtregulierungsplan aus den 1990er Jahren sah in der Hauptsache die Verbindung der Inneren Stadt mit der Fabrik bzw. dem 4. Bezirk (die Josefstadt) durch zwei breite Boulevards vor, die im Süden durch eine Ringstraße miteinander zu verbinden waren.

            Abgesehen von der Abtragung der Befestigungen, durch die allein 326 Joch Baugrund frei wurde und die über 25 Millionen unversehrte Brennziegel ergab – das Tausend um 20-24 Kronen verkaufbar, konnte von den wichtigsten Bauvorhaben bis 1918 nur ein Bruchteil ausgeführt werden. Wohl brachte das rumänische Regime von 1919 an eine starke Steigerung der Bautätigkeit, und gegenüber den 4200 Häusern, die Temeswar vor der Vereinigung besaß, war ihre Anzahl 1943 auf 9050 gestiegen. Es zeigte sich aber auch, dass die Baubedingungen der bürgerlichen Gesellschaft durch ganz andere (...) ersetzt werden mussten.

            Nur dadurch war es möglich, die komplizierten Bauprobleme der Stadt Temeswar in breiter Front, ohne privatwirtschaftliche Einengungen, anzugehen und eine großzügige, nur auf die allgemeinen Interessen bedachte Bautätigkeit zu entwickeln. Das vollzieht sich in der Gegenwart [1968] (...) in der fünften baulichen Systematisierung in der vielhundertjährigen Geschichte Temeswars.

            Engelmann schreibt weiter: Erst in der zweiten Hälfte des 19. und verstärkt zu Beginn des 20. Jahrhunderts, vor allem nach der Aufhebung des Bauverbots im ehemaligen Festungsvorfeld und schließlich auf dem Gebiet der Festung selbst, begann die Stadt sowohl nach innen als auch nach außen zu wachsen. Es entstanden eine Reihe von Teilvierteln, die kurz beschrieben werden sollen.

 

Ronaz und Rote Tscharda

 

Als erste entstanden die Fabriker Weingärten, die sich vom Nordrand der Fabrik jenseits der Esplanade im Bogen bis zur Lippaer Straße hinziehen. Dieses Viertel war eine bäuerlich-kleinbürgerliche Siedlung, wo bis zum großen Philoxerabefall 1887 tatsächlich der Weinbau eine Haupterwerbsquelle darstellte. Der amtlich angeführte Namen Rudolfsheim hat sich nie durchgesetzt und ist vergessen.

            Eine Reihe von Rand- und Lückenvierteln, die nun entstehen, werden „Kolonien“ – ungarisch „telep“ – genannt, häufig unter Hinzufügung des Namens des Besitzers des Grundes, der für den Hausbau parzelliert wurde: Am Südostrand der Fabrik entsteht nun die Arbeiterkolonie (ung. Munkas­telep), eine mit staatlicher Förderung angelegte Kleinhaussiedlung für Landarbeiter, und die Kunzkolonie (nach dem Ziegeleibesitzer Kunz); am Südrand der Meierhöfe die Niemetzgärten (nach dem bekannten Großgärtner Niemetz) und die (auch „Schnappischen Felder“). Die meisten „Kolonien“ aber entstanden um die Mehala, noch ehe diese an die Stadt angeschlossen wurde: Im Süden, gegen den Bahnhof die Anheuer, die Blaskovits- und die Weisz-Kolonie, im Osten die Ronaz (geht wahrscheinlich auf einen Flurnamen zurück und wurde auch nie Kolonie genannt). Ebenso wuchs die Mehala auch im Nordosten bis zur Torontaler Straße und schloss bald an die Fabriker Weingärten an.

Außerhalb der Stadt aber entstanden Neu-Kischoda und die Besenyei-Kolonie (heute gemeinsam unter dem Namen Fratelia, 8. Stadtbezirk), Neu-Freidorf (zusammen mit der Muttergemeinde Alt-Freidorf, 7. Stadtbezirk), im Osten, beiderseits der Bega, die Krizsan- und die Kardos-Kolonie (Neugiroda bzw. Plopi, Stadtbezirke 8 und 9), und schließlich im Südosten, an der Busiascher Straße, die Rote Tscharda (Stadtbezirk 10). Alle diese Randviertel wurden erst nach dem Zweiten Weltkrieg an die Stadt angeschlossen.

Auf einem aktuellen Temeswarer Stadtplan erscheint das vom türkischen Reisenden Evlia Tschelebi noch schildkrötenförmig gesehene Temeswar bereits als fast kreisförmige und größtenteils verbaute Fläche. Die heutigen Stadtteile sind – im Uhrzeigersinn gelesen: Cetate, Fabric, Fabric Vii, Banat (noch unverbaut), Ghiroda, Ghiroda Nouă, Crişan, Plopi, Kunz, Ciarda Roşie, Braytim (im Entstehen), Elisabetin, Iosefin, Fratelia, Chişoda, Freidorf, Ronaţ, Mehala, Aradului.

Der zitierte Stadtplan gibt Auskunft über Sehenswürdigkeiten der Stadt, Kirchen und Denkmäler, Theater, Kinos, Schulen und Universitäten, Spitäler, Behörden und Einkaufszentren. Der auf 1752 festgelegte Abschnitt „Cetate – Burg (Festung) - Castle“ (ung. als r betitelt) umfasst die folgenden Hinweise: Bastionul Castelului, Poarta Petrovaradin, Bastionul Mercy, Bastionul Eugeniu, Bastionul Elisabeth, Poarta Vienă, Bastionul Carol, Bastionul Francisc, Bastionul Theresia, Poarta Transilvania, Bastionul Iosif, Bastionul Hamilton und Cazarmă a Transilvaniei. Dieses Stichwortverzeichnis enthält Material für mindestens zehn weitere Untersuchungen, doch das ist nicht das Thema des vorliegenden Aufsatzes Franz Engelmanns und noch weniger das Ziel meiner Ausführungen.

 

Mein Ziel – als zugezogener Temeswarer - war es lediglich, aufgrund der fundierten Studie von Engelmann auf die Vielfalt und Buntheit der alten deutschen Temeswarer Toponyme zu verweisen und nebenbei zu würdigen, dass auch deutsche Persönlichkeiten zum Fortschritt der Stadt beigetragen haben. Sicherlich werden alteingesessene Temeswarer mancherlei Besonderheiten über ihre Gasse und ihr Kretzl erzählen können. Ihre Zuschriften von Ergänzungen über die Entwicklung der Stadt und ihres Wohnviertels sind erwünscht.

 

Hier wird die Aufsatzreihe des Temeswarer Journalisten Engelmann weiter zitiert und ggf. durch Kommentare und Fußnoten ergänzt. Auch die Literaturangaben wurden weiter erweitert.

 

Anfangs noch wenige Straßennamen

 

Das erste mir bekannte Dokument, dass die Straßennamen Temeswars, allerdings nur jene des Festungsbezirks, enthält, ist der von den Provinzialingenieuren Carl Alexander Steinlein und Z. J. Römmer entworfene Stadtplan von 1758. Insgesamt erscheinen dabei 22 Namen von Straßen und Plätzen, was auf eine noch sehr geringe Gliederung der einzelnen Straßenabschnitte hinweist, denn heute gibt es bei fast unverändertem Straßennetz auf dem gleichen Gebiet nicht weniger als 35 Toponyme. Die langen, zum Teil das ganze Festungsgelände durchlaufenden Straßen tragen durchwegs, ohne Rücksicht auf ihre Unterbrechung durch einen der beiden großen Plätze, einen einzigen Namen, und diese sind: Elisabetha-Gassen (heute Mărăşeşti-Straße), Caroli (Corvin- und Rodnei-Straße), Francisci (Grigorescu- und Coşbuc-Straße), Theresia- (Gheorghe-Lazăr-Straße bzw. Palanca-Straße und Dolceşti-Platz), Eugeny- (Ceahlău-Straße), Wiener- (Alecsandri- und Karl-Marx-Straße) und Peterwardeiner-Gassen (Ungureanu- und Alba-Iulia-Straße).

 

Die Bastionen gaben den Namen

 

Von diesen sieben Hauptstraßen waren also fünf nach Persönlichkeiten benannt, und zwar nach Mitgliedern des Hauses Habsburg bzw. nach Prinz Eugen. Sehen wir uns aber den Stadtplan näher an, so stellen wir fest, dass die Straßen ihren Namen eigentlich nach dem Teil der Festung erhielten, der an ihrem Ende stand: Die Caroli-Gasse lief auf die Caroli-Bastion zu, die Eugeny-Gasse zur Eugeny-Bastion (tatsächlich aber nicht, denn die ursprünglich durchlaufend gedachte Gasse wurde in ihrem Westteil durch das quergestellte Militätspital abgeschlossen; Die Eugeny-Bastion war jene, deren Reste heute noch beim Innerstädter Marktplatz stehen) usw.

            Die Wiener und die Peterwardeiner Gasse hatten als Endpunkte das wiener bzw. Peterwardeiner Tor, ebenso wie die Siebenbürger Gassen (Eminescu-Straße) – sie wurde oben nicht erwähnt, weil sie nicht zu den durchgehenden Hauptstraßen zählt – zum Siebenbürger Tor führte. Gleichfalls nach einem Teil der Festung war auch das Proviant Plätzl (Teil der Popa-Şapcă-Straße) benannt, und zwar nach dem „Proviant Revelin“ (Stadtplan 1734), das ist die heute noch stehende Bastion, während hinter dem Peterwardeiner Tor das Thor Plätzl lag.

 

„Krumpe Gassen“ und „Enges Gassel “

 

Alle diese simplen, wahllos vom nächstliegenden Objekt abgeleiteten Straßennamen zeugen weniger von Phantasielosigkeit als vielmehr davon, dass die in ihrer neuen Form noch kein halbes Jahrhundert alte Stadt jeder Tradition entbehrte, die zu originellen, lebensnahen Benennungen führen konnte. Es sind sozusagen Not- und Verlegenheitsnamen, weil es an anderen namengebenden Elementen fehlte. Wo es aber solche gab – öffentliche Gebäude, Institutionen u. ä. -, widerspiegelt sich das auch bereits in den Straßenbezeichnungen. So hieß die Straße, die an dem (zu jener Zeit noch nicht vollendeten) Präsidentschaftspalais vorbeiführte, Präsidenten Gassen (Engels- und 11. Juni-Straße) und der Platz, wo sich Kirche und Kloster der Jesuiten befand, Jesuiter-Plätzl (heute auf geändertem Grundriss Vasile-Roaită-Platz).

            An das ein Jahr vorher geschleifte Katharinenstadel erinnert das Katharina-Gassel (Pietrosul-Straße), wo sich die Franziskaner aus dem Katharinenstadel ihre neue Kirche mit einem kleinen Kloster errichtet hatten. Zwischen den zwei ersten Krankenhäusern der Stadt, dem Barmherzigenspital und dem damals ganz neuen Bürgerspital, führt das Hospital-Gassel (1. Mai-Straße) durch. Zu den Spitälern aber geht das Barmherzigen-Gassel (Vlad-Delamarina-Straße), und außerdem gab es noch ein Saltz-Gassel (Nordseite des Huneade-Ploatzes), benannt nach dem Salzdepot.

            Zu den von Personennamen abgeleiteten Toponymen ist noch das Mercy-Plätzl zu zählen, benannt zu Ehren des 1734 verstorbenen ersten Gouverneurs des Banats, der hier seinen Wohnsitz hatte (Teil des 23.-August-Boulevards, gegenüber dem Hotel „Continental“. Rätsel geben zwei andere Gassennamen auf: Das Stäubl-Gassel (Dimitrie-Cantemir-Straße) und das Leitter-Gassel (das heute namenlose Gässchen zwischen der 9. Mai- und der Praporgescu-Straße, gegenüber der ehemaligen Buchhandlung Morawetz, heute „Şcolarul“). Im ersten Fall dürfte es sich um einen Personennamen handeln, obwohl mir nicht bekannt ist, wer dieser Stäubl gewesen sein könnte. Eine Ableitung von Stäupen, der damals als Militärstrafe üblichen Züchtigung mit Ruten, halte ich jedenfalls für unwahrscheinlich, obwohl die Gasse mitten in einem „militärischen“ Viertel lag (entlang der „Stabskaserne“, zwischen „Generalitätshaus“ und Siebenbürger Kaserne). Im zweiten Fall ist die naheliegende Erklärung die, dass dieses vermutlich damals wie heute völlig verkehrslose Gässchen zum Abstellen der städtischen Feuerleiter benutzt wurde.

            Besonders ansprechend in ihrer naiven Unmittelbarkeit sind die Namen Krumpe (krumme) Gassen (Paul-Chinezul-, Ţarcu- und Griselini-Straße), die tatsächlich als einzige von sonst allgemeinen Gradlinigkeit bund Rechtwinkeligkeit abwich, und das Enge Gassel (heute namenlos, zwischen dem Deschan-Palais und Mercy-haus, von der Eminescu-zur Ceahlău-Straße). Der Domplatz hieß damals schlicht Haupt Platz, während der Freiheitsplatz schon den heute noch gelegentlich gebrauchten Traditionsnamen Parade Platz trug.

 

Die Stadt verändert ihr Gesicht

 

Hundert Jahre später, also 1859, zeigt sich schon ein viel bunteres Bild: Auf dem gleichen engen Rund zwischen den Festungswällen erscheinen nun nicht weniger als 43 Namen von Gassen und Plätzen. Was war geschehen, hatte sich das Straßennetz erweitert? Nicht im geringsten. Aber die Stadt hat inzwischen ihr eigenes Gesicht bekommen, die Zahl der öffentlichen Einrichtungen, Kulturinstitutionen, Lehranstalten u. a., nach denen Straßen benannt werden konnten, hat sich vermehrt. Zugleich war das Selbstbewusstsein der Bürger gewachsen; sie hatten längst ihre Unmittelbare Wohnumgebung nach ihrem eigenen Geschmack nicht nur gestaltet, sondern auch benannt. Eine Straße, die früher in ihrer ganzen Länge einen einzigen Namen trug, hat nun abschnittsweise zwei, drei oder noch mehr. Und gelegentlich führt ein einziges Objekt gleichzeitig oder zeitlich aufeinanderfolgend zwei oder mehrere Namen.

            Gehen wir die von Petri (1975, S. 11 – 12) angeführte Liste der Straßennamen von 1859 in der Festung durch, so finden wir diese Aussage vollauf bestätigt: Nur noch zwei Gassen sind nach hochgestellten Persönlichkeiten benannt, während 24 nach Behörden der Stadt- oder der Provinzverwaltung, nach Kultureinrichtungen, Schulen und Spitälern sowie nach kirchlichen oder militärischen Institutionen oder nach der Bedeutung der Straße selbst im Leben der Stadt, also nach ihrem Öffentlichkeitswert, ihren Namen erhielten. So trugen 13 Straßen Benennungen nach Hausnamen, eine Toponymenkategorie, die in den Vorstädten noch viel stärker als in der Inneren Stadt vertreten war.

 

Etwas zur Methodik der Bennenung

 

Bisher wurden verschiedene Klassifikationeschemata für stadt-toponomastische Studien ausgearbeitet, die hier jedoch nicht angewendet werden können, da eben die volkstümlichen Straßennamen, dazu noch die einer einzelnen Nationalität, in einer mehrsprachigen Stadt eine andere Klassifikation erfordern. Ich möchte deshalb mit Rücksicht auf die Bedeutung, die Häufigkeit und die Volkstümlichkeit der Benennungen folgende Reihenfolge bei der Klassifikation berücksichtigen:

1.     Benennung nach den Öffentlichkeitswert der Straße bzw. des namengebenden Bauwerks;

2.     Benennungen nach Haus- ider Geschäftsnamen;

3.     Benennungen nach berufen, Erwerbszweigen oder Industrieanlagen;

4.     Benennungen nach Persönlichkeiten;

5.     Benennungen nach Richtung, Lage, Verhältnis zu anderen Straßen bzw. nach dem Charakteristikum der Straße.

Zur Orientierung auf dem heutigen Stadtplan werde ich, wie bisher schon, den gegenwärtigen offiziellen namen in Klammern anführen. Wenn diese Angabe fehlt, dann weniger deshalb, weil ich die Lage der Straße nicht ermitteln konnte – obwohl dies in einigen Fällen auch zutrifft –, sondern weil bei dem häufigen Wandel und gelegentlichen „Wandern“ volkstümlicher Gassennamen, vor allem in dem verwinkelten Straßennetz der Fabrik, eine genaue Lagebestimmung ohne weitläufige Umschreibung nicht möglich wäre. Ebenso werde ich bei wechselnden Straßennamen gelegentlich alle an einer einzigen Stelle anführen, auch wenn sie, nach obiger Klassifikation, zu verschiedenen Gruppen gehören.

 

Jetzt ein bisschen „Temeswarerisch“

 

Nochmals zurück zum Stadtplan von 1758: Da werden „Gassen“ und „Gassel“, „Plätze“ und „Plätzl“ verzeichnet, doch „Straßen“ gibt es nicht. Das entspricht vollauf der Form der heutigen Temeswarer Umgangssprache. Denn auch heute noch sagt man „die Gasse“ (Sg.). „Gassel“ und „Plätzl“ wird heute nicht mehr verwendet, würde aber ganz gut in die Temeswarer Stadtmundart passen. Die „Straßen“ (ebenfalls Sg.) gab es ursprünglich nur außerhalb des bebauten Gebietes (Beispiel „Peterwardeiner Gassen“ innerhalb der Festung bis zum Tor, von da weiter „Peterwardeiner Straßen“.

Ich werde also im folgenden auch immer nur von der „Gasse“ (unter Weglassung der umgangssprachlichen Endung) sprechen und „Straße“ nur dort verwenden, wo es dem tatsächlichen Sprachgebrauch entspricht. Und nicht eine Besonderheit: „Platz“ wird in Temeswar hauptsächlich in der Bedeutung von 'Marktplatz' (mit dem neutralen Artikel „das“) gebraucht: „Ich geh aufs Platz“, sagt die Hausfrau. Auch diese dialektale Eigenheit wird nur fallweise, zur Unterstreichung des Lokalkolorits, gebraucht werden.

 

Stadthausgasse und Grundhausplatz

 

Das öffentliche gebäude Nummer 1 war für den Bürger natürlich immer das Stadthaus, der Sitz des Magistrats (errichtet 1731 – 1734). So wird auch schon bald ein Teil der „Peterwardeiner Gasse“ von 1758 auf Stadthausgasse umbenannt (Emanoil-Ungureanu-Straße). Indem man derb eine der Funktionen des Stadthauses ausdrückt, sagt man auch Stockhausgasse. Gleichzeitig oder aufeinanderfolgend heißt sie aber auch Schul- oder Piaristengasse, nach dem Kloster und der Schule der Piaristen (heute Volkskunstschule). Die Bezeichnung Stadthausplatz für den Freiheitsplatz wird gelegentlich auch heute noch gebraucht, hingegen dürfte der von Petri erwähnte Name Rathausplatz zumindest im Volksmund nie gebräuchlich gewesen sein, denn in Temeswar sagte man immer nur Stadthaus, nie Rathaus.

            Dem Stadthaus entsprach in den Vorstädten das „Grundhaus“ oder das „Grundgericht“. So gab es in der Fabrik die Grundhaus- oder Grundgerichtgasse (Neculuţă-Straße), in den Meierhöfen den Grundhausplatz (Bălcescu-Platz), hier tatsächlich der Mittelpunkt des Stadtteils. In der Josefstadt stand das Grundhaus in der Hauptgasse (südlicher Teil der Văcărescu-Straße) und wertete diese auf, denn die eigentliche Hauptstraße, in der sich wohl schon seit den ältesten Zeiten das Geschäfts- und Gesellschaftsleben abspielte, war die überbreite Kirchengasse (Tinereţii-Boulevard).

Anders in der Fabrik. Hier waren der Hauptplatz (Trajans-Platz) und die Hauptgasse (Dacilor und Ştefan-cel-Mare-Straße), die auch die Verbindung zwischen der „Deutschen“ und der „Illyrischen Fabrik“ darstellte, immer Schauplatz des öffentlichen Lebens. Nicht so in der Festung: Der Domplatz hieß zwar anfangs (s. Stadtplan 1758 Hauptplatz und hatte mit dem Sitz der Landesadministration (später der Komitatsverwaltung) den Dom und der serbischen Bischofskirche zweifellos sein Gewicht, wurde aber von dem Paradeplatz, von dem noch die Rede sein wird, an Bedeutung übertroffen. An den Sitz des Landesadministrationspräsidenten erinnert die Präsidentengasse (Engels-Straße).

Nach dem alten Theater im ehemaligen „Raizischen Stadthaus“ (auf dem Platz der heutigen Lenau-Schule) war die Theatergasse (Teil der Gheorghe-Lazăr-Straße) benannt. Im Jahre 1859 hieß der nördliche Abschnitt der Stadthausgasse, ab der Ecke, an der das Theater stand, Ballgasse, offensichtlich auch nach diesem gebäude, weil darin, ebenso wie später im neuen Theater, auch die „Redoute“ genannt, der repräsentative Ballsaal der Stadt, lag.

Ein namengebendes Element war auch die Schule. In der Altstadt wurde, obwohl oder gerade weil es hier schon früh mehr als eine Schule gab, außer der schon erwähnten keine andere Gasse mehr nach einer Schule benannt. In der Fabrik aber gab es eine Schulgasse (heißt heute noch so: Şcolii-Straße) und einen Schulplatz (Petru-Maior-Platz). In diesem Fall konnte die Bezeichnung nur von einer rumänischen Schule kommen, da der Platz mitten in einem rumänischen Viertel lag und hier auch die alte rumänische Kirche stand. Zur gleichen Kategorie dürfen wir übrigens auch die Josefstädter Klostergasse (selten gebrauchte und heute vergessene Bezeichnung für den südlichen Abschnitt der 13.-Decembrie-Straße) zählen, weil man unter „Josefstädter Kloster“ stets nur die damit verbundenen Schulanstalten, kaum das Kloster selbst verstand.

 

Warum Bischofsbrücke?

 

Aus der herrschenden Geisteshaltung des 18. und 19. Jahrhunderts und dem hohen Rang, welche die Kirche damals einnahm, ist es zu erklären, dass Kirchen und kirchliche Institutionen häufig namengebend für Straßen waren. Neben dem Domplatz gab es eine Domkirchengasse (Rodner-Straße), später auch Bischofsgasse genannt, nachdem hier gelegenen Bischofspalais. Nicht damit zu verwechseln ist die Bischofsstraße (Mihai-Viteazu-Boulevard). Sie war ehemals eine echte Straße, weil sie über das unbebaute Festungsviertel zu den Meierhöfen führte. Sie erhielt ihren Namen davon, dass über sie, gemäß dem Gelübde der Stadt zum Erlöschen der Pestepidemie (von 1738 – 1739) der Bischof alljährlich eine Prozession zur Rosalienkapelle führte. Aus dem gleichen Grund führt auch die hier gelegene Bischofsbrücke ihren Namen. Die Bezeichnung Bischofsbrücke ist noch geläufig, während die „Bischofsgasse“ vergessen ist.

Der kleinste der drei Plätze der Altstadt (heute Vasile-Roaită-Platz) hieß anfangs Jesuiterplatz, nach dem Kloster und der Kirche dieses Ordens, dann lange Zeit Seminärplatz, nach dem alten Priesterseminar, und schließlich Sankt-Georgsplatz, nach der mittelalterlichen Georgskirche, die hier gestanden hatte. Außerdem gab es auch noch eine Seminärgasse (Praporgescu-Straße).

Franziskanergasse hieß im 18. Jahrhundert der altstädtische Teil der Brediceanu-Straße, nach dem Kloster und der Kirche der Franziskaner bosnischer Provinz (später durch die Piaristen abgelöst). Die Straße, in der sich die Franziskaner der Salvator-Provinz aus dem „Katharinenstadl“ niederließen, hieß Katharinengassel, später Pfarr- oder Pfarrkirchengasse (Pietrosul-Straße). Zu den nach kirchlichen Institutionen benannten Straßen der Altstadt wäre auch noch die Domherrengasse (Palanca-Straße) zu zählen.

            Weniger häufig waren Straßennamen dieser Art in den Vorstädten. Neben der bereits erwähnten Josefstädter Kirchengasse gab es in der Fabrik einen Kirchenplatz (Vârful-cu-Dor-Platz). In den Meierhöfen liegt der Kirchenplatz (Eforie-Platz), benannt nach der eingangs bei der Beschreibung der Stadtteile erwähnten ältesten rumänischen Kirche, und in unmittelbarer Nachbarschaft der Kreuzplatz (Crucii-Platz), benannt nach einem alten, heute noch stehenden Steinkreuz. Um die Ecke gibt es eine Kirchengasse (Comăneşti-Straße), und nördlich davon lag die Pfarrinsel, die kleinste der durch die zahlreichen, inzwischen verschwundenen Begaarme in der Fabrik gebildeten Inseln.

 

Bezeichnungen nach militärischen Einrichtungen

 

Es ist verständlich, dass sich die alten militärischen Einrichtungen lange Zeit in der „Festung“ – der Altstadt – in den Straßennamen bemerkbar machten. wenn auch die simple Bezeichnung nach dem Bastionen, wie bereits dargestellt, bald verschwunden ist. An erster Stelle steht hier der Paradeplatz. Vielleicht wurde damit nicht einmal so sehr das Militärische betont, sondern es war einfach der Platz, mit dem man Staat - „Parade“ machen konnte; standen doch hier lange zeit die stattlichsten und bedeutsamsten Bauwerke der Stadt. Der Paradeplatz war auch schon lange vor dem größeren Domplatz fertig umbaut und als Großer Platz (nach Petri) der eigentliche Mittelpunkt der Stadt.

Dies ist wohl die Erklärung dafür, dass sich der Name Paradeplatz bei den alteingesessenen Temeswarern bis heute erhalten hat, während die um die Jahrhundertwende [also um 1900] eingeführte offizielle Bezeichnung Prinz-Eugen-Platz sich nicht durchsetzte. Eindeutig betont ist der militärische Charakter des Platzes, wo die überwiegende Mahrheit der namgebenden Gebäude Militärinstitutionen waren (Festungskommando im „Generalatshaus“, Ergänzungsbezirkskommando, Offizierskasino, Hauptwache, Stabskaserne), in der gänzlich vergessenen Bezeichnung von 1736 Armeeplatz (nach Petri).

            In der Zeit des revolutionären Erwachens von 1848 erhielt der Platz übrigens erstmalig seinen heutigen Namen Freiheitsplatz. In gleichem Zusammenhang sei hier noch erwähnt, dass damals die bereits erwähnte Bischofsgasse (nicht die Bischofsstraße) den Namen Press(e)freiheitsgasse erhielt, weil hier die Beichelsche Druckerei, die bedeutendste der Stadt, lag. Die Umbenennung entsprach dem spontanen Volkswillen, ging aber in den anschließenden Jahren der Reaktion unter und wurde vergessen.

            Vom Paradeplatz ostwärts führten die Hauptwachgasse (9.-Mai-Straße) und die Stabskasernengasse (Cantemir-Straße), nach Süden die Schlossgasse (Karl-Marx-Straße), auch Zeughausgasse genannt. Entlang der Siebenbürger Kaserne verlief, deren Windungen folgend, die Kasernengasse (Bocşei-Straße), entlang des Innenwalls der Festung aber die Wallgasse (Oituz-Straße) und die Schanzgasse (besteht nicht mehr; etwa an der stelle des Durchgangs neben der Augenklinik von der 1.-Mai- zur Enescu-Straß). Der östliche Teil der Ceahlău-Straße, der zum Proviantmagazin der Festung (Vordertrakt der heute noch bestehenden Bastion, Volkskundeabteilung des Museums) führt, war die Proviantgasse. Ein Teil der „Krumpen Gassen“ von 1758 war die Kleine Proviantgasse (Ţarcului-Straße).

            Straßennamen dieser Art fehlen natürlich in den Vorstädten. Eine Ausnahme ist die Festungszeile (Cetăţii-Boulevard), nämlich die letzte, der Festung zugekehrte Häuserreihe der Mehala. Auf dem inzwischen durch das Entstehen der Neubauzone „Circumvalaţiunii“ beidseitig verbauten Gelände stehen sich heute moderne Hochbauten und zum Teil noch gänzlich dörflich anmutende Häuser unmittelbar gegenüber.

            Interessant ist, dass die von Einrichtungen des Sanitätswesens abgeleiteten Straßennamen schon sehr früh verschwanden. Aus dem Apothekergassl wird die schon erwähnte Seminärgasse, aus dem Barmherzigengassl (mit dem Wort „Barmherzigen verband der Temeswarer immer nur das vom Orden der „Barmherzigen Brüder“ betreute Spital, nie den Orden selbst) die Postgasse (nach der im Südflügel des Bürgerspitals untergebrachten Poststation). Dafür wird aus dem Hospitalgassl die Barmherzigengasse, um später auf Johannisgasse (südlicher Teil der 1.-Mai-Straße) umbenannt zu werden.

Ta (da) wird a „utza“

 

Die oben erwähnte Postgasse ist nicht die einzige ihres Namens, denn e sgab noch eine in dem neueren Teil der Meierhöfe (Treboniu-Laurean-Straße). Sinnverwandt wäre der Namen der Telegraphengasse, in der Fabrik, jedoch fehlt die Motivation. Die Annahme von Gertrude Lehnert-Cioclov, dass sich hier eine Telegraphenstation befunden hätte, trifft nicht zu. Laut Franz Liebhard wurde die Gasse, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts am Rande der „Neuen Welt “ enstand, anfangs „Batje-drac-Gasse “ (etwa: 'Teufelsgasse') genannt. Zu ihrem heutigen Namen dürfte sie auf deme Wege der Offizialisierung gekommen sein. Es gibt aber auch eine volksetymologische Erklärung: Als hier die ersten Häuser gebaut wurden, sagte man: „ta wird a utza“, was im Temeswarer Jargon mit einem ungarischen Lehnwort (utca) 'da wird eine Gasse' heißt. So wäre dann der ungarische Namen „Távirdautca“ entstanden und durch Rückübersetzung zu „Telegraphengasse“ (vgl. ung. táviró, telegráf, 'Telegraf'') geworden.

            Eine Würdigung des wirtschaftlichen Fortschritts stellt die Umbenennung der Hauptwachgasse auf Sparkassengasse dar. Hier lag nämlich die unter Mitwirkung des Temeswarer Bürgermeisters Johann Nepomuk Preyer gegründete „Erste Temeswarer Sparkasse“ (Gebäude des heutigen Kommunalwirtschaftsunternehmens). Befremdlich erscheint allerdings, dass die wohl wichtigste urban-zivilisatorische Einrichtung Temeswars im 18. und frühen 19. Jahrhundert, die alte Wasserleitung, deren Wasserturm das ins Stadtwappen kam und auch heute noch seinen Platz darin hat, kaum einen Niederschlag in den Gassennamen fand. Lehnert-Cioclov ermittelte zwar ein 1847n erwähntes Brunnmaschinengässchen, doch dessen Lage lässt sich nicht mehr bestimmen. Im Preyerschen Stadtplan erscheint nur noch eine Wasserleitungsbrücke, die Leitung selbst war damals (nämlich 1853) nicht mehr in Betrieb. Dafür ist nach einer anderen, seinerzeit recht wichtigen öffentlichen Einrichtung in der Fabrik, die Badgasse (Moise-Nicoară-Straße) benannt.

            Mit dem Eisenbahnanschluss von 1857 und dem späteren Ausbau des Schienennetzes entstand zuerst die Bahnhofszeile (Gării-Straße) in der Josefstadt und später die Bahnhofsgasse in der Fabrik. Der Aufschwung des bürgerlich-geselligen Lebens findet seinen Niederschlag in der Benennung Promenade (Teil der 1.-Mai-Straße, hinter dem Militärspital), die auch Leiritz-Promenade genannt wird, nach Ignaz Leiritz, dem verdienstvollen Kunstschlosser und Schöpfer der ersten Temeswarer Telefonzentrale, der durch verschiedene Anlagen dazu beitrug, das Promenieren hier anziehender zu gestalten. Es war dies einer der seltenen Fälle, dass die Bevölkerung selbst eine Gasse nach einem hier noch lebenden Mitbürger benannte. Außerdem wurde die zur Promenade führende Franziskanergasse nun Promenadengasse genannt. In diesem Kontext sei auch die Parkstraße (12.-April-Straße) in der Fabrik genannt.

 

Heuplatz und Fetzenmarkt

 

Ebenfalls zu dieser Klasse – also den nach ihrem Öffentlichkeitswert benannten Straßen und Plätzen – wollen wir auch die Marktplätze zählen. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts haben wir bereits einen Fleischmarkt in der Altstadt (Mărăşti-Platz). Ob es sich bei dem Naschmark, der sich laut Josef Gemls Monographie 1904 von der Parade- auf den Domplatz verlegt wurde, um eine volkstümliche Bezeichnung handelt, möchte ich bezweifeln, da das Wort naschen in einer solchen Verbindung schlecht in die Temeswarer Umgangssprache passt. Wahrscheinlich hat ihn Geml aus dem Sprachgebrauch deutscher Städte (vermutlich Wiens) übernommen.

            Im übrigen gebrauchte der Temeswarer das Wort Markt in der Regel nur für den Großen Markt(-Platz), den heute restlos verbauten Teil des ehemaligen Exerzierplatzes östlich der Lippaer Straße, wo die Jahrmärkte (die „Großen Märkte) abgehalten wurden. Die Wochenmärkte nannte man einfach „das Platz“, auch wenn sie nicht auf einem Platz, sondern in einer Straße abgehalten wurden. Bei dem sehr ausgedehnten Josefstädter Platz – der Markt dente sich früher über den heutigen Tinereţii-Boulevard, die Reschitza- und die Văcărescu-Straße aus – unterschied man (das) Geflügelplatz, Obstplatz, Käs(e)platz, Frucht(= Getreide)platz und schließlich den Fetzenmarkt oder Tandelplatz (trödelmarkt).

            Der Fabriker Wochenmarkt wurde früher auf dem Hauptplatz (Trajans-Platz) abgehalten und dann auf den Heuplatz (Badea Cîrţan-Platz) verlegt. Das Josefstädter Heuplatz befand sich an der Schager Straße, am Ende des Friedhofs, auf dem gegenwärtig noch immer unbebauten, für Gemüsegärten verwendeten Gelände. Der Schweinsmarkt lab beim Schlachthaus. In Verbindung mit dem Marktbetrieb sei noch die Mautgasse (Ion-Barac-Gasse) in der Josefstadt, auf dem Weg nach Freidorf, erwähnt.

 

Hausnamen und Hauszeichen

 

Die Sitte, den Häusern Namen zu geben und sie durch Hauszeichen – Wandgemälde oder figürliche Bildwerke – kenntlich zu machen, brachten die neuen Bürger Temeswars aus ihren Herkunftsländern mit und führten sie weiter, obwohl hier schon früh die Nummerierung der Häuser durchgeführt wurde, und somit der praktische Zweck der Hausnamen und Hauszeichen nicht mehr gegeben war. Dennoch bestand das Bedürfnis, den alten Brauch beizubehalten und dem Haus damit Persönlichkeit zu verleihen, es aus der Anonymität der Nummer herauszuheben.

            Dieser Brauch bis weit ins 19. Jahrhundert hinein fortgeführt und auch von der nichtdeutschen Bevölkerung übernommen. Wir wissen beispielsweise, dass der Hauseigentümer, der 1827 den bekannten „Stock im Eisen“ als echtes Hauszeichen und nicht, wie fälschlich auch heute nicht von manchen angenommen wird, als Handwerkssymbol oder Zeichen einer Zunftherberge anbringen ließ, kein Deutscher war. Diese Hausnamen und –zeichen brachten Farbe und Originalität ins Stadtbild, und wenn sie in der Mehrheit auch nicht in bodenständiger Tradition wurzelten, so kann doch mindestens eines davon als unbedingt einmalig angesehen werden: Ein „Haus zu Eugenis Tor“ oder „Eugenis Turm“ konnte es nur in Temeswar geben.

 

Eine Gasse mit sechs Namen

 

Die Hausnamen und Zeichen der Häuser wurden bald zu Orientierungspunkten im Straßennetz der Stadt, die gleichzeitig eine differenziertere Gassenbenennung möglich machten. Wie sehr dies der Fall war, soll am Beispiel einer einzigen Altstadtgasse – der heutigen Ceahlăustraße – veranschaulicht werden: im Jahre 1758 hieß sie in ihrer ganzen Länge Eugenygasse. Ein Jahrhundert später aber trug die nur knapp 500 m lange Straße abschnittsweise nicht weniger als sechs Namen. Nur noch der westliche Abschnitt, von der heutigen Mărăşeşti- bis zur Ungureanu-Straße trug den Namen Prinz-Eugen-Gasse, nach dem oben erwähnten „Haus zum Eugenstor“; danach folgte, bis zur Alecsandri-Straße, die Krongasse, nach dem vom Stadtrichter Peter Solderer erbauten „Drei-Kronen-Haus“; dann bis zur Engels-Straße die Einhorngasse, nach dem „Haus zum Einhorn“; dann die Schlüsselgasse (bis zur Rodnei-Straße), nach dem „Haus zu den zwei Schlüsseln“. Der nächste Abschnitt, bis zur Griselini-Straße, war die Trompetergasse, nach dem berühmten „Gasthof zum Trompeter“ und das letzte Stück war die schon erwähnte Proviantgasse.

            Am längsten haben sich die Hausnamen und –zeichen im Wirtshaus- oder Gasthofschild erhalten, und nach diesem sind auch die manigfaltigsten, pittoresken und auch humorvollen Gassennamen entstanden. Es wäre aber falsch, alle Hausnamen als Gasthaus- oder Geschäftsnamen anzusehen. Ein Beweis dafür: Von den drei erhaltenen Hauszeichen, dem „Eugenstor“, dem „Stock im Eisen“ und der „Eisernen Achse“ war kein einziges ein Wirtshausschild, auch wenn die betreffenden Häuser zeitweilig das Schankrecht besaßen.

            Nun sollen die nach Haus- oder Gasthauszeichen benannten Gassen in alphabetischer Reihenfolge besprochen werden, und zwar nach dem Grundwort, nicht nach den Beiwörtern. Ich möchte gerade bei dieser Kategorie nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erheben, da bei dem häufigen Wechsel der Namen viele gänzlich in Vergessenheit geraten sind, andere aber wanderten, d. h. der Name übertrug sich von einem Abschnitt auf einen anderen, und gelegentlich bestanden auch zwei Benennungen gleichzeitig. So ist es auch nicht in allen Fällen möglich, eine Lokalisierung nach den heutigen Straßennamen vorzunehmen. Berücksichtigt werden muss noch, dass hier häufiger als in anderen Toponymengruppen die gleichen Namen in verschiedenen Stadtteilen vorkommen, was sich aus der Besonderheit der Stadtgeographie erklärt.

 

Aus „Anger“ wurde „Anker“

 

Die Grünangergasse (Bariţiu-Straße) in der Josefstadt hieß ursprünglich Sieben-Schwaben-Gasse, nach dem Wirtshaus „Zu den sieben Schwaben“ und änderte zusammen mir diesem im 19. Jahrhundert seinen Namen. Da aber die Temeswarer Umgangssprache mit dem Anger nichts anzufangen wusste, wurde daraus die Grünankergasse. Die Birngasse (Iorgovici-Straße) in der Fabrik entstand durch die „Veredlung“ des ursprünglichen Namens Krumpirngasse, nach dem Wirtshaus „Zu den drei Krumpirn“ (Kartoffeln). Die Floriangasse (Griselini-Straße) in der Altstadt führte als Teil der ehemaligen „Krumpen Gassen“ ihren Namen nach dem gleichnamigen Gasthaus. Die Hasengasse (Epurei-Straße) hat den Namen nach den „Drei Hasen“, einer ehemaligen Handwerkerherberge. Eine Karpfengasse gab es sowohl in der Fabrik als auch in der Josefstadt. Beide waren nach Gasthäusern benannt.

            Die Dreikönigsgasse (Bicaz-Straße) in der Fabrik hatte ihren Namen nach dem wohlbekannten Einkehrgasthof (das Haus steht heute noch), und die Königsgasse (Memorandului-Straße) sowie der Königsplatz (Hunedoara-Platz), beide in den Meierhöfen, dürften ihren Namen ebenfalls von Wirtshäusern – möglicherweise beide von dem gleichen – entlehnt haben. Die Kranzgasse - nach dem weit verbreiteten Gasthausnamen „Zum grünen Kranz“ – kam gleich dreimal vor. Einmal in der Altstadt (heute nicht mehr vorhandene südliche Fortsetzung der Griselinigasse) und zweimal in der Fabrik: einmal als Parallelbezeichnung zur Pfauengasse (Anton-Pann-Straße), das zweite Mal als Beim grünen Kranz (wandernde Straßenbezeichnung in der Nähe des Sarmisegezuza-Platzes).

            Eine Kronengasse (Independenţei-Straße) gab es außer der schon erwähnten Krongasse in der Altstadt auch in den Meierhöfen. Zweimal war auch die „Kugel“ vertreten; beide Male in der Fabrik, und zwar als Blaue-Kugel-Gasse (Simeon Bărnuţiu-Straße) in der „Neuen Welt“ und in der Nähe nochmals Rote-Kugel-Gasse-auf-der-walachischen-Seite (laut Liebhard: Banater Mosaik). Dafür gab es nur eine Kurfürstengasse (11.-Juni-Gasse) in der Altstadt, nach dem berühmten Gasthof „Zu den sieben Kurfürsten“ am Domplatz (Gebäude der „Kleinen Lenauschule“.

 

„Laufer“ oder „Läufer“?

 

Die Drei-Laufer,- auch Drei-Läufer-Gasse (Reschitza-Straße) in der Josefstadt war nach dem Wirtshaus „Zu den drei Laufern“ benannt, das sich im Lokal des heutigen Selbstbedienungsrestaurants „Bistra“ befand. Der ungewöhnliche Name lässt verschiedene Deutungen zu. Ich neige zu der meinung von Maria Deleanu, Leiterin der Temeswarer Akademie-Bibliothek, die den Namen von dem späteren Begriff „der Laufer“ ableitet. „Laufer“ waren bedienstete, die der Kalesche der Herrschaft voranliefen und den Weg freimachten. In mindestens einem Fall ist der Einsatz solcher Laufer im Temeswar des 18. Jahrhunderts belegt. Die Deutung von Gertrude Lehnert-Cioclov, die eine Beziehung zu 'Läufer' (Jungschwein) annimmt, halte ich für unwahrscheinlich.

            Auf Wirtshausnamen gehen auch die Bezeichnungen Lamm-(Lampl-)Gasse (Mussorgski-Straße) und Lerchengasse (Cronicarul-Neculce-Straße) in der Fabrik zurück. Letztere ist nicht zu verwechseln mit dem Lerchenfeld, gleichfalls in der Fabrik, in der Nähe des Bahnhofs (in Anlehnung daran die heutige Gaststätte „Ciocârlia“). Die Mohrengasse (Paul-Chinezul-Straße), nach dem Gasthaus „Zu den drei Mohren“, liegt in der Altstadt. In der Fabrik liegt die Pfaugasse (Anton-Pann-Straße), zeitweilig auch Kranzgasse genannt (s. oben). Das Schild des berühmten Gasthofs „Zum Pfau“ (mit der Front zum Trajansplatz) wurde als eines der letzten Hauszeichen in der Fabrik vor etwa zwanzig Jahren entfernt. Zwei-Pistolen-Gasse hieß der nördliche Teil der Mărăşeşti-Straße in der Altstadt, eine gleichnamige Gasse gab es auch in der Fabrik.

Nach dem „Schwarzen Raben“ war die Rabengasse in den Meierhöfen benannt. Als sie offiziell auf Odobescu-Gasse umbenannt wurde, übertrug man den Namen in rumänischer Übersetzung – Strada Corbului – auf eine kleine Parallelgasse. Jüngere, weniger ortskundige Temeswarer, die aber wissen, dass es in der Nähe eine Gasse dieses Namens gab, nennen nun diese Corbului-Straße in Rückübersetzung „Rabengasse“, was ein Beweis für die Zähigkeit überlieferter Toponyme ist.

 

Die fesche Wirtin

 

Gasthausnamen entlehnt waren weiterhin die Bezeichnungen Rosengasse (Crizantemelor-Straße) in der Josefstadt und Rösselgasse (Caruso-Straße) in der Altstadt (nach dem „Goldenen Rössl“ an der stelle des jetzigen CEC-Hochhauses), ebenso Schiffsgasse (Grozescu-Straße) bin der Fabrik und Weiße-Schiffs-Gasse (13.-Dezember-Straße), nördlich des Tinereţii-Boulevards, in der Josefstadt. Eine Spiongasse erschien einmal in der Altstadt (Matei-Corvin-Straße) und auch in der Fabrik (Timocului-Straße). Die Sterngasse (Mangalia-Straße) trat in der Josefstadt auf und war nach dem Gasthaus „Zum blauen Stern“ benannt. Die Schwanengasse (Romulus-Straße), in den Meierhöfen bezieht sich auf das Gasthaus „Zum weißen Schwan“ (Ecke Schweizgasse).

Die Traubengasse (Barbu-Delavrancea-Straße) und die Tigergasse (Tigrului-Straße) liegen beide in der Fabrik. Gleichfalls in der Fabrik liegt die Waaggasse (Gasthaus „Zur Waage“, Negruzzi-Straße). Eine Wilder-Mann-Gasse ist bei W und nicht bei M angeführt, weil „Wilder Mann“ ein stehender, unteilbarer Begriff bei Haus- und Gasthausnamen ist süddeutschen Raum ist. Diesen Gassennamen gab es zweimal: in der Josefstadt (nördlicher Abschnitt der Văcărescu-Straße, bei den Markthallen) und in der Fabrik (Uzinei-Straße). Es gab auch eine Wolfengasse, in der Josefstadt, der südliche Abschnitt der 13.-Decembrie-Straße. Hierher gehört gleichfalls in der Fabrik die Weiße-Wolfen­gasse (Teodoroiu-Straße).

Dass aber nicht nur Gasthäuser, sondern auch eine fesche Wirtin einer Straßen den Namen geben kann, beweist die Reiter-Leni-Gasse (südlicher Abschnitt der Cronicarul-Neculce-Straße) in der Fabrik (nach Franz Liebhard: Banater Mosaik). Weil aber die in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts untrüglich direkt im Volk entstandene Bezeichnung den Fabriker Kernbürgern nicht nobel genug erschien, wurde daraus die Helenengasse, aus der schließlich (um 1900) die Ilona-utca entstand.

Dass auch noch im 20. Jahrhundert Hausnamen zu Gassennamen werden konnten, beweist die heute noch allgemein gebrauchte Bezeichnung Lloyd-Zeile (Zeile deshalb, weil nach dem Ausbau der einen Straßenseite die andere lange unbebaut blieb). Sie geht auf das Palais der Lloydgesellschaft (Vereinigung von Kaufleuten und Industriellen), laut Josef Geml das „schönste Gebäude Temeswars“, zurück, also auf einen echten Hausnamen. Denn das Großrestaurant – heute „Bulevard“ – [seither nach dem Namen der Lloyd-Zeile „Restaurantul Lloyd“ benannt] erhielt seinen Namen nach dem Haus und nicht umgekehrt. Seit 1989 heißt die Lloyd-Zeile – von der Oper bis zur Kathedrale – einfach „Piaţa Victoriei“, Platz des Sieges.

 

Neuere Straßennamen mit wirtschaftlichem Bezug

 

Temeswar als eine Stadt der Neuzeit kannte keine Zünfte im eigentlichen Sinn des Wortes mehr. was hier im 19. Jahrhundert noch so hieß, waren schon eher Handwerksinnungen moderner Art, deren Mitglieder nicht mehr in bestimmten Straßen und Vierteln wohnten und diesen ihre Namen gaben. So gibt es hier auch nur wenige von Handwerken oder Berufen abgeleitete Straßennamen, und selbst solche nach Industriebetrieben sind nicht allzu häufig. Und soweit es sie auch gibt, liegen sie fast ausschließlich in der Fabrik, denn als sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Josefstadt industriell stark zu entwickeln begann, hatten hier alle Gassen längst ihren festen Namen.

            Zu den ältesten Betrieben der Stadt gehörten die Mühlen an der Bega, bzw. an den zur Nutzung der Wasserkraft angelegten Zweigkanälen. Toponomastisch fanden sie ihren Niederschlag im Mühlplatz (Sarmisegetuza-Platz), der Mühlen- oder ´Mühlgrabenzeile (Splaiul Morarilor) und der Tabaksmühlengasse (Rovine-Straße). Die Tabaksmühle war ein schon im 18. Jahrhundert bestehender, Betrieb, der, mit Wasserkraft angetrieben (daher „Mühle“), vor allem Kau- und Schnupftabak herstellte. Nach dem urkundlich ältesten Betrieb der Stadt, der seit 1718 bestehenden Brauerei, waren die Bräuhausalle (Pestalozzi-Straße) und die Fabrikshofgasse (Teil der Ştefan-cel-Mare-Straße, der ehemaligen Fabriker Hauptgasse) benannt.

Unter Fabrikshof verstand man den großen, der Brauerei angeschlossenen Tanz- und Versammlungssaal, der auch in der Arbeiterbewegung Temeswars eine Rolle spielte, und Ende des 20. jahrhunderts als Gewerkschaftsklub benutzt wurde. Bein oberflächlicher Betrachtung könnte man auch die Seidenfabriksgasse (Mătăsarilor-Straße) in die gleiche Kategorie einstufen. Das trifft aber nicht zu, da die berühmte Temeswarer „Seidenfabrique“ des 18. Jahrhunderts in einer ganz anderen Gegend lag, und zu der Zeit, als die „Neue Welt“ besiedelt wurde, wo auch diese Straße liegt, schon längst nicht mehr bestand. Es verhält sich also ähnlich wie mit der Telegraphengasse, die übrigens in unmittelbarer Nachbarschaft zur Seidenfabriksgasse liegt: Sie wurde zwar nach einem bestimmten Objekt benannt, ohne jedoch dazu in irgendeinem direkten geographisch-historischen Verhältnis zu stehen.

Eine Temeswarer Reeperbahn

 

Von den nach Berufen benannten Gassen und Plätzen soll hier zuerst die Seilerwiese – Temeswarerisch Saalawiesn – erwähnt werden, das Gelände, auf dem heute die Fabriker katholische Kirche und ein Teil des Elektrizitätswerks stehen. In unmittelbarer Nachbarschaft zu dem berühmten Gasthof „Zur Königin von England“ und dem Sommertheater, der „Arena“ gelegen, diente sie nicht nur den Seilern zur Berufsausübung, sondern auch als Rummel- und Vergnügungsplatz. So gelangt sie in eine gewisse symbolische Nachbarschaft zur berüchtigten Hamburger Reeperbahn, mit der sie in verschiedener Sprachlautung ja auch den Namen gemeinsam hat (Reep bedeutet niederdeutsch 'Seil, Tau' und Reeperbahn 'Arbeitsplatz der Seiler').

            Des weiteren wären zu nennen die Steinmetzgasse (Chopin-Straße) und die Gärtnergasse (Iosif-Vulcan-Straße), beide in der Fabrik. Gegenüber dem „Türkischen Kaiser“ aber führt die Leimsiederbrücke über den hier vorbeiführenden Hauptarm der Bega. Allerdings wäre der Ursprung dieses ungewöhnlichen und nicht ins „Temeswarerische“ passenden Namen noch zu untersuchen. Nicht vergessen darf man hier auch die Tandlergasse (Zăvoi-Straße), wo Tür an Tür eine Vielzahl von Trödlerläden lagen – die Ladentüren sind zum Teil heute noch vorhanden. Dazu eine Bemerkung sprachlicher Natur: Das Wort Tand ist in der Temeswarer Umgangssprache unbekannt, dafür kennt sie aber das Verb tandeln (mit Tand Handel treiben) und davon abgeleitet den Tandler und den bereits früher erwähnten Tandelplatz. Als neuere Bezeichnung nach einem Industriebetrieb ist die Wollindustriezeile (Teil der rechten Begazeile in der Fabrik) zu nennen.

 

Benennungen nach Persönlichkeiten

 

Benennungen nach Persönlichkeiten dürften, besonders in großen Städten, die umfangreichste Gruppe von Toponymen ausmachen und werden deshalb in einschlägigen Studien häufig an die erste stelle gerückt. Es wurde jedoch bereits angeführt, warum das in dieser Studie nicht so ist, und es stellt sich die frage, inwieweit solche Straßennamen allgemein, besonders aber aus dem Blickwinkel einer bestimmten Nationalität als volkstümlich angesprochen werden können. In den meisten Fällen wurden solche Bezeichnungen älteren, oft tief verwurzelten Traditionsnamen überlagert, und ob sie schließlich assimiliert wurden, hing weniger davon ab, ob die betreffenden Persönlichkeiten und ihr Wirken populär waren, sondern eher davon, wie lange die Benennung bei dem in Temeswar ziemlich häufigen Wechsel im offiziellen Straßennamenverzeichnis stehen blieb, oder auch einfach davon, inwieweit der Name dem Volk ins Ohr ging.

            Ob es sich bei den namengebenden Persönlichkeiten um Deutsche handelte oder nicht, spielte eine untergeordnete Rolle. So waren die Bezeichnungen Prinz-Eugen- und Mercygasse durchaus populär. (Nebenbei: die beiden Persönlichkeiten wurden wegen ihrer überragenden Bedeutung auch für die Geschichte der deutschen Bevölkerung des Banats als Deutsche empfunden, obwohl sie es nicht waren.) Das gilt auch für die Hunyadi-Straße und die Doja-Gasse und auch für die nach dem Revolutionärsgeneral polnischer Zugehörigkeit benannte Bemgasse (Văcărescu-Straße) in der Josefstadt.

            Allein dem Ins-Ohr-Gehen verdanken wohl die Josefstädter Fröblgasse und die Pestalozzigasse in der Fabrik ihre Volkstümlichkeit, denn Begriffe dürften die Namen der beiden Pädagogen dem Mann auf der Straße wohl kaum gewesen sein. Außerdem spielt auch noch die Lage der Straße eine Rolle. So ist beispielsweise die heutige Goethegasse der deutschen Bevölkerung der Stadt so gut wie unbekannt, weil sie nicht in deren traditionellem Wohngebiet liegt, genauer gesagt überhaupt keine Wohnstraße ist. Ähnlich verhält es sich mit der jetzigen Lenaugasse.

            Es sollten im weiteren nur Straßennamen dieser Kategorie besprochen werden, die auf deutsche Persönlichkeiten der Stadt oder des Banats zurückgehen. Noch immer lebendig und allgemein gebraucht ist der Name Preyergasse (Iosif-Rangheţ-Straße), nach Johann Nepomuk Preyer, Temeswarer Bürgermeister zwischen 1814 und 1858, ebenso wie der Küttlplatz (Ştefan-Furtună-Platz), nach Karl Küttl, Bürgermeister von 1867 bis 1872. Bei diesem beweist übrigens die Abschleifung auf „Küttli“ die Popularität des Namens auch unter der nichtdeutschen Bevölkerung.

            Kaum mehr bekannt sind hingegen die Namen Gemlgasse (Ţebea-Straße) in der Mehala, Teilviertel Blaskovits, nach Josef Geml, Bürgermsister von 1914 bis 1919, Holdgasse (Macedonski-Straße, in den Meierhöfen), nach Tobias Balthasar Hold, erster Stadtrichter (Bürgermeister) des deutschen Magistrats 1718 – 1719 und 1720 – 1722, Klapkazeile (Peneş-Curcanul-Zeile, in der Fabrik) nach Josef Klapka, Bürgermsister von 1819 – 1833 und Solderergasse (Karl-Marx-Straße, ind er Altstadt) nach Peter Solderer, Stadtrichter von 1723 – 1743.

 

Irreführende Verballhornung

 

Nach angesehenen und verdienstvollen Bürgern Temeswars waren die Breselmayer- (Borzeşti-), die Pummer- (Pomiculturii-) und die Kimmelgasse (Ionescu-de-la-Brad-Straße) benannt (alle in den Weingärten), ebenso wie die Kunzzeile (Coloniei-Zeile) in der Fabrik. Sie können als kaum noch bekannt angesehen werden. Unvergessen hingegen ist die Wilhelm-Mühle-Gasse (1.-Decembrie-Straße) in den Meierhöfen, nach dme international anerkannten Temeswarer Blumengärtner und Herausgeber der „Rosen-Zeitung“ benannt.

            Außer der Adam-Müller-Guttenbrunn-Zeile (Titulescu-Zeile, rechte Begazeile in der Josefstadt, wo Guttenbrunn angeblich als Schüler fischte) wurden in der Zwischenkriegszeit noch eine Reihe peripherer Straßen nach den Banater Schriftstellern (Johann Friedl, Johann Kaltnecker, Stefan Milow) und Karl Wilhelm von Martini benannt, denen heute teilweise die Leonard-, Zarand-, Minotautrului- und Ştefan-Stâncă-Straße entsprechen. Da diese Straßen aber damals größtenteils erst auf dem Stadtplan bestanden und noch kaum verbaut waren, hatten auch ihre Namen praktisch keine Bedeutung und sind gänzlich vergessen. Ähnlich verhält es sich auch mit der Pelbart-Gasse (Pelinului-Straße) in der Mehala.

            Gegenwärtig tragen folgende Straßen offizielle Benennungen nach Banater deutschen Persönlichkeiten: Die Heinrich-Baader-Straße (Fabrik), nach dem ersten Direktor der Temeswarer Straßenbahnen; die Lenau-Gasse (Innere Stadt), die Anton-Sailer-Gasse (Josefstadt), nach dem Stifter des Kinderspitals und anderer humanitärer Einrichtungen und die Johann-Heinrich-Schwicker-Gasse (Mehala), nach dem bedeutenden, in Neubeschenowa geborenen, Historiker.

            Zum Schluss noch das Beispiel einer Irreführung durch eine „volkstümliche“ Verballhornung. Petri gibt für Temeswar eine angeblich nach dem Werschetzer Historiker Leonhard Böhm benannte Böhmgasse an. Eine solche hat es nie gegeben, dafür aber die schon weiter oben genannte und auch von Petri aufgelistete Bemgasse. Da nun aber „Bem“ – richtiger „Pem“ – in der Umgangssprache der Stadt „Böhme“ ('Tscheche') bedeutet, sagten manche Temeswarer tatsächlich „Böhmgasse“, aus einem missverstandenen Bedürfnis, nur ja richtig Hochdeutsch zu sprechen (sie verwendeten also einen Hyperurbanismus). Und diesem Irrtum dürfte auch der Gewährsmann Petris aufgesessen sein.

 

Nach ihrer Richtung und Lage benannte Straßen

 

Gemäß der oben vorgestellten Klassifizierung kommen wir nun zur letzten Gruppe von Toponymen, nämlich zu den nach ihrer Richtung, Lage oder sonstigen Eigenheiten benannten Straßen, wobei zuerst die „echten“ Straßen zu besprechen sind, also jene, die ursprünglich über freies Gelände führten und die Stadt entweder mit ihrer näheren und ferneren Umgebung bzw. die Festung mit den Vorstädten verbanden. es waren dies im 18. Jahrhundert vorrangig die Wiener, die Siebenbürger und die Peterwardeiner Straße, die von den gleichnamigen Toren der Festung ausgingen. Dass diesen Straßen ausnahmslos so ferne Zielpunkte gesetzt waren, mag seine Erklärung darin haben, dass sich das Großmachtdenken Österreichs, das nach den siegen über die Türken mächtig gewachsen war, auch auf die Provinz übertrug.

            Sobald aber diese Provinz ihr Eigenleben zu entwickeln begann und ihre Hauptstadt in organische Beziehungen zum Hinterland trat, erfolgte eine schrittweise Einengung dieses Raums: aus der Peterwardeiner Straße wurde die Schebeler Landstraße (nach Jebel) und schließlich die sprichwörtliche „alte“ Schager Straße, obwohl sie, wie wir eben sahen, zumindest unter diesem Namen gar nicht so alt ist. Ebenso schrumpft – natürlich nur im Sprachgebrauch – die Siebenbürger zur Lugoscher und schließlich zur Rekascher Straße.

            Doch es gab auch räumliche Erweiterungen: Aus der Kewerescher wurde die Busiascher Straße, wahrscheinlich als Ergebnis der zunehmenden Bedeutung des Kurbads Busiasch. Von den wichtigen Ausfallstraßen sind noch die Arader und die Lippaer Straße zu nennen. In die nähere Umgebung aber führten die Giroker Straße und die Freidorfer Allee, zum Jagdwald die Jagdwaldallee, die vor Zeiten auch Weg ins Gehölz genannt worden sein soll (nach Petri 1975, S. 41).

            Einige Gassennamen erinnern noch an die Zeit, als die Stadt, richtiger gesagt die Vorstädte, von zahlreichen Resten alter Wasserläufe durchzogen waren. Neben dem bereits erwähnten Holzstadl, der Pfarrinsel und der Mühlgrabenzeile, die alle auf die damals in der Fabrik noch vielfältig verzweigten Arme der Bega zurückgehen, waren es auch noch kleine, anonyme Wasserläufe, die zu Namensgebern wurden, so für die Obere und die Untere Grabengasse in der Fabrik (Ştefan-Octavian-Iosif-, bzw. Gloriei-Straße). Vom Kampf gegen das Wasser sprechen die Große und die Kleine Dammgasse (Şincai-, bzw. Melodiei-Straße) in der Fabrik sowie die Dammzeile, später, nach beiderseitigem Ausbau, Dammgasse (Rusu-Şirianu-Straße) in den Meierhöfen. Reste des Dammes, der ihr den Namen gab, sind heute noch im Meierhöfer und im Josefstädter Friedhof. Er diente zum Schutz gegen mögliche Überschwemmungen eines Wasserlaufs, dessen Reste noch vor wenigen Jahrzehnten die Hebe-Gasse durchzogen.

            Nach ihrer Lage zu anderen Straßen waren einige Gassen in der Fabrik benannt. Außer der Großen und Kleinen Kreuzgasse (Vasile Cârlova-, bzw. Boliac-Straße) gab es eine weitere Kreuzgasse (Iosif-Vulcan-Straße, auch Gärtnergasse genannt). Nach Form und Ausdehnung erhielten ihre Namen die Lange Gasse (Ispirescu-Straße), die Bogengasse (Delavrancea-Straße), die Große und die Kleine Sackgasse (Lalelelor- bzw. Bacovia-Straße), der Kleine Platz (Petru-Rareş-Platz) als auch der Neuplatz (Istria-Platz) und die daran stoßende Neue Gasse – alle in der Fabrik.

 

Sonderbezeichnungen, nach Nationalitäten u. a. Kriterien

 

Schließlich sollen hier noch einige Toponyme angeführt werden, denen wegen ihrer geringen Zahl kein eigenes Kapitel eingeräumt wurde. Dazu zählen erstens Straßenbenennungen nach der Volkszugehörigkeit ihrer Bewohner. Dass solche Namen nicht häufiger vorkommen, ist wohl darauf zurückzuführen, dass in Temeswar, selbst in den nach Nationalitäten benannten Vierteln („Illyrische“ und „Deutsche Fabrik“, „Walachische“ und „Deutsche Meierhöfe“) schon früh Menschen verschiedener Zunge bunt gemischt und gut nachbarlich zusammenwohnten. Da es eigentlich nur drei nach Nationalitäten benannte Straßen gab – die Serbengasse (Teil der Gheorghe-Lazăr-Straße, die frühere Theatergasse) in der Altstadt sowie die Juden- und die Ungarngasse in der Fabrik -, sollen hier noch zwei Kleinviertel erwähnt werden: Die Walachische Mehala (abgekürzt Wlaschka Mala), die östlich der „Neuen Welt“ rings um die ehemalige rumänische Kirche (sie stand auf dem heutigen Petru-Maior-Platz und wurde gleichzeitig mit der endgültigen Begaregulierung abgetragen) lag, und am entgegengesetzten Ende der Fabrik, am Suboleasa-Bach, das Zigeunerkrätzl.

            Eine eigene Geschichte hat der Namen der Tirolergasse (Porumbescu-Straße) in den Meierhöfen. Im Jahre 1818 übersiedelte ein Teil der Tiroler Freiheitskämpfer, Teilnehmer am Aufstand von Andreas Hofer, die ins Banat umgesiedelt worden waren, aus ihrem Dorf Königsgnad (heute Tirol, Kreis Karasch-Severin) in diese vermutlich bereits bestehende Temeswarer Gasse und gaben ihr den Namen. Schwerer zu erklären ist der Name der die Tirolergasse kreuzenden Schweizgasse (Brâncoveanu-Stra0e). Die Deutung nach einem Wirtshausnamen ist nicht gut möglich, da es zwar ein Gasthaus „Zur Schweiz“ gab, das aber am anderen Ende der Stadt, nämlich am Nordrand der Fabrik lag.

            Auch andere Gassennamen geben noch Rätsel auf. So die Sommer-, (Viorelelor-Straße) und die Wintergasse (Renaşterii-Straße) sowie die Milchgasse (Vărădiei-Straße) in der Fabrik, die Sensengasse (Prislop-Straße) in den Meierhöfen, die Sonnen- (Mureşanu-Straße) und die Mondgasse (Sailer-Straße) in der Josefstadt. Auch die beiden Herrengassen (13.-Dezember-Straße bzw. Buşteni-Straße) lassen sich nicht so leicht erklären, wie man annehmen könnte. Denn die eine war wegen des Lärms und Rauchs vom nahen Bahnhof noch bis in die jüngere Vergangenheit  als Wohnzone besonders für die bevorzugte Klasse keineswegs gefragt und die andere lag gleichfalls nicht gerade im „Nobelviertel“ der Fabrik.

 

Nummernanonymität und Verlegenheitsbezeichnungen

 

Noch ein paar Worte über die nummerierten Straßen. Auf dem eigentlichen Stadtgebiet Temeswars hat es solche nie gegeben, wohl aber in zwei später angeschlossenen Randvierteln, nämlich in Freidorf und in Neukischoda (Fratelia). Wie unterschiedlich die Einstellung der Bewohnerschaft zu dieser Nummernanonymität war, geht aus folgendem hervor: Während in Freidorf, das ja bis in unser Jahrhundert hinein ein echtes schwäbisches Bauerndorf war – übrigens eines der ältesten im ganzen Banat, der Nummerierung schon bald volkstümliche – allerdings nie offiziell gewordene – Namen überlagert wurden, spricht man in dem viel jüngeren, von Anfang an von Menschen verschiedener Volkszugehörigkeit und sozialen Schichten bewohnten Fratelia auch heute noch von der Ersten, Zweiten, Dritten usw. Gasse, obwohl diese heute längst Namen tragen.

            Topolowitscheanerplatz hieß – laut Liebhard (1976: 259) im Fabriker Volksmund der bereits erwähnte Neuplatz und Topolowitscheanergasse die Neugasse, und die Lehuschteangasse, von der wir nicht wissen, welches sie war, lag möglicherweise in der Nähe. Es mag dahin gestellt bleiben, ob letztere Bezeichnung nun auf das von den Rumänen viel gebrauchte Würzkraut (leuştean 'Liebstöckel) zurückgeht oder auf einen Personen- bzw. Familiennamen (Liebhard schreibt nämlich „Lehusteanugasse“), wie das bei „Topolowitscheaner“ wohl eindeutig der Fall ist.

Von Bedeutung ist hier aber, dass diese eindeutig rumänischen Namen bei den deutschen, zumindest in der Fabrik, gebraucht werden und somit echt volkstümlich waren. Und wenn Lehnert-Cioclov „Lehustyangasse“ schreibt und sich dabei vermutlich auf eine Zeitung oder eine andere schriftliche Quelle vergangener Jahrzehnte stützt, so ist das ein Beweis dafür, dass die Bezeichnung auch im Ungarischen gängig war. Das zeigt sowie die schon früher angeführte Abschleifung von „Küttel“ auf „Küttli“, wie sich die sprachlichen Interferenzen auch in der Toponomastik äußerten. Und das ist ein zusätzlicher Beweis für die gefühlsmäßige Einheit der gemischtsprachigen Bevölkerung dieser Stadt.

 

Mehrsprachige Toponymenliste gefordert

 

Wenn ich also zum Abschluss dieser Arbeit nochmals an die Fachwelt apelliere, eine mehrsprachige Toponomastik Temeswars herauszugeben, wobei den Interferenzen besondere Aufmerksamkeit zu schenken wäre, so habe ich neben dem sprachlichen und volkskundlichen wert einer solchen Arbeit auch noch ein praktisches ziel vor den augen. geht man nämlich heute die lange Liste der Temeswarer Straßennamen durch, so entdeckt man auf den ersten Blick mindestens zweihundert Verlegenheitsbezeichnungen – mehr als ein Fünftel aller Namen! -, deren unfreiwilliger Humor einen oft zu schmunzelndem Kopfschütteln veranlasst, falls einem nicht schon vorher ob der Phantasielosigkeit das Gähnen gekommen ist.

            Die Besinnung auf den reichen Schatz der Traditionsnamen aber würde es ermöglichen, bei allfälligen Um- und Neubenennungen manches, was in näherer oder fernerer Vergangenheit „verschlimmbessert“ wurde, wieder in Ordnung zu bringen.

 

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Anschließend noch ein weiterer Beitrag über Temeswarer Straßennamen. Im Jahre 1979 hatte unser Temeswarer Journalist Franz Engelmann (1928 – 1984) in der Bukarester deutschen Tageszeitung „Neuer Weg“ wohl begründete Vorschläge für neue, kulturhistorisch relevante Straßennamen für die neuen Stadtviertel Temeswars unterbreitet, und dabei auf die Sinnlosigkeit (verhüllend bezeichnet als „fehlende Bezüge zu den lokalen geschichtlich-geographischen Überlieferungen“) von Kunstnamen hingewiesen. Im folgenden zitiere ich diesen Aufsatz und untersuche anschließend, inwieweit die Stadtverwaltung diesen journalistischen Vorschlägen Rechnung getragen hat.

 

Franz Engelmann: Temeswarer Straßennamen

 

Der arme Fahnenträger („Strada Stegarului“) könnte es wirklich mit der Angst zu tun kriegen. Denn Wolf (Intrarea Lupului“) und Bär („Intrarea Usului“) lauern gleich um die Ecke auf ihn. Doch auch die Tiere können, falls der Wind („Intrarea Vântului“) ihnen allzu wüst das Fell zerzaust, Schutz finden im Wald („Strada Codrului“) oder sich auch gleich in der Höhle („Intrarea Peşterii“) verkriechen. Neben dieser wild bewegten Szene gibt es jedoch zum Ausgleich auch Lieblicheres wie „Strada Adolescenţei“, „Strada Elevului“, und lieblich wird's in der „Strada Cântului“ und der „Strada Versului„ und schließlich in der „Strada Echităţii“ und „Strada Colaborării“.

            Sie fragen, wo es ein solches Sammelsurium phantastischer Straßennamen gibt? Nun, Sie finden sie alle zusammen auf kaum einigen hundert Metern im Geviert in Temeswars neuester Wohnzone rechts und links der Giroker Straße. Allerdings sind sie kein Monopol dieses Viertels. Denn in der „Schager Straße West“ hüpft das Eichhörnchen („Strada Veveriţei“) lustig durchs Theater („Strada Teatrului“) zum kühlen See (“Strada Lacului“); in der „Circumvalaţiunii“ wieder gelangt man nach einer langen Irrfahrt („Strada Labirint“) endlich zum Flug („Strada Zborului“), der gleich zu den Sternen führt („Strada Stelelor“), wo man endlich beim kühlen Trunk aus antikem Krug („Str. Amforei“) ausruhen kann.

            Wenn man dem Munizipalvolksrat diesbezüglich noch zugute halten könnte, dass all diese Benennungen bisher namenloser neuer Straßenzüge über Nacht am Vorabend der letzten Volkszählung eingeführt wurden und einem eben in der Eile nichts Besseres einfiel, so wird die Entschuldigung dadurch hinfällig, dass man auch im alten Straßennetz der Stadt genug einfältige Benennungen findet, wie nachstehende Blütenlese zeigt: „Frigului“, „Ghirlandei“, „Virtuţii“, „Amurgului“. Und was zum Beispiel „Konstantin der Große“ ausgerechnet in den Fabrikler Weingärten zu suchen hat, ist schleierhaft, und ob aus den Entwürfen der „Strada Nou Proiectată“ in der Ronatz schon was geworden ist, weiß ich nicht.

            Man könnte nun auch sagen, dass es bei der großen Anzahl der Straßen und Plätze – es sind ihrer schon über achthundert – in der zweitgrößten Stadt des Landes wohl nicht einfach ist, für alle passende Benennungen zu finden. Es sollte aber nicht vergessen werden, dass Straßennamen keineswegs bloß eine administrativ-orientative Einrichtung sind, damit der Briefträger weiß, wohin er die Postsendungen zu tragen hat, sondern auch – oder vor allem – eine erzieherische Funktion haben. Bieten sie doch die Möglichkeit, Persönlichkeiten, Ereignisse und Orte der Geschichte und der Kulturgeschichte in lebendiger Erinnerung zu halten. Und das ist eine Funktion, die sie eben wegen ihres täglichen Gebrauchs nicht weniger gut erfüllen als ein Denkmal aus Marmor oder Bronze.

            Dass dabei neben den großen Namen und Fakten der vaterländischen Geschichte auch die Geschichte der engeren Heimat bzw. des Ortes selbst besonders zur Geltung kommen sollte, liegt schon in der Natur der Dinge. Geht man jedoch das Verzeichnis der Temeswarer Straßennamen durch, so stellt man sehr rasch fest, dass dem hier nicht so ist. Denn – so unglaublich es klingen mag: Sucht man Benennungen nach Temeswarer oder Banater Persönlichkeiten, einschließlich solcher, die mit der Stadt oder der Landschaft auch nur am Rande in Berührung kamen, so ist man sehr rasch zu Ende. Viel mehr als zwei Dutzend sind es nicht ...

            Dabei muss mit Bedauern festgestellt werden, dass im Zuge der in den letzten Jahrzehnten vorgenommenen und zweifellos notwendigen Umbenennungen öfter als einmal übertrieben wurde. Und völlig unbegreiflich ist, warum erst vor relativ kurzer Zeit Namen wie Pavel Vasici – eines als Arzt und als Kämpfer für die nationalen Rechte des Rumänentums im damals noch nicht zum Mutterland gehörenden Banat und Siebenbürgen bekannten Temeswarers – oder Wilhelm Mühle, des um die Stadt vielfach verdienten Landschafts- und Blumengärtners von internationalem Ruf von den Straßenschildern verschwunden ist.

            Ebenso befremdend ist es, dass Namen, die eben erst nach der großen Wende, deren 35. Jahrestag wir in wenigen Monaten feiern werden [gemeint ist das Jahr 1945], gewertet werden konnten, gleichfalls aus dem Straßennamenregister fehlen. Nämlich die Namen aus der nun über hundertjährigen Geschichte des organisierten Kampfes der Temeswarer Arbeiterschaft! Kein Karl Farkas, kein Gheorghe Ungureanu hat eine Straße, ebensowenig wie etwa ein Josef Gabriel, ein Traian Novac oder ein Koloman Müller, und selbst auf die Märtyrerin Ocsko Terezia wurde vergessen.

            Aus der Frühgeschichte der Stadt verdiente mindestens ein Pelbart genannt zu werden. Würdig eines Straßennamens wäre auch jener erste Stadtrichter des „Raizischen Magistrats“, Nicola Muncsia – der Lokalhistoriker Nicolae Ilieşu sieht darin eine Verballhornung des Namens Nicolae Muntean -, der als Vorsteher der rumänisch-serbischen Gemeinde des noch türkischen Temeswar unter Lebensgefahr für Prinz Eugen Kundschafterdienste leistete und somit das Ende der Türkenherrschaft beschleunigte. Und aus der langen Reihe der Temeswarer Bürgermeister würde ich – neben Johann Nepomul Preyer – zumindest Josef Klapka für würdig halten. Mathäus Heimerl, der erste Drucker der Stadt und Herausgeber der ersten Zeitung auf dem Gebiet unseres Landes, verdiente wohl auch einen Straßennamen.

            Unter den Schriftstellern deutscher Nationalität sollten – neben Adam Müller-Guttenbrunn – zumindest ein Otto Alscher oder ein Viktor Orendi-Hommenau, vielleicht aber auch ein Franz Xaver Kappus nicht vergessen werden, und vielleicht könnte man jetzt schon daran denken, dem jüngst verstorbenen Zoltán Franyó eine Straße zu widmen.

            Ich möchte die Liste nicht bis ins Unendliche ausdehen und nur noch einige Namen nennen, wie die der Maler Anselm Wagner und Karl Brocky, Nicolae Popescu und Constantin Daniel, der Bildhauer Ferdinand Gallas und Romul Ladea, der Musiker Nicolae Ursu und – wie konnte er bisher vergessen werden! – Béla Bartók. Im übrigen aber verdient etwa Cornel Miklosi und Ioan Curea auch längst diese Würdigung.

            Dies wären nur einige Anregungen. Das dabei die Liste der deutschen Namen etwas länger ausfiel, liegt in der Natur der Dinge: Erstens kenne ich mich da besser aus, zweitens ist die Wertung und Pflege des Kulturerbes und der Tradition dieser Nationalität mit eine der unserer Zeitung von der Partei gestellten Aufgaben.

            Natürlich wäre nun mit einer oberflächlich und überstürzt vorgenommenen Umbenennung einiger Straßen nichts getan, im Gegenteil, das Durcheinander würde womöglich noch größer. Der Munizipalrat müsste vielmehr die dafür zuständige Kommission reaktivieren. Sie müsste, soweit erforderlich, mit sachverständigen Leuten aus den Reihen aller Nationalitäten erweitert werden, vor allem mit Kennern der Stadt. Diese Kommission sollte Vorschläge zu einer umfassenden Neubenennung machen, die eventuell – warum tut man so etwas so selten – den Bürgern zur Diskussion vorgelegt werden könnten.

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Augenscheinlich sind die Vorschläge Engelmanns bei den Entscheidungsträgern angekommen und wurden zum großen Teil erfüllt. Durch die Angleichung eines nach 1989 veröffentlichten Temeswarer Straßenverzeichnis (es trägt leider kein Erscheinungsdatum, doch ich hatte es am 23.04.2003, noch um 50.000 Lei (vor der Geldumstellung) in der TemeswarerEminescu-Buchhandlung gekauft. Also ist es in der Zeitspanne davor erschienen.

Ich zähle die hier vorhandenen neuen Straßennamen in der Reihenfolge auf, in der sie Franz Engelmann in seinem Aufsatz vorgeschlagen hatte:

Gheorghe Ungureanu, Josef Gabriel, Adam Müller Guttenbrunn, Johann Nepomuk Preyer, Zoltán Franyó, Constantin Daniel, Romul Ladea, Nicolae Ursu, Béla Bartók, Cornel Miklosi.

            Nicht beachtet wurden (jedenfalls bis 2003) die übrigen Namensvorschläge Engelmanns:

Karl Farkas, Traian Novac, Koloman Müller, Ocsko Terezia, Oswald Pelbart de Temesvar (Theologischer Schriftsteller, *1435 + 1504), Nicola Muncsia (bzw. Nicolae Muntean), Josef Klapka, Mathäus Heimerl (Buchdrucker, Zeitungsherausgeber, 1732 – 1784), Otto Alscher, Viktor Orendi-Hommenau, Karl Brocky, Nicolae Popescu, Ferdinand Gallas, Ioan Curea.

Immerhin ist es beachtenswert, dass im Namensverzeichnis 27 deutsche Persönlichkeiten gewürdigt werden, mehr als ungarische oder serbische, was eher der historischen als der aktuellen Situation entspricht. Auffällig sind aber auch die zahlreichen (durch Fettschrift hervorgehobenen) Schreibfehler, die durch eine Zusammenarbeit der Verwaltungsbeamten des städtischen Bürgermeisteramtes mit der Stadtverwaltung mit der Germanistikabteilung oder auch dem Demokratischen Forum der Deutschen in Temeswar hätten vermieden werden können. Die Auflistung beginnt mit den 15 deutschen Vertretern aus dem Banat und setzt mit jenen aus der deutschen Kulturgeschichte fort.

 

1. Baader, Heinrich Christian (Enric) : Ingenieur und Temeswarer Stadtrat (*1847, + 1928)

2. Bonnaz, Alexander (Alexandru Bonaz): Tschanader Diözesanbischof (1812 – 1885)

3. Gabriel Josef Karl (Joseph): (erscheint im Verzeichnis gleich dreimal) Buchdrucker, Publizist, Senator, Journalist (1862 – 1950)

4. Griselini, Franz (Francesco): Banater Historiker (1717 – 1784)

5. Kathrein, Anton: Professor (auch Honorarprofessor in Temeswar), Firma für Kommunikations­technik (*1951 in Rosenheim)

6. Lonovics, Josef (Joseph): Tschanader Diözesanbischof, auch Erzbischof von Kalocsa und Parlamentarier (1793 - 1867)

7. Müller-Guttenbrunn, Adam: Schriftsteller, Theaterdirektor, Parlamentarier (1852 – 1923)

8. Nischbach, Josef (Joseph, Episcop): Pädagoge, Domherr (1889-1970)

9. Oschanitzky, Richard Waldemar (Waldemar, O. R.): Musiker und Komponist (1939 – 1979)

10. Podlipny, Julius (Iuliu): moderner Maler (1898-1991)

11. Preyer, Johann Nepomuk Thaddäus (Jőzsef): Schriftsteller, Temeswarer Bürgermeister (1805 – 1888)

12. Schwicker, Johann, Heinrich: Hochschulprofessor, Abgeordneter (1839 – 1902)

13. Sailer, Anton: Kaufmann, Temeswarer Stadtrat und Ehrenbürger, stiftete Temeswarer Kliniken (1820 – 1904)

14. Telbiß, Karl, Edler von Óbessenyő (Carol Telbisz): Jurist, Temeswarer Oberbürgermeister (1854 – 1914)

15. Weißmüller, Johann (Johny Weismüller): fünffacher Olympiasieder, Schwimm-Weltmeister, Tarzan-Darsteller (1904 – 1984)

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1. Bach, Johann Sebastian (erscheint im Verzeichnis gleich dreimal): Komponist (*1685, + 1750)

2. Beethoven, Ludwig van (Ludwic von): Komponist (1770 – 1927)

3. Feuerbach, Ludwig (Feurbach); Philosoph (1804 - 1872)

4. Goethe, Johann, Wolfgang (Göthe): klassischer Schriftsteller (1949 – 1832)

5. Gutenberg, Johannes (Guttenberg): Erfinder des Buchdrucks (1347 – 1468)

6. Heine, Heinrich: Dichter, Journalist (1797 – 1856)

7. Koch, Robert: Bakteriologe (1843 – 1910)

8. Liszt, Franz: Komponist (1811-1886)

9. Luther, Martin: Reformator (1483 – 1546)

10. Marx, Karl: Philosoph, Politologe (1818 – 1883)

11. Pestalozzi, Johann Heinrich (Pestalői. Iohan Heinrich): Pädagoge und Sozialreformer (1746 – 1824) – im Stadtplan ist die Straßenbezeichnung korrekt geschrieben

12. Ybl, Ludwig – Ritter von Eibl (Ludwic): Architekt (1855 – 1934)

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Zum Vergleich ein neues Temeswarer Straßenverzeichnis von 2007, in dem einige Schreibfehler (s. oben) korrigiert sind. Bemerkenswert ist, dass die deutschen Temeswarer Straßenbezeichnungen von den früheren 27 auf insgesamt 36 angewachsen sind, davon 21 Namen Banater Persönlichkeiten. Ihre Auflistung erfolgt wieder in zwei Gruppen. Biografische Daten werden bloß bei den neu Hinzugenommenen notiert.

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1. Baader, Heinrich Christian (Henric)

2. Bonnaz, Alexander (Alexandru)

3. Fackelmann, Johann (Ioan): Architekt, Hochschuldozent (1933 – 1979)

4. Gabriel Josef Karl (Joseph, Gabriel)

5. Griselini, Franz (Francesco)

6. Kathrein, Anton, intrarea (Eingang – Sackgasse)

7.Lenau, Nikolaus (Nicolaus): im Banat geborener österreichischer Schriftsteller (1802 – 1850)

8. Liebhardt, Franz (alias Robert Reiter): Schriftsteller, Journalist, Kulturhistoriker (1899 – 1989)

9. Lonovics, Josef (Joseph)

10. Mercy, Claudius Florimund: Feldmarschall, Präsident der Banater Landesadministration (1666 – 1734)

11. Nischbach, Josef (Joseph, Episcop)

12. Oschanitzky, Richard Waldemar

13. Pacha, Augustin Episcop: Temeswarer Bischof (1870 – 1954), früher Rodnei-Straße

14. Podlipny, Julius (Iuliu)

15. Preyer, Johann Nepomuk Thaddäus (Jozsef)

16. Savoyen von Franz Eugen (Savoya, Eugeniu de):Feldmarschall, Hofkriegsratspräsident (1663 – 1736)

17. Schmitz Frantz: Temeswarer Vizebürgermeister (1886 – 1944)

18. Schwicker, Johann, Heinrich: Hochschulprofessor, Abgeordneter (1839 – 1902)

19. Sailer, Anton (Seiller)

20. Telbiß, Karl, Edler von Óbessenyő (Carol): früher Bocşa-Straße

21. Weißmüller, Johann (Johny Weissmüller Johnny), intrarea

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1. Bach, Johann Sebastian

2. Beethoven, Ludwig van

3. Feuerbach, Ludwig (früher Popovici George, Protopop

4. Goethe, Johann, Wolfgang

5. Gutenberg, Johannes (weiterhin Guttenberg, Johann-)

6. Haydn, Joseph, intrarea: österreichischer Komponist (1732 – 1809)

7. Koch, Robert:

8. Liszt, Franz

9. Luther, Martin

10. Pestalozzi, Johann Heinrich (Pestalői. Iohan Heinrich); – im Stadtplan ist die Straßenbezeichnung allerdings korrekt geschrieben

11. Röntgen, Wilhelm Conrad (William Konrad): Physiker (1845 – 1923)

12. Strauß, Josef (Strauss Joseph): österreichischer Komponist (1827 – 1870)

13. Tell, Wilhelm: Schweizer Nationalheld; Vorbild für Friedrich Schillers klassisches Drama „Wilhelm Tell“ von 1804

14. Walther Rudolf (Walter): Inhaber Möbelhandelsunternehmen, stiftete Temeswarer SOS-Kinderdorf (*1923 in Gründau, Deutschland)

15. Ybl, Ludwig van (früher Minotaurului-Straße)

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Aus diesem Kartenmaterial geht hervor, dass die deutsche (bzw. österreichische) Etappe der Temeswarer Geschichte entsprechend gewürdigt wurde, d. h. vielen Vorschlägen für Straßenbezeichnungen der Journalisten von deutschsprachigen Medien wurde entsprochen. Schade nur, dass die Schreibweise der deutschen Namen nicht mehr von Vertretern des Demokratischen Forums der Deutschen im Banat überprüft wurden, so dass die Schreibweise rumänisch, englisch oder sonst wie anmutet (vgl. Pestalői = Pestalozzi).

Desgleichen hätte die Bedeutung der geehrten Persönlichkeit mit einem oder zwei Wörtern angegeben und durch Geburts- und Sterbejahr die zeitliche Zuordnung der Personen erfolgen können – wie es auf den Straßenschildern in Westeuropa üblich ist. Ohne eine entsprechende Begründung sind fremde Namen den Bewohnern der – vielfach neuen Temeswarer Straßen nur schwer zuzumuten, wenngleich die Straßennamen allein von der Stadtverwaltung vergeben werden.

Mein Ziel war es lediglich, aufgrund der fundierten Studie Franz Engelmanns auf die Vielfalt und Buntheit der alten deutschen Temeswarer Toponyme zu verweisen und nebenbei zu würdigen, dass auch deutsche Persönlichkeiten zum Fortschritt der Stadt beigetragen haben.

Kürzlich hat der Temeswarer Stadtrat beschlossen, für zehn Persönlichkeiten der Stadt Büsten im Zentralpark aufzustellen. Zur Wahl für diese Würdigung stehen auf der offiziellen Internetseite der Stadt fünfzig Persönlichkeiten, über die abgestimmt werden kann. Unter den Kandidaten befinden sich auch zehn deutsche: Prinz Eugen von Savoyen, Claudius Florimund Mercy, Bischof Augustin pacha, Nikolaus Lenau, Adam Müller-Guttenbrunn, Johnny Weissmüller, Johann Nepomuk Preyer, Karl Küttl, Wilhelm Mühle und Franz Liebhard. Jeder Interessierte kann sein Votum auf der Internetseite www.primariatm.ro abgebenl.

 

Ich wende mich erneut an alle alteingesessene Temeswarer mit der Aufforderung, interessante Besonderheiten über ihre Gasse und ihr "Kretzl" zu erzählen. Recht viele Zuschriften mit Ergänzungen über die Entwicklung der Stadt und Ihres eigenen Wohnviertels sind erwünscht.

 

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Zitierte Literatur

 

Engelmann, Franz: Die Grünangergasse und die „Neue Welt“. Ein Beitrag zur deutschsprachigen Toponomastik [Toponymik] Temeswars. (9 Folgen im „Neuen Weg“ vom 14. Januar bis zum 31. März 1984.

Gehl, Hans (Hrsg., 1984): Schwäbisches Volksgut. Beiträge zur Volkskunde der Banater Deutschen. Temeswar: Facla Verlag.

Gehl, Hans (2003): Donauschwäbische Lebensformen an der Mittleren Donau. Interethnisches Zusammenleben und Perspektiven. (= Schriftenreihe der Kommission für deutsche und osteuropä­ische Volkskunde Bd. 85). Marburg: Elwert Verlag.

Geml, Josef (1927): Alt-Temesvar im letzten Halbjahrhundert. 1870 – 1920. Temeswar 1927.

Ilieşu, Nicolae: Timişoara, Monografie istorică. Timişoara.

Lehnert-Cioclov, Gertrude (1976): Deutsche Ortsnamenkunde der Stadt Temeswar in zwei Jahrhunderten (Diplomarbeit an der Universität Temeswar, 1976, Manuskript, nicht veröffentlicht.

Liebhard, Franz (1976): Banater Mosaik. Beiträge zur Kulturgeschichte. Erster Band. Bukarest: Kriterion Verlag.

Petri, Anton Peter (1975): Vom Aacheni-Brunnen bis zur „Zwölften Gasse. Die Gassennamen der deutschen Siedlungen im vortrianonischen Banat. Versuch einer Sammlung und Sichtung. Verlag des Südostdeutschen Kulturwerks. München.

Anton Peter Petri (1992): Biographisches Lexikon des Banater Deutschtums. Marquartstein.

Preyer, Johann Nepomuk (1853): Monographie der königlichen Freistadt Temesvár. Temeswar.

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Anmerkung des Autors:

Dieser Aufsatz über Temeswarer Toponyme ist in drei Folgen für die Zeitschrift „Temeschburger Heimatblatt“ (die Ausgaben 2009, 2010 und 2011) vorgesehen.

 

Dr. Hans Gehl, 17. 03.2009.



Der 5. Banater Volkskundeband war dem „Schwäbischen Volksgut“ gewidmet und vereinigt auf den erlaubten 277 Seiten Untersuchungen zu den Themen: Banater Volkslied, Sagen, Sprichwörter und Redensarten, Namen von Kulturpflanzen und Banater Volksetymologie. Die Temeswarer Straßennamen waren als ein Höhepunkt bezüglich der Banater Kulturgeschichte gedacht. Die Beiträge von mir und fünf weiteren Autoren waren in diesem Band vereinigt (vgl. Gehl 1984)

Es handelt sich um den – noch erhältlichen – Band (vgl. Gehl 2003). Hier wird auch die städtische Volkskunde im Banat behandelt.

Engelmann schreibt für Toponymik „Toponomastik“ unter rum. > franz. Einfluss.

Dieser deutsch-ungarischer Name sagte der rumänischen Bevölkerung sicher nicht zu, die ihre Siedlung in ihrer Sprache Mehala, eine Anlehnung an rum. mahalá 'Randviertel, Vorstadt' nannten. Dieses Wort kommt von türkisch mahalle 'dasselbe', das auf ein arabisches Etymon zurückführt. Rumänisch mahalagiu bedeutet sowohl 'Bewohner eines Randviertels' als auch 'vulgärer, grober Mensch, der viel tratscht und streitet'.

Weshalb sollte dann die einzig volkstümliche Stadtbezeichnung Temeswar (dialektal Temeschwar) verpönt sein? Das galt sowohl für die Stadtbewohner als auch für das ländliche Umfeld. Die Schwaben sagten immer nur: Mer fahre uf Temeschwar (bzw. in die Stadt), so wie die Rumänen Mehala.

Neuere Duden-Ausgaben ersetzten Regionalismen durch Neologismen, darunter vielfach (unnötige) Anglizismen. Dennoch erscheint Grätzel: (österreichisch, umgangssprachlich) als 'Häuserblock, Teil eines Stadtviertels, Kretzel' noch im Deutschen Wörterbuch von Gerhard Wahrig (1974) und natürlich im Österreichischen Wörterbuch, als Gretzl, das, Grätzl, Kretzl, Krätzl (ostösterreichisch, wozu früher auch „ungarndeutsch“ zählte; vgl. die deutsche Herkunft von Leckwar in Duden Rechtschreibung, Mannheim 1967): 'kleiner Teil eines Wohnviertels, Umkreis'. Nach Kluge (Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 22. Auflage 1989 und 24. Auflage, 2002) geht das „Grätzel“, im Sinne von 'Häuserblock' auf eine mittelhochdeutsche Bildung wie gereiz, mit österr. Aussprache des Diphthongs, zurück. Dieses Wort steht zu reißen (mhd. rîzen 'reißen und ritzen'). Die von der Schreibtechnik der Runen ausgegangene Bedeutung 'schreiben' ist im Deutschen noch bezeugt (etwa in Abriss, Reißblei, Reißbrett).

Ähnliches ist auch aus neuen Straßenverzeichnissen ersichtlich; wobei sich hier Straßennamen wohl aus anderen Gründen (ungerechtfertigt) wiederholen.

In Kursivschrift: ein Zitat aus Liebhard 1976, S. 52 f.

Das Kartenwerk ist 2007 im Cartographia Verlag Budapest erschienen.

Verdienstvolle Persönlichkeiten der Banater Metropole werden seit 2008 auch in einer Büsten-Galerie im Temeswarer Zentralpark geehrt.

 

Vgl. Franz Engelmann: Die Grünangergasse und die „Neue Welt“. Ein Beitrag zur deutschsprachigen Toponomastik [Toponymik] Temeswars. (9 Folgen im „Neuen Weg“ vom 14. Januar bis 31. März 1984).

Diese mündliche Überlieferung wurde von Walther Konschitzky aufgezeichnet.

Vgl. Geml 1927. Josef Geml war Temeswarer Bürgermeister (1914 – 1919) und Lokalhistoriker. Er lebte von 1858 bis 1929.

Franz Engelmann war hier zu Hause und ich selbst wohnte hier als junger Student ein paar Monate am unteren Ende (Hausnummer 95) gegen die Schager Straße (Calea-Şagului), so dass der tägliche Fußweg zur Universität schon fast eine sportliche Herausforderung war. Doch was macht das schon aus, wenn man 18 Jahre alt ist? Danach zog ich in die Rabengasse (Odobescu-Straße) um, so dass sich der Schulweg gleich halbierte. Schließlich wohnte ich im Studentenheim, das auf dem Vasile-Roaită-Platz lag.

Aus „Neuer Weg“ vom 3. Mai 1979.

Das Jahr der Drucklegung fehlt [mutmaßlich 2003]. Angegeben ist bloß (etwas großspurig) in vier Sprachen: hartă – térkép – karte – map; judeţul – megye – kreis – contry TIMIŞ; municipiul TIMIŞOARA Temesvar – Temeschwar – Temišvar; municipiul LUGOJ Lugos – Lugosch - Lugož – JUDEŢE PLUS ORAŞE. Editura GRAI & Editura OLIMP, Târgu Mureş, România (Adresse usw.).

Die persönlichen Daten der aufgelisteten Persönlichkeiten stammen zum Teil aus Petris Biographisches Lexikon von 1992, sowie von Walter Wolf (München) und aus Meyers Großes Taschenlexikon.

Hărţile oraşelor din România. Timişoara – Temesvár – Temeswar. Verlag Carthographia Verlag Budapest, 2007.

Gemeint ist wohl der „Walzerkönig“ Johann Strauß Jr. (1825 – 1899).

Allerdings ist der Name Pestalozzi auf der Straßenkarte (wie auch in der Tafel in der Stadt) korrekt geschrieben. Bei Johnny Weissmüller wurde einfach die amerikanische Schreibweise übernommen und von Sailer gibt es die Statuia Sailer (nicht Seiller) im Stadtzentrum. Bloß im Falle von Johannes Gensfleisch (Gutenberg) blieb wohl der Bezug zum neuen deutschen Bundeswirtschaftminister zu Guttenberg“ bestehen.

Nach „Banater Post“ 20. 02. 2009, S. 2.

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