Temeswar als kulturelles Zentrum der Banater Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg

DruckversionSend by emailPDF-Version

 

Ein Aide-Mémoire für meine Landsleute

 Hans Fink 

Mit dieser kurzen Dokumentation will ich dem leider verbreiteten Vorurteil entgegentreten, die Rumäniendeutschen wären nach dem Zweiten Weltkrieg 40 Jahre lang auf den Koffern gesessen und hätten derweil Daumen gedreht. Oft ergibt sich das Vorurteil aus dem Trugschluss, wer von deutscher Kultur im kommunistisch regierten Rumänien spreche, der habe den real existierenden Kommunismus akzeptiert. Aber die Wirklichkeit ist komplex, mit Schwarzweißmalerei wird man ihr nicht gerecht. Wahr ist, dass die Rumäniendeutschen alle erkannten Möglichkeiten genutzt haben.

Gemessen an den zahlreichen Leistungen und an ihrer Qualität verzeichnete das deutsche Kulturleben in den sechziger und siebziger Jahren eine Blüte. Die Basis dafür war, dass sehr viele Deutsche weiterführende Schulen und Hochschulen absolviert hatten. Das Studieren war unsere Stärke. Noch in den achtziger Jahren hielt man dem deutschen Generalschulinspektor im Ministerium vor, die Zahl der deutschen Hochschüler liege prozentuell über dem Anteil der Minderheit an der Gesamtbevölkerung.[1] Man darf, wenn von der Blüte die Rede ist, nicht bei der Frage stehen bleiben , wie diese möglich geworden – wir sollten auch überlegen, was ohne Zensur gelungen wäre.

Die Hauptstadt des Banats war ein Hochschulzentrum. Hier befanden sich das schon nach dem Ersten Weltkrieg entstandene, später ausgebaute Polytechnikum, das Medizinische Institut, das Agronomische Institut und die 1962 gegründete Universität, die aus dem 1956 entstandenen Institut für Mathematik und Philologie hervorging.

Zum Ende der Blüte trugen nach und nach mehrere Ursachen bei, die sich überlagerten: die Misswirtschaft – der zunehmend dogmatische und nationalistische Kurs der Parteiführung – die massive Auswanderung der Deutschen (grob gerechnet die Hälfte im Laufe von 20 Jahren) – schließlich die mörderische Sparpolitik der Regierung als Reaktion auf die hohen Auslandsschulden.

Die Recherche für diese Dokumentation war ein Kind der 46. Kulturtagung der Landsmannschaft der Banater Schwaben in Sindelfingen im November 2010. Die Dokumentation entstand mit Blick auf die 47. Kulturtagung im November 2011, wo abermals Temeswar im Mittelpunkt stehen wird. (In der folgenden Aufstellung kommt die technische Intelligenz nicht vor; von der war im „Banater Kalender 2009“ und an anderer Stelle die Rede.)

 

Die Lehrerbildungsanstalt in der Josefstadt

 

Für das kulturelle Leben der Banater Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg spielte die Lehrerbildungsanstalt in der Josefstadt, in den Gebäuden des ehemaligen Notre-Dame-Klosters, die größte Rolle. Sie wurde im Rahmen der Schulreform gegründet und offiziell am 1. Oktober 1948 eröffnet. Ihr Status war der einer Mittelschule mit vier Klassen. In dieser Form bestand sie bis 1957 und hatte (mit dem Jahrgang 1958) zehn Absolventenjahrgänge. Ab dem Herbst 1958 erfolgte im selben Gebäudekomplex, doch innerhalb anderer Schulen, wieder eine Ausbildung für deutsche Grundschullehrer, und zwar mit einer Dauer von sechs Jahren. Davon gab es drei Absolventenjahrgänge: 1964, 1965 und 1966. Im Sommer 1957 erhielt die Schule den Namen „Mittelschule Nr. 9 mit deutscher Unterrichtssprache“, aber schon zwei Jahre später wurde sie mit anderen Schulen zum „Lyzeum Nr. 10“ zusammengeschlossen. Im September 1971 zog die deutsche Abteilung des Lyzeums Nr. 10 (acht Schulklassen) in die Innere Stadt um und vereinigte sich mit der Lenau-Schule.[2]

Im Zeitraum 1948-1966 wurden rund 560 Absolventen gezählt (Grundschullehrer und Kindergärtnerinnen). Von 1954 bis 1957 erhielten die Schüler der A-Klasse zusätzlich eine Qualifizierung als Pionier-Instrukteure.[3]

Als Vorbereitung auf ihre Kulturarbeit unternahmen die Schüler zahlreiche Ausfahrten in die Dörfer (mit Ausnahme jener im Grenzbereich, die sich in einer Sperrzone befanden). Sie traten mit Liedern, Tänzen, Gedichten, Instrumentalmusik und Turnübungen vors Publikum. Die methodische Vorbereitung für die Ausfahrten lag in den Händen der Musiklehrer Franz Stürmer und Jakob Hübner sowie der Biologielehrerin Herta Krall, die als Tanzmeisterin wirkte.

Der in Bogarosch tätige Grundschullehrer Michael Hammes beobachtete im Laufe von 20 Jahren, dass bei den Wettbewerben der Kulturhäuser etwa 80 Prozent der Leiter verschiedener Formationen Absolventen der Jahrgänge 1951-1958 der Temeswarer Deutschen Pädagogischen Lehranstalt waren, vor allem Absolventen des Jahrgangs 1954.[4]

Angesichts der Erziehung aller „Päda“-Schüler zu Theater-Freunden ist es nicht verwunderlich, dass 1953 mehrere Absolventen zum Deutschen Theater gingen (Otto Grassl, Karl Hoffmann, Hans Moos, Gerda Roth). Neben den wenigen Berufsschauspielern aus der Zwischenkriegszeit stellten sie einen wichtigen Teil der neuen Truppe.

Schulleiter waren Dr. Stefan Binder (1948-1954) und Fridolin Klein (1954-1959).

 

Die Lenau-Schule

 

Als nach dem Krieg wieder eine deutschsprachige Mittelschule gegründet werden sollte, war die Genehmigung des sowjetischen Stadtkommandanten erforderlich. Der damalige Generalschulinspektor für deutschsprachigen Unterricht, Michael Pfaff (1896-1962), meldete sich bei ihm zur Audienz an. Er nahm den Textilingenieur Friedrich Bergauer mit, der wegen Sehschwäche vorzeitig aus der Russland-Deportation entlassen worden war. Bergauer sprach den General auf Russisch an, worauf dieser in gutem Deutsch antwortete, das folgende Gespräch wurde auf Deutsch geführt. Der General gab die Genehmigung. Unter diesen Umständen erhielt die spätere Lenau-Schule die Lyzeums-Stufe.[5] Den älteren Absolventen ist Michael Pfaff als Geschichtelehrer, Friedrich Bergauer als Buchhalter in Erinnerung.

Auch in dieser Schule wurde Schülertheater groß geschrieben. Schon im Frühjahr 1949 konnte „Kabale und Liebe“ aufgeführt werden. Die Leitung hatte Dr. Johann Wolf inne; die Premiere fand im Opernsaal statt. Nachdem Dr. Wolf zur Lehrerbildungsanstalt gegangen war, nahm Dr. Hans Weresch seinen Platz ein. Es folgten „Egmont“ von Goethe (1949), „Der zerbrochene Krug“ von Kleist (1950), „Der Bürger als Edelmann“ von Molière (1951), „Der verkaufte Großvater“ von Anton Hamik (1951). Mit dem „Zerbrochenen Krug“ traten die Schüler fünfmal in Temeswar und zwanzigmal in anderen Ortschaften vors Publikum. Das Entsetzen über die Bărăgan-Verschleppung im Sommer 1951, der auch rund 10.000 Deutsche aus dem rumänisch-jugoslawischen Grenzgebiet zum Opfer fielen, lähmte ihren künstlerischen Höhenflug.[6] [7]

Zunächst bestand die Schule als selbstständige Einheit, 1959 wurde sie mit rumänischen Klassenzügen kombiniert und war dann praktisch eine rumänische Schule mit einer deutschen Abteilung. In den Jahren 1971-1972 erreichten die Kreisräte der Werktätigen deutscher Nationalität, dass vier große Schulen mit entsprechender Tradition erneut als Lehranstalten mit deutscher Unterrichtssprache eingerichtet werden: die Honterus-Schule in Kronstadt (Klassen I-XII), die Brukenthal-Schule in Hermannstadt (offiziell „Lyzeum für Mathematik-Physik Nr. 2“, Klassen IX-XII), die Lenau-Schule in Temeswar (Klassen I-XII) und die Neuarader Schule (Klassen I-XII). Alle vier Einheiten entwickelten sich in kürzester Zeit wieder zu Drehscheiben des Kulturlebens in deutscher Sprache.

Ab 1971, als Erich Pfaff zu ihrem Direktor aufrückte, diente die Lenau-Schule als Sitz der deutschen Abteilung der Volksuniversität, die 1968 von ihm gegründet worden war; Pfaff leitete sie und hielt selbst zahlreiche Vorträge. (Seit dem letzten in deutscher Sprache gehaltenen Vortrag – d.h. vor August 1944 – waren 1968 rund 25 Jahre vergangen.) Die erste Veranstaltungsreihe hieß „Aus dem Banat, aus Rumänien, aus der ganzen Welt“, später kamen weitere Reihen hinzu. Manche Vorträge wurden von fast 600 Hörern besucht. Im Laufe von 20 Jahren haben 7.000 Volksunihörer an den gemeinsamen Ausflügen teilgenommen.[8]

Beginnend mit dem Jahr 1975 wurden in der Lenau-Schule alljährlich Trachtenbälle veranstaltet, und bei jedem waren Kostüme aus zahlreichen Ortschaften des Banats zu bewundern. Damit setzte die Schulleitung eine durch den Krieg unterbrochene Tradition des Schulkomplexes „Banatia“ fort. Die Bälle organisierte die aus Orzidorf gebürtige Sprachlehrerin Anna Jost, verheiratete Pavel, die als Parteisekretärin der Schule fungierte (wobei ihr der rumänische Name zugute kam). Selbst nachdem sie sich ins Ausland abgesetzt hatte, fand im Herbst 1989 noch ein Ball mit rund 60 Paaren statt.[9]

Schulleiter waren Dr. Heinrich Feichter (1948-1962), Lucia Blaga (1962-1965), Liviu Pop (1965-1970), Floare Glăja (1970-1972), Erich Pfaff (1971-1987, 1990-1992), Erika Müller (1987-1990), Ovidiu Ganţ (1992-2001), Helene Wolf (2001 bis heute).


 

Die Germanistik-Abteilung der Philologie-Fakultät

 

Der Germanistik-Lehrstuhl (ursprünglich der Lehrstuhl für Fremdsprachen) wurde am 15. September 1956 gegründet. Anschließend bot die Philologie-Fakultät die Fächerkombinationen Deutsch-Rumänisch und Rumänisch-Deutsch an, später auch Deutsch-Englisch. Die erste Generation Temeswarer Germanisten, unter ihnen mehrere ehemalige „Päda“-Schüler, absolvierte 1961.

Leiter des Lehrstuhls waren: Dr. Stefan Binder (1956-1972), Karl Streit (1972-1977), Dr. Yvonne Lucuţa (1977-1981), Cornel Nistor (1981-1985), Vasile Şerban (1985-1987), Vasile Frăţilă (1987-1989), Peter Kottler (1990-1992), Dr. Angelica Ionaş (1992-1996), Dr. Roxana Nubert (1996 bis heute).


Im selben Atemzug ist die beim Lehrstuhl eingerichtete

 

Wörterbuchstelle

 

zur Erforschung der Banater deutschen Mundarten zu nennen. Gleich nach der Gründung des Lehrstuhls 1956 bildete sich ein Arbeitskreis für Mundartenforschung (Dr. Stefan Binder, Dr. Johann Wolf, Dr. Maria Pechtol, Dr. Hans Weresch) und konzipierte die Grundlagen für ein Banater Mundarten-Wörterbuch. Eine auf dieses Projekt ausgerichtete Vorlesung wurde erstmals im Hochschuljahr 1968-1969 von Maria Pechtol gehalten, in der Folge jährlich von Peter Kottler. Am Projekt nahmen viele Studenten aktiv teil, indem sie ihre Lehrer bei Ausfahrten begleiteten, einschlägige Jahresarbeiten bzw. Diplomarbeiten verfassten, Mundartkarten anlegten und gesammeltes Material verzettelten.[10] Beim Verfassen seiner „Banater deutschen Mundartenkunde“ (Bukarest: Kriterion, 1987) konnte Johann Wolf sich u.a. auf 163 von Temeswarer Germanistik-Studenten stammende Diplomarbeiten stützen.


Mit dem Germanistik-Lehrstuhl arbeitete das

 

Fortbildungsinstitut für Lehrkräfte

 

eng zusammen. Die Temeswarer Filiale betreute Sprachlehrer für Deutsch-Muttersprache aus dem ganzen Land und veranstaltete für sie Lehrgänge; beginnend mit den sechziger Jahren konnten Muttersprachler die Vorrückungsprüfungen (Definitivat, Zweiter Grad, Erster Grad) nur in Temeswar ablegen.[11] Von 1969 bis 1975 war Josef Zirenner, vorher Dozent beim Germanistik-Lehrstuhl, hauptberuflich in der Filiale tätig.[12]

Zeitweilig unterhielt das

 

Institut für pädagogische Wissenschaften

 

in Temeswar eine auf die deutsche Minderheit zugeschnittene Planstelle. Dort arbeitete Radegunde Täuber, vormals Schülerin der Josefstädter Lehrerbildungsanstalt und Absolventin der Philologie-Fakultät, 1969-1970 an Lehrplänen für den muttersprachlichen Deutschunterricht. Mit dieser Planstelle hat das Ministerium auf die Ausweitung des verpflichtenden Unterrichts von acht auf zehn Schuljahre reagiert. Aufgrund der neuen Lehrpläne wurden mehrere Schulbücher ausgearbeitet bzw. umgearbeitet (Klasse III 1970, Klasse IV 1971, Klasse V 1969, Klasse VI 1972, Klasse IX Textauswahl 1969, Klasse IX Lehrbuch 1971).[13]

 

Die Filiale des Schulbuchverlags

 

In der Temeswarer Filiale des Schulbuchverlags, eingerichtet Anfang der fünfziger Jahre, betreuten die Redakteure die Originalbücher für den muttersprachlichen Deutschunterricht (Klassen I-VIII) und die Übersetzungen der rumänischen Originalbücher (Mathematik, Physik, Chemie, Biologie, Erdkunde usw.). Das Personal umfasste rund zehn Redakteure und Verwaltungsangestellte. Die auswärtigen Mitarbeiter arbeiteten hauptamtlich an deutschen Mittelschulen bzw. an Mittelschulen mit einer deutschen Abteilung. Es gab auch deutsche Hochschullehrer, die sich nicht zu schade waren, für ein dürftiges Honorar als Referenten mitzuwirken: Lektor Julius Amberg, Lektor Alfred Geier, Prof. Dr. Peter Lamoth, Dozent Dr. Josef Philips.[14]

 

Das Deutsche Staatstheater Temeswar (DSTT)

 

Es wurde am 1. Januar 1953 gegründet und erlangte 1956 administrative Selbstständigkeit. Sein Ensemble trat am 27. Juni 1953 mit Heinrich Laubes Schauspiel „Die Karlsschüler“ vor die Öffentlichkeit, welches Dr. Johann Wolf vorgeschlagen hatte. Vom Schauspieler und Schriftsteller Stefan Heinz (Pseudonym: Hans Kehrer), dem Publikum vor allem durch die Charakterrolle „Vetter Matz“ bekannt, stammt eine Premierenschau, die von der Gründung bis Ende 1990 reicht. Im Laufe dieser 38 Jahre führte das Ensemble 269 Stücke und Unterhaltungsprogramme auf, es ist in mehr als 150 Ortschaften aufgetreten und gab 9.135 Vorstellungen vor insgesamt 2.416.072 Zuschauern.

Zur Aufführung gelangten Stücke von Schiller, Lessing, Goethe, Brecht, Remarque, Hebbel, Kleist, Nestroy, Anzengruber, Grillparzer, Thoma, Horváth, Hauptmann, Büchner, Wedekind; Molière, Jewgenij Schwarz, Goldoni, Beaumarchais, Shakespeare, Ibsen, Wilde, O’Neill, Gogol, Shaw, Lorca, Gorki; Caragiale, Mihai Sebastian, Horia Lovinescu, Camil Petrescu, Aurel Baranga, Ion Băieşu; Hans Kehrer, Irene Mokka, Ludwig Schwarz, Ricarda Terschak, Josef Jochum.[15]

Wie viel Vorsicht bei der Auswahl der Stücke geboten war, erkennen wir aus der Bilanz des Dramaturgen Franz Liebhard nach dem ersten Jahrzehnt des DSTT (im Märzheft 1963 der „Neuen Literatur“). Bis dahin hatte das Ensemble 62 Stücke aufgeführt. Liebhard unterschied nicht weniger als sechs Kategorien, die man zu berücksichtigen hatte: einheimische Gegenwartsdramatik; Sowjetdramatik; Bühnenliteratur der volksdemokratischen Länder; fortschrittliche Bühnenliteratur der kapitalistischen Welt; kritischer Realismus; fortschrittliches Kulturerbe.[16]

Mehrere Mitglieder des Ensembles betreuten Laienformationen auf den Dörfern: Rudolf Chati [Schati], Hans Kehrer, Peter Schuch, Josef Jochum, Hadamut Becker und Franz Csiky halfen den Laienspielern mit ihrer Erfahrung.[17] Dazu gab es auch eine Anweisung von oben[18], aber bei den Deutschen rannte sie offene Türen ein. Rudolf Chati hat 1948-1951 die Theatergruppe der jungen Lenau-Schule angeleitet.[19]

Zu Beginn der Spielzeit 1981/1982 traf das Ensemble durch die Entlassung von 14 Mitgliedern, die um die Ausreise angesucht hatten, ein herber Schlag, und der zweite ließ nicht auf sich warten. Bis zum Jahre 1983 hatte der Staat 70 Prozent der Auslagen subventioniert, während der Rest eingespielt werden musste, doch dann stellte die Finanzaufsicht dieses Verhältnis auf den Kopf.[20]

Direktoren (Intendanten) waren: Johann Székler (1956-1971), Dr. Bruno Würz (1971-1974), Hans Linder (1974-1983), Ildiko Járcsek-Zamfirescu (1983-2001), Alexandra Gandi-Ossau (2001-2003), Ida Gaza (2003-2007), Lucian Vărşăndan (2007 bis heute).

 

Die Vertretung des „Neuen Wegs“ (1949-1992)

bzw. der „Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien“ (1993 bis heute)

 

Zwar wurde die überregionale Tageszeitung „Neuer Weg“ in Bukarest herausgegeben, doch brachte sie täglich Berichte aus dem Banat. Für sie arbeiteten von aller Anfang an Korrespondenten in Temeswar, Reschitz und Arad, zeitweilig auch in Lugosch. In den siebziger und achtziger Jahren waren in der Temeswarer Lokalredaktion vier Korrespondenten tätig. Die erste Ausgabe erschien am 13. März 1949.

Die größte Wirkung des „Neuen Wegs“ – von der politischen Führung Rumäniens bei der Gründung der Redaktion sicher nicht beabsichtigt – bestand darin, dass die Zeitung das kollektive Bewusstsein der deutschen Bevölkerung als Minderheit gestärkt und erhalten hat, indem sie täglich in deutscher Sprache über deutsche Bürger berichtete. Ohne sie hätte der Einzelne sehr wenig über das Leben der deutschen Bürger in anderen Ortschaften und in anderen Landesteilen gewusst, ob Sachsen, Schwaben, Landler, Zipser, Böhmen oder Buchenländer, denn die rumänische kommunistische Presse hat über Deutsche so gut wie gar nicht berichtet.

Im März 1954 veranstaltete die Redaktion eine Aussprache mit deutschen Intellektuellen aus dem Banat und aus Siebenbürgen, bei der Vorschläge formuliert wurden, die zusammengenommen ein Bildungsprogramm der Zeitung ergaben, es war die Rede von Literatur, Musik, Theater, Volksgut und Brauchtumspflege. Später haben andere deutsche Medien dieses Programm übernommen und differenziert – auch die „Neue Banater Zeitung“, von der anschließend die Rede sein wird (sodass es sich im Rahmen dieser Dokumentation erübrigt, auf die schwerpunktmäßig wesentlichen Veröffentlichungen der NBZ zur Kulturarbeit einzugehen). Die Teilnehmer am Gespräch waren: Emmerich Bartzer, Dr. Bernhard Capesius, Harald Krasser, Franz Liebhard, Georg Scherg, Mathias Schork, Erwin Wittstock, Alfred Margul-Sperber, Alexander Tietz und Dr. Johann Wolf.

Von dieser Aussprache führt eine direkte Linie zu der 1972 gestarteten Aktion „Banater Volksgut“. Durch sie wollte man das sprachliche Volksgut vor dem Vergessen bewahren, denn auf dem Gebiet des rumänischen Banats hatte eine umfassende Unternehmung dieser Art noch nicht stattgefunden. Die Aktion wurde als Wettbewerb organisiert und lief über vier Jahre. An ihr haben sich mit wachsender Begeisterung Hunderte Personen beteiligt, Jung und Alt, es wurden mehr als 10.000 Texte eingesandt: Erzählungen, Schwänke, Märchen, Sagen, Lieder, Kinderverse, Rätsel und Sprichwörter. 1979 hat Walther Konschitzky beim Kriterion-Verlag einen Band mit 250 Seiten Text, zehn Jahre später einen zweiten Band mit mehr als 300 Seiten Text veröffentlicht („Märchen, Sagen, Schwänke“ und „Reime, Rätsel, Kinderspiele“). Beim Wettbewerb stand Dr. Johann Wolf Pate.

1956 ist es dem „Neuen Weg“ gelungen, die Erlaubnis zum Abhalten der Kronenfeste in Siebenbürgen sowie der Kirchweihfeste im Banat durchzusetzen, die seit Kriegsende vor allem in der Banater Heide verboten waren. Freilich bezog sich die Erlaubnis nur auf eine weltliche Form. Nach und nach begannen die großen Gemeinden bei der Gestaltung zu wetteifern. Dank der Berichterstattung durch Presse, Rundfunk und die „Deutsche Fernsehstunde“ fanden manche Feste landesweit Beachtung. (Die Medien verwendeten übereinstimmend mit Berechnung nur das Mundartwort Kerwei.)

 

Die „Neue Banater Zeitung“

 

Dieses Tageblatt ist im Februar 1968 aus der Zeitung „Die Wahrheit“ hervorgegangen, die seit dem 1. Februar 1957 zunächst einmal wöchentlich, später an drei Tagen pro Woche zum Kiosk gelangte. Berühmt wurde die NBZ unter der Leitung des Journalisten, Schriftstellers, Dichters und Politikers Nikolaus Berwanger, der ein gewagtes politisches Doppelspiel trieb. Die erste von Berwanger konzipierte Ausgabe, mit einem Sportfoto und einem Kirchweihfoto auf der ersten Seite, erschien Mitte August 1969.

Im Jahrzehnt 1971-1980 erreichte die Zahl der Angestellten 27-29 Personen, davon 20-22 schreibende Redakteure.[21] Die NBZ konnte umfassender auf lokale Aspekte eingehen als der „Neue Weg“. Sie glänzte durch zahlreiche Lokalseiten (für Arad, Großsanktnikolaus, Hatzfeld, Lugosch, und Reschitz), parallel dazu erschienen die „Lenau-Schüler-Stimmen“, wöchentlich abwechselnd je eine Schüler-Seite mit Beiträgen aus Arad, Großsanktnikolaus, Hatzfeld, Lugosch und Reschitz, dann eine von Studenten gestaltete Seite und die Mundartbeilage „Pipatsch“ (zuerst monatlich, zuletzt wöchentlich). Zum Ansehen der Zeitung trugen auffällig viele kritische Artikel bei. Infolgedessen stieg die Auflage steil an, schon im Januar 1970 hatte sie die 7.000 überschritten und erreichte bis zuletzt 20.000.

Chefredakteure waren Nikolaus Berwanger (1969-1984), Erwin Lessl (1985), Maria Stein (1985-1990), Anton Palfi (1990), Gerhard Binder (1990-1993). Seit 1993 erscheint die NBZ als wöchentliche Beilage der „Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien“.

 

„Radio Temeswar“

 

Die deutsche Abteilung bestand fast 30 Jahre lang, nämlich vom November 1956 bis Januar 1985. Sie hatte täglich eine Stunde Sendezeit. Bei der Eröffnungssendung am 17. Januar 1957 ergriff auch Dr. Johann Wolf das Wort. In dieser Abteilung waren vier bis sechs Redakteure beschäftigt, zuständig für Industrie, Landwirtschaft, Soziales, Kultur und Literatur.

Die Abteilung brachte laufend Berichte über das deutsche Kulturleben. Ab 1970 nahm sie von Banater Deutschen verfasste Hörspiele ins Programm auf, die auf dramatische Erlebnisse nach dem Krieg eingingen, wobei die Schauspieler vom Deutschen Staatstheater den Redakteuren zu Hilfe kamen.

Ab den siebziger Jahren redigierte die Abteilung die „Sendung für Pioniere und Schüler“, die am Sonntagvormittag in Bukarest ausgestrahlt wurde.

Größter Beliebtheit erfreute sich die Musiksendung „Sie wünschen – wir spielen“. 1975 besuchte eine Kontrollbrigade aus Bukarest unter Leitung von Generaldirektor Silviu Brucan das Studio. Brucan fragte den Studioleiter, wie es komme, dass die rumänische Abteilung 1974 nur 1.473 Hörerbriefe erhalten habe, die deutsche aber 12.378. Statt die Erklärung des Studioleiters aufzugreifen, es handle sich bei den deutschen Musiksendungen um fragwürdige, politisch inhaltslose, kosmopolitische Texte, empfahl der Generaldirektor in seinen Schlussfolgerungen der rumänischen und der serbischen Abteilung, ebenfalls musikalische Wunschsendungen einzuführen.[22] [23]

 

Der „Facla“-Verlag

 

Von 1972, als der Verlag gegründet wurde, bis 1984, als die auch für deutsche Bücher zuständige Redakteurin Wilma Michels in Deutschland blieb, sind 53 deutsche Bücher entstanden. Zu diesen gehören u.a. Bücher in schwäbischer Mundart von Nikolaus Berwanger, Hans Kehrer und Ludwig Schwarz, Reportagenbände von Nikolaus Berwanger, Franz Engelmann, Walther Konschitzky und Heinrich Lauer sowie Übersetzungen aus dem Rumänischen. Hier veröffentlichte Ludwig Schwarz den mehrbändigen autobiografischen Mundartroman vom „Kaule-Baschtl“ (1977, 1978, 1981). Den vierten Band wies die Zensur zurück, weil er auf die Auswanderung einging (er ist bis heute nicht erschienen.) Zahlreiche Übersetzungen stammten von der Dichterin Erika Scharf.[24]

Als Eröffnungsband brachte die deutsche Abteilung eine dreisprachige Ausgabe des Eminescu-Gedichts „Der Abendstern“, die vom Dichter und Übersetzer Zoltán Franyó herausgegeben wurde.

Besondere Erwähnung verdienen die Lenau-Trilogie von Adam Müller-Guttenbrunn und die fünf von Hans Gehl betreuten Sammelbände mit Aufsätzen zum Banater Brauchtum („Heide und Hecke“, 1973; „Handwerk und Brauchtum“ 1975; „Schwäbischer Jahreslauf“ 1978; „Schwäbische Familie“ 1981; „Schwäbisches Volksgut“ 1984).

 

Der Schubert-Chor

 

Die Gründung erfolgte am 20 Februar 1969 im Festsaal der Lenau-Schule mit Hilfe von Nikolaus Berwanger in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Kreisrates der Werktätigen deutscher Nationalität. Der Chor zählte rund 80 Mitglieder. Innerhalb der ersten zehn Jahre seines Bestehens ist er 125-mal vor 55.000 Gästen aufgetreten. 65 Konzerte fanden in Temeswar statt, 28 in Banater Ortschaften und 10 in Siebenbürgen. Der Chor nahm an den großen Trachtenfesten in Jahrmarkt (1971) und Hatzfeld (1977) sowie an den 27 Aufführungen der „Schwaben-Show“ gemeinsam mit der Temeswarer Staatsoper teil.

Dirigenten waren: Erich Koch, Herbert Weiss, Matthias Schork, Adrian Nucă-Bartzer, Franz Metz und Damian Vulpe. 1985 führte Adrian Nucă-Bartzer den Chor mit 72 ausgesiedelten Sängern in Deutschland wieder zusammen.[25] [26]

 

Der Literaturzirkel „Adam Müller-Guttenbrunn“

 

Seit 1949, als in Temeswar die Zeitschrift „Banater Schrifttum“ entstand, gab es dort auch einen deutschen Literaturzirkel, der zur Filiale des Rumänischen Schriftstellerverbands gehörte. Redigiert wurde die Zeitschrift vom Journalisten, Dichter und Schriftsteller Robert Reiter, der nach seiner Rückkehr aus der Russland-Deportation den Namen eines verstorbenen Mithäftlings – Franz Liebhard – zum Pseudonym gewählt hatte. 1956 erhielt die Zeitschrift den Namen „Neue Literatur“, und zwei Jahre später zog die Redaktion nach Bukarest um. Der Zirkel gab sich 1968 den Namen „Adam Müller-Guttenbrunn“.

Solange Nikolaus Berwanger seine schützende Hand über den Zirkel hielt, konnten dort die ehemaligen Mitglieder der „Aktionsgruppe Banat“ auftreten, die 1975 von der Securitate zerschlagen worden war, unter ihnen Richard Wagner und Johann Lippet. Berwanger war es auch, der die spätere Nobelpreisträgerin Herta Müller in die Diskussionsrunde einführte. 1982 erschien das von Nikolaus Berwanger, Eduard Schneider und Horst Samson herausgegebene zweite Jahrbuch des Zirkels unter dem subversiven Titel „Pflastersteine“; in ihm waren 40 Autoren vertreten. Mitte der achtziger Jahre löste sich der Zirkel durch den Austritt der führenden Mitglieder selbst auf.

 

Das Deutsche Kulturzentrum

 

2001 gründeten 17 Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens die Rumänisch-Deutsche Kulturgesellschaft mit dem Ziel, für Temeswar und Umgebung ein Deutsches Kulturzentrum einzurichten. Die Kulturgesellschaft und das Kulturzentrum sehen ihre Aufgabe darin, die deutsche Sprache zu fördern und die deutsch-rumänischen kulturellen Beziehungen durch Ausstellungen, Lesungen, Konzerte sowie ein breites Literaturangebot zu unterstützen.

 

X X X

 

Auch in den Institutionen, die hier nicht vermerkt sind, weil nicht der deutschen Minderheit zuzuordnen, waren Deutsche tätig: Lehrer, Sänger, Musiker, bildende Künstler, Spitzensportler. Mehrere Fachlyzeen hatten deutsche Klassenzüge mit Schülern aus zahlreichen Banater Ortschaften, z.B. die Textilschule. Der Maler Franz Ferch, von 1959 bis 1969 Vorsitzender der Zweigstelle des Verbands für bildende Künstler, lebte bis zu seiner Ausreise 1979 in Temeswar.

 

Das Nachwort: Kulturleben in einem Unrechtsstaat

 

Bei der vorliegenden Dokumentation handelt es sich nur um eine Aufstellung, sie enthält keine Einzelheiten, wie man sie bei Monografien erwarten darf. Jeder mag sie nach Belieben mit Einzelheiten ergänzen.

Um dem Leser, der die Umstände nicht aus eigenem Erleben kennt, die Einordnung zu erleichtern, sind einige Bemerkungen zur gesellschaftlichen Entwicklung der Nachkriegszeit fällig.

Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg hatte das Dritte Reich die deutsche Minderheit zu ihrem Schoßkind erhoben, um sie bei den geplanten Eroberungen als Handlanger zu missbrauchen. Unter dem Druck des Dritten Reiches wurde die deutsche Minderheit von der rumänischen Regierung auffällig begünstigt. Die Führung der Deutschen Volksgruppe, die sich zum Wortführer aller Rumäniendeutschen aufgeworfen hatte, genoss praktisch Narrenfreiheit und zog sich den Hass des Staatsvolkes zu. Die von den Rumäniendeutschen lange ersehnte Schulautonomie wurde damals mit nationalsozialistischem Vorzeichen verwirklicht. Nach den militärischen Niederlagen des Dritten Reiches und nach dem Untergang der militärfaschistischen Diktatur Antonescus erlitt die deutsche Minderheit einen jähen Sturz, von dem sie sich bis zur politischen Wende 1989 nicht erholen sollte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg zwang die Sowjetunion, längst ein Klassenstaat, in dem die Nomenklatura herrschte, den besetzten Ländern ihr Gesellschaftssystem auf. Infolgedessen bildete sich auch in Rumänien ein Unrechtsstaat mit starken sozialen Widersprüchen. Aus der Schicht der kommunistischen Funktionäre entwickelte sich eine neue Ausbeuterklasse. Für die Funktionäre – Privilegien wie für die oberen Zehntausend im Kapitalismus, für die Massen – Ausbeutung wie im Kapitalismus, dazu ein ideologisches Brimborium. Wer nicht zur Nomenklatura gehörte, musste sich ducken, und zwar ohne Unterschied der Nationalität.

Um Widerstand gegen die vorgeschriebene Ideologie im Keim zu ersticken, ließ die Parteiführung auch Kunst und Kultur streng kontrollieren. Diese sollten ausschließlich der Erziehung des „neuen Menschen“ dienen; was nicht danach aussah, wurde abgelehnt und wenn möglich abgewürgt. Da kein Auswandern möglich, mussten die Kunst- und Kulturschaffenden sich zu Kompromissen bequemen, was viele Menschen in Rumänien selbst nicht verstanden, im Ausland noch weniger.[27] Wie und wo sollte man es ihnen erklären? Jeder wurde überwacht. Nicht wenige Künstler haben sich um materieller Vorteile willen kompromittiert.

Statt die Bemühungen um ein reichhaltiges und niveauvolles Kulturleben anzuerkennen, neigen Außenstehende dazu, mit Hinweis auf die Kompromisse sämtliche Leistungen zu verwerfen.

Das Kulturleben der nationalen Minderheiten sollte nur in der Form national, im Inhalt aber sozialistisch sein. Außerdem stand es dem nationalistischen Wunsch im Weg, dass die Minderheiten sich bald im Staatsvolk auflösen. Deshalb unterlag es einer doppelten Kontrolle. Der Vorwurf der Eigenbrötelei, des Separatismus, des Isolationismus war schnell bei der Hand.

Die Unterrichtsreform des Jahres 1948, von der die Deutschen profitierten, war nicht ein Geschenk an das Volk, sondern die unabdingbare Voraussetzung für die Industrialisierung des Landes, mit der die Kommunistische Partei ihren Herrschaftsanspruch legitimierte. Damals bezog die politische Führung die als tüchtig bekannten Deutschen mit ein, um sie für den geplanten sozialistischen Aufbau zu gewinnen.

In den Schulbüchern wurden die nationalen Minderheiten zwar erwähnt, ihre Geschichte aber unterschlagen.

Die Möglichkeit, öffentlich ungestört über ihre Lage zu beraten, gab es für die deutschen Bürger ebenso wenig wie für andere. Wann immer sie sich unangemeldet zusammensetzten, witterten die Parteioberen und ihre Schergen eine Verschwörung. Im Herbst 1968, nach der Besetzung der Tschechoslowakei, an der Rumänien sich nicht beteiligt hatte, nützte Ceauşescu die Atmosphäre von Patriotismus, um die sogenannten „Räte“ gründen und in einer „Front“ zusammenzuschließen, wobei er das Ziel verfolgte, alle Mitglieder zu kontrollieren und zu gängeln. So entstanden auf Anweisung von oben auch die Kreisräte und der Landesrat der Werktätigen deutscher Nationalität. Dass es einigen Vertretern der Deutschen in diesem Forum gelang, für die Minderheit interessante Projekte durchzusetzen, ist einerseits ihrem Engagement zu verdanken, andererseits auch dem Umstand, dass die politische Führung an guten Beziehungen zur Bundesrepublik interessiert war.

Wer damals in Rumänien aufgewachsen ist, entwickelte ein politisches Bewusstsein, welches Außenstehende leichtfertig als gespalten bezeichnen könnten. Wir waren aber nicht geisteskrank – wir besaßen die lebenswichtige Fähigkeit, die offizielle Propaganda sicher von der eigenen Anschauung zu trennen.

 

XXX

 

Ich schließe mit einer Anekdote aus dem Theaterleben, die ein Licht wirft auf das Gemüt meiner deutschen und rumänischen Landsleute. Sie stammt aus dem Buch „Im Zangengriff der Zeiten“ von Stefan Heinz-Kehrer und gibt einen Vorfall aus dem Jahr 1955 wieder (als noch Tausende verschleppte Deutsche aus dem westlichen Banat in der Bărăgan-Steppe hausten).[28]

 

Die Begegnung (1955)

 

Schillergedenkjahr 1955, zum 150. Todestag des Dichters ...

Eines unserer schönsten Erlebnisse knüpfte sich an das Gastspiel des rumänischen Staatstheaters aus Galatz in Temeswar. Zwei Abende waren mit „Kabale und Liebe“ angesetzt, am ersten sahen wir im Opernsaal die Vorstellung unserer rumänischen Kollegen. Es gab Blumen seitens der rumänischen und ungarischen Schauspieler unserer Stadt.

Die Galatzer, die wohl gehört hatten, dass es hier auch eine deutsche Bühne gab, sollen wegen unserer „Abwesenheit“ etwas befremdet gewesen sein – sie ahnten ja nicht, welche Überraschung wir ihnen bereitet hatten!

Am zweiten Abend hatten auch wir „Kabale und Liebe“ in unserem Saal – und so ergab sich ein einzigartiges Zusammentreffen: Schillers Stück in rumänischer und deutscher Sprache, am gleichen Abend, im gleichen Gebäude!

Wir hatten schon am ersten Abend gemerkt, dass wir mit etwas gestraffterem Text als die Galatzer spielten und deshalb das erste Bild um einige Minuten früher beenden würden. Darauf beruhte unser Plan.

Kaum war bei uns der Vorhang gefallen, eilten wir über den Korridor auf die Opernbühne und stellten uns hinter die Kulissen. Als auch hier der Vorhang gefallen und der Applaus am Verebben war, betraten wir die Bühne. Das Publikum begriff den Vorgang nicht sogleich. Erst als alle unsere Darsteller ihren Platz gefunden hatten, Luise bei Luise aus Galatz, Ferdinand bei Ferdinand, Miller bei Miller – und so fort, da brach ein Beifallssturm los, wie wir ihn selten erlebt hatten.

Unser Sprecher war der Kammerdiener (diesmal ich), er würdigte diese wunderbare Begegnung im Geiste Schillers und beglückwünschte die Gäste zu ihrem schönen Spiel.

Miller aus Galatz antwortete in einer bewegten Rede, des Öfteren von Beifall unterbrochen – aber stumm und ergriffen ging das Publikum in die Pause.

 

 

Bibliografie

 

BANATER POST. Zeitung der Landsmannschaft der Banater Schwaben. München.

BANATICA. Beiträge zur deutschen Kultur. Herausgegeben vom Kulturverband der Banater Deutschen. München.

Diplich, Hans, und Deffert, Christoph: Das Staatliche Deutsche Realgymnasium zu Temeswar. Die deutsche Mittelschule Nr. 2 „Nikolaus Lenau“ zu Temeswar. St. Michael [Österreich]: Bleschke, 1982.

Egler, Mathias (Hg.): Der Absolventenjahrgang 1954 der Deutschen Pädagogischen Lehrerbildungsanstalt Temeschburg. Eigenverlag, 2006.

Harle, Hans, und Mitarbeiter: Deutsche Pädagogische Lehranstalt Temeswar. Die Absolventen des Jahrgangs1956. Temeswar: Cosmopolitan Art, 2006.

Heinz-Kehrer, Stefan: Im Zangengriff der Zeiten. Ein langes Leben – in kurzen Geschichten. Bukarest: ADZ-Verlag, 2003.

NEUE LITERATUR. Zeitschrift des Rumänischen Schriftstellerverbands. Bukarest.

Schmidt, Katharina (Gesamtredaktion): Deutsche Pädagogische Lehranstalt Temeswar. Eigenverlag, 2007.

TEMESCHBURG – TEMESWAR. Eine südosteuropäische Stadt im Zeitenwandel. Herausgegeben von der HOG Temeschburg-Temeswar. Eigenverlag, 1994.

ZEITSCHRIFT DER GERMANISTEN RUMÄNIENS. Bukarest.

 

Für die Ergänzungen und Korrekturen danke ich Wilma Michels, Dr. Hans Gehl, Maria Stein, Elke Sabiel, Luzian Geier, Erich Siegmeth, Rosl Fink-Grigo, Nikolaus Horn, Konrad Richter, Gudrun Schuster, Else Röhrich, Heidrun Straub, Radegunde Täuber, Maria Endres, Ingrid Kirch, Katharina Schmidt, Wendel Orner.

 




[1] Mündlich von Generalschulinspektor Nikolaus Kleininger.

[2] Offiziell wurde die Bezeichnung „Lyzeum“ für die Mittelschulen ab 1959 verwendet, erschien aber im Schulstempel mit Verspätung.

[3] Katharina Schmidt (Gesamtredaktion): Deutsche Pädagogische Lehranstalt Temeswar. S. 19-20.

[4] Michael Hammes und Helmut Rossmann: Schüler als Kulturträger. In: Mathias Egler (Hg.): Der Absolventenjahrgang 1954. S. 365-368, hier S. 368.

[5] Mündlich von Erich Siegmeth, vormals erst Schüler, dann Mathematiklehrer an der Lenau-Schule.

[6] Peter Paul: Die Wiedererweckung des Banater deutschen Kulturlebens nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Beitrag der Temeschburger deutschen Gymnasien. In: TEMESCHBURG – TEMESWAR. S. 494-502.

[7] Franz Marschang: Trügerischer Morgenschimmer. Ebenda, S. 502-505.

[8]  Erich Pfaff: „Volksuni“ – ein Stück Temeswarer Kulturgeschichte. In: TEMESCHBURG – TEMESWAR. S. 566-569.

[9] Mündlich von Deutschlehrer Wendel Orner, der den Ball zusammen mit der Chemielehrerin Elisabeth Michelbach vorbereitet hat.

[10] Hans Gehl: Der Beitrag Stefan Binders zum Banater deutschen Mundartwörterbuch. In: ZEITSCHRIFT DER GERMANISTEN RUMÄNIENS. Nr. 1-2/1997, S. 333-341.

[11] Mündlich von Gudrun Schuster, vormals Deutschlehrerin an der Honterus-Schule und Leiterin des Burzenländer Fachzirkels für Deutschlehrer.

[12] Die Tätigkeit Zirenners als Pädagoge und Methodiker hat Dr. Walter Engel gewürdigt: Ein Pädagoge der Güte. In: BANATER POST. Nr. 17 (5. September) 2007.

[13] Mitteilung von Radegunde Täuber in einem Brief, datiert 12. Dezember 2010 in Nufringen.

[14] Mitteilung von Alfred Huth, von 1956 bis 1965 Lektor und leitender Redakteur. In: Deutsche Schulbücher. Typoskript, ein Beitrag für die geplante Anthologie „Alles selbst erlebt“.

[15] Typoskript. Eine Kopie wurde mir vom Verfasser geschenkt. Siehe auch: Hans Fink: 250 Theater-Rezensionen. Das Deutsche Staatstheater von Temeswar im Spiegel der Presse/ Eine hochkarätige Sammlung gelangt ins Donauschwäbische Zentralmuseum. In: BANATER POST. Nr. 4 (20. Februar) 2009.

[16] Franz Liebhard: 2.500 Aufführungen, 778.000 Zuschauer. In: NEUE LITERATUR. Nr. 3/1963, S. 127-133.

[17] Mündlich von Hadamut Becker, Josef Jochum, Franz Csiky und Johann Lippet im März 2009.

[18]  Stefan Heinz-Kehrer: Im Zangengriff der Zeiten. S. 324.

[19] Peter Paul: Die Wiedererweckung des Banater deutschen Kulturlebens. In: TEMESCHBURG – TEMESWAR. S. 494-502.

[20] Johann Lippet: Wer begreifen will, wie das war, muss wissen, wie es funktionierte. Einblicke in Abläufe. In: BANATICA. Nr. 1-2/2003. S. 5-12, hier S. 9 bzw. 11.

[21] Mündlich von Luzian Geier und Maria Endres, vormals Redakteure der NBZ.

[22] Hans Bohn: Deutsche Rundfunksendung im Banat. In: BANATER POST. Nr. 9, 10, 11, 12, 13-14 und 17 (5. und 20. Mai, 5. und 20. Juni, 10. Juli, 5. September) 2007. Mit mündlichen Ergänzungen von Ingrid Kirch und Hans Bohn.

[23] Stefan Heinz-Kehrer: Unsere Leute am Mikrophon. In: Ders.: Im Zangengriff der Zeiten. S. 335-337.

[24]  Mündlich von Wilma Michels.

[25] Hans Gehl: Neue Qualität Banater Chortätigkeit: Der Schubert-Chor. In: TEMESCHBURG – TEMESWAR. S. 517- 520. (Gekürzt aus BANATICA Nr. 4/1992.)

[26] Herbert Weiss: Die Anfänge des Schubert-Chors. Typoskript, ein Beitrag für die geplante Anthologie „Alles selbst erlebt“.

[27] Siehe: Hans Fink: Unter Wölfen. Die sogenannten Kompromisse zur Zeit der kommunistischen Diktatur. Vortrag in der Akademie Mitteleuropa in Bad Kissingen im Rahmen des Seminars „Wie gehen wir mit der kommunistischen Vergangenheit um?“, 4. bis 9. November 2007. Abgedruckt in der BANATER POST. Nr. 1-4 (5. und 20. Januar, 5. und 20. Februar) 2008.

            Siehe auch: Hans Fink: Das Aushängeschild im weltweiten Netz. Die Banater Schwaben in der „Wikipedia“. In: BANATER POST. Nr. 13-14 (10. Juli) 2009.

[28]  Stefan Heinz-Kehrer: Im Zangengriff der Zeiten. S. 320-321.

Zufälliges Bild

Nordbahnhof - Temeswar

Benutzeranmeldung

Wer ist online

Zur Zeit sind 0 Benutzer und 1 Gast online.

Display Pagerank