Spione des Vatikans

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Der Bischof, Hitler und die Securitate

Der stalinistische Schauprozess gegen die so genannten »Spione des Vatikans«, 1951 in Bukarest


William Totok

Vom 10. bis zum 17. September 1951 fand in Bukarest einer der grauenvollsten, stalinistischen Schauprozesse aus der Geschichte Rumäniens statt. Die 10 Angeklagten im sogenannten „Prozess der Spione des Vatikans“ – der Bischof der katholischen Diözese von Temeswar, Augustin Pacha (verhaftet am 18. Juli 1950), der geheime Bischof Josef [Iosif] Schubert aus Bukarest (17. Februar 1951), der Pfarrer der italienischen Kirche aus Bukarest, Pietro Ernesto Clement Gatti (8. März 1951), der Rektor des theologischen Seminars aus Temeswar und Geheimbischof, Adalbert Boros (10. März 1951), der bischöfliche Sekretär aus Temeswar, Domherr Ioan [Hans] Heber (10. März 1951), Chef der bischöflichen Kanzlei, Dompropst Iosif [Josef] Waltner (13. März 1951), der Übersetzer der italienischen Botschaft aus Bukarest, Eraldo Pintori (27. April 1951), der frühere Schulinspektor und Abgeordnete in der Großen Nationalversammlung, stellvertretender Vorsitzender der illegalen Christlich-Sozialen Partei, Lazar Stefanescu (4. Mai 1951), der Vorsitzende der gleichen Untergrundpartei und ehemalige Schulinspektor, Gheorghe Sandulescu (13. Mai 1951) und der Bukarester Arzt, Petre Topa (14. Mai 1951) - verurteilte im September 1951 ein Bukarester Militärgericht zu schweren Gefängnisstrafen. An der Spitze der Verurteilten Gruppe stand der römisch-katholische Bischof aus Temeswar, Augustin Pacha (* 26. 11. 1870 - † 4. 11. 1954), der zu 18 Jahren Kerker verurteilt wurde.

Der hier veröffentlichte Text zu dem Prozess ist ein Auszug aus einem von William Totok verfassten Buch, das demnächst unter dem Titel „Der Bischof, Hitler und die Securitate“ erscheinen soll.

(...) Um die subversiven Aktivitäten des Vatikans zu beweisen, schuf die Securitate künstliche Verbindungsstränge zwischen drei unterschiedlichen Aktionen: 1.) Hitleraudienz, 2.) Spionage und 3.) antikommunistischer Widerstand.

Dadurch entstand der Eindruck operativer Verbindungen. Pacha selbst diente als Beispiel für die vom Heiligen Stuhl gesteuerte informative Unterwanderung. Deshalb wurde er als Hitlersympathisant, als Feind des Regimes und antikommunistischer Helfer des angloamerikanischen Spionagenetzwerkes denunziert. Um eine direkte politische Linie zwischen diesen Beschuldigungen zu konstruieren, wurde auch die italienische Botschaft in Bukarest in den Prozess mitimpliziert. Die Botschaft galt als Schaltstelle der westlichen Geheimdienste und als heimliche Unterstützerin einer im Untergrund tätigen antikommunistischen Widerstandsgruppe. Aus diesem Grund befanden sich auf der Anklagebank außer Pacha und drei katholische Würdenträger aus Temeswar – Hans Heber, Josef Waltner und Adalbert Boros - auch die Gründer der illegalen Christlich-sozialistischen Partei – Lazar Stefanescu und Gheorghe Sandulescu. Zwischen den Vertretern dieser beiden Gruppen existierten keinerlei Verbindungen. Sie kannten sich nicht einmal persönlich und trafen sich wahrscheinlich zum ersten Mal während der Gerichtsverhandlung.

Um einer eventuellen katholischen Opposition entgegenzuwirken und ein zusätzliches Exempel zu statuieren wurde im Rahmen des gleichen Schauprozesses auch noch der Bukarester Geheimbischof Josef Schubert angeklagt und verurteilt. Schubert wurde die Rolle eines vatikanischen „Maulwurfs“ zugeschrieben, nachdem die diplomatische Vertretung des Heiligen Stuhls geschlossen und der Nuntius des Landes verwiesen wurde.

Was der Geheimdienst und die Militärstaatsanwaltschaft der Öffentlichkeit innerhalb einer Woche, vom 10. bis zum 17. September 1951, vorführten, entsprach dem klassischen Muster eines konzeptionellen Prozesses. Die Angeklagten sollten 1.) juristisch als Menschen entwertet, 2.) propagandistisch als Persönlichkeiten historisch vernichtet und 3.) sollte ein abschreckendes Exempel statuiert werden. Der Prozess entsprach dem Konzept, die geschichtlichen Vorkommnisse auf ein vorprogrammiertes, primitives Schema zu reduzieren, das den irrationalen Vereinfachungen der stalinistisch-kommunistischen Weltanschauung angepasst werden konnte. Dieser Anschauung entsprach andererseits ein eben so simples Weltbild, das in seiner juristischen Primitivität außer der Existenz einer feindlichen und verräterischen Gruppe keinerlei Nuancierungen zuließ. Deshalb mussten die Angeklagten in der Öffentlichkeit als verbrecherische, unmoralische und vaterlandslose Agenten im Dienste des Faschismus und angloamerikanischen Imperialismus dargestellt werden und die Erniedrigungen eines Schauprozesses über sich ergehen lassen.

Das in Bukarest organisierte Strafverfahren gegen die „Agenten in der Soutane“ trägt die Handschrift der Moskauer Schauprozesse. Es ähnelt aber auch den Prozessen, die in anderen Ostblockländern gegen hohe geistliche Würdenträger angezettelt wurden, wie beispielsweise im November 1950 in der Tschechoslowakei „gegen die Agenten des Vatikans“ und Bischof Stanislav Zela.(1)

Auffallend an dem von der Securitate angelegten, zugänglichen Aktenbestand ist die konzeptuelle Einheitlichkeit zwischen den während der Voruntersuchung erpressten Erklärungen, den Zeugenaussagen und den während des Prozesses abgelegten Geständnissen. Die den Beamten unterlaufenen Fehler, oft auch nur Flüchtigkeitsfehler, sind von geringfügiger Bedeutung und haben die festgelegte Dramaturgie nicht beeinträchtigt. Die Pannen, die auf die dilettantische Arbeit der Securitate zurückgehen, sind während des Prozesses niemandem aufgefallen, obwohl das totale Akzeptieren der Anklagen und das umfassende Ablegen von Geständnissen im Sinne der Anklageschrift den Verdacht erhärtet, die Angeklagten seien genauestens instruiert worden. Dies ergibt sich jedenfalls aus dem am 14. November 1991 eingereichten Rehabilitierungsantrag des nach der Wende zum Titularerzbischof ernannten Adalbert Boros, der versichert, gezwungen worden zu sein, den „Text des Prozesses“ auswendig zu lernen.(2) Auch aus diesem Grund war ein Widerruf der während der Voruntersuchung gemachten Aussagen praktisch ausgeschlossen. Bloß gewisse Formulierungen in den obligatorischen Selbstbezichtigungen und Schuldbekenntnissen setzten bestimmte, kaum wahrnehmbare Akzente. Der Verzicht auf ein gesetzlich zugesichertes Schlusswort oder ein lakonisches letztes Wort ist gleichbedeutend mit einem stillen Protest gegen ein inszeniertes Verfahren und zeugt vom einsamen Mut eines Angeklagten. Eine solche indirekte Verweigerungsgeste leistete sich von allen Angeklagten bloß der Bukarester Geheimbischof Josef Schubert. Sein wortkarges Schlusswort umfasste zwei Sätze; sie enthalten so etwas wie eine geheime Botschaft an das Publikum im Saal, an seine Peiniger und nicht zuletzt an die Nachwelt:

„ Herr Vorsitzender, sehr geehrtes Gericht. Während der Untersuchung haben Sie alles über mich gehört und die von mir begangenen Taten erfahren. Ich habe dem, was mich betrifft, nichts hinzuzufügen und erwarte voller Vertrauen Ihr gerechtes Urteil“.(3)

Ob zu dem detailliert geplanten - und wahrscheinlich auch durchprobten - Ablauf des Prozesses auch das von der westdeutschen Beobachterin Irma Loos beschriebene Begrüßungsritual des Bischofs durch zwei seiner ehemaligen Mitarbeiter gehört hatte, ist den Akten nicht zu entnehmen. Als das Gericht eine Pause einlegte, schreibt Irma Loos, „hebt Pacha – grüßend – oder segnend die Hand gegen das Publikum, und bevor die Gruppe der Angeklagten hinausgeführt wird, küssen zwei von ihnen ihm die Hand. Ich kann nichts an ihnen wahrnehmen, was auf irgendwelche Misshandlungen schließen ließe. Sie sehen blass aus – zum Teil sind sie schon ein Jahr in Haft -, das ist alles, was ich sehe.“(4)

Um eventuelle Zweifel an der Freiwilligkeit der Geständnisse und an der Rechtmäßigkeit des Verfahrens zu zerstreuen, entsprach der formale Ablauf dem gängigen – rechtsstaatlich kaschierten – Schema, also den Vorgaben der Strafprozessordnung. Das erwünschte Verhalten der Angeklagten ist eine Grundvoraussetzung für einen reibungslosen Ablauf des Verfahrens. Die Angeklagten akzeptieren das Axiom der Staatsanwaltschaft und bitten um eine milde Strafe. Außer Josef Schubert. Die Bitte wird mit dem Hinweis untermauert, während der Voruntersuchung der Wahrheit entsprechende umfassende Geständnisse abgelegt zu haben.

Die Regie der Prozessinszenierung führte die Securitate, während die Richter, Staatsanwälte, Zeugen der Anklage, Verteidiger, die Angeklagten sowie das handverlesene Publikum zu Akteuren eines sinistren Schauspiels wurden. Die Angeklagten - Opfer eines kriminellen Systems - sollten dem breiten Publikum als mit dem Stigma einer erdachten Schuld versehene Straftäter vorgeführt werden, die eigentlich nur Sündenböcke waren und der Einschüchterung potentieller Nachahmungstäter und der Entmutigung jedweden Widerstands dienten. Das entsprach vollauf dem einer paranoiden Vernunft entsprungenen Terrormechanismus, den einer der Verhörspezialisten seinem Opfer - N. S. Rubaschow - in dem Roman „Sonnenfinsternis“ von Arthur Koestler folgendermaßen zu erklären versucht: „Die Erfahrung lehrt (...), dass man den Massen für schwierige und komplizierte Prozesse einfache und handgreifliche Erklärungen geben muss. Soweit mir die Geschichte bekannt ist, sehe ich, dass Sündenböcke zu allen Zeiten eine unentbehrliche Institution waren.“(5) Die Weltöffentlichkeit sollte letztendlich von den dargestellten Tatsachen wenn auch nicht überzeugt, dann wenigstens darüber informiert werden. Das beabsichtigte Echo auf den Prozess lässt sich anhand der in der internationalen Presse veröffentlichten Meldungen und Berichte nachvollziehen.(6)

Eine sowohl propagandistische als auch der Abschreckung und Einschüchterung dienende Rolle sollte außerdem eine 1952 in Bukarest veröffentlichte Broschüre(7) spielen sowie die ausführlichen Berichte aus der rumänischen Presse, insbesondere jene aus der deutschsprachigen Tageszeitung „Neuer Weg“. Ein ähnliches Ziel verfolgte auch der in der DDR von Ludwig Renn(8) publizierte Reportagenband, "Vom alten und neuen Rumänien". Das letzte Kapitel des Buches ist ausschließlich dem Prozess gewidmet. Der Augenzeuge Ludwig Renn lieferte damit ein Meisterstück journalistischer Verdrehungskunst, wobei er sich vor allem aus der Anklageschrift des Staatsanwalts inspiriert und dazu einige seiner eigenen, dem „unbestechlichen Klassenstandpunkt“ verpflichteten Impressionen beisteuert. Aber auch die in einem Tagebuch zusammengefassten Beobachtungen der oben erwähnten, heute vergessenen westdeutschen Autorin Irma Loos, die als ausländischer Gast das Prozessgeschehen vor Ort verfolgen durfte, ist ein Paradebeispiel gewissenloser Tendenzliteratur.

Der eigentliche Prozessverlauf lässt sich anhand der Akten rekonstruieren. Die Gerichtsverhandlung dauerte vom 10. bis zum 17. September 1951 und fand vor einem Bukarester Militärtribunal statt, dessen Vorsitzender Generalmajor Alexandru Petrescu war, als Ankläger traten Staatsanwalt Gerichtshauptmann Ovidiu Teodorescu und der Sonderstaatsanwalt Gerichtsoberst Aurel Ardeleanu auf. Der Prozess begann am 10. September um 9 Uhr vormittags mit dem Verlesen der Anklageschrift, dem so genannten „Einleitenden Referat“(9) , das auf der von der Securitate verfassten Zusammenfassung der Voruntersuchungen fußt.(10)

1. Verhandlungstag, Montag, 10. September 1951
9 Uhr: Beginn der Verhandlung. Verlesen der Anklageschrift.
Es folgen mehrere kurze Pausen, auch während der Befragung von Augustin Pacha, Josef Waltner und Josef Schubert. Die Verhandlung wurde vermutlich gegen 20 Uhr abgebrochen.

2. Verhandlungstag, Dienstag, 11. September 1951
8:45 Uhr: Befragung von Adalbert Boros, Clement Gatti, Eraldo Pintori, Petre Topa, Gheorghe Sandulescu, Hans Heber. Um 19:45 Uhr wurde die Verhandlung abgebrochen, die Fortsetzung auf den nächsten Tag um 8:30 Uhr festgelegt.

3. Verhandlungstag, Mittwoch, 12. September 1951
Vernehmung der Zeugen, Franz Kräuter, Hildegard Reissner, Gerda Kernweiss (wobei Schubert ihrer Aussage vehement widerspricht), Christine Dewald(11), Maria Iudith Fenyvesi, Eva Schritt(12), Ioana Niculita, Mihai Rotaru, Emil Riti, Eusebiu Cutcan, Gavril Salajan. Die Verhandlung wird um 19:40 abgebrochen und am nächsten Tag um 8:55 Uhr fortgesetzt.

4. Verhandlungstag, Donnerstag, 13. September 1951
Vernehmung weiterer Zeugen: Ioan Fisch, Dr. Sebastian Constantinescu, Gheorghe Grecu, Ion Popovici, Paulina Epuran, Petre Niculescu, Alexandra Dozzi, Zoltan Ferenczy, Stefan V. Radu, Ion M. Alecu, Gheorghe Craciun, Maria Popovici, Petre Sagiu, Vasile Marinescu, Elisabeta [Hildegardis] Wulff.
(Ursprünglich sollten 28 Zeugen der Anklage vor Gericht aussagen
(13), Zeugen der Verteidigung hat es während dieser Farce nicht gegeben. Martin Mihoc und Stefan Tataru waren nicht erschienen. In den Akten findet man keinerlei Erklärungen für deren Fernbleiben.

5. Verhandlungstag, Freitag, 14. September 1951
Der Beginn der Verhandlung, die der Verteidigung der Angeklagten gewidmet war, ist im Protokoll nicht vermerkt. Folgende Rechtsanwälte waren mit der Verteidigung betraut worden: Savin Ladislau für Augustin Pacha, George Dumitrescu (Josef Schubert), Roman Manole (Clement Gatti), N. Hogas (Adalbert Boros), Barbu Solomon (Josef Waltner), Vasile Gheciu (Hans Heber), Victor Lazarescu (Gheorghe Sandulescu), Constantin Constantinescu (Petre Topa), Eugen Ionescu (Lazar Stefanescu) und Mihail Mayo (Eraldo Pintori).
Am letzten Verhandlungstag wurde den Angeklagten auch das Recht einer letzten Stellungnahme - des so genannten letzten Wortes – eingeräumt. Davon machten alle Gebrauch. Um 21 Uhr wird die Sitzung aufgehoben und auf Montag um 12 Uhr vertagt.

6. Tag, Montag, 17. September 1951
Das aus folgenden Personen zusammengesetzte Militärgericht – Vorsitzender Gerichtsgeneralmajor, Dr. Alexandru Petrescu; Mitglieder: Gerichtsoberst Lascar Petrovici, Gerichtsoberst Ioan Petreanu, Gerichtsoberst Nicolae Grigore und Gerichtsoberstleutnant Aurel Casandra – verkündet das Urteil Nr. 1228. Der vollständige Wortlaut des Urteils wurde den Angeklagten – laut Protokoll – erst im Gefängnis von Jilava vorgelesen. Gleichzeitig wurde ihnen auch mitgeteilt, dass sie innerhalb von vier Tagen Einspruch gegen das Urteil erheben können.
(14) Pacha beispielsweise macht von diesem Recht Gebrauch und reicht einen Tag später seinen auf einem bereits vorgetippten Blatt verfassten Einspruch ein.(15)

Die Anklageschrift enthält die gesamte Palette stalinistischer Diskreditierungsattribute und zählt sämtliche Aktivitäten der Angeklagten als Beweise auf, für deren unbändigen Hass auf die Arbeiterklasse, für deren vorsätzlichen Verrat der Interessen der Rumänischen Volksrepublik und für deren Unterwanderungstätigkeiten des volksdemokratischen Staates.(16)

Im Laufe des Prozesses legte Pacha ein umfassendes Geständnis ab, das seinen schriftlichen Erklärungen entsprach. Er widerspricht aber der vom Staatsanwalt in der Anklageschrift festgehaltenen Darstellung, er habe die Einreihung der Priester und Laien in die Deutsche Volksgruppe betrieben.(17)

Die Fragen während der Vernehmung wurden für Bischof Pacha und Geheimbischof Boros ins Ungarische übersetzt, für Pintori ins Italienische. Nachdem die anderen Angeklagten den Saal verlassen mussten, begann die groteske Vernehmung Pachas. Da die Befragung mit Hilfe des Dolmetschers vorgenommen wurde, ähnelt der Dialog stellenweise einem absurden Stück.

VORSITZENDER: Sie sind bereits betagt, wollen Sie stehen oder wollen Sie sich setzen?
ANGEKLAGTER PACHA AUGUSTIN: Ich bleibe stehen.
VORSITZENDER: Fragen Sie den Angeklagten, seit wann er Scherer kennt? Was für Beziehungen bestanden zwischen den beiden?
ANGEKLAGTER: Ich kenne Scherer seit dem Jahr 1933.
VORSITZENDER: Was für Beziehungen hat es gegeben?
ANGEKLAGTER: Ich habe Theologen ins Ausland geschickt, nach Deutschland, weil es an den Universitäten in Rumänien keine katholische Theologiefakultät gegeben hatte. Scherer war der Sekretär des „Bonifatius“-Vereins und kam in dieser Eigenschaft nach Temeswar.
VORSITZENDER: Dort haben Sie Emil Scherer kennen gelernt?
ANGEKLAGTER: Ja, in Temeswar.
VORSITZENDER: Waren Sie 1934 in Berlin?
ANGEKLAGTER: Ich hielt mich dort 5 Tage lang auf.
VORSITZENDER: Wer hat diese Reise nach Berlin organisiert?
ANGEKLAGTER: Diese Reise hat Scherer organisiert.
VORSITZENDER: Von wem wurde der Angeklagte während dieser Reise begleitet?
ANGEKLAGTER: Von meinem nahen Verwandten, Franz Kräuter
(18).
VORSITZENDER: Als er in Berlin angekommen ist, hat sein naher Verwandter Kräuter sofort Kontakt zu Scherer aufgenommen?
ANGEKLAGTER: Sofort. Er erwartete mich am Bahnhof.
VORSITZENDER: Was hat er mit Scherer bezüglich der bezweckten Hitleraudienz besprochen?
ANGEKLAGTER: Scherer hat mir gesagt: „Da Sie ein römisch-katholischer Bischof sind und der Großteil Ihrer Gläubigen Deutsche sind, und weil die Propaganda Hitlers gegen die Katholiken gerichtet ist, wäre es gut, wenn Sie Verbindung zu Hitler aufnähmen, um ihn auf diesen Sachverhalt aufmerksam zu machen.“
VORSITZENDER: Welches war die Antwort, die der Angeklagte Pacha auf den Vorschlag von Emil Scherer gegeben hatte? War er sofort mit der Audienz einverstanden oder hat er in diesem Zusammenhang noch mit jemandem Kontakt aufgenommen?
ANGEKLAGTER: Ich ging nicht sofort darauf ein, ich erbat mir eine Bedenkzeit, um mit der Berliner Vertretung des Vatikans Verbindung aufzunehmen, um zu sehen, ob sie einverstanden ist, dass ich um diese Audienz ansuche.
VORSITZENDER: Wer war der Vertreter des Vatikans in Berlin? Wer war der päpstliche Nuntius?
ANGEKLAGTER: Orsenigo Cesare
(19).
VORSITZENDER: Hat er zu Orsenigo Cesare Kontakt aufgenommen?
ANGEKLAGTER: Ich bin in Begleitung von Kräuter unverzüglich zu ihm gegangen.
VORSITZENDER: Was hat er in diesem Zusammenhang mit Orsenigo gesprochen?
ANGEKLAGTER: Ich sagte, was mir Scherer geraten hatte, dass ich bei Hitler eine Audienz beantragen möchte. Er hat das verstanden und gab mir auch eine Antwort.
VORSITZENDER: Was hat er ihm geantwortet?
ANGEKLAGTER: Er antwortete mir, nachdem er den Vorschlag, dass ich bei Hitler vorsprechen möchte, begriffen hatte, ich möge dort die Sache ansprechen.
VORSITZENDER: Wurde ihm ausdrücklich gesagt, was er mit Hitler zu sprechen habe? Wurde ihm gesagt, er habe auch das Einverständnis von Orsenigo, als er zu Hitler ging, oder nicht?
ANGEKLAGTER: Nein.
VORSITZENDER: Hat er ihm nichts gesagt?
ANGEKLAGTER: Ich verstehe nicht Ihre Frage.
VORSITZENDER: Als er mit Orsenigo sprach, hat dieser ihm gesagt, er könne Hitler mitteilen, dass auch er davon wisse? Hat ihm Orsenigo die Audienz bei Hitler genehmigt?
ANGEKLAGTER: Dazu hat er mir keine Befugnis erteilt, er sagte mir vielmehr, Hitler nicht zu sagen, dass er davon wisse.
VORSITZENDER: Wie erhielt er nach diesem Gespräch mit Orsenigo
(20) die Audienz bei Hitler und wie verlief die Audienz?
ANGEKLAGTER: Danach arrangierte Scherer die ganze Angelegenheit, denn ich sagte ihm, ich ginge zur Audienz zu Hitler, worauf er alle Vorbereitungen traf.
VORSITZENDER: Mit wem zusammen war er bei Hitler in Audienz?
ANGEKLAGTER: Auch der Stellvertreter Hitlers, Rudolf Hess, war dort anwesend.
VORSITZENDER: Nein, mit wem ging er zu Hitler?
ANGEKLAGTER: Ich ging zusammen mit dem Abgeordneten Franz Kräuter.
VORSITZENDER: Und dort befand sich auch Rudolf Hess? Was für ein Gespräch führte er mit Hitler?
ANGEKLAGTER: Ich stellte mich Hitler vor und sagte, dass ich römisch-katholischer Bischof in Rumänien sei, dass die Mehrzahl meiner Gläubigen Deutsche seien und dass ich ihm Grüße von ihnen überbringe.
VORSITZENDER: Was verlangte er von Hitler und was hat dieser ihm gesagt?
ANGEKLAGTER: Ich verlangte von Hitler, seinen politischen Propagandisten nicht zu erlauben, eine unredliche Politik zu betreiben, die zu einer Spaltung der Gemeinschaft meiner deutschen Gläubigen führt, weil sie gegen die katholische Kirche aufgehetzt werden.
VORSITZENDER: Wer hat nach Pacha das Wort ergriffen?
ANGEKLAGTER: Danach hat Kräuter das Wort ergriffen, der Führer verlangte von ihm einige Angaben über die Verhältnisse, in denen die Deutschen in Rumänien lebten.
VORSITZENDER: Was hat Hitler hauptsächlich über die Deutschen in Rumänien wissen wollen?
ANGEKLAGTER: Hitler bekundete ein besonderes Interesse für die materielle Lage der Deutschen in Rumänien und versprach mir, seinen Propagandisten zu verbieten, ihre unredliche Propaganda fortzusetzen.
VORSITZENDER: War die Audienz damit zu Ende, oder...
ANGEKLAGTER: Die Audienz war damit beendet und ich kehrte zusammen mit Kräuter noch in der gleichen Woche zurück nach Rumänien.
VORSITZENDER: Was hat Pacha nach seiner Rückkehr ins Land über seine Audienz bei Hitler gehört?
ANGEKLAGTER: Ich las damals die Bukarester Zeitungen und sah, dass Nicolae Iorga eine Anfrage wegen meiner Audienz bei Hitler an den Senat gerichtet hatte. Ich habe auch noch andere Zeitungen gelesen und gesehen, dass sie diese Audienz kommentierten.
VORSITZENDER: Der Angeklagte Pacha soll uns sagen, welches seine Haltung gegenüber den faschistischen deutschen Organisationen aus dam Banat war.
ANGEKLAGTER: Da die Mehrzahl meiner Gläubigen Deutsche waren, konnte ich diesen Organisationen nicht gleichgültig gegenüberstehen, da in diesem Fall ein großer Teil meiner Gläubigen mich missachtet hätte.
VORSITZENDER: Und dann hast du intensiv an den Kundgebungen teilgenommen – oder nicht?
ANGEKLAGTER: Ich war bei einigen dieser Kundgebungen.
VORSITZENDER: An welchen Kundgebungen der faschistischen Organisationen hast du teilgenommen?
ANGEKLAGTER: Das war vor langer Zeit, ich kann mich an zwei erinnern.
VORSITZENDER: Welches waren diese?
ANGEKLAGTER: Ich habe an einer in Temeswar stattgefundenen Kundgebung teilgenommen, die von Andreas Schmidt, dem Stellvertreter und Vertreter Hitlers in Rumänien, organisiert worden war; es war eine von der studierenden Jugend organisierte Kundgebung, an der auch ich teilgenommen hatte.
VORSITZENDER: Wie hat Augustin Pacha seine Anwesenheit vor den Teilnehmern an der Kundgebung bemerkbar gemacht?
ANGEKLAGTER: Da die große Mehrheit der deutschen studentischen Jugend angehörte, die in Massen erschienen war und mit der üblichen Erhebung des Armes – dem Hitlergruß – grüßte, antwortete ich mit demselben Hitlergruß, damit sie fühle, dass ihr Bischof an ihrer Seite steht.
VORSITZENDER: Außer dieser, erinnerst du dich auch an andere Kundgebungen?
ANGEKLAGTER: Eine solche Kundgebung der deutschen Volksgruppe, an der ich teilgenommen habe, fand in Neu-Arad statt, wo ich mit erhobenem Arm mit dem Hitlergruß grüßte und begrüßt wurde.
VORSITZENDER: Was für Dienste forderte der Führer der faschistischen deutschen Organisationen bezüglich der Schulen von ihm? Hat er diese Dienste ausgeführt?
ANGEKLAGTER: Ich glaube, es war im Jahre 1941, als ich von Andreas Schmidt ein Schreiben erhielt, in dem er mich aufforderte, alle katholischen deutschen Schulen, mit dem ganzen Vermögen, dass sie besaßen, der deutschen Volksgruppe zu übergeben.
VORSITZENDER: Was hat der Angeklagte getan? Hat er sie sofort übergeben oder hat es diesbezüglich eine Unterredung gegeben?
ANGEKLAGTER: Ich habe mich mit der Übergabe nicht beeilt, weil dies lange Beratungen erforderte; inzwischen waren alle deutschen Lehrer der deutschen Volksgruppe beigetreten.
VORSITZENDER: Woher musste er die Genehmigung für die Übergabe der Schulen erhalten?
ANGEKLAGTER: Das war eine schwierige Angelegenheit, weil es sich um sehr viele Schulen handelte, wagte ich nicht im Alleingang etwas zu unternehmen und bat deshalb um die Zustimmung des Vatikans.
VORSITZENDER: Wie beantwortete der Vatikans das Ansuchen von Augustin Pacha?
ANGEKLAGTER: Der Vatikan ließ mir durch den Nuntius aus Bukarest die Antwort zukommen, die Schulen der Deutschen Volksgruppe zur Benützung zu übergeben, nicht in ihren Besitz.
VORSITZENDER: Zur Benützung. Welche Haltung nahm der Vatikan gegenüber der Politik und den Aktivitäten von Augustin Pacha innerhalb der faschistischen Organisationen der Deutschen ein?
ANGEKLAGTER: Ich habe mich bemüht, die Einigkeit unter meinen Gläubigen aufrecht zu erhalten und war deshalb, dort wo ich konnte, auf ihrer Seite.
VORSITZENDER: Nein, welches war die Haltung des Vatikans gegenüber den Aktivitäten des Angeklagten?
ANGEKLAGTER: Nuntius Cassulo, der damals in Bukarest war, war über alle meine Handlungen und meine Haltung gegenüber diesen Gruppen informiert und billigte sie.
VORSITZENDER: Was für eine Meinung hat der Angeklagte über seine Verstöße gegen die Gesetze unseres Landes. Gesteht er, dass er Spionage betrieben hat?
ANGEKLAGTER: Ich gestehe diese Spionagetätigkeit gegen den rumänischen Staat zu Gunsten des Vatikans, wie ich es auch schon in meiner Erklärung getan habe.
VORSITZENDER: Wann und unter welchen Umständen begann er seine Spionagetätigkeit?
ANGEKLAGTER: Ich begann meine Spionagetätigkeit im Jahr 1923(sic!) als der Vatikan mich zum römisch-katholischen Bischof von Temeswar ernannt hatte.
VORSITZENDER: Worin bestand diese Spionagetätigkeit?
ANGEKLAGTER: Diese beruhte auf dem kanonischen Recht, wonach ich als katholischer Bischof von Zeit zu Zeit Berichte aus meiner Pfarrei (sic!) an den Vatikan schicken musste.
VORSITZENDER: Was enthielten die an den Vatikan geschickten Berichte?
ANGEKLAGTER: Im kanonischen Recht sind 100 Fragen vorgesehen, auf die der römisch-katholische Bischof von fünf zu fünf Jahren antworten muss. Er muss sie persönlich überbringen und eine Audienz beantragen.
VORSITZENDER: Was enthielten diese Berichte, um was für Informationen ging es?
ANGEKLAGTER: Sie bezogen sich in erster Linie auf kirchliche Fragen sowie auf militärische, politische, wirtschaftliche und soziale Angelegenheiten.
VORSITZENDER: Was enthielten die Berichte, die du nach der Machtergreifung Hitlers, in der Zeit von 1941 bis 1944, an den Vatikan geschickt hast?
ANGEKLAGTER: Außer den kirchlichen Fragen enthielten diese Berichte Informationen militärischen Charakters, ferner solche über die Anzahl der zum Militärdienst Einberufenen, über die Anzahl der deutschen Jugendlichen, die in die SS eingereiht wurden, über die Stimmung in der Armee sowie über die Meinungen der Hitleristen über den Krieg.
VORSITZENDER: Hast du dem Vatikan auch etwas über die wirtschaftliche Lage mitgeteilt?
ANGEKLAGTER: Ja, ich habe auch derartige Berichte übermittelt, sie bezogen sich auf die Lebensverhältnisse und auf die Frage, wie die Bevölkerung den Verlauf der Kämpfe an der Front einschätzte.
VORSITZENDER: An wen wurden diese Berichte geschickt und wer war damals Nuntius?
ANGEKLAGTER: Diese Berichte habe ich an die Nuntiatur geschickt, päpstlicher Nuntius war in jener Zeit Andrea Cassulo.
VORSITZENDER: In welcher Weise hast du deine Spionagetätigkeit nach dem 23. August 1944 fortgesetzt?
ANGEKLAGTER: Nach dem 23. August verlangte Andrea Cassulo von mir, ihm weitere Berichte zu schicken, was ich auch tat.
VORSITZENDER: Was enthielten diese nach dem 23. August 1944 verfassten Berichte?
ANGEKLAGTER: Die Berichte wurden nach den von Cassulo erteilten Weisungen verfasst.
VORSITZENDER: Was für militärische Informationen enthielten sie?
ANGEKLAGTER: Ich kann auf diese Frage nicht genau antworten, weil seither eine lange Zeit verstrichen ist, aber ich habe nur allgemeine Informationen übermittelt, weil ich keinen Zugang zu präzisen Informationen hatte.
VORSITZENDER: Auf welchem Wege hast du die Informationen vor und nach dem 23. August 1944 gesammelt?
ANGEKLAGTER: Diese Informationen sammelte ich mit Hilfe meiner Priester und einiger Gläubigen, mit denen ich in Verbindung stand.
VORSITZENDER: Mit wem hast du bei der Beschaffung von Informationen ab November 1947 zusammengearbeitet?
ANGEKLAGTER: Ab November 1947 beauftragte ich meine Priester, Informationen zu beschaffen und sie an die Nuntiatur zu schicken. Unter ihnen befand sich auch Josef Waltner.
VORSITZENDER: Hast du auch Heber beauftragt?
(21)
ANGEKLAGTER: Ja, auch ihn habe ich beauftragt.
VORSITZENDER: Erzählen Sie uns in einigen Worten über Ihre Spionagetätigkeit in der Zeit von 1944 bis 1950 – als Sie verhaftet wurden.
ANGEKLAGTER: 1945 erteilte mir Andrea Cassulo den Auftrag, Informationen über die sowjetischen Truppen, die durch mein Bistum gezogen sind, zu schicken. Eben so sollte ich über die Haltung der sowjetischen Truppen gegenüber der Bevölkerung berichten beziehungsweise über die Haltung der Bevölkerung gegenüber der Sowjetarmee. Diese Berichte habe ich in Übereinstimmung mit den Anweisungen Cassulos verfasst. Am 15. August 1945 fuhr ich persönlich nach Bukarest, wo ich mündlich Bericht erstattete.
VORSITZENDER: Mit wem hast du nach Cassulo zusammengearbeitet?
ANGEKLAGTER: Cassulo war Nuntius bis 1947 – als er das Land verließ. Ich blieb bis zum 18. September 1948 römisch-katholischer Bischof von Temeswar. Auf Cassulo folgte der neue Nuntius O’Hara. Als er die Nuntiatur übernahm, gab er ein Essen, an dem mehrere Bischöfe teilnahmen.
VORSITZENDER: Was wurde bei dieser Gelegenheit besprochen und was für Anweisungen hast du erhalten?
ANGEKLAGTER: Während des Essens sagte mir O’Hara, er sei Amerikaner, er habe mit der amerikanischen Botschaft Verbindungen und er werde mit unserer Hilfe der amerikanischen Gesandtschaft auch weiterhin [Informationen] zukommen lassen. Und so geschah es auch. Nach der Aufkündigung des Konkordats im Jahr 1948 durch die rumänische Regierung, als sich das gegenwärtige Regime größerer Erfolge erfreute, erhielt die Spionagetätigkeit eine breitere Grundlage und eine noch geheimere Ausrichtung. Ich erhielt damals beim Bischofsamt einen inoffiziellen Brief, in dem ich verständigt wurde, dass ich von nun an Informationen nur durch vertrauenswürdige Kuriere werde schicken können und dass ich Informationen nur durch vertrauenswürdige Personen sammeln lassen sollte. Ich war damals bereits 80 Jahre alt, war krank und konnte mich nicht mit dieser Tätigkeit beschäftigen. Ich beauftragte daraufhin Waltner Josef, zu dem ich Vertrauen hatte, diese Informationen zu sammeln und an die Nuntiatur weiter zu leiten.
VORSITZENDER: Was für Anweisungen habt ihr von der Nuntiatur erhalten, nachdem Waltner den Kontakt zur Nuntiatur hergestellt hatte?
ANGEKLAGTER: Ich bat Waltner, die von der Nuntiatur erhaltenen Anweisungen zu Ende zu führen und mich dann und wann zu informieren.
VORSITZENDER: Was hat er dir noch gesagt?
ANGEKLAGTER: Ein Jahr später sagte er mir, dass er mit Del Mestri gesprochen habe, der ihm mitgeteilt hätte, dass dieses Spionagenetz erweitert werden müsse. Da ich krank und alt war konnte ich die Ereignisse nicht verfolgen.
VORSITZENDER: Hat ihm Waltner nicht die Anweisungen mitgeteilt, was nach der Schließung der Nuntiatur mit den Informationen geschehen solle?
ANGEKLAGTER: Doch, er teilte mir mit, dass nach der Abreise der Nuntiatur eine Person seitens der Nuntiatur zurückbleiben und dem Vatikan weiterhin Informationen übermitteln werde. Der Name der Person hat er mir nicht mehr genannte, er hatte auch dazu keine Gelegenheit mehr, denn ich wurde am 18. Juli 1950 verhaftet.
VORSITZENDER: Er soll sagen, ob er im Archiv gewisse Dokumente aufbewahrt hat, aus denen seine Spionagetätigkeit für den Vatikan hervorgeht.
ANGEKLAGTER: Ja, bis im Jahr 1948 hat es solche gegeben.
VORSITZENDER: Was hat er mit ihnen gemacht?
ANGEKLAGTER: 1950 habe ich diese Dokumente vernichtet.
VORSITZENDER: Aus welchem Grund?
ANGEKLAGTER: Ich vernichtete diese Dokumente, da uns der Gedanke kam, die Behörden könnten aufgrund dieser Dokumente unsere Spionagetätigkeit belegen.
VORSITZENDER: Wer hat diese Dokumente vernichtet?
ANGEKLAGTER: Ein Teil der Dokumente wurde von Waltner und Heber vernichtet, ein Teil der geheimsten Dokumente wurde jedoch von mir verbrannt.
VORSITZENDER: Gesteht der Angeklagte, Edelmetall und ausländische Devisen besessen zu haben?
ANGEKLAGTER: Ich gebe es zu, wie ich es auch schon in meiner Erklärung gestanden habe.
VORSITZENDER: Wollen die Genossen Richter vielleicht noch eine Frage stellen?
GEN. RICHTER IOAN PETREANU
(22): Der Angeklagte soll uns seine Beziehungen zu Andreas Schmidt erläutern und uns sagen, wie oft und warum er ihn getroffen hat, was sie miteinander besprochen haben?
ANGEKLAGTER: Er war drei Mal bei mir. Bei der erste Begegnung war auch ein Landwirt aus Warjasch, Peter Anton, dabei, der eine wichtige Rolle innerhalb der Deutschen Volksgruppe spielte. Dies war nur ein Höflichkeitsbesuch. Dies geschah ungefähr 15 Minuten vor 1, am Mittag, zu einer Zeit da ich gewöhnlich zu Mittag aß; aus Höflichkeit habe ich beide zum Mittagessen eingeladen. Danach besuchte er mich im gleichen Jahr noch zwei Mal, ich könnte aber nicht sagen aus welchem Grund, es gab bestimmt keinen wichtigen Anlass; er beklagte sich über einige Priester.
VORSITZENDER: Die Begegnungen fanden jedenfalls im Zusammenhang mit den deutschen faschistischen Organisationen statt?
ANGEKLAGTER: Vielleicht wollte er dies so haben, ich jedenfalls habe keinen seiner Besuche erwidert.
VORSITZENDER: Haben die Genossen Staatsanwälte noch Fragen?
GEN. STAATSANWALT, GERICHTSHAUPTMANN OVIDIU TEODORESCU: Der Angeklagte hat ausgesagt, er habe Edelmetalle und ausländische Währungsmittel besessen und dass er seine Erklärung aufrecht erhält. Trotzdem möchte ich, dass er uns ausführlich darstellt, um was für Edelmetalle es sich gehandelt hat und was er damit gemacht hat. Was für fremde Devisen hat er besessen und was hat er damit gemacht?
ANGEKLAGTER: Ich hatte Devisen und Gold. Ich kann mich nicht genau an das Gewicht des Goldes erinnern, es war ungefähr 1 kg. Ich dachte, vor meinem Tod könnte ich diese Devisen meiner einzigen alten Schwester zukommen lassen, deshalb habe ich es versteckt.
VORSITZENDER: Wo hast du es versteckt?
ANGEKLAGTER: Ich ließ meinen ehemaligen Sekretär Michael Willjung kommen und bat ihn, es zu verstecken. Nach einigen Tagen kam er zu mir und teilte mir mit, er habe es in der römisch-katholischen Kirche in Kleinbetschkerek versteckt. Ich habe dies zu Kenntnis genommen.
VORSITZENDER: Was geschah mit den Dollars?
ANGEKLAGTER: Aus Amerika erhielt ich ungefähr 400 Dollar. Ich bekam sie, um Messen zu lesen. Ich behielt für mich 40 Dollar, den Rest übergab ich anlässlich der Messe einigen älteren Pfarrern.
VORSITZENDER: Auf dem Markt hast du nichts gewechselt?
ANGEKLAGTER: Ich kann mich nicht erinnern, ich glaube, dass die 40 Dollar eingewechselt wurden.
SONDERSTAATSANWALT OBERST ARDELEANU: Der Angeklagte Pacha möge uns sagen, ob die dem Vatikan in den Jahren 1938, 1939 und 1940 übermittelten Informationen Angaben über die politische Tätigkeit der antifaschistischen demokratischen Organisationen im Lande enthielten und um was für Angaben es sich handelte?
ANGEKLAGTER: Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, aber ich weiß sicher, dass im Bericht aus dem Jahre 1938 zum ersten Mal von der Tätigkeit der Kommunistischen Partei die Rede war, weil von uns verlangt worden war, über die Tätigkeit dieser Partei zu berichten, über die Einstellung der Massen zu dieser Partei und darüber, ob die Massen diese Partei unterstützen. Damals war die Tätigkeit der Partei noch sehr bescheiden, so dass ich kaum über Informationen verfügte. Ich berichtete, was ich gehört hatte.
SONDERSTAATSANWALT OBERST ARDELEANU: Der Angeklagte sprach vor Gericht von bestimmten Anweisungen und Befehlen, die er von der Nuntiatur erhalten hat. Er soll sagen, ob er außer den hier erwähnten Anweisungen auch noch andere Befehle von der Nuntiatur erhalten hat.
ANGEKLAGTER: Ich kann mich nicht erinnern, von der Nuntiatur andere Befehle erhalten zu haben, außer den [erwähnten].
SONDERSTAATSANWALT OBERST ARDELEANU: Woran erinnerst du dich im Zusammenhang mit dem Hirtenbrief?
ANGEKLAGTER: Dies war ein Vorfall, der sich später ereignet hatte, am 3. Juni 1950. Wulff Hildegard[is] brachte mir ein Manuskript, das, wie ich erkennen konnte, auf der Schreibmaschine von Del Mestri getippt worden war. Gleichzeitig erhielt ich mündliche Anweisungen, das Rundschreiben in allen Kirchen der Diözese verlesen zu lassen.
VORSITZENDER: Was enthielt dieser Rundbrief?
ANGEKLAGTER: Ich erhielt das Rundschreiben am Samstag Mittag, ich habe es gelesen und festgestellt, dass es Beschimpfungen der Regierung unseres Landes und des Regimes enthielt und die Bevölkerung gegen dieses Regime aufwiegelt.
SONDERSTAATSANWALT OBERST ARDELEANU: Hast du mit jemandem über den Rundbrief gesprochen?
ANGEKLAGTER: Ich habe mit meinen Priestern gesprochen, die mir sehr nahe standen, und fühlte, dass eine Veröffentlichung [des Schreibens] für mich schwere Konsequenzen haben würde. Waltner war damals mit dem Flugzeug nach Bukarest gereist; ich erwartete ihn, damit er mir einen Ratschlag geben würde.
STAATSANWALT: Was hat Waltner veröffentlicht (sic!)?
ANGEKLAGTER: Waltner sagte mir, er habe bei Del Mestri tatsächlich eine Kopie des Zirkulars gesehen und diesem gesagt, dass dessen Verlesung zur Verhaftung des Bischofs führen würde.
STAATSANWALT: Was hat Del Mestri darauf geantwortet?
ANGEKLAGTER: Del Mestri antwortete, in Übereinstimmung mit der Nuntiatur habe man beschlossen, eine Verlesung des Rundschreibens sei wichtiger als die Verhaftung des Bischofs.
RECHTSANWALT SAVIN: Genosse Vorsitzender, der Angeklagte soll die Frage beantworten, ob es richtig ist, dass er nach seiner Rückkehr von der Hitleraudienz aus Berlin, Heber und Waltner gesagt habe, er habe Hitler die Zusammenarbeit von Kirche und Nazismus vorgeschlagen.
VORSITZENDER: (Wiederholt die Frage.)
ANGEKLAGTER: Das hat sich vor langer Zeit zugetragen, vor 18 Jahren, so dass ich mich nicht mehr erinnern kann; ich erinnere mich jedoch genau, dass ich niemals so etwas gesagt habe.
RECHTSANWALT: Er soll die Frage beantworten, ob er nach seiner Rückkehr aus Berlin, den katholischen Priestern seiner Diözese die Anweisung erteilt hatte, dass sowohl die Priesterschaft als auch die Gläubigen deutscher Abstammung der Deutschen Volksgruppe beitreten sollen.
ANGEKLAGTER: Solche Anweisungen hatte ich weder den Pfarrern noch den Laien erteilt.
RECHTSANWALT: Der Angeklagte soll sachlich auf die Frage antworten, ob er nach seiner Amtsenthebung als Bischof, nach dem 18. September 1948, weiterhin an Spionagetätigkeiten – an der Beschaffung oder Weiterleitung von Informationen - beteiligt war.
VORSITZENDER: Der Angeklagte hat diese Frage schon beantwortet.
RECHTSANWALT: An dem von Del Mestri zugeschickten Rundschreiben, das im Temeswarer Dom verlesen werden sollte...
ANGEKLAGTER: Es handelte sich um ein sehr umfangreiches Manuskript, davon benutzte ich ein Viertel oder ein Fünftel, das ich in eine Art Predigt umwandelte, die im Dom von Temeswar gehalten wurde.
RECHTSANWALT: Hat er auch jene Abschnitte vorgelesen, die Beschimpfungen und Verleumdungen des volksdemokratischen Regimes enthielten oder hat er sie weggelassen?
ANGEKLAGTER: Ich habe viele dieser Beschimpfungen und Verleumdungen ausgewählt, Heber und Boros haben mir bei der Auswahl geholfen. Ich glaubte, davon sei nichts mehr übriggeblieben, aber, wie ich später hörte, war doch noch einiges stehen geblieben.
VORSITZENDER: Die Sitzung wird aufgehoben und gegen 17 Uhr fortgesetzt.“
(23)
Der Prozess spiegelt auf exemplarische Weise jene typische stalinistische Verschwörungsparanoia wider, die überall Agenten und Klassenfeinde wittert. Dies kommt noch prägnanter in den Vernehmungen der anderen neun Angeklagten zum Ausdruck. (...)


Fußnoten:

(1) Vgl., Der Prozess gegen die Agenten des Vatikans in der Tschechoslowakei. Bischof Zela und Komplizen, herausgegeben vom tschechoslowakischen Justizministerium, Verlag Orbis, Prag 1951.
(2) Adalbert Boros, „Catre Secretariatul de Stat pentru Culte“, 14 noiembrie 1991, (An das Staatssekretariat für Kulte, 14. November 1991), Arhiva Consiliului National pentru Studierea Arhivelor Securitatii, Fond penal, [fortan: ACNSAS], dosar 15563, vol. 40, Bl. 45.
(3 )ACNSAS, dosar 15563, vol. 8, Bl. 328.
(4) Irma Loos, Rumänisches Tagebuch 1951, Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1952, S. 88-89.
(5) Arthur Koestler, Sonnenfinsternis. Roman, Ullstein, Berlin 1979, S. 191.
(6) Zum Beispiel in der US-amerikanischen Presse: „Ten Go on Trial in Bucharest, Confess »Spying« for Vatican“, in: The Washington Post, 11. 09. 1951, S. 3; „Death Is Asked. For 4 of 10 in Romania Trial“, in: The Washington Post, 15. 09. 1951, S. 3; „Rumania sentences 10“, in: New York Times, 18. 09. 1951, S. 3; „Vatican Banishes Group in Rumania“, in: New York Times, 19.09. 1951, S 17.
(7) Procesul unui grup de spioni, tradatori si complotisti în slujba Vaticanului si a centrului de spionaj italian, (Der Prozess einer Gruppe von Spionen, Verrätern und Verschwörern im Dienste des Vatikans und des italienischen Spionagezentrums), Editura de Stat pentru Literatura Stiintifica, Bukarest 1952.
(8) Ludwig Renn (* 1889- † 1979), eigtl. Arnold Friedrich Viehth von Golßenau, Adeliger, Romancier, Spanienkämpfer und KPD-Funktionär, 1947 Rückkehr in die SBZ aus seinem Exil in Mexiko. 1950 wurde er im Kontext der Field-Affäre befragt, wobei er einige Zusammenkünfte mit dem Ehepaar Field sowie zu vermeintlichen und tatsächlichen Agenten unter den linken Emigranten in Mexiko verschwieg. Zur Biografie siehe: Bernd-Rainer Barth, Werner Schweizer, Der Fall Noel Field. Schlüsselfigur der Schauprozesse in Osteuropa. Gefängnisjahre 1949-1954, BasisDruck, Berlin 2005, S. 390.
(9) Maior de justitie Adrian Fratila, Procuror sef al Parchetului Tribunalului Militar Bucuresti „Referat introductiv“[dupa „actele ce formeaza dosarul cercetarilor preliminare, privind pe acuzatii...], din 8 septembrie 1951, (Einleitendes Referat nach dem Abschluss der Voruntersuchungen von Gerichtsmajor Adrian Fratila, Leiter der Militärstaatsanwaltschaft des Bukarester Militärtribunals), ACNSAS, dosar 15563, vol. 4, Bl. 1-48.
(10) Proces verbal redactat dupa încheierea cercetarilor de locotenentul de Securitate, Teodor Micle (Protokoll erstellt von Securitateleutnant Teodor Micle nach Abschluss der Untersuchungen), ACNSAS, dosar 15563, vol. 1, Bl. 1-19.
(11) Im Protokoll der Gerichtsverhandlung wurde ihr Name verballhornt. Statt Dewald heißt sie darin Ewald. Vgl., ACNSAS, dosar 15563, vol. 8, Bl. 172 ff.
(12) In den Akten tauchen die verschiedenen Namen in unterschiedlicher Schreibweise auf. Eva Schritt beispielsweise heißt bei Nikolaus Engelmann Eva Stritt. Vgl., Sabine-Else Astfalk, Josef Nischbach. Ein Leben für Glaube und Volkstum, Mitarbeit: Nikolaus Engelmann und Alfred Huth, Herausgeber: Landsmannschaft der Banater Schwaben Landesverband Baden-Württemberg, Stuttgart 2000, S. 52.
(13) Vgl., Liste der Zeugen, in: Maior de justitie Adrian Fratila, Procuror sef al Parchetului Tribunalului Militar Bucuresti „Referat introductiv“[dupa „actele ce formeaza dosarul cercetarilor preliminare, privind pe acuzatii...], din 8 septembrie 1951, (Einleitendes Referat nach dem Abschluss der Voruntersuchungen von Gerichtsmajor Adrian Fratila, Leiter der Militärstaatsanwaltschaft des Bukarester Militärtribunals), ACNSAS, dosar 15563, vol. 4, Bl. 49-50.
Vgl., auch: Proces verbal (sentinta-minuta) Nr. 1228, 17 septembrie 1951, (Zusammenfassung des Urteils), ACNSAS, dosar 15563, vol. 4, Bl. 245 verso.
(14) Ebenda, Bl. 274.
(15) Ebenda, Bl. 275.
(16) Vgl., ACNSAS, dosar 15563, vol. 4, Bl. 1-48.
(17) Proces verbal. Interogatorul inculpatului Augustin Pacha, 10 septembrie 1951, (Vernehmungsprotokoll des Angeklagten Augustin Pacha, 10. September 1951), ACNSAS, dosar 15563, vol. 4, Bl. 152-154.
(18) Im Originaltext falsch geschrieben: Kreuter Francisc. Stillschweigend berichtigt.
(19) Im Originaltext falsch geschrieben: Cezare. Stillschweigend berichtigt.
(20) Orsenigo Cesare (* 13.12. 1873 in Villa San Carlo - † 1.4. 1946 in Eichstätt), 1896 Priesterweihe, 1912 Domherr der Mailänder Kathedrale, Titularerzbischof von Ptolemais/Libyen, von 1922 bis 1925 Internuntius in Holland, von 1925 bis 1930 Apostolischer Nuntius in Ungarn. Am 25. April 1930 kam er als Nachfolger Pacellis nach Berlin. Er hatte zwei Begegnungen mit Hitler, eine am 4. Mai 1939 auf dem Obersalzberg in Berchtesgaden und eine weitere ebenda im November 1943. „Zumindest in den Anfängen“ war bei Orsenigo, „eine gewisse Sympathie für Faschismus und Nationalsozialismus vorhanden gewesen“, heißt es in einem Kirchenlexikon. Vgl., Ekkart Sauser, Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Verlag Traugott Bautz, Band XXI, 2003, Spalten 1136-1140.
Sein Verhalten in Berlin dem Naziregime gegenüber wird als „vorsichtig und ängstlich“ beschrieben. Orsenigo, heißt es, war „immer bemüht keinen Anstoß zu erregen“. Vgl., Gerhard Besier, Francesca Piombo, Der Heilige Stuhl und Hitler-Deutschland. Die Faszination des Totalitären, DVA, München 2004,, S. 127.
Lässt sich auf diese Eigenschaften die Erklärung Pachas während der Untersuchung und während seiner Vernehmung vor Gericht zurückführen, Orsenigo habe ihm geraten, äußerste Diskretion über den Hitlerbesuch zu bewahren und keineswegs jemandem anzuvertrauen, dass er mit der Audienz einverstanden gewesen sei?
(21) im Typoskript ist der Name falsch getippt: Ebert statt richtig Heber.
(22) Der Name des Richters wurde nachträglich handschriftlich hinzugefügt.
(23) Vernehmung Pachas vor dem Bukarester Militärgericht am 10. September 1951, ACNSAS, dosar 15563, vol. 8, Bl. 2-16.

 

 

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