Pater Paulus Weinschrott SDS. Ein Märtyrer unserer Zeit

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Von Peter Krier


Mit den Jesuworten „liebet einander“ auf den Lippen verstarb nach einem langen qualvollen Martyrium, am 3. Juni 1960, gegen 3 Uhr morgens, in einer Zelle im Kerker Gherla, der Salvatorianerpater Paulus Anton Weinschrott. Er war einer der vielen Märtyrer unserer Zeit, des 20. Jahrhunderts. Nach dem christlichen Verständnis sind Märtyrer Blutzeugen Christi; Menschen die um des Bekenntnisses ihres Glaubens willen einen gewaltsamen Tod erdulden.

 

Wenn von christlichen Märtyrern gesprochen wird, denkt man meist an die Märtyrer der ersten christlichen Jahrhunderte, an die Christenverfolgung im Römerreich. Im allgemeinen Bewusstsein unserer Zeitgenossen ist kaum verankert, dass im 20. Jahrhundert weit mehr christliche Bekenner gemartert und ihres Bekenntnisses wegen getötet wurden, als in den vorangegangenen zweitausend Jahren. So wurden zum Beispiel im Spanischen Bürgerkrieg (1936-1938) von der Internationalen Kommunistischen Bewegung 6.832 Priester und Ordensleute hingerichtet. In der Sowjetunion wurden mit der Machtübernahme der Kommunisten 175.000 orthodoxe Geistliche verhaftet, davon 100.000 ermordet. Im „Schwarzbuch des Kommunismus“ (Stephane Courtois, 1998) werden weltweit 100 Millionen Menschenopfer des Kommunismus genannt. Leider werden auch heute noch Millionen Christen verfolgt. In 50 Staaten der Welt werden täglich via Fernsehen oft vor unseren Augen Kirchen und Gebetshäuser zerstört. Laut der Menschenrechtsorganisation „Open Doors“ ist das Christentum die meistverfolgte Religion der Welt; mehr als 90% der aus religiösen Gründen Verfolgten und Ermordeten waren in den letzten Jahren Christen. Ungefähr 200 Millionen Christen gelten weltweit als religiös verfolgte, Tendenz steigend.

 

Auf Anregung von Papst Johannes Paul II. ließ die Römisch-Katholische Kirche am Ende des vergangenen Jahrhunderts in mehreren Ländern Dokumentationen über christliche Märtyrer des 20. Jahrhunderts erstellen. Das „Deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts“ wurde unter der Leitung von Prälat Dr. Helmut Moll verfasst. Prälat Dr. Moll war auch Betreuer der Arbeiten des vom St. Gerhardswerk in Zusammenarbeit mit der Rumänisch Orthodoxen Kirche, der Römisch-Katholischen und der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien herausgegebenen Martyrologiums für Rumänien. Pater Paulus Weinschrott wurde nach den für das Deutsche Martyrologium aufgestellten Kriterien als Märtyrer anerkannt und in das Martyrologium für Rumänien aufgenommen.

 

Pater Paulus SDS wurde am 17.01.1919 in Bakowa geboren und am 19.01.1919 in der Ortskirche auf den Namen seines Vaters und des Tagesheiligen, des hl. Antonius der Einsiedler, getauft. Bei der Einkleidung in die Ordensgemeinschaft der Salvatorianer erhielt er den Namen des Völkerapostels Paulus. Seinen Lebensweg, sein Wirken und Leiden hat Hans Matthias Just in dem Buch „In den Krallen des roten Drachen – Ein Märtyrer des XX. Jahrhunderts“ (erschienen im Mirton-Verlag- Temeswar 1999) ausführlich beschrieben. Matthias Just hat dazu viele kompetente Zeitzeugen befragt, die Unterlagen der Salvatorianer – soweit vorhanden – und die Securitateakte von Pater Paulus studiert.

 

Die Eltern von Pater Paulus SDS waren Anton und Elisabeth Weinschrott geb. Stumbilich. Sein drei Jahre jüngerer Bruder Josef lebt heute im Adam-Müller- Guttenbrunn Heim in Temeswar, die vier Jahre jüngere Schwester Rosa ist bereits verstorben. Als Beruf seines Vaters finden sich die Angaben Landwirt, Weinbauer und Barbier. Er hatte im I: Weltkrieg eine schwere Verwundung am rechten Arm erlitten und war behindert. Die Verhältnisse im Elternhaus waren eher ärmlich, die Familie hatte kein eigenes Feld und verrichtete Lohnarbeiten. Der Junge Anton unterstützte seine Eltern gerne bei der Arbeit, in den Sommerferien half er bei der Ernte. Sein Bruder Josef erinnert sich: „Wir haben den ganzen Tag mit der Sense gemäht, jedes Jahr an die zehn Joch Weizen für die Bauern geerntet. Wenn die Feldarbeit fertig war, durften wir nach Maria Radna pilgern“. Anton Weinschrott war ein sehr fleißiger und begabter Schüler. Sein Lehrer empfahl den Eltern, den Jungen studieren zu lassen und knüpfte die Verbindung zum Salvatorianerkloster in Temeswar. Die Aufnahmeprüfung in das Salvatorkolleg bestand er sehr gut. Er wurde im September 1932 in das Salvatorkolleg in Temeswar aufgenommen. Die Schulkosten betreffend kam man der Familie wohlwollend entgegen. Pater Paulinus trägt in den Aufnahmeregister ein. „Die Eltern werden versuchen jährlich 1000 Lei zu geben; sie sind sehr arm“.

 

In den folgenden Jahren besucht er von hier aus das Deutsche Römisch-Katholische Knabenlyzeum in der Banatia. Auch hier erhielt er Bestnoten - seine vorzüglichen Zeugnisse sind erhalten - und bestand die Reifeprüfung mit Auszeichnung. Im Juni 1940 begehrt er die Aufnahme als Novize in den Orden der Salvatorianer; am 7. September 1940 wird er in der Pfarrkirche der Elisabethstadt feierlich mit dem Namen Paulus Aufgenommen und eingekleidet. Das folgende Theologiestudium an der „Academia Teologia“ zieht er zügig, mit ausgezeichneten Zeugnissen, durch. Nach dem Studiumabschluss 1945 empfängt er die Tonsur und die Niederen hl. Weihen. In Frühjahr 1946 folgen die Subdiakonats- und die Diakonatsweihe, die er zusammen mit dem späteren Bischof Sebastian Kräuter empfängt. Nun ist er bereit dem Heiland Armut, Keuschheit und Gehorsam bis zum Lebensende zu geloben. Am 2. Juni 1946 wird er durch Bischof Dr. Augustin Pacha zum Priester geweiht. In sein Tagebuch schrieb er an diesem Tag: „Lass mich ganz Dein Werkzeug sein, Herr Jesus“

 

Pater Paulus SDS (Societas Divini Salvatoris, die Ordensgemeinschaft der Salvatorianer) wirkt zunächst als Kaplan in der Elisabethstadt, ab 1950 ist er in der Mehala tätig und von 1953 bis zu seiner Verhaftung wieder in der Elisabethstadt. Mit großem Eifer widmet er sich der Seelsorge, ist auf vielen Missionsreisen durch Banat unterwegs, besucht Kranke, schreibt Rundbriefe zu verschiedenen Anlässen. Bald schon wird er zum Novizenmeister berufen und betreut die Ausbildung der jungen Salvatorianer. Pater Paulus SDS wendete sich auch den Kindern zu: er entwarf Spiele, malte Bilder für sie und erfand Geschichten. Seine Lieblingsbeschäftigung war das Anfertigen von Rosenkränzen. Mit großer Geschicktheit fertigte er, wann immer seine Hände frei waren, aus Schwarzbohnen und Kupferdraht Rosenkränze. Der Pater war auch schriftstellerisch tätig. Es ist eine ganze Reihe Manuskripte zu verschiedenen religiösen Themen erhalten. Zu den Baraganverschleppten sendete er regelmäßig Briefpredigten, in denen er die Deportierten ermutigte und im Glauben stärkte.

 

Seine größte Stärke war jedoch die Predigt, die mündliche Verkündigung des Gotteswortes. In einem einzigen Jahr (1956) hat er 292 Predigten gehalten. In der Elisabethstädter Kirche waren die Bänke bis auf den letzten Platz gefüllt, wenn Pater Paulus predigte. Die Menschen redeten vor der Kirche, auf der Straße, am Arbeitsplatz und Zuhause über seine Predigten. Seine Missionspredigten auf den Dörfern hatten den gleichem Erfolg. Dies war von einem Regime nicht hinnehmber, das die Religion ausmerzen wollte, das den Religionsunterricht verboten hatte und einige Jahre vorher Bischof Pacha und eine ganze Reihe Bekennerpriester und Ordensleute eingekerkert hatte. Spitzel und Informanten wurden auf Pater Paulus SDS angesetzt, mit dem Auftrag sein regimefeindliches Verhalten aufzudecken, Gründe für seine Verhaftung zu finden. Wie aus dem Securitatedosier ersichtlich, fuhr zum Beispiel ein Lehrer aus Temeswar an einem Sonntag nach Glogowatz, um über die dortige Predigt des Paters zu berichten. Und sie wurden fündig, die Securisten und ihre Helfer. Bei der Durchsuchung seiner bescheidenen Wohnung in der Odobescustraße fand man Exemplare der Schweizer Zeitungen Schildwache aus dem Jahre 1936 und das Schweizerisches Katholisches Sonntagsblatt aus dem Jahre 1946; Blätter mit ausgeprägtem religiösen Charakter, die  aber auch einige Artikel enthielten, die den Kommunismus in der Sowjetunion kritisierten.

 

 

Pater Paulus SDS wurde am 13. Januar 1958 verhaftet und in das Untersuchungsgefängnis in Temeswar gebracht. Der Vorwurf gegen ihn lautete, feindlich gegen das Volksdemokratische Regime zu predigen. Pater Paulus blieb in Haft und wurde kontinuierlich verhört. Angewandt wurden, nach Aussagen Mitgefangener, die bewährten Securitate-Methoden mit psychischem Terror und physischer Qual. Matthias Just hat elf Verhörprotokolle in der Akte Pater Paulus gefunden und in dem erwähnten Buch veröffentlicht. Im Zuge der Untersuchung wurden auch Zeugen über die Predigten von Pater Paulus verhört. Mathias Just hat auszugsweise zehn Verhörprotokolle veröffentlicht. Nur drei Zeugen belasten ihn, er habe mit politischem Unterton gegen das volksdemokratische Regime gepredigt. Ein Zeuge der Anklage behauptet beim Verhör und später bei der Gerichtsverhandlung, „die Predigt des Mönches sei direkt reaktionär, er habe im aufwieglerischen Ton die Menschen aufgefordert, in die Kirche zu gehen“. Ein anderer Vorwurf gegen ihn lautet, er habe am 23. August, am großen politischen Feiertag des kommunistischen Rumäniens, eine Wallfahrt nach Maria Radna organisiert. Als man den Gläubigen drohte sie würden nach Sibirien verbannt und diese Angst hatten, sagte er: „Ihr sollt Euch nicht fürchten, weil Sibirien ist vom Himmelreich genau so weit entfernt ist, wie dieses von hier weit ist.“

 

Am 15. März erging dann vom Innenministerium der Befehl zur Anschuldigung und Verurteilung. Die Gerichtsverhandlung fand am 10. April 1958 beim Militärgericht Timisoara statt; Vorsitzender Richter war Antal Adalbert. Die Anklage lautete „Machenschaften gegen die Gesellschaftsordnung und Verbreitung von verbotenen Schriften“. Geladen waren 10 Zeugen der Anklage, die alle gegen den Angeklagten aussagten, er habe einer Frau einige Zeitungsausschnitte aus den Schweizer Zeitungen gegeben, er habe tendenziös über die Enteignung gesprochen, er habe den Gesetzen Gottes Vorrang vor den Gesetzen der Kommunisten gegeben, er habe einem gesagt, er solle sich nicht vor den Kommunisten fürchten. Eigentlich wird in dem Gerichtsprotokoll nichts wirklich Strafbares genannt, dennoch verlangt der Militärstaatsanwalt die Verurteilung des Angeklagten zu einer exemplarischen Strafe. Im Namen des Volkes verurteilt das Gericht den „Zivilangeklagten“ Antonius Weinschrott einmütig zu zehn Jahren Korrektionsgefängnis, fünf Jahren Korrektionsverbot und vollständigem Einzug seines Vermögens für das Delikt der Machenschaften gegen die Gesellschaftsordnung sowie zu sechs Jahren Korrektionsgefängnis für das Delikt der Verbreitung verbotener Publikationen. Die Anfechtung des Urteils durch den Verurteilten wurde abgewiesen, das Urteil blieb endgültig. Die Begründung des Urteils war fadenscheinig, es war die Inszenierung eines Schauprozesses gegen die Kirche. Der damalige Provinzial Pater Johannes Gruber richtete ein Gnadengesuch an die Staatsführung, das zurückgewiesen wurde. Auch ein Gnadengesuch, das sein Bruder Josef im Namen der Eltern an die Große Nationalversammlung richtete, blieb ohne Erfolg.

 

Es ist noch zu prüfen, ob der Prozess gegen Pater Paulus in die Zweite Verfolgungs- und Terrorwelle der Kommunisten in Rumänien einzuordnen ist. Nach Stalins Tod war die erste Verfolgungs- und Vernichtungswelle gegen die Kirche abgeklungen. Ende der 50ziger Jahre, nach der Revolution in Ungarn, fanden wieder eine Reihe von Schau- und Einschüchterungsprozesse im Banat und in Siebenbürgen statt.

 

Pater Paulus kam in den Kerker nach Gherla, wo er viel zu leiden hatte. Er war dort zusammen mit Joan Ploscaru dem griechisch-katholischen Bischof von Lugosch, dem griechisch-katholischen Priester Susman Jeronim und dem römisch-katholischen Pfarrer Santa Istvan. Nach deren Aussage erlitten sie dort leibliche Qualen, wurden in Ketten zu nächtlichen Verhören geführt und terrorisiert, sie hungerten dauernd. Pater Paulus hatte ein Magenleiden, hinzu war ein Leberleiden gekommen, wahrscheinlich verursacht durch Schläge auf den Körper. Er erlitt furchtbare Schmerzen, wurde immer schwächer. Ärztlichen Beistand gab es keinen. Am 3. Juni 1960 verstarb er in der Gefängniszelle im Beisein von Pfarrer Susman, dem er seine letzten Worte für seine Gläubigen aufgetragen hat: „Einander lieben und Verzeihen.“

Pater Paulus wurde wegen Platzmangels nicht auf dem Gefängnisfriedhof bestattet, sondern auf dem Gelände einer Ziegelei. Im März 1969 gelang es dann seinem leiblichen Bruder Josef, zusammen mit Ordensbrüdern, die Gebeine des Verstorbenen nach Temeswar zu überführen, wo sie auf dem Elisabethstädter Friedhof in der Salvatorianergruft beigesetzt wurden. An seinem Grab sagte Pater Johannes Blum: „Als Schüler war er immer der Erste, im Gebet der Eifrigste und als Priester der Beste.“

Pater Paulus wurde nicht für das verurteilt, was er getan hatte, sondern für das, was er war: ein standhafter katholischer Priester. Pater Paulus ist ein Märtyrerpriester. Sein Martyrium war Zeugnis seines Glaubens. Bischof Joan Ploscaru, der mit ihm in der Gefängniszelle war, schrieb über ihn: „Ich verblieb mit dem Bild eines heiligen Mannes. Mir prägten sich seine Schweigsamkeit und die Hinnahme der Leiden für Christus ein. Ich denke, es wäre gut, die aufrichtigen Gläubigen aufzufordern, an Pater Paulus zu beten. Denn er gab sein Leben für Christus, er ist ein Heiliger, der kanonisiert werden kann.“

 

Am 22. Oktober 2011 wurde die Kapelle im Josef-Nischbach-Heim durch Monsignore Andreas Straub als Gedenkstätte an Pater Paulus Weinschrott SDS gesegnet. In der Kapelle wird ein Wallfahrtskreuz aus dem Besitz von Pater Paulus aufbewahrt. Die Kapelle soll ein besonderer Ort des Gebetes zur Unterstützung des von der Heimatdiözese eingeleiteten Seligsprechungsverfahrens von Pater Paulus sein.

Segnung der Pater Paulus Kapelle

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