Novacek, Rudolf (1883-1970)

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Rudolf Novacek wurde am 7. April 1860 in Weisskirchen geboren. Er war der älteste Sohn Martin Novaceks, besuchte die Oberrealschule in Temeswar und studierte danach bei Josef Hellmesberger jun. am Wiener Konservatorium. Er hat sein Musikstudium bei seinem Vater angefangen, setzte es dann in Wien bei Professor Joseph Hellmesberger jun. fort.

Im Jahre 1882, mit 22 Jahren, wird er Dirigent der Musikkapelle des 28. Infanterieregiments in Prag. Hier hat er Antonin Dvorak kennengelernt, der ihm Sympathie entgegenbrachte und ihm einige Anweisungen gab. Ein anderer wichtiger Moment im künstlerischen Werdegang Rudolf Novaceks war seine Begegnung – ebenfalls in Prag – mit dem russischen Komponisten P. I. Tschaikowsky. Zufällig anwesend bei einem von Rudolf Novacek geleiteten Konzert, bei welchem auch das Stück des russischen Komponisten, Barcarola, für Klavier, und von Rudolf Novacek orchestriert, vorgetragen wurde, blieb dieser von der Qualität der orchestralen Fassung überrascht und hocherfreut, stieg auf die Bühne und umarmte Novacek.


Desgleichen lernte er in Prag Alma Skohoutilova kennen, die er später heiraten wird. Er fährt als Dirigent gemeinsam mit ihr nach Bulgarien. Von dort kommt er nach Russland, Sankt Petersburg, dann über Belgien und Holland nach Berlin, wo er sich niederließ. Hier wird er den Pianisten Ferruccio Busoni kennenlernen, der einer seiner besten Freunde wird. In Berlin lernt er auch den Dirigenten Arthur Nikisch kennen. Sowohl Busoni als auch Nikisch haben in Amerika seinen im Jahre 1904 verstorbenen Bruder Ottokar kennengelernt, den sie als Violin- und Bratschespieler und sogar als Komponist, sehr geschätzt hatten. Rudolf Novacek wird in Berlin vorzüglich behandelt: Nikisch gliedert seine Sinfonietta für 8 Blasinstrumente am 1. Dezember 1904 ins Programm ein. Drei Wochen zuvor, am 10. November 1904, hat Nikisch die Hymne für Streichorchester von Ottokar Novacek dirigiert. All diese Werke waren Teil eines drei Konzerte umfassenden Projektes mit dem Namen Neuigkeiten und Seltenheiten. Rudolf Novaceks Sinfonietta galt zu jener Zeit als ein sehr geschätztes Werk und wurde 1927 in den ersten Radiosendungen übertragen.

Ein Telegramm von zu Hause überbrachte ihm die Nachricht von der Krankheit seines Vaters, der ihn zu sich rief, um seine Schüler zu übernehmen und für den Unterhalt der Familie zu sorgen. Dieses Telegramm erreichte ihn, als ihm ein Posten als zweiter Dirigent an der Berliner Oper angeboten wurde. Welch eine Chance und welche guten Aussichten für seine zukünftige Karriere! Doch er ist gezwungen abzusagen und geht damit in der Anonymität unter.

Im Banat wirkte Rudolf Novacek weiterhin als Pädagoge und Komponist. Einige seiner Werke sind im Temeswarer Musikverlag MORAWETZ erschienen, so auch sein Violinkonzert, a-Moll (Schülerkonzert), das von einer sprühenden Phantesie des Komponisten zeugt. Andere seiner Kompositionen erschienen in Wien, Prag, Berlin und Budapest.

Eine seiner Schülerinnen war auch Therese Nägele, die er des öfteren in Bogdarigos (heute Bogda, rumänisches Banat) besuchte. Aus jener Zeit stammen auch einige Fotos, die in der Bilddokumentation veröffentlicht werden. Auch eine Postkarte vom 8. Juli 1913 aus Wien ist uns erhalten geblieben, die er an Therese Nägele adressiert hat. Diese schrieb er im Wiener Rathauskeller und zeichnete mit dem Bleistift einige Wiener Häuser im Regen darauf: “Erschüttert, aber nicht nur auswendig sondern auch inwendig...”

Über ihn ist noch bekannt, dass er eine zeitlang in Bukarest tätig war und in der Straße Izvorul Rece wohnte (aus den Erinnerungen seines Neffen Rudolf Gemeinhardt, der 1998 in Temeswar verstarb). Nach dem ersten Weltkrieg, als viele Tschechen in die neugegründete Tschechoslowakei zurückkehrten, wird er, nach Aufforderung seiner Frau, 1921 auch dorthin ziehen. In Prag erlitt er eine große Enttäuschung: da er die Sprache nicht beherrschte – denn zu Hause sprachen sie Deutsch – konnte er den Posten als Musikreferent der tschechischen Armee nicht bekommen. Er lebt nur aus den Orchestrierungen, in einer sehr bescheidenen Wohnung, so dass er sich entschloss, nach Temeswar zurückzukehren. Er kam 1929 nochmals für eine Operation nach Prag, die leider misslang, so dass er dort am 12. August 1929 verstarb. Seine Urne wurde nach Temeswar gebracht und in der Familiengruft bestattet.

Rudolf Novacek hat viel komponiert, aber fast alle seiner Werke gingen verloren. Eine seiner Kompositionen erlangte aber Weltruhm: der Castaldo Marsch – und wird auch heute noch gespielt.


Rudolf Novacek und Prag


Rudolf Novacek verlebte in Prag eine relativ kurze Zeit, zusammen kaum sieben Jahre, den Dienst als Kapellmeister im k.u.k. IR 28 vom 1.10.1884 bis 19.9.1890, seinen Prager Aufenthalt vom 16.7.1921 bis 10.3.1922 und die Zeit vom 10.7. bis 11.8.1929 inbegriffen. Seine Beziehungen zu Prag und zum tschechischen Element waren durchaus positiv, er fühlte sich als Tscheche, obwohl er die tschechische Sprache nicht gut beherrschte. [Novacek war sprachlich unbegabt, er sprach z.B. kein Wort ungarisch]

Böhmen war Novacek nicht fremd, schon als Mitglied des Novacek Quartetts konzertierte er erfolgreich in einigen Orten und hatte sich dabei einen guten Namen gemacht. Konzerte fanden statt: am 13.7.1878 in Ceské Budejovice, 14.7.1878 in Horaždovice (Geburtsort seines Vaters Martin Novacek), 17.7.1878 Marinské Lázne, 23.7.1878 Karlovy Vary.

Durch seine Tätigkeit als Kapellmeister des k.u.k IR 74, dessen Mannschaft zu zwei Drittel aus Tschechen bestand, erwarb er beim tschechischen Publikum gute Resonanz, besonders als das Regiment im Jahre 1883–1884 in Hradec Králové lag. Der fesche Regimentskapellmeister Novacek trat nicht nur als Dirigent der symphonischen Konzerte seiner Regimentsmusik, sondern auch als Geigenvirtuose in einem Trio auf. Zum Beispiel am 9.3.1884 dirigierte er die Dvorák Ouvertüre Meine Heimat (komponiert ursprünglich als Ouvertüre zum Schauspiel des Gründers des modernen tschechischen Theaters J. K. Tyl). Ein weiteres Konzert bestand aus den Werken von Moszkowski, Smetana, Mendelssohn, Händel und Beethoven (Dalibor, 1884, S. 137). In seinem Trio spielte außer seinem Bruder auch der später bekannte Musiker und Musikpädagoge Josef Nešvera (1842-1914) mit.

Es war also kein Wunder dass er sich um den Posten des Kapellmeisters des Prager Hausregiments erfolgreich beworben hat. Der bisherige Kapellmeister des 28. IR, Johann Slach, diente im Regimente fast 25 Jahre und fühlte sich, bedingt durch Krankheit, den Strapazen als Militärkapellmeister nicht mehr gewachsen. Deshalb suchte das Regimentskommando schon seit einiger Zeit einen geeigneten Nachfolger. Novacek kam also wie gerufen. [Johann Slach (*1827 Prag, +1910 Odenfelde) war Regimentskapellmeister vom 1.7.1861 bis 31.1.1885, ab 1896 lebte er in Hamburg]

Am 1. Oktober 1884 trat er den Dienst als Kapellmeister bei den „ Prager Kindern“, wie sich das Regiment nannte, an. Vom Anfang an wurde er von dem Prager Publikum mit Wohlwollen empfangen. Er war eigentlich kein Unbekannter, man hat sein Wirken in Hradec Králové registriert, und auch sein Vater hatte um diese Zeit noch viele Freunde in der maßgeblichen Musikszene. Also kein Wunder, dass die Musikzeitschrift Dalibor (1884, S. 397) über seinen ersten Konzertabend berichtete: „Die Musik des Infanterie Regimentes 28 unter der Leitung seines neuen Kapellmeisters Herrn Novacek hat mit ungewöhnlicher Exaktheit ihrer Leistungen das begeisterte Publikum sehr angenehm überrascht.“

Eine gute Beziehung unterhielt er zum Komponisten Antonín Dvorák, dessen Werke er öfters instrumentierte. Ähnlich gute Beziehungen pflegte er auch zu den anderen bekannten Prager Komponisten. Am 26. Februar besuchte Antonín Dvorák die Musik des k.u.k. IR 28 in der Bruska Kaserne. Die Musik war gerade dabei, die III. Slawische Rhapsodie, op. 45, zu proben. Mit diesem Werk erzielte das Orchester einen besonderen Erfolg bei dem Konzert am 30. März 1885 in der Prager Bürger-Ressource. Antonín Dvorák dirigierte selbst das Orchester und Novacek übernahm den Part der ersten Geige. [Dalibor, Jg. 1885, S. 141]

Die Regimentsmusik konzertierte oft in der Künstler- und Bürger-Ressource, wo sich Novacek „durch seine Liebenswürdigkeit, sowie sein musikalisches Wirken allgemeine Achtung verschaffte“ [Mešanská beseda (Bürger–Ressource), gegründet im Jahre 1846, war ein tschechischer Gesellschaftsverein, die Umelecká beseda (Künstler-Ressource) begann ihre Tätigkeit im Jahre 1863 und war mehr an Literatur, bildende Kunst und Musik orientiert. Sie brachte die Zeitschrift Lumír heraus. Beide Organisationen siedelten im Haus Nr. 140 in der Vladislaus Gasse in der Neustadt. Beide veranstalteten auch Musikabende.]

Bald galt Novacek als bester Militärkapellmeister in Prag, obwohl die Konkurrenz sehr stark war. [Zu seiner Zeit wirkten in Prag die Militärkapellmeister: Josef Pitschmann, Emil Kaiser, Anton Mahr, Karel Komzák Vater, Karel Šebor, Franz Lehár Vater und Karel Bobek]

Mit seiner Popularität konnten weder Josef Picman vom IR 11 noch Franz Lehár Vater vom IR 102 oder Gustav Mahr vom IR 75 Schritt halten. Dazu vielleicht eine zeitgenössische Kritik aus Dalibor (Jg. 1885, S. 25): „… mit mittlerer Präzision trug das Orchester des Freiherrn von Catty Nr. 102 unter der Leitung des Kapellmeisters Herrn Franz Lehar. Der Solo-Part wurde mit einem gesunden, vollen und edlem Ton vorgetragen, die Begleitung war nicht präzise und fein genug“ Die andere Kritik lautete „… nobel vorgetragen durch die Kapelle des IR 28 unter der Leitung von Rudolf Novacek. Neuling auf dem Konzertpodium war für uns der Kapellmeister Novacek, in welchem wir zu unserer Freude einen Virtuosen von einem feinen Geschmack und großer technischer Vollkommenheit kennengelernt haben … die Kompositionen wurden exzellent durchgeführt, für die vorbildliche Einstudierung danken wir dem Herrn Kapellmeister Novacek“ (Dalibor, Jg. 1885, S. 26)

Novacek war auch als Regimentskapellmeister erfolgreich. Für den Regimentskommandanten Johann Holzbach (Oberst Johann Holzbach übernahm das Regimentskommando am 31.3.1886) komponierte er den Holzbach Marsch, der unverdient in Vergessenheit geraten ist. Dafür wurde der Marsch, den er dem neuen Regimentskommandanten Ludwig Castaldo widmete, der Castaldo-Marsch, mit einem Schlag populär (Oberst Ludwig Castaldo übernahm das Regimentskommando am 24.6.1890).

Die Ironie des Schicksals wollte es, dass knapp drei Monate nach der Kommandoübernahme des Regiments durch den Obersten Castaldo, Novacek, ohne seinen Dienst ordentlich zu quittieren, Prag verlassen hat. Eine Prager Zeitung berichtete genüsslich: „…Der Kapellmeister des IR 28 …. ein Mann in den breiteren gesellschaftlichen Kreisen unserer Hauptstadt bekannt und beliebt, wird seit einigen Tagen vermisst. Er verschwand aus Prag geheimnisvoll. Seit längerer Zeit galt es als ein öffentliches Geheimnis, dass der Kapellmeister N. ein intimes Verhältnis mit der Gattin eines gewissen Tischlers aus der Kleinseite, Mutter eines Kindes unterhält. Er brachte seine Frau nach Wien, kam dann zurück und sagt dem Regimentstambour [der Regimentstambour war Alois Macák (1857-1921). Er wurde 1892–1918 Kapellmeister des bulgarischen Infanterieregimentes 4 in Plevno.] dass sein Urlaub am 23. September endet. Sollte er bis dahin nicht zurück sein, so soll er das Schreiben, dass er ihm anvertraut hatte, dem Obersten geben. Gleichzeitig verschwand mit ihm auch die Frau des Kleinseitner Tischlers… Im Brief steht, dass er Prag auf immer verlässt, weil er hier nicht seinem Stande angemessen leben kann und er sein Glück im Ausland finden wolle.“ (Národní listy, vom 24.9.1890)

Damit ging die erste Periode seines Aufenthaltes im Prag zu Ende. Und der virtuose Geiger und eleganter Kapellmeister ist aus dem Bewusstsein des Prager Musikpublikums langsam verschwunden. Nicht aber sein Castaldo–Marsch, er blieb nach wie vor populär und wurde zur Hymne der ganzen Prager Garnison. Bis in die vierziger Jahre war er das letzte Paradestück jedes Konzertes im Freien, mag es sich um ein militärisches oder ziviles Orchester handeln. Nach 1918 wurde aus dem alten k.u.k Infanterieregiment das tschechoslowakische Infanterie Regiment 28. Als Regimentsmarsch behielt man den Castaldo-Marsch. [Ähnlich wie das tschechoslowakische Regiment 28, behielten ihre alten Regimentsmarsche die cs. Regimenter 11 (Friedländer Marsch von Josef Pitschmann) und IR 38 (früher k.u.k IR 88) den 88-er Regimentsmarsch von Jan Kalenský] Auch die Regierungstruppe spielte ihn als offiziellen Marsch. [Regierungstruppe des Protektorats Böhmen und Mähren (1939-1945) war eine militärische Einrichtung der deutschen Besatzungsmacht. Sie hatte eine Stärke von zwölf leichten Infanteriebataillonen, jedes Bataillon hatte eine Musik]. Er blieb bis heute in den Marschbüchern aller tschechischen Militärorchester. Die anderen Kompositionen von Novacek werden aber nicht mehr gespielt.

Novacek hielt auch nach der Flucht aus Prag Kontakte zu seinen Prager Bekannten. Er sandte an Sie einige Kompositionen, z.B. Gruß aus Sofia, oder Märsche, die der Jubiläumsausstellung gewidmet wurden. Die Jubiläumsausstellung fand in der Zeit 15.5.–18.10.1891 statt. Fast täglich fanden dort Militärkonzerte statt, oft traten einige Orchester zum Monstrekonzert an. Die Ausstellung wurde anlässlich des 200-jährigen Jubiläums der Thronbesteigung von Kaiser Leopold II. veranstaltet. Insgesamt registrierte man 2,5 Millionen Besucher. [Hudebník, 9/1932: V. ŠAK: Ceští muzikanti na Balkáne (Böhmische Musikanten im Balkan)]

Einen guten Kontakt unterhielt Novacek zu dem Kapellmeister des k.u.k. Infanterieregiments Nr. 61 Jan Gottwald. Das Regiment lag seit 1911 in Temeswar und dessen Musik wurde 1916 zur Garnisonsmusik Temeswar. [Jan GOTTWALD (1869-1935) tschechischer Militärkapellmeister, in den Jahren 1911–1916 wirkte er in Temeswar beim k.u.k IR 61. Nach 1918 in der cs. Armee bei GM Liberec und IR 28 in Prag]. Im Kriege pflegte die Familie Novacek die verwundeten tschechischen Soldaten, von denen viele vom Infanterieregiment 28 kamen.

Es dauerte dreißig Jahre, bis Rudolf Novacek wieder nach Prag kam. Voll Hoffnung und guten Willen. Die tschechoslowakische Armee hatte, abgesehen von anderen Problemen, auch Sorgen mit dem Nachwuchs für die Militärmusiken. Die Regimentsmusiken waren nach 1918 aufgelöst und dafür die Garnisonsmusiken gebildet. Die bisherige Art der Ergänzung – durch Freiwillige und Musikeleven – wurde nicht mehr praktiziert und die einberufenen Rekruten taugten nicht viel. Deshalb wurde immer wieder der Gedanke, eine Militärmusikschule zu errichten, aktuell. Zum Vorbild sollte die alte Militärmusikschule von Johann Pavlis Sohn werden. [Johann PAVLIS jun. (1858-1915), 1880-1895 Direktor der Militärmusikschule in Prag, 1895–1915 Kapellmeister im k.u k. b.h. IR 4]

Im Jahre 1920 wurde es endlich soweit. Die definitive Organisation der tschechoslowakischen Armee wurde verabschiedet und es wurde beschlossen, die Regimentsmusiken statt der sich nicht bewährten Garnisonsmusiken wieder einzuführen. Das Musikinspektorat wurde im September 1920 verstärkt durch die Ernennung von Václav Voskovec zum stellvertretenden Inspektor. [Václav VOSKOVEC (eigentlich Wilhelm Wachsmann) (1864-1945), tschechischer Militärkapellmeister in Russland 1890–1905, 1915–1920, 1920 Verteidigungsministerium 1921–1925 Musikinspektor der cs. Armee]. Dieser trug bereits am 26.10.1920 dem Generalinspektor der cs. Armee, Josef S. Machar, auf seine Aufforderung den ersten Vorschlag zur Gründung der Militärmusikschule in Prag. [Josef Svatopluk MACHAR Dr.h.c. (1864/1942 Praha), Bankbeamter, Dichter und Dissident. Anhänger und Duzfreund von Präsident T. G. Masaryk, 1919–1924 Generalinspektor der cs. Wehrmacht]. Diese sollte auf der gleichen Basis wie die ehemalige Militärmusikschule von Johann Pavlis haben, d. h. fünfzehn 15-jährige Jungen sollten zwei Jahre lang eine Ausbildung auf Kosten des Ärars erhalten, mit 17 Jahren sollten sie freiwillig der Armee beitreten und ein Jahr als Musikeleven zu dienen. Anschließend folge der Präsenzdienst und Weiterdienst – für die jeweilige Zeit in der Schule bzw. als Eleve sollte man entsprechend ein Jahr aktiv bei der Musik dienen.

Er hatte auch die personelle Besetzung der Führung der Schule parat: Als Kommandant war der bereits erwähnte Jan Gottwald (um diese Zeit Kapellmeister im cs. IR 44) vorgeschlagen. In einem erweiterten Vorschlag vom 27.5.1921 empfahl er, Rudolf Novacek zum Stellvertreter von Jan Gottwald zu ernennen. [Schreiben des Musikinspektors V. Voskovec an den Verteidigungsminister Frant. Udržal (1866-1938) vom 27.5.1921, Heeresgeschichtliches Archiv, Fond Generalinspektor 1921]. Voskovec kannte Novacek recht gut, denn er diente in den Jahren 1883–1886 unter ihm als Musiker beim k.u.k IR 28 in Prag. Er fragte im April 1920 Novacek, ob er an diesem Posten Interesse hätte, was dieser bejahte. Er verließ Temeswar und kam am 16.7.1921 in Prag an. Sein Gesuch, in die tschechoslowakische Armee aufgenommen zu werden, wurde am 15.11.1921 genehmigt. [OV, Personalverordnungsblatt der cs. Armee, Nr 114/1921]

Noch ehe die Errichtung der Schule befohlen wurde, meldete sich am 21.10.1921 schriftlich beim Musikinspektorat der nicht aktive Militärkapellmeister Prokop Oberthor und bat als Lehrer an dieser Schule eingestellt zu werden, was beim Voskovec eine äußerst negative Reaktion hervorrief. [Prokop OBERTHOR (1872-1958 ), Konservatorium Prag (1885-1891), 1894-1910 RKplm im k.u.k IR 101, k.u.k IR 37 1910-1914, k.u.k IR 29 1914-1918, 1918 cs. Armee GarnM Cáslav, GarnM Praha IV, 1920 cs. IR 48, 1920-1922 nicht aktiv, 1922 zugeteilt dem Verteidigungsministerium, 1923-1925, Kommandant der Militärmusikschule Prag, 1925-1936 Inspektor der cs. Musiken.]

Im Monat November 1921 wurde die Gründung der Schule durch den Verteidigungsminister befohlen, jedoch mit der Auflage, Kapellmeister Oberthor einzustellen. Voskovec reagierte wütend, worauf der Minister angeordnet hat, dass Oberthor die Leitung der Schule übernimmt und Novacek als zweiter Lehrer eingestellt wird. Jan Gottwald war zwischenzeitlich als Kapellmeister zum renommierten Infanterieregiment 28 als Kapellmeister versetzt worden. [Politische Kanzlei des Verteidigungsministers Nr. 413.047/2395/pol.kanc 21 vom 4.11.1921]. Voskovec half auch ein umfangreiches Schreiben vom 17.11.1921 an den Generalinspektor Machar nicht, in welchem er eine Charakteristik von Novacek zu Papier brachte (Machar und Novacek waren befreundet):

„Ich kann für die angestrebte Prosperität und erwartete Ergebnisse garantieren unter der Voraussetzung, dass diese von dem durch mich vorgeschlagene, versierte Fachleute – mindestens am Anfang- allgemein und künstlerisch geleitet wird, es sind dies Jan Gottwald und Rudolf Novacek, was ich, in meinem Antrag ausreichend begründet habe.

Aus gleichen Grunde, amtlich vorher geprüft zu haben, dass alle Instanzen den Vorschlag genehmigt haben, schrieb ich Rudolf Novacek nach Temesvár, dass er sich melden sollte, was dieser willig getan hat und gleichzeitig um eine Repatriierung in die Heimat angesucht hatte. Kapellmeister Rudolf Novacek kam in Prag an. [Novacek reiste am 16.7.1921 an]

Wenn sein Antrag auf die Übernahme in die cs. Armee günstig beschieden wurde [Sein Gesuch auf die Übernahme in die tschechoslowakische Armee wurde am 15.11.1921 positiv beschieden], habe ich (unter der Nummer 414.774/oddí. pech 1921) um Zuweisung einer Planstelle gebeten, damit seine Fähigkeiten – so lange die technischen Probleme die Eröffnung der Schule hindern – durch das Referat für Militärmusik zu Gunsten der Militärverwaltung ausgenutzt werden, namentlich damit er:

die Regimentsmärsche der 48 Regimenter ordnet, korrigiert und ergänzt.
die sämtlichen Nationalhymnen der fremden Staaten für die Musiken unserer neuen Armee arrangiert, was uns fehlt
sich einer schwierigen und wichtigen Arbeit annimmt, des Arrangieren und Erneuerung des Archivs der Militärmusiken, weil die wertvollen Noten – und Partituren-Sammlung der ehemaligen k.u.k Armee in vielen Jahren angesammelt, nach dem Umsturz fast total weggestohlen sind bzw. vernichtet oder während des Krieges abtransportiert wurden
Unter den aktiven Kapellmeistern, die diese schwierige Aufgabe meistern konnten, gibt es nur wenige. Die sind jedoch mit der eigenen Arbeit überlastet – durch den Dienst und Musikausbildung - und obwohl man viele als hervorragende Fachleute bezeichnen kann (Horák, Köhler, Teplý, Zita, Zeman, Kandler, Obruca) bleibt Novacek unerreichbar insbesondere wegen seiner Fähigkeiten, vollkommen und schnell zu meistern. [Kapellmeister der cs. Armee, die aus der alten k.u.k Armee übernommen wurden: Josef Horák (1874-1960) Anton Köhler (1865-1935), Petr Teplý (1871-1964), František Zita (1880-1946), Jan Zeman (1865-1948), Eduard Kandler (1866-1926), Rudolf Obruca (1874-1941)]

Er wäre auch der Einzige, der diese Arbeit schaffen konnte, weil er genügend Zeit dazu hätte, wäre er als Kapellmeister eingestellt, bevor die Schule eröffnet worden wäre. Unaufschiebbare Durchführung ist derart dringend, dass man sonst jemanden aus dem Zivilstande mit der Arbeit beauftragen muss, was mit einem Kostenaufwand von ca. 200.000 Kc verbunden ist, Novacek würde dies jedoch gegen die Gage eines Kapellmeisters IX. Rangklasse in 6 – 7 Monaten schaffen. Den Befehl über die Einstellung hat der Chef der allgemeinen Heereshauptabteilung nicht unterschrieben mit dem Hinweis auf das Alter von Novacek und dass diesen Befehl nur der Herr Minister unterschrieben kann.

Durch diese schicksalhafte Entscheidung fällt nicht nur die gedachte Sanierung von komplizierten und weitreichenden Mängel und Lücken in unserem Militärmusikarchiv, sondern auch die Verwendung von Novacek, diesem wirklich hervorragenden Militär-Pädagogen und Organisatoren, was für die Schule einen schweren Schlag bedeuten würde. Trotz aller Schwierigkeiten der Lage erlaube ich mir, mit dem ruhigen Gewissen Sie, Herr Generalinspektor zu bitten - im Interesse des Dienstes und des Gedeihens des Gedanken, welcher von Ihnen unterstützt wird - und zwar des ins Lebensrufen einer zielstrebig geführten Schule durch eine persönliche Intervention beim Herrn Minister die Einstellung des Novacek zu erwirken und zu empfehlen, als eine absolute Maßnahme, weil der Novacek ein seltener und hervorragender Fachmann ist. Es handelt sich doch nicht um einen Truppier und seine physische Eignung (er ist absolut gesund) erlaubt vorauszusetzen, dass er seine Aufgaben noch viele Jahre erfüllen wird. Es geht hauptsächlich darum, dass dieser hervorragender Fachmann hauptsächlich am Schaffen des Systems beteiligt wird und das er eine feste Richtung gibt, dass unserem musikalischen Nachwuchs dieser seltener Reiz imputiert wird, mit dem in der ganzen Welt die Musik der ehemaligen k.u.k Armee glänzte, Musik die sich größtenteils aus Tschechen und tschechischen Kindern – Musikeleven – rekrutierte und welche die unsrige derzeit vermisst. Wenn Novacek nur für zwei Jahre in der Schule wirken würde, würde sich das schon lohnen, weil seine Richtung und seine Methoden von den Instruktoren übernommen worden wären. Aber er kann dort 10 Jahre bleiben. Dann wird es schon leichter sein, aus den jüngeren Kapellmeistern einen Berufenen zu finden, der in die Fußspuren dieses hervorragenden Pädagogen - Soldaten treten wird. Für eine eventuelle Kandidatur kann ich die Kapellmeister Pešta, Franek, Horák, Teplý, Kandler oder einen anderen fähigen vorschlagen, welche den Dienst beherrschen. [Jan Pešta (1883-1945)früher k.u.k Kapellmeister, František Franek (1886-1962) Musiker und später Kapellmeister in der sog. Russischen Legion 1918-1920]

Ich erlaube mir zu bemerken, dass meine dringende Bitte dadurch motiviert ist, dem Referat, mit dessen Führung ich dienstlich beauftragt bin, bestens zu dienen als ein bewährter Spezialist. Als solcher bin ich mir der schweren Krisis bewusst und versuche, dieser am wirksamsten entgegenzuwirken.

Kapellmeister Novacek kenne ich ausgezeichnet, ich bin sein Zeitgenosse. Wir haben gemeinsam in einem Regimente gedient, wo ich meine Präsenzdienstzeit abgeleistet habe. Auch danach blieb ich mit ihm im engsten künstlerischen Kontakt. Ich war Zeuge seiner intimen Freundschaft mit dem Antonín Dvorák, der ihm durch seine Gunst auszeichnete, wie keinen der Kapellmeister. Oft besuchte er die Orchesterproben der Kapelle des Infanterieregiments 28 und zahlreiche seiner Kompositionen ließ er zunächst durch dieses Orchester aufführen – manchmal sogar aus dem Manuskript. Er hat ihm auch die Instrumentierung seiner Werke anvertraut oder ließ ihn einige seiner Kompositionen für das Blasorchester arrangieren. Fachlich suchten wir mit Novacek den Kontakt auch auf Fibich, Bendl, Rozkošný, Chvála, Förster, Kovarovic, Klicka, Kaan, Knitl und viele andere. Solche Ehre genoss keiner der fünf Kapellmeister der damaligen Prager Garnison, darunter solche Fachleute wie František Šmíd, Josef Pietschmann, Mahr und Lehár. Bei dem Regimentskommandanten war er bestens eingeschrieben, so dass er sich leisten konnte, stolz und konsequent seine Unterschrift in der tschechischen Schreibweise zu leisten – Novacek – und er war in der Umelecká beseda [Ressource] wie zu Hause und bewegte sich ostentativ in den tschechischen Nationalkreisen, was sich nicht jeder leisten konnte.

Ich führe dies deshalb an, damit ich die ganz außerordentliche Qualifikation dieses großen Künstlers und des in Standeskreise einzigartigen Menschen betone und damit ich dadurch die Ansicht untermauere, das es sich lohnt, bei Novacek eine Ausnahme zu machen, wie es bei der anderen Fachabteilungen des (Verteidigungs) Ministeriums (technischen) zwecks Gewinnung von tüchtigen Fachkräften der Fall ist, wo viele Ausnahmen wegen der Erreichung der Altersgrenze zugelassen sind.

Nebenbei gibt es auch eine besondere Empfehlung und eigenhändige Erklärung des genialen Komponisten, Maestro Vítezslav Novák, des Rektoren des Staatlichen Konservatoriums in Prag dessen vorzügliche Klavierkomposition „Zwei Tänze aus Mährisch-Wallachai“ Opus 34 Anfang dieses Monates Novacek zum begeisterten Erstaunen des Autors innerhalb von vier Tagen für ein großes symphonisches Orchester von einer Partitur von 72 Seiten instrumentierte! Diese fast unglaubliche Leistung ist an sich schon ein Zeugnis über die Fähigkeiten und über die mannhaft - physische Tüchtigkeit dieses seltenen Schaffenden.

Auf Grund, nur im engeren Rahmen dieser Meldung angeführten Fakten erlaube ich mir, Sie Herr Generalinspektor und durch Ihre Vermittlung dann den Herrn Minister zu bitten, dass er mit Rücksicht auf seine außerordentliche Qualifikation und seine volle physische Gesundheit und seinen regen Geist Rudolf Novacek im nächsten Personalverordnungsblatt im Sinne meines Ansuchens laut Akte Nr. 414.774 odd. pech 1921 einstellen lässt. Ich übernehme die volle Verantwortung dafür, dass dieser Schritt vorteilhaft sein wird, vorüber sich baldigst das MNV bald überzeugen kann.“

Diese Anordnung des Ministers hatte nur einen symbolischen Wert. Rudolf Novacek wartete ungeduldig auf seine Einteilung, denn ohne eine Einteilung konnte man keine Gage beziehen. Novacek hatte noch weitere Probleme, man bemängelte er wäre bereits zu alt und außerdem ist er ein rumänischer Staatsangehörige. Die Mühe von Voskovec, dem Novacek zu helfen, war vergebens. Novacek blieb in Prag sitzen und seine finanzielle Lage war katastrophal. Er gab Musikunterricht oder musizierte mit Freunden. Verzweifelt wandte er sich am 25.1.1922 an das Unterrichtsministerium mit der Bitte um Unterstützung: „Ich bin in eine verzweifelte materielle Not geraten die mich im gegebenem Augenblick der kritischen Notlage dazu zwingt, untertänigst das hohe Unterrichtsministerium zu bitten, mir in angesichts meiner langjährigen kulturellen Tätigkeit gnädigst eine Unterstützung gewährt.“

Das Ministerium sandte ihm am 25. März 1.000 Kronen. Aber da war Rudolf Novacek in Temesvár zurück. Am 10. März verließ er enttäuscht und verbittert Prag zum zweiten Mal. Prokop Oberthor wurde der Leiter der Musikschule und an Stelle von Novacek trat er als Stellvertretender Schulkommandant der Kapellmeister des tschechoslowakischen Infanterieregiments 30 Petr Teplý.

Sein letzter Aufenthalt in Prag war der traurigste. Schwer krank, hoffte er, in Prag Hilfe zu finden. Es ist anzunehmen, dass ihm der Voskovec durch seinen Bruder, der Arzt war, versuchte zu helfen. Er kam am 10.7.1929 in Prag an und wurde in dem im Kleinseiter Krankenhaus der barmherzigen Schwestern des heiligen Karl Borromäus behandelt.

Er wurde erfolglos operiert, am 11.8.1929 ist er gestorben. Es ist ihm ähnlich ergangen wie seinem Kollegen Julius Fucík. Keine Strasse trägt seinen Namen, es gibt nicht einmal eine Gedenktafel an seinen Aufenthalt und sein Wirken. Seine Autobiographie, über die Dr. Bláha berichtet, ist nach dessen Tode 1982 verschollen. [das umfangreiche Archiv von Herrn Dr. Bláha wurde von den Erben an Antiquitätenhändler verscherbelt]

Die tschechischen Musikhistoriker sind Rudolf Novacek viel schuldig geblieben. Es fehlen sogar wesentliche biographische Daten z.B. über seine Mutter und über den Dienst in der bulgarischen bzw. rumänischen Armee.


Bohumil Pesek (Prag): Rudolf Novacek und Prag

Erschienen in:

Franz Metz (Herausgeber): Musik als interkultureller Dialog. Das Banat als euroregionaler Klangraum, Edition Musik Südost, München 2005


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