Klar wie Begawasser, alt wie die Domkirche

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Das Temeswarer Umgangsdeutsch als Sprachform zwischen „Herrisch“ und „Schwowisch“

Von Hans Fink

Der Mutterboden für die Temeswarer deutsche Umgangssprache war eine Mischmundart, die Erich Lammert (1912-1997) als südbairisch bestimmte. Sie entstand nach der Eroberung des Banats durch die Österreicher, als der Wiener Hof die Hauptstadt des Banats zu einem Militärstützpunkt und zu einem Verwaltungszentrum ausbauen ließ. Der erste Bürgermeister des nach der Rückeroberung am 1. Januar 1718 gegründeten „Deutschen Magistrats“ der Stadt Temeswar war Tobias Balthasar Hold, ein Bayer.

 Diese Sprachform besaß die Grundzüge einer süddeutschen Mundart, zeigt aber Unregelmäßigkeiten und Abweichungen. Erstens stammten die Ansiedler nicht aus einer Ortschaft, auch nicht aus nur einem Teil Bayerns oder Österreichs, zweitens setzte sich die Sprachmischung infolge der ständigen Zuwanderung fort. Man muss auch in Betracht ziehen, dass Temeswar kein abgelegenes Dorf war, sondern von aller Anfang der Ableger einer Weltstadt, eine Ortschaft mit viel Industrie und regem Handelsverkehr. Das kommt im Wortschatz und in der Phonetik zum Ausdruck.

Wortgeografie

Der Wortschatz ist durch territoriale Dubletten aus dem süddeutschen Sprachraum geprägt. Man sagte nicht Junge, sondern Bub, nicht plätten, sondern bügeln usw. Eine Besonderheit sind zahlreiche Austriazismen, also für Österreich spezifische Dubletten, von Advokat, Auslage, Beuschel, ... bis Paradeis, Ribisel, Stanitzel. Innerhalb der Austriazismen gibt es mehrere für die Hauptstadt Wien spezifische Wörter: bagschierlich, keck, Pracker, Schafblattern, Staubzucker, Stoppelzieher, Vogelsalat, Zeller. Allerdings wurde im 20. Jahrhundert nicht immer die für den Süden des deutschen Sprachraums oder für Bayern oder für Österreich spezifische territoriale Dublette verwendet, sondern der gemeinhochdeutsche Ausdruck oder eine andere territoriale Dublette. Man sagte nicht gestockte Milch, sondern saure Milch. Bei uns hieß das Suppengemüse nicht Möhre oder Karotte, sondern gelbe Rübe; unter Karotten verstand man eine bestimmte Art gelbe Rüben. Kurioserweise gebrauchte man nicht die süddeutsche Dublette Ross, sondern die norddeutsche Pferd, nicht die süddeutsche Hafen, sondern die mitteldeutsche Topf. Das Wort Ross war aus Redensarten und aus einem Volkslied bekannt (hoch zu Ross, Ross und Reiter, Im Märzen der Bauer die Rösslein anspannt), wurde aber nicht verwendet. Die Fachbezeichnungen Rosshaarmatratze und Rosskastanie klangen exotisch. Zwar habe ich in meiner Gasse am Stadtrand eine Redensart mit dem Hafner aufgeklaubt (Er lacht wie der Hafner, wenn er umwirft), aber für andere Nachbarn war sie ein Fremdkörper. Man gebrauchte das gemeinhochdeutsche Wort Hagel und nicht das im Bairisch-Österreichischen übliche Wort Schauer. Übrigens war auch das Synonym Schloßen bekannt, das Substantiv zum Verb schloßen, welches in der Pfalz, in Hessen, Thüringen und Sachsen üblich ist. Kurioserweise wurde der Teil der Straße, der für den Wagenverkehr dient, nicht mit Fahrbahn bezeichnet, wie der technische Ausdruck der österreichischen Schriftsprache lautet, sondern mit Fahrweg, so wie in Münster in Westfalen; die Wiener Umgangssprache verwendete um 1900 nur Straße. Der Zufluchtsort bei dem als Fangen bekannten Kinderspiel hieß in meinem Grätzel Ziel wie in Tirol und in Vorarlberg, in anderen Wohnvierteln Haus, vergleichbar mit der Kölner Bezeichnung Freihaus und dem Heidelberger Ausdruck Ruhhaus, während er im Elsass Gasse heißt und in Württemberg Höhle (mundartlich Hihle).

 Parallel zur süddeutschen Bezeichnung Erdäpfel war die norddeutsche Kartoffel geläufig, außerdem die westdeutsche Grundbirne, mundartlich Krumpirn. Eigentlich hätten wir in Temeswar Erdäpfel-Paprikasch sagen müssen, dem war aber nicht so – wir sagten Kartoffel-Paprikasch oder Krumpirn-Paprikasch. Neben dem Wort Eidotter, welches im Bairischen, Fränkischen und Alemannischen heimisch ist, war das für die Pfalz und das Rheinland spezifische Eigelb zu hören. Das bairische Strauchen wurde vom norddeutschen Schnupfen verdrängt. Eine Kuriosität ist das Synonym Strohschneider für Seiltänzer. Es geht zurück auf den Seiltänzer Artur Strohschneider, der in der Zwischenkriegszeit seine Kunst zeigte, er ist im Jahre 1934. gestorben. Noch um 1950 bezeichnete man Hochseilakrobaten mit diesem Wort, wir Kinder kannten kein anderes. Der Aufkleber für „eingepackte“ Schulhefte und Schulbücher hieß Vignette, die Rasierklinge aus bisher ungeklärten Gründen Gilette [zilet].

 Ein auffälliges phonetisches Merkmal der Temeswarer Mundart ist das Zungen-R. In Norddeutschland spricht man ein Zäpfchen-R: „Ala-m an Bo-d, Ala-m an Bo-d.“ Nur wegen des Zungen-R im Gruß „Guten Morgen!“ hat mich eine Nachbarin im Jahre 1992 für einen jugoslawischen Gastarbeiter gehalten. („Ich bin kein Jugoslawe, ich bin ein Deutscher!“ – „Du sagen R, Deutsche nicht sagen R, du ... Jugoslawe!“)

 Wenn ein Rumäne oder ein Ungar im Erwachsenen-Alter Deutsch lernte, fiel ihm das behauchte K unheimlich schwer. Die Temeswarer Deutschen aber haben es geschafft, zwischen dem behauchten deutschen K im Anlaut und dem unbehauchten rumänischen K im Anlaut (cafea, cupru) bzw. dem unbehauchten ungarischen K im Anlaut (kávé, kilo) zu differenzieren.

 Anschließend eine Sprachprobe für die Temeswarer Mundart, gekleidet in eine Scherzfrage: „Wer is a Temewara?“ Antwort: „Der was sagt: Nemm a Staan, werf ihm am Baam, nemm a Stick Saafn un wasch dei Gfrieß.“ 

Mit Begawasser getauft

Im Laufe der Jahrzehnte dürfte insgesamt eine unbewusste Annäherung der Mundart an die Schriftsprache erfolgt sein. Was bedeutet Raman tan ma? In der Wiener Mundart: „Räumen tun wir.“ Das verstand man schon vor meiner Zeit in Temeswar nicht mehr. Wenn die Hausbewohner nach einer Schlachtung im Hof Ordnung machten oder in einem Zimmer Möbel umstellten, sagte man dazu: Sie machen Ramatama. Ich hatte einmal Gelegenheit, zwei Wiener Gepäckträger zu belauschen, die sich in ihrer Mundart unterhielten, und verstand nur Bahnhof.

 Sooft ein Banater Schwabe sich gewählt ausdrücken will und dabei ausrutscht, heißt es spöttisch: „Dem schlaat der Schwob ins Gnack!“ Mir als geborenem Temeswarer schlaat nit ter Schwob, sondern der Josefstädter Franzi ins Gnack. Der Josefstädter Franzi war eine Witzfigur, die der Zeitungsschreiber Heinrich Büchelbauer nach dem Ersten Weltkrieg erfunden hatte, er glänzte mit dem etwas vulgären Slang der Vorstädte, der sich durch einen exzentrischen Wortschatz von der Mundart unterscheidet – mit der Jassz-Sprache. (Ungarisch jassz – „Großstadtgauner“, davon jassz – „Jargonausdruck“, jassznjelv – „Gaunersprache“. In Temeswar bedeutete jasszolni – „angeben“, „prahlen“, und daher stammt unser Wort jass-machen.) Obwohl ich meine Geburtsstadt vor mehr als 40 Jahren verlassen habe, dann lange in Bukarest und lange in Gießen lebte, lässt sich an meiner Sprechweise gut erkennen, dass ich mit Begawasser getauft worden bin, das gilt für die Wortwahl, die Lautung und die Grammatik. Wenn ich konsequent mit einem weichen Konsonanten spreche, klingt das für mein Empfinden als geziert.

 

Temeswar als Sprachinsel


Falls die Theoretiker Recht haben, gab es in Temeswar anfangs zwei deutsche Sprachformen: a) die Umgangssprache der Beamten und Militärs, die sich zwischen der Standardsprache und der Wiener Mundart bewegte, und b) unsere südbairisch-österreichische Mischmundart, die von den Handwerkern, Händlern, Tagelöhnern, Manufaktur- und Fabrikarbeitern gesprochen wurde. Etliche Merkmale der zweiten Sprachform haben im Gewand der deutschen Umgangssprache den Zweiten Weltkrieg überlebt.

Vor dem Zweiten Weltkrieg konnte man in Temeswar fünf Formen der deutschen Sprache hören: (1) die örtliche Mundart, (2) die Standardsprache, (3) die Umgangssprache als Zwischenform, (4) rheinfränkische Mundarten und (5) Jiddisch, welches eine ostmitteldeutsche Mundart ist. Rheinfränkische Mundarten hörte man nicht nur auf dem Wochenmarkt, sondern auch auf Baustellen, in Fabriken und in den Familien, die vom Dorf in die Stadt gezogen waren.

Die Temeswarer deutsche Mundart, vom bairischen Dialekt geprägt, mit Austriazismen gespickt, schwebte wie eine Insel auf dem See der Banater rheinfränkischen Mundarten. Mit Sicherheit hat es eine genaue Trennung von Wasser und Land nie gegeben, denn der Austausch von Produkten führte nolens volens zu einem Austausch der Wörter. Die Temeswarer übernahmen die Bezeichnung Krumpirn (ursprünglich Grundbirne), die nur als Mundartwort existierte. Daneben das spezifische Wort für das Ernten, nämlich ausmachen. Sie übernahmen das Wort Rahm und gebrauchten es parallel zum österreichischen Wort Obers(t). Wir kannten auch das Gericht Krumpirn-Nockerl, das stammte dem Namen nach aus der bäuerlichen Küche.

Offenbar haben auch die Temeswarer Ungarn, Rumänen und Serben zugleich mit der genannten Feldfrucht deren Namen von den deutschen Bauern übernommen. Die Ungarn bezeichneten sie nicht mit dem schriftsprachlichen Ausdruck burgonya, sondern mit krumpli, die Temeswarer Rumänen nicht mit dem schriftsprachlichen Ausdruck cartof, sondern mit crumpen oder crumpi, die Temeswarer Serben mit krumpir.

Welche Rolle die Kartoffel in der Zeit der Kolonisierung spielte, lässt sich aus einem Spottnamen ableiten. Nach dem Frieden von Passarowitz wurde Oltenien 20 Jahre lang (1718-1738) von den Österreichern verwaltet, die prompt Ansiedler hinlockten. Jene Ansiedler führten die Kartoffel ein, sie waren Kartoffelpflanzer, für Nicht-Deutsche ein schwieriges Wort. Nach dem Zweiten Weltkrieg gelangte der ursprüngliche Ehrenname, inzwischen zum Spottnamen verballhornt, mit den Olteniern ins Banat: „Neamţ, neamţ – cotofleanţ!“

Andere in die Umgangssprache übernommene rheinfränkische Wörter sind laut Johann Wolf: trickeln (für trocknen), ghupst (für gesprungen, sogar in der Redensart Das ist ghupst wie gesprungen), widich (für wütend), wischt (für hässlich). Damit konkurrierte wischt mit schiech. Ich füge das Wort Klicker hinzu, die Bezeichnung für eine kleine Kugel aus Metall, Marmor oder Glas, die im Bairischen ganz anders heißt (Schusser, Steinel, Marbel, Spagonerl).

Umgekehrt sprachen die Banater Schwaben vom Auspracken, wenn die gestärkte Leinwand auf einem Tisch ausgebreitet und kräftig mit Ruten geschlagen wurde, um zu vermeiden, dass durch ungleichmäßiges Trocknen der Stärke Flecken zurückbleiben. Auspracken kommt von pracken, einem bairisch-österreichischen Synonym für klopfen oder schlagen.

Als die städtische Industrie die Kinderschuhe abstreifte, vergrößerte sich die Kontaktfläche zwischen den zwei Sprachformen. Die Industrie brauchte Arbeitskräfte, also pendelten besitzlose Landbewohner zur Arbeit in die Stadt und ließen sich, wenn möglich, dort nieder. Dieser Prozess begann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Im Jahre 1854 zählte Temeswar 20.000 Einwohner, 1880 nur 13.000 mehr, aber 1910 schon 72.000. Im Jahre 1910 gab es in Temeswar bereits 1.850 gewerbliche Betriebe, darunter 65 Fabriken. Weil es nicht möglich war, in der Stadt selbst für alle von der Industrie angezogenen Arbeitskräfte Wohnraum zu sichern, förderte die Stadtverwaltung den Bau von guten Straßen und von Fußgängeralleen nach den stadtnahen Ortschaften, so nach Freidorf, Sackelhausen, Jahrmarkt, Sanktandres, Rekasch und Schag. Später kamen die Pendler auch aus entfernteren Ortschaften. In der Begastadt waren die Maurer aus Jahrmarkt sprichwörtlich wie die Marktfrauen aus Freidorf und Sackelhausen, unsere Fratschlerinnen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wandten sich die enteigneten deutschen Bauern massenweise der Industrie sowie dem Dienstleistungssektor zu. Als der Industriestandort Temeswar sich kolossal vergrößerte, reichte das Einzugsgebiet seiner Pendler westwärts (in der „Heide“) bis Johannisfeld, Hatzfeld und Großsanktnikolaus, ostwärts (in der „Hecke“) bis hinter Karansebesch. Um in der Stadt arbeiten und einkaufen, aber weiterhin auf dem Lande wohnen zu können, nahmen viele Menschen Fahrzeiten von insgesamt mehr als vier Stunden in Kauf. Es gab Abteilungen von Temeswarer Fabriken, in denen die Deutschen praktisch unter sich waren. Umgekehrt begaben sich täglich Tausende Techniker, Ingenieure, Lehrer, Beamte und Ärzte aus der Stadt zu ihrem Arbeitsplatz auf dem Lande, unter ihnen auch Deutsche. Infolgedessen wurde die österreichische Sprachinsel mit Wortgut aus den rheinfränkischen Mundarten richtig überschwemmt. Die rheinfränkische Phonetik der Dorfmundarten begann mit der bairischen Phonetik der städtischen Umgangssprache zu konkurrieren. Das Ergebnis war Unsicherheit.

Zu einem Ausgleich ist es nicht gekommen, doch der Wortschatz hat sich bereichert, vor allem durch expressive Ausdrücke und expressive phraseologische Fügungen. Die Temeswarer deutsche Umgangssprache wurde zu einem Sammelbecken der Redensarten. Ich will das mit dem Spruch vom Matz seiner Hochzeit veranschaulichen. Man verwendet sie, wenn der Werkstoff nicht reicht.

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Die verkümmerte Fassung lautet: Es geht aus wie beim Matz seiner Hochzeit. Dieselbe Aussage in anderer Formulierung: Es geht aus wie bei Matzes Hochzeit.

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Die vollständigen Fassungen haben einen Zusatz: (1) Der Letzte hat keinen Löffel gekriegt. (2) Der Letzte hat keinen Teller gekriegt. (3) Die Braut hat keinen Löffel gehabt. (4) Die Braut ist ohne Löffel geblieben.

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Die Lehrerin Juliane Becker, die aus Sanktandres stammte und in der Josefstädter Allgemeinschule unterrichtete, wusste eine weitere, zweite Fortsetzung, und zwar dass der Letzte, der keinen Löffel gekriegt hat, hinter der Tür sitzen musste.

In Temeswar konnte man alle diese Fassungen hören, und dasselbe gilt für andere Redensarten. Wie soll man sich die Varianten erklären? Wahrscheinlich sind sie schon vor der Einwanderung im Heiligen Römischen Reich entstanden, dann ins Banat mitgebracht worden und begünstigt durch die Industrialisierung nach Temeswar gelangt.

Es fand aber auch eine Bereicherung aus eigener Kraft statt, siehe die Redensarten mit Begawasser, Arader Wind, Schager Straße, Domkirche, Moschnitza, Utvin. „Von jedm Dorf e Hund“, sagte man etwa beim Rummy-Spielen, „und von Sándorház e Pudl.“

Nach dem Zweiten Weltkrieg drängten die Kinder der deutschen Bauern in die weiterführenden Schulen. Von den 93 Schülern meines Jahrgangs im Nikolaus-Lenau-Lyzeum waren zwei Drittel in der Stadt und ein Drittel in einem Dorf aufgewachsen. Als Dorfkinder betrachte ich in diesem Fall auch zwei Mitschülerinnen aus der Gemeinde Freidorf, die 1951 in das Verwaltungsgebiet der Stadt aufgenommen worden war, denn die Freidorfer sprachen eine nordrheinfränkische Mundart. Ein Streichholz hieß bei den Stadtkindern Zündhölzel (gesprochen Zindhelzl), bei den Dorfkindern Reibhölzel (gesprochen Reipelzl); wir sagten Fledermaus, während sie Speckmaus sagten; wir sprachen von Grammeln, sie von Grieben; bei uns war von Verwandtschaft die Rede, bei ihnen von Freundschaft. Damals wusste ich noch nicht, dass ihr Kriewe nur die mundartliche Form des schriftsprachlichen Wortes Grieben war, welches man im Binnendeutschen verwendet. In Wirklichkeit war mein Grammeln provinziell, aber alles ist relativ. Beim Rezitieren des Gedichts „Erlkönig“ gerieten die Dorfkinder ins Dilemma. Ihrem Sprachgefühl folgend hätten sie dort, wo das Gespenst lockt, gern das Verhältniswort betont („komm, geh mit mir“), aber sie passten sich dem Temeswarer Deutsch an, welches den Akzent auf das Fürwort setzt („komm, geh mit mir“), und das war falsch. Die Bühnensprache verlangt nämlich die Betonung des Verhältnisworts, wie es im Binnendeutschen üblich ist.

Obzwar in Arad, Temeswar, Lugosch, Karansebesch und Orschowa von aller Anfang an nicht nur die Verwaltungsbeamten, sondern überwiegend Handwerker und Arbeiter lebten, empfand die deutsche Landbevölkerung den sprachlichen Unterschied interessanterweise als einen sozialen Gegensatz zwischen „Herrisch“ und „Bäurisch“ bzw. „Schwowisch“. Diese Unterscheidung wurde auch dann noch beibehalten, als die soziale Differenzierung in den großen Gemeinden schon fortgeschritten war. Den Dörflern erschien die Sprache der Städter als etwas Besseres. Mit der Zeit eigneten sich viele die städtische Umgangssprache an, also eine Übergangsform der Stadtmundart zur Schriftsprache, die sie für die Standardsprache hielten. In diesem Kontext kam es zu Fehlleistungen, die der Fachmann als Superhochdeutsch bezeichnet.

 

Superhochdeutsch

Zwei beliebte Beispiele für Superhochdeutsch: Das Tier heißt richtig Maulwurf, doch um sich vornehm auszudrücken, sagen manche Personen Mundwurf. Die Falten am Rock heißen Quetschfalten, doch um sich vornehm auszudrücken, sagen manche Personen Zwetschgenfalten, weil ihnen der Unterschied zwischen mundartlich Quetsche und schriftsprachlich Zwetschge vertraut ist. Die Temeswarer kannten das Mundartwort Kaas für „Geiß“, und alarmiert vom sprachlichen Gleichklang gebrauchten sie nicht die süddeutsche schriftsprachliche Bezeichnung Geiß, sondern die norddeutsche Bezeichnung Ziege. Um das Mundartwort Holler zu vermeiden, wichen sie nicht auf die süddeutsche schriftsprachliche Bezeichnung Holunder aus, sondern auf die ostniederdeutsche Bezeichnung Flieder. Die Banater Schwaben wussten, dass ihr W zwischen zwei Vokalen einem B entspricht. Wenn sie herrisch sprechen wollten, stiegen sie von dem W auf das B um – sie sagten also statt GraweGraben, statt leweleben. Dabei schossen sie über das Ziel hinaus. Es gibt eine schöne Ortschaft namens Lowrin – Lowrin mit W –, doch manch einer sagte dafür vermeintlich herrisch Lobrin. Schon in einer alten Scherzfrage werden u.a. Fehler dieser Art verhöhnt. „Wie tauft der echte Schwab seine Kinder?“ Antwort: „Nach dem Alphabet: Adam, Beder, Cepp und Doni, Eden, Filmos, Garl.

Jetzt wissen Sie Bescheid, was Superhochdeutsch ist, jetzt kann ich meine Pointe aus dem Sack lassen. Oft entspricht dem E der Mundart ein Ö der Schriftsprache: Derfer – Dörfer, heren – hören. Das ist aber nicht immer so. Wir haben in der Mundart zwei Wörter kennen – das eine bedeutet „bekannt sein“, das andere bedeutet „imstande sein“. Ein Schulmann und Gschaftlhuber in Glogowatz war in Korruptionsaffären verwickelt, für den Moment sah es schlimm aus, da schrieb er in seiner Not dem Chefredakteur des „Neuen Wegs“ einen Brief. Dieser begann mit folgenden Worten: „Lieber Genosse Breitenhofer! Sie können mich schon lange. [...]“ Dem Chefredakteur war der Brief peinlich; er hat ihn nicht herumgezeigt. Einem anderen Mitglied der Zeitungsleitung machte das Herumzeigen Spaß, er zog den Brief an sich und ging mit ihm durch die Büros hausieren, so habe auch ich ihn zu Gesicht bekommen.

 

Kontakte zum deutschen und binnendeutschen Sprachraum

Unter Binnendeutsch versteht man die deutsche Sprache innerhalb Deutschlands (ohne die Schweiz, ohne Österreich), aber aus der Perspektive der Banater deutschen Sprachinsel relativiert sich der Begriff.

Als Ableger Wiens war die 1716 neu gegründete Stadt von aller Anfang an kein Krähwinkel. Dank der ständigen Kontakte zur Metropole des Kaiserreichs war man über die Lage in anderen Teilen der Welt informiert. Hundert Jahre lang brachten neue Einwanderer konkrete Vorstellungen von einem anderen, entfernt liegenden Land mit und gaben diese weiter. Man wusste auch von Frankreich, Italien und Amerika. Mit den Verwandten und Bekannten im Mutterland wurden Nachrichten ausgetauscht. Es ist bemerkenswert, dass Schiller, aus dessen Heimat Württemberg Bauern ins Banat gezogen sind, die Stadt im Schauspiel „Wallensteins Lager“ erwähnt hat (Uraufführung 1798). Allerdings kannte Schiller die historischen Hintergründe nur mangelhaft. Wallenstein ist 1634 gestorben. Ich bezweifle, dass eine deutsche Marketenderin sich in Kriegszeiten – Krieg mit den Türken – auf feindliches Gebiet wagte. Schließlich führte die große Wasserstraße der Donau, den Einwanderern von ihrem Treck her bekannt, in geringer Entfernung vorbei. Diese Gegebenheiten bildeten gewissermaßen das Fundament für die Weltoffenheit der Temeswarer, die sich im Interesse für praktisches Werkzeug, gutes Saat- und Pflanzgut sowie produktive Arbeitsmethoden äußerte. Das Aushängeschild für ihre Haltung ist die elektrische Straßenbeleuchtung, die im November 1884 in Gebrauch genommen wurde. Hier sei aber noch an die Kuhpockenimpfungen ab dem Jahre 1819 und an das engmaschige Banater Eisenbahnnetz erinnert, welches den westlichen Teil Rumäniens bis auf den heutigen Tag vor anderen Landesteilen auszeichnet; die erste Gleisverbindung mit Wien wurde 1857 fertiggestellt. Ich füge die Praktik der Tauschkinder hinzu. Um 1890 schickten ungarische Familien aus Kecskemét und Umgebung ein Kind zu einer schwäbischen Familie in unserem Banat, etwa nach Kleinjetscha, damit es Deutsch lernt, und umgekehrt.

Diese Weltoffenheit der Temeswarer kann ich zusätzlich mit Fakten aus ihrer Alltagssprache belegen. Die Einwanderer brachten aus Deutschland und Österreich Redensarten mit, die vor dem Jahre 1800 aufgekommen sind. Doch der Wortschatz der deutschen Umgangssprache umfasste nach dem Zweiten Weltkrieg auch Redensarten, die sich erst im 19. oder erst im 20. Jahrhundert durchsetzten, als keine organisierte Einwanderung mehr stattfand.

Aus dem 19. Jahrhundert stammt u.a.: jemandem etwas abknöpfen; abkratzen; Affe; von etwas keine blasse Ahnung haben; sich aufdonnern; Etwas hat Beine bekommen; Ihm blüht etwas; Es brennt; Das kommt in den besten Familien vor; im Gänsemarsch; gehüpft wie gesprungen; die bessere Hälfte; herummurksen; etwas hoch und heilig versprechen; jemandem auf die Hühneraugen treten; netter Käfer; Katzenmusik; Klatschbase; klatschnass; bis auf die Knochen; sich krumm lachen; eine gute Partie; Reißteufel; alte Schachtel; das schwarze Schaf; Das geht wie am Schnürchen; hohes Tier; Das ist mir Wurst.

Aus dem 20. Jahrhundert stammt u.a.: von der Bildfläche verschwinden; Blechmusik; mehr können als Brot essen; mit der Faust auf den Tisch schlagen; wie ein Elefant im Porzellanladen; in Form sein; Gas geben; Hals und Beinbruch; Das ist die Höhe!; sich auf seine vier Buchstaben setzen; eine lange Leitung haben; klassisch; ein Loch im Magen haben; den wilden Mann spielen; jemandem nachsteigen; jemanden von oben herab behandeln; Prinzessin auf der Erbse; Rappelkasten; gespannt sein wie ein alter Regenschirm; jemandem die kalte Schulter zeigen; Schwamm drüber!; Das ist der Witz bei der Sache.

Wie sind diese Redensarten ins Banat gelangt? Es muss trotz der Umwandlung des Banats in ein Komitat des Königreichs Ungarn im Jahre 1779 ein ständiger Kontakt zum deutschen und binnendeutschen Sprachgebiet stattgefunden haben.

Als Vermittler von Sprachgut kommen zunächst die Handwerker in Betracht. Noch im 19. Jahrhundert ließen sich Handwerker aus verschiedenen Teilen des Habsburgerreiches in den donauschwäbischen Siedlungsgebieten nieder. Umgekehrt gelangten Handwerksburschen aus dem Banat auf ihrer Wanderschaft, Walz genannt, bis in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg nach Österreich und in den binnendeutschen Sprachraum. Weil einerseits die Handwerker von Stadt und Land untereinander Kontakt hielten, andererseits die Handwerker mit praktisch allen Schichten der Bevölkerung in Berührung standen, dürfte diese Gruppe maßgeblich zur Verbreitung der importierten Redensarten beigetragen haben. Ein anderer Faktor, der in diesem Zusammenhang erwähnt werden soll, war die zeitweilige oder lebenslange Anwesenheit von ausländischen Fachleuten. Der württembergische Agronom Arthur Schott, der bekanntlich als erster Ausländer rumänische Volksmärchen aufgezeichnet hat (veröffentlich 1845), wirkte von 1836 bis 1841 als Gutsverwalter in Großscham, einem Dorf zwischen Werschetz und Orawitz. Nach eigener Aussage hat ihn ein Orawitzer Apotheker, den er als Landsmann bezeichnet (der also auch Württemberger war), auf den Schatz der rumänischen Folklore aufmerksam gemacht. (Rumänische Volkserzählungen aus dem Banat. Bukarest: Kriterion, 1971. S. 318-319 bzw. 322.)

Als zweiter wichtiger Kanal für sprachliche Einflüsse kommt das Theaterwesen in Frage. In Temeswar gastierten ab 1753 alljährlich deutsche Schauspielertruppen, ab 1767 existierte eine ständige Bühne. Temeswar und Arad zeichneten sich durch ein reges Theaterleben aus. Für Orawitz, bekanntlich ein Zentrum der Montanindustrie, sind deutsche Wandertruppen seit 1763 nachgewiesen; in Lugosch gab es seit 1835 ein festes Theater. Erst im Jahre 1896 hat der ungarische Kulturminister die Einreise von Wandertruppen aus dem deutschen Sprachgebiet aus chauvinistischen Gründen verboten. Das deutsche Theater von Temeswar wurde 1899 von den Behörden geschlossen. Die Volkstümlichkeit des Theaters wird von Redensarten mit dem Bajazzo bestätigt; einen unzumutbaren Scherz wie auch einen unzumutbaren Auftrag wiesen die Temeswarer zurück mit der Frage „Bin ich dein Pojazzl?“ oder mit der Bemerkung „Ich bin nicht dein Pojazzl!“

Weitere Kanäle waren der Militärdienst, die Zeitungen und die Bevölkerungsbewegungen der zwei Weltkriege.

So wie die Handwerker kamen die Lehrer mit allen Schichten der Bevölkerung in Kontakt. Ihre Ausbildung war von der österreichischen Tradition geprägt, sie benützten in Österreich verfasste Lehrbücher. Jene Tradition schließt eine Reihe von Fachausdrücken mit ein. Das ist auch die Erklärung für einige Austriazismen, die bis nach dem Zweiten Weltkrieg im Sprachunterricht üblich waren: Beistrich für „Komma“, Mitvergangenheit für „Imperfekt“, Rufzeichen für „Ausrufezeichen“, scharfes s für „Eszett“, Strichpunkt für „Semikolon“, stummes h für „Dehnungs-h“. Mir hat man den Buchstaben zwischen I und K in der ersten Klasse, das war im Schuljahr 1948-1949, noch als Jeh vorgestellt, wie er in Österreich heißt, aber ich weiß heute, dass er zur selben Zeit in anderen Schulen mit Jott bezeichnet wurde.

 

Unterm Rad der Geschichte

Von 1778 an befand sich das Banat 140 Jahre lang unter ungarischer Herrschaft (genau genommen nur 129, wenn man das Intermezzo des österreichischen Kronlands „Wojwodschaft Serbien und Temescher Banat“ in Betracht zieht). Die Gefühle der einfachen Menschen für die Machthaber waren zwiespältig. Einerseits lebten sie in einer wirtschaftlich florierenden Provinz, andererseits fühlten sie sich durch die soziale und chauvinistische Politik der feudalen Regierung unterdrückt. Nach dem Ersten Weltkrieg spotteten die Temeswarer Deutschen über sich selbst: „Éljen! Damit man merkt, dass auch Deutsche da sind.“ (Éljen! – sinngemäß „Hoch!“ oder „Vivat!“). Ihr Verdruss über die chauvinistische Politik der herrschenden Kreise Ungarns kam in einem sarkastischen Spruch zum Ausdruck: „Maul halten [weiter dienen] und ‚Éljen‘ schrein!“ Als ich diese Redensart vernahm und verstehen konnte, hatte sich das Rad der Geschichte bereits zweimal kräftig weitergedreht: Das Banat gehörte seit vierzig Jahren zu Rumänien, Rumänien wieder seit zehn Jahren zum Ostblock. Damals bezog der Volksmund die Redensart auf das diktatorische Handeln der kommunistischen Partei. Eben deshalb konnte ich sie nicht in meine Diplomarbeit aufnehmen.

 

Bibliografie

Mein Referat stützt sich in erster Linie auf meine Diplomarbeit „Besonderheiten der Temeswarer deutschen Umgangssprache“. Diese wurde 1965 beim Germanistik-Lehrstuhl der Universität Temeswar eingereicht. Ihr Betreuer war Dr. Rudolf Hollinger, der selbst zwei Arbeiten zum Thema verfasst hatte: A) „Die deutsche Umgangssprache von Alt-Temeswar“. In: Omagiu lui Iorgu Iordan. Bukarest, 1958. B) Die deutsche Volkssprache von Temeswar. Beitrag zur wissenschaftlichen Tagung der Lehrkräfte der Universität Temeswar im April 1965. Außerdem habe ich folgende Arbeiten konsultiert:

Ebner, Jakob: Wie sagt man in Österreich? Wörterbuch der österreichischen Besonderheiten. Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich: Bibliographisches Institut, 1980. (DUDEN-Taschenbuch.) 2., vollständig überarbeitete Auflage.

Gehl, Hans: Besonderheiten der Temeswarer Umgangssprache. In: BANATICA. Nr. 1/1997. S. 19-46. Siehe auch: Gehl, Hans: Deutsche Stadtsprachen in Provinzstädten Südosteuropas. Stuttgart: Steiner, 1997.

Gehl, Hans: Die Temeswarer deutsche Stadtsprache und ihr Einfluss auf die Banater Dialekte. In: BANATER POST (München). Ausgaben vom 5. und 20. Mai 2000.

Gehl, Hans: Donauschwäbische Fachwortschätze. 4 Bde. Stuttgart: Steiner, 1997-2005.

König, Werner: dtv-Atlas zur deutschen Sprache. Tafeln und Texte. München: Deutscher Taschenbuch Verlag [1978], 1996.

Knoop, Ulrich: Wörterbuch deutscher Dialekte. Eine Sammlung von Mundartwörtern aus zehn Dialekten im Einzelvergleich, in Sprichwörtern und Redewendungen. Gütersloh und München: Bertelsmann Lexikon Verlag, 2001.

Seibicke, Wilfried: Wie sagt man anderswo? Landschaftliche Unterschiede im deutschen Wortgebrauch. Mannheim, Wien, Zürich: Bibliographisches Institut, 1972.

Wehle, Peter: Sprechen Sie Wienerisch? Von Adaxl bis Zwutschkerl. Wien und Heidelberg: Ueberreuter, 1980. Erweiterte und bearbeitete Neuausgabe.

Wolf, Johann: Banater deutsche Mundartenkunde. Bukarest: Kriterion, 1987.

 Die statistischen Angaben stammen aus der Monografie „Alt-Temeswar im letzten Jahrhundert. 1870-1920“ von Josef Geml. Temeswar 1927.



          Nachwort. In: Arthur und Albert Schott: Rumänische Volkserzählungen aus dem Banat. Neuausgabe besorgt von Rolf Wilh. Brednich und Ion Taloş. Bukarest: Kriterion, 1971. S. 317-327, hier S. 318-319 bzw. S. 322.

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