Helmut Duckadam - Ein Semlaker im Guinness Buch der Rekorde

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der Elfmetertöter von Sevilla

 

Von Georg Schmidt, Ratingen

Bis auf eine Ausnahme hat unser Semlak keine Weltberühmtheiten hervorgebracht. Um so stolzer waren wir, als einer von uns plötzlich vor Hunderten von Millionen Fußballfans aus aller Welt etwas schaffte, was bis dahin niemand für möglich gehalten hätte. Helmut Duckadam hatte am 7. Mai 1986  in Sevilla beim Finale des Europapokals der Landesmeister beim Elfmeterschießen viermal gehalten und Steaua Bukarest und dem rumänischen Fußball seinen bisher größten Erfolg beschieden.

    Fast hätte ich das Spiel nicht gesehen, denn Steaua war relativ unspektakulär bis ins Finale gekommen. Vejle BK, Honvéd Budapest oder Kuusysi Lahti waren keine besonders starken Gegner. Erst als auch der belgische Meister RSC Anderlecht, der im Viertelfinale Bayern München ausschied, dran glauben musste und Steaua im Endspiel stand, war es selbstverständlich, dass ich mir das Spiel anschaute. Und wie groß war die Überraschung als ich bemerkte, dass im Tor der Steaua unser Landsmann Duckadam stand. Nachdem wir 1983 Rumänien verlassen hatten war für mich das Fußballgeschehen in der alten Heimat in weite Ferne gerückt. Wir hatten andere Sorgen und die rumänischen Mannschaften spielten damals international keine Rolle. Ich wusste also nicht einmal, dass Duckadam bei Steaua spielte. Als ich nun am Morgen nach jenem Fußballkrimi ins Büro kam, fragten mich die Kollegen sofort, ob ich das Spiel gesehen hätte und wer dieser Teufelskerl von Torwart wäre und ich dann in aller Ruhe sagte, ja, das ist Helmut Duckadam, ein Junge, der aus demselben Ort stammt wie ich selbst, dass er in meinem Heimatdorf Semlak geboren wurde und aufgewachsen ist, wollten sie mir nicht glauben.

    Helmut Duckadam ist am 1. April 1959 als Sohn des Josef Duckadam und der Elisabeth Kalman in Semlak geboren. Der Vater stammt aus Segenthau (Dreispitz) im Kreis Arad und die Mutter ist geborene Semlakerin. Als die Ehe der Eltern scheiterte und die Mutter vorübergehend Semlak verließ, wurde der kleine Helmut in die Obhut seiner Großmutter Elisabeth Kalman  geb. Schmidt gegeben. Diese kümmerte sich liebevoll um ihn  und er wusste es ihr auch immer zu danken. Nie machte er Hehl aus der Liebe zu seiner „Ama“ und war ihr bis zu ihrem Ende eng verbunden.

    Schon in der Semlaker Grundschule wurde man auf die sportlichen Fähigkeiten von Helmut Duckadam aufmerksam. Sein ehemaliger Sportlehrer Michael Jost beschreibt das wie folgt: „Schon während seiner Schulzeit in Semlak – in den Klassen 6 bis 8 – konnte man sein Talent zum Tormann erkennen, obwohl er nur ungern im Tor stand. Immer wieder kam er zu mir mit der Bitte: «Herr Jost, (ach ja, Genosse!) darf ich heute nicht Feldspieler sein?» Doch nur selten bekam er diese Zusage, mit der Begründung: «Wenn du einmal Tormann bei der UTA oder der Nationalmannschaft werden willst, dann musst du schon mehr im Tor stehen».

    Er übte fleißig und zeigte viel Ausdauer bis zu seinem Schulabschluss in Semlak und war damals bestimmt der beste Torwart von allen Schülermannschaften im Kreis Arad. Nach der 8. Klasse brachte ich ihn nach Arad zu einem Bekannten von mir, Prof. Du½an Gavrilovici von der Gloria-Sportschule, der damals Jugendtrainer bei der UTA und bei der Zuckerfabrik war. Soweit mir bekannt ist förderte dieser auch seine schulische Ausbildung und trug wesentlich zur Entwicklung seiner Persönlichkeit bei. Helmut trainierte weiter mit viel Ehrgeiz und man wurde in den Fußballkreisen sehr bald  auf ihn aufmerksam.“

    Die ersten Anfänge im Vereinsfußball machte er bei der Jugendmannschaft von Semlecana Semlak, bevor er dann 1974 zunächst zur Sportschule Gloria in Arad wechselte. „Drei Jahre später nahm ihn der gleichnamige Sportverein des Textilbetriebes UTA unter Vertrag und sein kometenhafter Aufstieg begann. Damals war UTA noch die erfolgreichste rumänische Provinzmannschaft mit sechs Meisterschaften und zwei Pokalsiegen. Bereits ein Jahr nach seinem Transfer gab Duckadam bei UTA sein Debüt in der A-Liga, der höchsten rumänischen Spielklasse und absolvierte auf Anhieb beachtliche 19 Spiele. In der Saison 1981/82 bestritt er sogar alle Oberhaus‑Partien im UTA-Kasten, nämlich 34, und brachte mit seinen Glanzparaden die Stürmer ein ums andere Mal zum Verzweifeln. Kein Wunder, dass auch Steaua Bukarest auf ihn aufmerksam wurde. 1983 erfolgte sein Wechsel zum Militärverein in die Hauptstadt. Es sollte seine erfolgreichste Zeit als Fußballer werden. Zweimal wurde er Landesmeister, einmal holte er den Rumänienpokal und einmal den Europacup der Landesmeister. Zehn Jahre später trafen sich übrigens alle Spieler von damals nochmals in Bukarest zur Erinnerungsparty. 1986 wurde er nach seiner Sevilla-Sensation auch zum Fußballer des Jahres in Rumänien gewählt. Er bestritt etwa 200 A-Liga‑Begegnungen. Hinzu kommen noch zwei Länderspiele in der rumänischen Nationalmannschaft“.


    Die „Fußball-Weltzeitschrift“ aus Wiesbaden schreibt in ihrer Ausgabe vom Sept./Okt. 1987 in einem Steckbrief: „Der Banater Schwabe mit den Gardemaßen (1,88 m, 88 kg), Helmut Duckadam, begann auf der Dorfwiese in Semlak Fußball zu spielen. 16jährig zog es ihn in die benachbarte Kreisstadt Arad und bereits 18jährig schaffte er den Sprung in den erfolgreichsten rumänischen Nachkriegs-Provinzverein UT Arad. Hier fiel er durch eine souveräne Strafraumbeherrschung, sicheres Stellungsspiel, große Fangsicherheit und unglaubliche Reflexe auf. So holte sich der zentrale Armee-Club Steaua Bukarest 1983 den bescheidenen 24jährigen Schlussmann. Mit der Erfahrung von lediglich 133 Oberliga-Spielen zog Duckadam mit seinem Team am 7. Mai 1986 überraschend ins Europapokalfinale gegen den hochfavorisierten FC Barcelona. Im Estadio Sanchez Pizjuan im andalusischen Sevilla bezwang er mit seinen Glanztaten die Katalanen fast im Alleingang.

    Nach einem torlosen Remis parierte er von Alesanco, Pedraza, „Pichi“ Alonso und Marcos vier Elfmeter, wodurch Steaua sensationell 2:0 gewann.

So ging der schnauzbärtige Keeper als der «Elfmeterkiller von Sevilla» in die Fußballgeschichte ein.“

    Aber nicht nur in die Fußballge­schichte, sondern auch ins Guinness-Buch der Rekorde. Darin aufgenommen wurde er durch eine Glanztat, die bis heute ihresgleichen sucht - und wohl einzigartig bleiben wird: „Am 7. Mai 1986 hielt Helmut Duckadam im spanischen Sevilla während des Endspieles um den Europapokal der Landesmeister gegen den FC Barcelona gleich vier Elfmeter, sicherte mit seinen goldenen Händen dem Armeeklub Steaua Bukarest als erster osteuropäischer Mannschaft den Gewinn des Europapokals der Landesmeister mit 2:0.“

    Plötzlich war unser Landsmann überall in den Schlagzeilen. Helmut Heimann (heute bei der Bild-Zeitung) schrieb damals in der „Neuen Banater Zeitung“ aus Temeswar unter der Überschrift „Die glücklichste Oma der Welt“ folgenden Bericht: „Semlak, 7. Mai, 21.15 Uhr, im Haus Nummer 149. Das Spiel der Spiele zwischen Steaua Bukarest und dem FC Barcelona wird in Sevilla vom französischen FIFA-Refereé Michel Vautrot angepfiffen. Millionen Menschen aus aller Welt schauen gebannt auf den Bildschirm. Und mit ihnen auch die einzige Bewohnerin des kleinen Häuschens am Rande von Semlak, eine hochgewachsene Frau mit schneeweißem Haar, die am 3. Januar achtzig Jahre alt geworden ist. Das Alter hat ihren Rücken ein wenig gebeugt, die Zeit ist nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Doch in ihrem Blick und Wesen ist sie jung geblieben genauso wie in ihrem Herzen. Gestützt auf drei Kissen liegt sie in ihrem Bett und wird von dem Geschehen auf der Mattscheibe ganz in Anspruch genommen. Die Welt um sie herum existiert in diesen Augenblicken nicht mehr... Als es nach der Verlängerung zum Elfmeterschießen kommt, hält es auch die rüstige Greisin nicht mehr in ihrem Bett aus. Sie springt auf, ganz eingenommen von der prickelnden Spannung. Einem einzigen Spieler gilt ihre ganze Aufmerksamkeit, dem Torhüter von Steaua. Jedes Mal wenn die Spanier zum Strafstoß antreten, ruft sie ihm zu, obwohl Tausende von Kilometern beide in diesen nervenzerreibenden Augenblicken trennen: «Helmut, gib acht!» Und der Schlussmann mit Gardemaß scheint sie trotz dieser immensen Entfernung zu hören. Viermal wehrt er die Schüsse der Katalanen ab und viermal reißt die alte Frau die Arme in die Höhe und schreit ihre Freude hinaus. Das Spiel ist aus, der wertvollste Europapokal wird nach Bukarest kommen. Als ihn Keeper Duckadam in den Händen hält, durchrieselt ein unbeschreibliches Glücksgefühl die bejahrte Frau. Tränen der Freude kullern über ihre Wangen.

    In diesem Moment ist sie die glücklichste Oma der Welt, denn Elisabeth Kalman (geb. Schmidt) ist die Großmutter von Helmut Duckadam, der bei ihr die schönsten Jahre seiner Kindheit verbracht hat, den sie nach der Scheidung seiner Eltern großgezogen, umhegt und gepflegt hat. Sie weint und weint und weint. Es sind Tränen der Freude, Tränen des Glücks, das sie immer noch nicht so richtig fassen kann.

    Und in der folgenden Nacht ist es genauso. Ihr Helmut hat sich vor einem Millionenpublikum als der Größte erwiesen. Die ersten Gratulanten lassen nicht lange auf sich warten. Angefangen vom Bürgermeister über die Schuldirektorin bis zum SLB Direktor erscheinen sie alle im typisch schwäbischen Bauernhaus und jeder hat einen Blumenstrauß in der Hand. Sie alle sind stolz auf ihren berühmten Landsmann und auf jene Frau, die ihm Mutter und Großmutter war und ist. Zwei Tage nach dem packenden Endspiel sitzen wir Elisabeth Kalman gegenüber. Ihre Augen strahlen immer noch vor Glück und auch jetzt kann sie ihre Tränen nur schwer unterdrücken. Alles im Gespräch dreht sich um ihr Enkelkind, das sie immer «mein Helmut» nennt. «Sie können sich gar nicht vorstellen, wie froh ich bin, dass mein Helmut es geschafft hat», kommt es über die Lippen der Großmutter, die seit elf Jahren allein in dem schmucken Häuschen lebt.

    «Schon als kleines Kind war er fast jeden Tag bei mir und seit der achten Klasse ständig. Ich habe ihn sehr streng erzogen, ihn immer ermahnt, nicht zu rauchen und zu trinken. Er war ein sehr strebsamer und bescheidener Junge. Ich bin doch so stolz auf ihn», bekennt Frau Kalman, die gerührt weitererzählt. Jedes Mal, wenn er hierher kommt, überrascht er sie mit einem Geschenk, seien es Blumen, Schokolade oder etwas anderes. Dann erzählen sie, so dass die Zeit immer sehr knapp wird. Auch ist er sich nicht zu schade, den Besen in die Hand zu nehmen, Gasse und Hof zu kehren und ihr im Haushalt und bei der Gartenarbeit zu helfen. Bis auf den heutigen Tag ist er ein guter Junge geblieben. Oft nimmt er sie mit dem Auto nach Arad mit zu seiner Frau Ildiko Anna sowie den Urenkeln Helmut Robert und Brigitte Ildiko. Für seine Oma macht Helmut einfach alles. An sie denkt er auch jedes Mal in der Ferne. Die zahlreichen bunten Ansichtskarten aus der ganzen Welt sind der beste Beweis dafür. Und ihre Kochkünste schätzt er besonders: «Jedes Mal sagt er mir, dass ich das beste Paprikasch auf der Welt mache.» Obwohl die Füße ihr in letzter Zeit öfter den Dienst verweigern, verrichtet sie ganz allein alle Arbeiten. Und wenn sie nachts mal nicht schlafen kann, nimmt sie die peinlich genau geordneten Zeitungsausschnitte über ihren Helmut zur Hand und liest sie. Über jedes Ergebnis weiß die Oma, die neben Deutsch auch sehr gut Rumänisch und Ungarisch spricht, Bescheid. Zu Tode betrübt war sie, als ihr Helmut 1983 zu Steaua wechselte. Anfangs war die Zeit des Alleinseins furchtbar schwer. Jetzt hat sie sich daran schon gewöhnt und ist froh, dass er zu Steaua gegangen ist. Da kann man ihr nur beipflichten, denn beim frischgekürten Europapokalsieger ist Helmut Duckadam ein weltberühmter Fußballer geworden.“

    Auch die deutsche Presse würdigte das Endspiel  von Sevilla in zahlreichen Artikeln. Der „Kicker“ schrieb: „War das ein Krimi im Stadion «Sanchez Pizjuan» von Sevilla. 76000 Fans zwischen Hoffen und Bangen, 75000 fassungslose nach 137 Minuten. Nur das Häuflein aufrechter Rumänen, rund 1000 an der Zahl, feierte ihren Helden. Sein Name: Helmuth Duckadam, Torwart von Steaua Bukarest. Vier, alle vier Elfmeter der Katalanen hatte er abgewehrt und damit erstmals eine osteuropäische Mannschaft auf Europas Thron gehievt. 2:0 nach Elfmeterschießen - dem FC Barcelona blieb erneut nur der Titel „Vize“. Wie zuvor in der Meisterschaft (hinter Real), wie zuvor im spanischen Pokal (gegen Saragossa), nun auch im Europacup. Bernd Schuster - der große Verlierer dieser Saison.

    Und Helmuth Duckadam, der Teufelskerl von Sevilla, der Held im Elfmeterschießen. Als erster Spanier tritt Libero Alesanco an, hält voll drauf. Halbhoch kommt das Leder, Duckadam hat die Fäuste dazwischen - gehalten. Pedroza ist der nächste, zielt scharf und flach nach links, mit einer Hand wehrt die Nummer eins ab. Alonso sucht sich die gleiche Ecke aus, erneut flach. Duckadam ist schon da. Lăcătuş mit Wut an die Lattenunterkante und Balint überlegt in die Ecke haben Steaua 2:0 in Führung geschossen. Wenn Marcos nicht trifft, ist es aus. Und Marcos trifft nicht, zielt nach rechts, schwach, nur geschoben, Duckadam hält.

 

Die Steaua-Spieler im Siegestaumel. Helmut Duckadam mit dem Europapokal

 Dass auch Urrute Sieger blieb gegen Mittelfeld-As Michiel Majaru und Bölöni, dass die ersten vier Strafstöße nur Fahrkarten sind, keinen interessiert's mehr. Duckadam ist der Held, stemmt die Fäuste in die Hüfte, rennt zu Lăcătuş, lässt sich feiern. Der Held von Sevilla, wo 1982 auch Toni Schumacher im Halbfinale über Frankreich triumphierte. Sevilla, ein heißes Pflaster, für die Katalanen zu heiß. König Juan Carlos war gekommen, dem spanischen Meister für den Sprung auf Europas Thron zu gratulieren. Vergeblich. Die Krone der Landesmeister blieb dem FC Barcelona nach 1981 (2:3 in Bern gegen Benfica Lissabon) zum zweiten Male versagt. Der Krimi zum Schluss entschädigte die Zuschauer für ein Spiel auf schwachem Niveau.“

Wenige Tage später macht der „Kicker“ unter dem Titel „Held aus Schwaben“ die sensationelle Entdeckung: „...Was nach dem Jubel noch auftauchte und bislang nur wenige wussten: Der Elfmeter-Töter im Tor des rumänischen Meisters hat nicht nur einen deutschen Vornamen, er ist auch deutscher Abstammung, ein am Unterlauf der Marosch geborener Banater Schwabe.

    In Arad machte der 27jährige Torwart einst auf sich aufmerksam und landete nach mehreren Zwischenstationen in Bukarest beim Eliteklub Steaua...“

    Die „Rheinische Post“ aus Düsseldorf kommentierte am 8. Mai 1986 unter dem Titel  „Duckadam der Held von Sevilla“ so: „Sevilla - Der rumänische Torhüter Duckadam war der vielgefeierte Held des Europapokal-Finales der Landesmeister. An dem Schlussmann von Steaua Buăkarest scheiterten gestern abend im Stadion Sanchez Pizjuan von Sevilla die Spieler des FC Barcelona gleich viermal beim notwendig gewordenen Elfmeterschießen. Damit hatte der spanische Renommierklub seinen Traum vom Europapokal Gewinn ausgeträumt, denn für die rumänische Mannschaft trafen Lăcătuş und Balint gegen Barcelonas Torhüter Urruti und sorgten damit für den ersten Erfolg einer Ostblock-Mannschaft in diesem hochwertigsten aller Europapokal-Wettbewerbe.

    Alexanco, Pedraza, Alonso und Marcos waren die Schützen der katalanischem Mannschaft, die zum Entsetzen von rund 40.000 Schlachtenbummlern aus Barcelona nacheinander an Duckadam scheiterten. Das Elfmeterschießen im 31. Finale um den Meistercup war notwendig geworden, weil es beide Mannschaften zuvor in 120 Spielminuten nicht fertiggebracht hatten, wenigstens ein Tor zu erzielen.“

    In seinem Buch „Geschichte des Europapokals“ schreibt Ludger Schulze u.a.: „Zu Hause an den Fernsehschirmen erlebten die Bayern mit, wie ein Torhüter namens Helmuth Duckadam im Elfmeterschießen nach 120 torlosen Minuten keinen einzigen Strafstoß passieren ließ. Und obwohl dieser Duckadam deutsche Vorfahren hat, vermochte sich kein Spieler des Deutschen Meisters mit ihm zu freuen.“

    Im „Kicker Jahrbuch des Fußballs“  86/87 steht zu lesen: „Das Elfmeterschießen hatte einen strahlenden Helden auf seiten Steauas, den deutschstämmigen Torhüter Helmut Duckadam, der alle vier Strafstöße der Barca-Stars abwehrte, während für die Bukarester Lăcătuş, der 1990 zu einem der großen Stürmer-Asse der WM in Italien werden sollte, und Balint zweimal trafen. Der erste Landesmeister Triumph einer Mannschaft aus dem europäischen Osten brachte den Spielern zunächst Ehre und Privilegien. Schlussmann Duckadam aber fiel beim Staatspräsidenten Nicolae Ceauşescu vermutlich wegen seiner deutschstämmigen Herkunft in Ungnade und lebte bis zu dessen Hinrichtung vier Jahre später in Angst und Schrecken.“

    Was den Autor zu der Behauptung im letzten Satz verleitete, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Tatsache ist, dass nicht lange nach dem Höhepunkt seiner Karriere, Helmut Duckadam Opfer einer tückischen Gefäßerkrankung am Arm wurde und so seine Laufbahn als aktiver Fußballer bald aufgeben musste.

    Unter dem Titel „Nationaltorhüter Operiert“ brachte das Hamburger Abendblatt vom 07.08.1986 folgende Meldung: „BukarestIn einer komplizierten, fünf Stunden dauernden Operation ist dem rumänischen Fußball-Nationaltorwart Helmuth Duckadam der rechte Arm und möglicherweise das Leben gerettet worden. Duckadam, der Steaua Bukarest am 7. Mai zum Europacupsieger der Landesmeister machte, indem er vier Strafstöße gegen den FC Barcelona parierte, war mit einer schweren Arterienerkrankung bereits am 12. Juli in ein Spezial-Krankenhaus nach Bukarest transportiert worden. Der Nationaltorwart wird etwa sechs Monate pausieren müssen“.

    Doch nicht alle Berichte über Duckadams Karriereende waren so nüchtern. Helmut Heimann schreibt dazu im Donautal-Magazin: „Darüber kursierten die wildesten Gerüchte. So schrieb die «Bild»‑Zeitung am 25. Januar 1990 unter der Überschrift: «Ceau½escu jr. brach Star‑Torwart beide Arme - er wollte sein Auto»: «Das Terror-Regime des Nicolae Ceaşescu verschonte auch die Sportler nicht, die als Helden gefeiert wurden - bis sie verschwanden. Helmut Duckadam machte Steaua Bukarest am 7. Mai 1986 zum Europapokalsieger, hielt im Finale gegen Bernd Schusters FC Barcelona vier Elfer. Der Torwart wurde zum besten Spieler des Finales gewählt. Prämie: Ein neuer Mercedes. Einige Wochen später meldete die rumänische Nachrichten-Agentur Agerpres: Torwart Duckadam muss wegen einer chronischen Handverletzung seine Karriere beenden. Die Wahrheit wurde erst jetzt, nach über drei Jahren aufgedeckt. Ceauşescu‑Sohn Valentin war scharf auf den Mercedes, habe Duckadam angesprochen: «Du bist ein gewöhnlicher Bauer. Wozu brauchst du so ein Auto? » Der Torwart: «Meine Hände haben mir geholfen, das Auto zu gewinnen ‑ und die werden es auch lenken.» Nach dem Training wurde Duckadam am Stadiontor erwartet. Vier Securitate‑Schergen verschleppten und folterten ihn, brachen ihm mit einer Eisenstange beide Arme. Duckadam (damals 27) konnte nie mehr ins Tor. Aber er ist glücklich, dass er noch lebt. In Rumänien hielt sich damals hartnäckig auch ein anderes Gerücht. So soll Duckadam nach dem Europapokal‑Gewinn in Semlak mit den Dorfoberen auf Jagd gegangen und bei der anschließenden Siegesfeier etwas zu tief ins Glas geschaut haben. In angetrunkenem Zustand habe er sich aus Versehen selbst in den Arm geschossen. Doch Helmut Duckadam dementiert beide Gerüchte aufs entschiedenste. «Das stimmt alles hinten und vorne nicht. Mal soll Valentin Ceauşescu scharf aufs Auto gewesen sein, mal sein Bruder Nicu. Mal soll es ein Mercedes gewesen sein, dann ein Toyota. Doch ich stelle ein für allemal klar: Nicu Ceauşescu habe ich überhaupt nicht gekannt und mit Valentin bin ich auch jetzt noch befreundet. Er hat mich sogar schon auf der Durchreise nach Italien in Arad besucht. Ich habe weder einen Mercedes noch einen Toyota bekommen, sondern einen gebrauchten ARO Geländewagen. So einen erhielt nach dem Europapokalsieg jeder Steaua‑Spieler vom Verteidigungsministerium geschenkt.»

Aber wie war das dann wirklich mit seiner Verletzung? Duckadam erinnert sich: «Im Sommer 1986 stockte das Blut in meinem rechten Arm. Unterhalb der Schulter bildete sich ein Gerinnsel. Bis heute weiß keiner, wie es zu dieser Arterien‑Erkrankung kam. Vielleicht war es etwas Angeborenes. Oder ich bin bei einer meiner Paraden mit dem Arm gegen etwas geprallt. Jedenfalls war es eine schwierige Operation am Bukarester Militärspital, die fünf Stunden dauerte.» Unter den Spätfolgen hat er noch immer zu leiden. Duckadam muss täglich blutverdünnende Medikamente neh­men. An seinem rechten Arm wurden in der Zwischenzeit noch vier weitere operative Eingriffe vorgenommen, da jedes Mal fast kein Puls mehr zu spüren war. Deshalb darf er auch keine körperlichen Anstrengungen machen.

    Nach dem Karriere‑Ende zog es ihn nach Arad zurück. Zunächst wurde er stellvertretender Vorsitzen­der bei UTA und ab 1988 für zwei Jahre Vorsitzender beim damaligen Zweitligaklub Vagonul Arad. Doch dann schlug er einen anderen beruflichen Werdegang ein. Während seiner Zeit bei Steaua wurde er an der Bukarester Militär‑Akademie zum Flugzeugingenieur ausgebildet und erhielt wie viele Steaua‑Sportler einen Offiziersgrad. Mittlerweile hat er es bis zum Major gebracht und ist seit 1994 am Grenzübergang Nadlak tätig.

    Zu seinem ehemaligen Verein UTA hat er fast gar keinen Kontakt mehr. Von der einstigen Hochburg des Banater Fußballs ist ohnehin nur noch ein Trümmerhaufen übriggeblieben. UTA schrammte in der letzten Spielzeit haarscharf am Abstieg in die dritte Liga vorbei, hat eine Milliarde Lei Schulden. «Die finden einfach keine Sponsoren», nennt Duckadam einen der Gründe für den Niedergang des Traditionsklubs. «Das alles tut auch mir weh, doch ich kann denen auch nicht helfen», meint Ducki. Das war einmal sein Spitzname. Jetzt wird er nicht mehr gebraucht, «alle nennen mich nur noch Helmut.» Seinen Schnurrbart jedoch hat er behalten. «Ohne den kennt mich doch keiner», flachst er über sein Markenzeichen.

    Helmut Duckadams Freizeit gehört ganz der Familie. Sie gibt ihm Ruhe und Kraft. Sohn Helmut Robert ist mittlerweile 17 Jahre alt geworden, Tochter Brigitte Ildiko 15. Verheiratet ist der Banater Schwabe mit einer Ungarin. Gattin Ildiko betreibt in ihrem Haus in Arad einen Frisörsalon mit zwei Angestellten.

    Weil ihm die Familie über alles zählt, hat er sich auch nie in den Westen abgesetzt. Angebote hatte er genug, die meisten aus Spanien. «Meine Familie wäre getrennt gewesen und ich wäre zwei Jahre als Spieler gesperrt worden.» Aber auch ans Auswandern denkt Duckadam nicht: «Mir gefällt es hier. Ich habe die ganze Welt gesehen, war als Spieler in mehr als 60 Ländern. Das reicht mir. Und wenn mich dennoch ab und zu die Reiselust packt, besuche ich meine Schwester Renate in München. Das genügt mir.«

    Helmut Duckadam ist ein bodenständiger Mensch geblieben. Einer, der in Semlak feste Wurzeln geschlagen hat. Der die große Fußball-Welt sah und sie eroberte. Der schon früh den Duft der weiten Welt geatmet hat. Der aber immer wieder zurückgekommen ist. In seine kleine Semlaker Welt. Es ist zwar nicht mehr die heile Welt aus seiner Kindheit. Als Ersatz dafür hat er sich eine andere geschaffen. Und darin fühlt er sich wohl. Das ist für ihn das Wichtigste. Ein verlorener Sohn ist heimgekehrt. Der Kreis hat sich geschlossen.“

    Seit einigen Jahren gibt es in Semlak eine Jugendmannschaft mit dem Namen „Helmut Duckadam“ dessen Vorsitzender der ehemalige Spitzensportler selbst ist. Stolz teilte er mir unlängst mit, dass vor kurzem wieder ein Nachwuchsfußballer aus dieser Mannschaft von der UTA übernommen wurde.

    Ich besuchte Helmut Duckadam im August 1999 bei seinem Freizeithaus in Semlak. Es steht auf einem Grundstück an der Marosch, dort wo am Dorfende gegen Petschka die Prunde beginnt. Gepflegte Beete mit Sommerastern und Zinnien umgeben die Blockhütte, auf deren Terrasse wir zusammen ein Bier tranken. Es war mein erstes Gespräch, dass ich mit dem berühmtesten Semlaker geführt habe, aber wir waren uns nach dem ersten Satz so vertraut, als würden wir uns schon seit immer kennen – so eben, wie es unter Landsleuten selbstverständlich ist. Wir unterhielten uns natürlich auf „Semlekerisch“ und meiner Bitte, gelegentlich einen Beitrag über ihn im Semlaker Heimatbrief zu bringen, stimmte er sofort zu.




             Helmut Heimann „Glanzlichter des donauschwäbischen Sports: Helmut Duckadam, der Elfmetertöter von Sevilla“
 in Das Donautal-Magazin, Nr. 93.

             ebenda

             Richard Sander im Kicker Nr. 39/9.5.86

             Karlheinz Wild im Kicker Nr. 40/12.5.86 

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