Grußverhalten der Banater Schwaben

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Dr. Hans Gehl

 

Wie verträgt sich Traditionspflege mit Erneuerungsströmen?

Überlegungen an den Fallbeispielen Hallo und Okay

 

Die Banater Schwaben bekennen sich noch zu ihrer Kultur und ihren überlieferten ethischen Werten. Sie bringen diese Geisteshaltung durch ihr Festhalten an landsmannschaftlichen Bindungen und durch gemeinschaftliche Veranstaltungen zum Ausdruck. Dabei darf freilich die Integration in den nachbarschaftlichen Kreisen des Gastgeberlandes nicht zu kurz kommen. Das gilt vor allem für unsere Jugend, die berufsbedingt und durch größere physische und geistige Mobilität als die alte Generation der Banater Schwaben (etwa durch ausgedehnte Reisen und Internet) mehr mit Erneuerungen aller Art konfrontiert wird, die größtenteils aus Übersee kommen. Wie ist darauf zu reagieren und was ist bei der Übernahme der zahlreichen Erneuerungen zu bedenken?

Ich finde es deshalb nützlich, einmal in größerem Kreis über die Gratwanderung Traditionswahrung gegen Modernisierung zu diskutieren und dabei zu erkunden:

1.  inwieweit traditionelle Werte und Überlieferungen in unserer heutigen Welt gerechtfertigt sind und sich noch immer behaupten können,

2.  Modernisierungen berechtigt sind und sich in allen Generationen durchsetzen werden:

a.    weil sie Neues bringen und nützlich sind,

b.    weil gedankenlose Nachahmer dadurch auffallen wollen,

c.    was gegebenenfalls dabei zu bedenken und dagegen zu unternehmen ist.

Dieses Thema betrifft nicht bloß Trachtenaufmärsche und Blasmusik nach tschechisch-österreichi­scher Militärtradition, sondern um scheinbar kleinere Dinge wie etwa : Hallo als universeller Gruß (nicht wir ursprünglich als Zuruf) oder okay (o. k). (statt: 'ist ja gut, einverstanden, zu Befehl'). Andere Erscheinungen wie: zappelnder Osterhase oder singender Weihnachtsbaum statt Kreuzigungsgruppe und Weihnachtskrippe, leiten zu einem anderen Thema über, in dem etwa die Einstellung zu Frühschoppen statt Ostermesse usw., besprochen werden sollte. Natürlich ist in einer Demokratie (fast) alles erlaubt, und schon nach dem Alten Fritz wissen wir, dass Jeder auf seine Facon selig wird. Doch inwieweit soll mit einer persönlichen Einstellung paradiert oder gar die Vertreter gegenteiliger Ansichten in die Ecke gestellt werden? Ist dieses Vorgehen moralisch vertretbar und sollte eventuell sogar Schule machen?

 

Hallo

 

Ständig hört man es; doch was bedeutet dieses Wort eigentlich? Nach dem Deutschen Wörterbuch von Gerhard Wahrig (Bertelsmann Lexikon-Verlag) ist die Interjektion hallo! ein Ruf (!), um jemanden auf sich aufmerksam zu machen, dessen Namen man nicht weiß; ein Ruf oder Frage am Telefon, wenn man sich meldet, zum Zeichen der Anwesenheit oder wenn man wissen will, ob der andere Teilnehmer noch hört; ein Ruf, um Aufmerksamkeit zu erregen, wenn niemand in der Nähe ist, im Wald, beim Eintritt in einen leeren Raum usw. das Wort ist (auch nach dem Etymologischen Wörterbuch von Friedrich Kluge) ein Imperativ zu althochdeutsch halōn, holōn, Nebenform haln, vergleichbar mit holla zu 'holen', ursprünglich ein Zuruf an den Fährmann: 'Hol über'!. Wegen dem Zuruf ist die Endsilbe gedehnt. Das Substantiv Hallo bedeutet 'Lärm, Aufregung, freudiges Durcheinander, Stimmengewirr': Er wurde mit lautem Hallo begrüßt.

Nach dem Großen Duden-Wörterbuch ist die spätmittelalterliche Interjektion halo, ursprünglich ein Zuruf an den Fährmann am anderen Ufer. Unter dem Einfluss des englischen hallo (mit Anfangsbetonung) erlangte es die folgenden Bedeutungen:

 

1.       Ruf, mit dem man jemandes Aufmerksamkeit auf sich lenkt: Hallo, ist da jemand?

2.       Meldung am Telefon, besonders wenn die Verbindung unterbrochen ist,

3.       Ausdruck freudiger Überraschung: Hallo, da seid ihr ja!

4.       Eine weitere Interjektion – aber hallo! – hat in etwa die Bedeutung 'das war nicht so ohne' beziehungsweise 'da war vielleicht was los'.

5.       (In der Umgangs- und Jugendsprache) Gruß: Hallo, Leute!

 

Durch die verschiedene Betonung, Mimik und Gestik des Sprechenden, kann man hallo vielfältig interpretieren kann, als Ausruf oder Gruß, auch im Streitgespräch. Bezüglich der Herkunft des Wortes hallo gibt es mehrere Möglichkeiten. Die digitale Bibliothek[1] diskutiert die folgenden:

 

1.       Die Rückführung (wie bereits angegeben) des Imperativ auf althochdeutsch halōn, mittelhochdeutsch halen für ,rufen, holen'.

2.       Eine Verwandtschaft mit holla, dem verkürzten Ruf: ,Hol über!' an den Fährmann.

3.       Auch die Abstammung von halal (hebräisch für 'preisen, verherrlichen, ausrufen') wird diskutiert. Dieselbe Bedeutung hat aber auch die türkische Interjektion halal!, die ins Rumänische aufgenommen wurde. Etwa: Halal să-ţ fie!: 'Bravo!', 'Alle Achrung!', 'Ich gratuliere!', aber auch euphemistisch: Halal prieten! 'Du bist mir ja ein sauberer Freund!'

4.       Das erste Wort, das Thomas Alva Edison mit dem von ihm erfundenen Phonographen aufzeichnete und wiedergab, war ein Hallo (Hello). In die englische Umgangssprache gelangte das Wort wohl mit der Entwicklung und Verbreitung von Telefonen. Edison entwickelte den durch Alexander Graham Bell 1876 patentierten Fernsprecher weiter und setzte sich mit seinem Vorschlag Hello 1877 gegen Bell durch, der ein Ahoy als Begrüßung favorisiert haben soll. Das Wort war vor den 1880er Jahren in den USA als Begrüßung unüblich und soll von Halloo, einem Ruf an einen Fährmann (s. deutsch halo!) abgeleitet sein.

5.       Eine ganz andere Interpretation kommt aus dem Französischen. Im frühen Mittelalter, als Fäkalien in den Städten noch nicht in einem Kanalsystem entsorgt wurden, sondern die Eimer durch die Fenster auf die Straße entleert wurden, warnten die Bewohner die Passanten auf der Straße mit dem Zuruf à l'eau, 'Vorsicht, es kommt ein Wasserschwall!". Aus diesem à l'eau soll das Hallo entstanden sein.

6.       Diskutiert wird auch eine ungarischer Herkunft. Beim Testen der ersten amerikanischen Telefonzentrale, die von ungarischen Wissenschaftlern (Tivadar Puskás) entwickelt wurde, soll angeblich das Wort hallom" ,ich höre es', bzw. hallod ungarisch ,hörst du?' benutzt worden sein.

 

Begrüßungen in manchen Sprachen lehnen an das englische hello! an: flämisch: Hallo!, niederländisch: Hallo!, hawaiisch: Aloha!, türkisch: Alo! (am Telefon), norwegisch, schweizerdeutsch: Hallo!, schwedisch; Hallå! (am Telefon), spanisch: ¡Hola!, portugiesisch: Olá! (Portugal), Oi! (Brasilien).

            Andere Sprachen gebrauchen abweichende Begrüßungsformeln: dänisch: Hej!, französisch: Salut!, Bonjour!, rumänisch: Salut! (freundlich), Bună ziua! (formal), italienisch: Ciao! (freundschaftlich), Buongiorno! (formal), lettisch: Čau! Sveiki!, vietnamesisch: Chào! tschechisch, slowakisch: Ahoj!, malaiisch: Hai!, norwegisch: Hei!, Morn!, schwedisch: Hej!, dänisch: Hej!, schweizerdeutsch: Hoi!, Sali!, türkisch: Merhaba! (zur Begrüßung), japanisch: moshimoshi (am Telefon), bulgarisch: Zdravei!, Esperanto: Saluton!, deutsch (zumeist): Ahoi, Grüß Gott, Servus, Tschüs, Moin Moin, Guten Tag!

            Wir mussten im Banat zwar nicht Hallo über den Fluss rufen, denn wo es eine Fähre (Plett) gab, fuhr sie regelmäßig von einem Ufer zum anderen, doch als Zuruf ist uns das Wort schon noch geläufig und wie oft hörten wir die Telefonistinnen auf der Post ihr ärgerliches Hálo wiederholen, wenn die gewünschte Verbindung partout nicht zustande kommen wollte. Darüber kann man im Handy-Zeitalter nur lächeln, doch damals war es so, und alle Auslandsgespräche wurden sowieso alle abgehört.

            In Württemberg ist es meist so, dass man als Antwort Grüß Gott hört, wenn man Guten Tag grüßt und umgekehrt. Der Sinn dieses Wechselgrußes erschließt sich mir nicht. In meiner Heimatgemeinde grüßten sich Ältere, vor allem Frauen, mit Globs' Christ' oder einer ähnlichen Abkürzung für Gelobt sei Jesus Christus, ein christlicher Gruß, der auch den Nonnen (Schulschwestern) und Geistlichen zustand. Als Ersatz kam dafür Griß Gott auf. Wenn aber "neumodisch erzogene" Schulkinder alten Frauen Guten Tag grüßten, wurden sie belehrt: "Hat dei Mudder dich net glärnt, dascht Globs' Christ' grieße sollscht?"

            Welches ist nun die religiöse Grundhaltung der Banater Schwaben, die Voraussetzungen für den einen oder anderen Gruß schaffen konnte? Unser 1942 leider viel zu früh verstorbener Volkskundler Hans Hagel schreibt "Zur Charakteristik des schwäbischen Volkes":

 

Der Schwabe besitzt ein scharf ausgeprägtes Selbstbewusstsein, das besonders in der wohlhabenderen Klasse [...] oft zu sehr auf die Spitze getrieben ist. Daher ist er nicht demütig und selten unterwürfig; ein Charakterzug, der sein Seitenstück in der nicht sehr tiefen Religiosität findet. Wenn es auch teilweise von den Ahnen mitgebrachtes Erbe ist, teilweise in der josephinischen Geistesrichtung zur Ansiedlungszeit, noch mehr in dem Liberalismus der letzten fünfzig Jahre begründet ist, so fällt doch auf, dass Männer die Kirche wenig besuchen. Nicht als ob sie nicht das Bedürfnis empfänden, in die Kirche zu gehen, oder gar feindlich der Kirche gegenüberständen – das Gegenteil wäre leichter zu beweisen -, sondern aus Gewohnheit, die dadurch entstand, dass die Männer im Sommer die Hitze, im Winter die Kälte scheuen. Diese Momente überwinden sie doch an den hohen Festtagen, wo selbst Sozialdemokraten am Gottesdienst teilnehmen. Die Religiosität äußert sich aber selbst bei tieferen Naturen nur lückenhaft; man verrichtet sein Abendgebet regelmäßig,, doch für die übrigen Gebete bleibt wenig Zeit. Man fastet auch, wenn die Hausfrau Fastenspeisen vorstellt, aber zu den Sakramenten geht man nicht. In jedem Haus findet sich jedoch ein Rosenkranz und Weihwasser, und an den Wallfahrten nimmt man auch teil.

Aus dem ausgeglichenen Gemüte, der Gesetzesachtung und dem sittlichen Gefühl erklärt es sich, dass der Schwabe mit dem Strafgesetz höchst selten in Konflikt gerät. [2]

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es eben diesen Spagat zwischen häuslicher, kirchlicher und schulischer Erziehung. Adolf Fugel beschreibt ihn anschaulich:

 

(...) Die Schule begann um acht Uhr – und jetzt war es genau 20 Minuten nach acht [da die Jungen ministrieren waren]. Wir lüfteten die Mützen, als wir den Genossen Lehrer Loidl sahen und grüßten wie aus einem Mund: "Grüß Gott, Herr Lehrer!" Das war ein Fehler, ein kapitaler Fehler. "Mensch", sagte Gallmann Peter zu mir, "dem hätten wir doch 'Guten Morgen' sagen müssen! Wenn das kein Zirkus gibt ..."

Da stand er auf, fasste mich am rechten Ohr, zog es fast bis zum Zerreißen nach oben und tobte: "Und wie grüßt man auf der Straße?" (...)

Wie einfältig manche Kinder sein können. In meiner Angst war mir nicht sofort klar, welche Antwort der Genosse Loidl hören wollte und ich antwortete: "Grüß Gott, Herr Lehrer." Ich wurde mir meines zweiten Kapitalfehlers an diesem Tag erst bewusst, als er mich an den haaren immer höher zog, so dass ich mit meinen Fußspitzen kaum noch die Erde berühren konnte. Dann ließ er mich plötzlich los und gab mir eine derartige Ohrfeige auf die rechte Wange, dass ich taumelte und mit aller Wucht mit dem Kopf auf seinen Tisch knallte. (...)[3]

 

Unser Landsmann Nikolaus Tullius aus Alexanderhausen (heute in Ottawa/Kanada) erinnert sich, dass zu seiner Zeit die Erwachsenen die Grußformeln Gut Morjet"; Gu'n Tach; Gut'n Owed; und Gut Nacht verwendeten. Die Schüler sagten im allgemeinen Grieß Gott, nur der Pfarrer verlangte sein überliefertes Gelobt sei Jesus Christus und er wollte auch mit Herr Geistlicher oder Herr Pfarrer angeredet werden. Die Schüler kamen diesem Verlangen meistens nach; die Erwachsenen kaum. Sogar der Vorsteher des Kirchenrates hatte ihn mit Grieß Gott, Herr Pharre angeredet. Und natürlich gingen die Männer, wie fast überall im Banat, selten in die Kirche und kaum zum Beichten. Zur Mette oder Jahresende kamen die meisten, besonders wenn nachher die Blasmusik spielte.

Eine kurze Zeit (etwa 1943-1944) verlangten manche Lehrer von ihren Schülern, dass sie auf der Straße, den "Deutschen Gruß" verwenden. Das hat ein Klassenkollege leider mit dem Vetter J. versucht, welcher seit seiner Gefangenschaft in Rußland (um 1917) ein Sozialist oder gar ein Kommunist war. Darauf hat der Onkel ihm die Mütze weggenommen und gesagt: "So, jetz gehscht mol zuruck un griescht dann richtich". Da solche Begebenheiten im Dorf bekannt wurden, versuchten nachher alle Schüler eine ähnliche Situation zu vermeiden. Wenn jemand den Vetter J. kommen sah, wechselte er sofort auf die andere Gassenseite, um Begegnung und Gruß ganz einfach zu vermeiden.[4]

In Temeswar war Servus (wie immer noch in Wien) der Gruß zwischen Kollegen aller Nationalitäten. Auch bei Besuchen im Dorf wurde entweder Servus, Michl oder Grieß dich, Franz gegrüßt. Und als Vergleich sei erwähnt, dass etwa im Umfeld von Linz bis heute Griß Gott oder B(e)hiet dich" gegrüßt wird, während die Städtler sich bewusst modern geben und die überlieferten Grußformeln lieber meiden.

Natürlich haben diktatorische Maßnahmen auf Dauer keine Chance, und die "kommunistische" Erziehungsmethode konnte den Gebrauch des "atheistischen" Grußes Guten Tag nicht durchsetzen, genauso wenig, wie es heute offizielle Zuschriften mit der Anrede Guten Tag, Herr Mayer (und eventuell noch Mit freundlichen Grüßen, Ihr Finanzamt vermögen. Ebenso wenig werden Bayern den schwäbischen Abschiedsgruß Adele (oder gar Tschüssle, mit der "sparsamen" Verkleinerungssilbe) übernehmen. Sie lächeln darüber und fordern – auch von Fremden – ihren überlieferten Gruß Grüß Gott ein.

Das ist mir auf einer Tagung in Wildbad Kreuth passiert, als ich unbedacht Guten Tag grüßte. Flugs wurde ich ermahnt: "In Bayern sagt man Grüß Gott!" Dagegen rutschte mir kürzlich bei einer Führung durch das Bremer Ratshaus ein unbedachtes Grüß Gott statt des erwarteten Guten Morgen heraus. Persönlicher Kommentar der Fremdenführerin aus reformiertem Milieu: "Der liebe Gott ist dort oben, und er lässt heute wieder zuviel regnen!" Und zur Gruppe: "Ich habe bereits zwei Besucher aus Bayern ausgemacht!" Na bitte! Vielleicht wäre es 1920 besser gewesen, wenn die Kriegsgewinner bei den Friedensverhandlungen von 1920 dem neuen Kleinstaat Rumpfösterreich erlaubt hätten, sich an (Süd)Deutschland anzuschließen. Denn jetzt gibt es unentwegt Reibereien aus der harten Konkurrenz zwischen "Bayern München" und "Werder Bremen" – und nicht nur Probleme auf sportlichem Gebiet.

Die Bayern wären gegen Hallo, aber auch gegen einen Landsmannschaftlichen Gruß (was ist das eigentlich?) eher skeptisch und haben sich in ihrem Freistaat dennoch "mit Laptop und Lederhose" (sowie Grüß Gott!) internationale Anerkennung verschafft. Deshalb verstehe ich nicht, weshalb wir uns unter Landsleuten einer traditionellen Anrede schämen müssten (als ob lieber Freund! bereits anrüchig wäre) und auch im Schriftverkehr auf ein mechanistisches Hallo ausweichen müssten, wenngleich wir keinen Fährmann mehr auf unsere Flussseite rufen wollen. Zwanghaftes Duzen allein auf allen beruflichen Ebenen (nach transatlantischem Vorbild) schafft noch keine freundschaftliche Atmosphäre.

Vielleicht kann uns jemand diesen Mentalitätswandel der Banater Schwaben und vor allem seine Notwendigkeit begründen. Wallfahrten nach verschiedenen Orten in Deutschland, aber auch nach Maria Radna (für dessen Instandsetzung Banater Schwaben zur Zeit spenden) werden von Banater Schwaben fortlaufend unternommen. Viele landsmannschaftliche Zusammenkünfte beginnen mit einem Gedenkgottesdienst und Kirchenbesuch ist bis heute nicht nur Sache der Alten.

Weshalb manche Landsleute glauben, unter dem Druck der modernen Technik und Telekommunikation alles Traditionelle über Bord werfen zu müssen und zu den Festtagen statt einer christlichen Karte unbedingt eine elektronische Melodie oder einen flatternder Hasen mit dem obligatorischen Hallo auf Internet hinterlegen müssen, ist mir auch nicht klar. "Weil es alle machen und ich nicht nachstehen will" ist sicherlich die unsinnigste Begründung. Möglicherweise gibt es auch bessere. Doch bestimmt nicht diese Werbefloskel: Verschicken auch Sie kostenlos "digitale Postkarten"! Gehen Sie dazu einfach auf folgende Adresse usw. (http://cards.guweb.com/kerstinsell.) Viele gehen auch dahin und bedenken nicht, dass manchem Empfänger die Kapazität für die Übertragung der Rieseninformationsmenge (mit minimalem Aussagewert) fehlt.

 

Okay

 

Für dieses – von vielen Zeitgenossen oft unbedacht verwendete – Adverb gibt es – wie im Falle des hallo! gleichfalls mehrere Rückführungsmöglichkeiten. Das Etymologische Wörterbuch von Friedrich Kluge notiert für okay die Bedeutung 'in Ordnung, einverstanden'. Das umgangssprachliche Wort wurde im 20. Jahrhundert aus gleichbedeutendem englischen okay entlehnt, dessen Herkunft nicht geklärt ist.

Das Wort wurde jedenfalls nicht vom Gegenteil eines k.o. abgeleitet. In Betracht kommen andere Herkunftsmöglichkeiten. Zuerst publiziert wurde o.k. 1839 in der Bostoner “Morning Post”. Benannt sein könnte die Buchstabenkombination möglicherweise nach mehreren Fakten:

1.                  Nach dem Ford-Qualitätsprüfer Oswald Kowalski in Detroit, wo die “Tin Lezzy”-Modelle gebaut wurden. Das Gutachten über die Qualitätsprüfung der auszuliefernden Kraftfahrzeuge wurde wohl im Laufe der Zeit auf die Unterschrift Oswald Kowalski (ist mit der Auslieferung dieses geprüften und als tauglich festgestellten Wagens einverstanden) reduziert, und schließlich genügte auch die Abkürzung auf dessen Initialen o. k.

2.                  Die Chactaw-Indianer haben ein okeh, das ‚in der Tat’ bedeutet.

3.                  Zu bedenken ist auch griechisch holos kalos, in der Bedeutung ‚alles gut’. Doch ob es wohl Aussiedler in die USA gebracht haben könnten, steht auf einem anderen Blatt.

4.                  In der Militärsprache bedeutet englisch order known ‚Befehl verstanden’.

5.                  Nach Otto Krause und der "Ford-Schritt". Dafür gibt es einen interessanter Zeitungsbeleg:

 

MOTORSPORT/ Wie das O.K. zu Ehren kam

Siegeszug zweier Buchstaben: Ein Auswanderer macht’s möglich

 

Was die Buchstaben O.K. bedeuten, ist klar. Aber woher stammt das O.K.? Nein, vom Gegenteil eines K.O. wurde es gewiss nicht abgeleitet.

Das O:K., man glaubt es kaum, stammt ursprünglich aus der Welt der Motoren. Es war, so die Legende, um die Jahrhundertwende in Übersee in den Fabrikhallen von Henry Ford I. erfunden worden. In der Prüfungsabteilung war ein deutscher Auswanderer beschäftigt, der in jedes fertige und für gut befundene Ford-Motorenteil seine Initialen einhämmerte. Sein Name: Otto Krause. Ford, die tun was – auch in der Sprach-Entwicklung.

Was die Formel-1-Szene anbelangt, so ist freilich schon längst nicht mehr alles “Otto Krause”. 1994 sonnte sich der Triebwerk-Lieferant noch im Glanz des Sonny-boys Michael Schumacher, der die PS-unterlegenen Ford-Powerpakete gegen stärkere Konkurrenz dank vorzüglicher Fahrkunst und Strategie zu WM-Ehren brachte. Seither freilich gibt’s statt Ford-Schritt nur Stillstand. ...

Vielleicht sollte die Ford-Crew einfach nur den Motor absuchen, ob die zwei wichtigsten Buchstaben draufstehen. Denn nur wo Otto Krause draufsteht, ist ein O.K. auch drin.[5]

 

Es gibt - oder gab - einmal auch persönlichere Briefe, selbst wenn man dazu seinem Partner fünf Minuten seiner kostbaren Zeit widmen muss. Diese Zeit lohnt sich sicher, wenn man darauf eine ähnlich persönliche Antwort erhält, die sogar in einer leserlichen Schrift und mit leidlicher Orthografie verfasst ist.



(In ähnlicher Form erschienen in Banater Post” vom 10.07.2008, S. 4, als:

Vom “Service Point” bis “Hallo” und “o. k.”)



[1] Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Hallo

[2] Hans Hagel: Gesammelten Arbeiten zur Volkskunde und Mundartforschung. Hg. Anton Peter Petri, München 1967, S. 15.

[3] Heimatblatt Großsanktnikolaus, 1. Ausgabe, Dezember 2006, S. 64.

[4] Nach einer schriftlichen Mitteilung von Nikolaus Tullius, vom 5. 03.2007.

[5] Aus: Schwäbisches Tagblatt vom 27.04.1998, S. 1.

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