Ein Arbeitslager mit der Hacke

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von Katharina Sigrid Eismann



Das Auge verschwimmt an diesem Pfingstmorgen 1951. Schwarz frisst sich ins Weizengelb. Hunderte Menschen sind auf dem Weg zur einsamen Bahnstation mit k.u.k Flair. Seit Tagen lauern Waggonkolonnen auf den Bahngleisen in Livezile an der rumänisch-jugoslawischen Grenze. Die Angst und der Deportationsbefehl sitzen den Familien in den Knochen. Wo bringen sie uns hin?


Die stalintreue rumänische Regierung hat die Banater zum Sicherheitsrisiko deklariert.


„Aufmachen!“ „In zwei Stunden taucht ihr mit Sack und Pack und Viehzeug am Bahnhof auf, du, dein Sohn und deine Eltern!“, brüllte der Uniformierte durch den Gang des langgezogenen Bauernhauses „Chiaburi, dusmani ai poporului! Großgrundbesitzer, Volksfeinde!“


Mit Tisch und Stuhl und Kuh warten mehrere Familien auf die Zuteilung eines Viehwaggons. Die Nee-Oma ist eine von vierzigtausend Deportierten in die rumänische Bărăgan-Steppe.


Der Schafhirte kommt aus dem Dorf angerannt, platzt ins Gedränge streckt ihr einen Laib Käse entgegen, verflucht die Regierung: „Gott beschütze euch!“ Eingepfercht in Viehwaggons, samt Kuh, etwas Getreide, der in die Strümpfe gestopften Pflanzensaat, den panisch gepackten Vorräten verlassen sie ihr Obstgartendorf, so die Übersetzung des rumänischen „Livezile“.


Vierhundert Kilometer Gleise liegen zwischen den Banatern und ihren Höfen, die nicht mehr ihre Höfe sind. Die Viehwaggons spucken Mensch und Kuh und Tisch und Bett aus. Endstation unter freiem Himmel. Sie werden Himmelsmillionäre wie ihre Ahnen, die ersten Siedler im Banat, vor dreihundert Jahren.


Weder Dach, noch Kirchspitze, kein Hahn, der kräht, nur Wind, der brennt. Riesige Distelköpfe wirbeln durch die Steppe. Die Schafe sind ihnen hinterher. Das Distelheer bäumt sich auf, streut den Samen der Steppennomaden.


Ihre Habseligkeiten stellen die Banater auf den abgeernteten Acker. Rammen Pflöcke in den Boden, spannen die Bettdecke über Kopf und Tisch und Stuhl. Mit dem ersten Regen wird die Zeltstätte weggespült.


Ein Haus stampft man aus Lehm und Manneskraft, nicht mit Tattergreisen und Kindern.


„Te Tooti (Vater) war in Russland, und ich war noch ein Kind“ erzählt Vater.


Sie schaufeln sich einen „bordei“. Dieser „Maulwurfsbehausung“ begegneten schon die Römer in der Donauregion. Es ist ein nur halbes Grab, der Dachgiebel lugt aus der Erde. In der Feuchtzelle, ein Meter achtzig unter der Erde vertilgen die Ratten die Vorräte. 


Unter dem Decknamen „Umsiedlung“ wird die Deportation von der Regierung bagatellisiert, um das europäische Ausland nicht zu echauffieren. Die Umgesiedelten sollen den brachliegenden Landstrich kultivieren, im Arbeitslager mit der Hacke.


Frauen zerschneiden ihre Feiertagstracht, nähen daraus Röcke für die Feldarbeit. In der rumänischen Steppe regiert der Himmel und die Kolchose hält die Sichel in der Hand.


Bei Wind und Wetter legt die Nee-Oma eine Marathonstrecke zu ihrer Hackparzelle zurück. Mit dem Floß überquert sie die Borcea. Der launische Nebenfluss konkurriert mit der majestätischen Donau. Regelmäßig quillt er aus seinem Bett. Mit Schrecken betet sie sich durch den Sturm, als Wassermassen Pferd und Wagen sintflutartig verspeisen. Fisch liefert die Borcea im Überfluss und Salzfischgestank. In der satten Erde der Flußauen bestellen die Vertriebenen Baumwollfelder. Die sonnenverwöhnte Steppe ist der Schwarzmeerküste näher als dem Banat, die Deportierten legen auch Weingärten an. Ein Zusatzverdienst für die Bahnkarte zurück ins Banat.  


Bei den fünf Minuten Kantinenessen aus dem Blechteppel gräbt sich die Erniedrigung in ihre Stirn. Die ersten sterben, Alte, Kinder. Auch die Mutter der Nee-Oma. Sie hat ungewaschene Trauben gegessen, sie schmeckten wie daheim


Vor ihren Lehmhütten stampfen die Umgesiedelten Grundöfen. Mit großen Augen verfolgen die Ortsansässigen die Kunst des Brotbackens der „refugiati“ Für ein karges Mahl reicht ihnen eine Handvoll Mais. Ödnis hat sie genügsam gemacht. Gebackene Maisfladen, mit dem Faden geschnitten, sind Brotersatz. „Wieso behaupten die Millizmänner, ihr seid Banditen und Imperialisten? Wir sehen doch, ihr seid ordentliche Leute!“....


Erst mit Stalins Tod wird die Verschleppung begraben. Ausgemergelt, mit gekapptem Sprachherz kehrt die Nee-Oma mit ihrer Familie nach sechs Hackjahren in ihr Obstgartendorf zurück.


„In der Märzkälte kamen wir an, der Hofbrunnen war zugefroren, mein Elternhaus verwüstet. Keiner machte uns die Tür auf, um uns ein paar warme Krumbeere zu bringen.“ „Ich zog Vaters Gummistiefel an, sie waren mir viel zu groß, tappte ins Dorf“.


DieBărăgangeschichtewurde hinterm Eisernen Vorhang verscharrt. Als man sie nach der Revolution ausgrub, waren die Umgesiedelten längst wieder umgesiedelt. In den Westen. Betäubt sind sie heute noch, von Distelwolken geblendet. Selbst die Grabsteine hat der Crivăt, der Steppenwind, gefressen. 

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