Die Deportation der Banater Schwaben in die Bărăgan-Steppe

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Wilhelm Weber

 

Und über uns der blaue endlose Himmel



Nachdem Rumänien am 23. August 1944 aus dem Bündnis mit Deutschland ausgetreten war, Waffenstillstand mit Sowjetrussland geschlossen hatte und sich anschließend am Krieg gegen seinen vormaligen Verbündeten beteiligte, begann für die zu diesem Zeitpunkt noch 470.000 Personen zählenden Rumäniendeutschen die leidvollste Zeit ihrer Jahrhundertwende währenden Geschichte.

Infolge eines Staatsvertrages zwischen Deutschland und Rumänien rückten ein Jahr zuvor 60.000 wehrfähige Jugendliche und Männer aus den Reihen der Volksdeutschen zur Waffen-SS ein.

 

Bald nach dem Austritt Rumäniens aus dem Bündnis mit Deutschland begannen Verfolgungen und Verhaftungen zahlreicher Volksdeutscher. Zuerst wurden die Amtswalter der Volksgruppe, soweit man ihrer habhaft wurde und sie nicht geflüchtet oder untergetaucht waren, verhaftet. Gemeinsam mit anderen exponierten Intellektuellen, Großkaufleuten, Industriellen, Gutsbesitzern und Großbauern sperrte man sie in die Internierungslager von Târgu Jiu und Slobozia oder in Gefängnisse ein. Für politisch Verfolgte herrschte an diesen Orten Hunger, Folter und oft auch der Tod.

Im Januar 1945 verhafteten die rumänischen Behörden 75.000 volksdeutsche arbeitsfähige Mädchen, Frauen, Burschen und Männer, um sie den Russen zu übergeben. Diese verfrachteten sie in Güterwaggons und deportierten sie unter unmenschlichen Bedingungen zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion.

Die dort nicht an Unterernährung, Krankheiten, menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen und Lagerverhältnissen starben, durften Ende 1949 heimkehren.

Zurück blieben alte Leute und Kinder, deren Väter bei der Waffen-SS dienten und deren Mütter nach Russland verschleppt worden waren. Hätten sich nicht Verwandte, Bekannte oder Nachbarn dieser jetzt elternlosen Kinder angenommen, wären sie auf der Straße verkommen und verhungert. Alle hatten ein schweres Los zu ertragen, weil Plünderungen, weitere Verhaftungen und viele Schikanen an der Tagesordnung waren.

Im März 1945 folgte ein weiterer Schlag, nämlich die totale und entschädigungslose Enteignung der gesamten deutschen Bauernschaft Rumäniens. Gemeinsam mit dem Ackerfeld wurden ihnen auch die Pferde, alle landwirtschaftlichen Maschinen und Geräte, das Haus und der Hof enteignet. Alles verteilte man an die zugewanderten Rumänen, welchen in den von Deutschen bewohnten Häusern Wohnraum abgetreten werden musste. Sie fühlten sich nachher als Herr im Hause und ließen das den vormaligen deutschen Besitzer oft auf unangenehme Weise spüren.

Im Sommer 1948, nachdem Ende 1947 der König das Land verlassen musste und die Volksrepublik ausgerufen wurde, begann die entschädigungslose Verstaatlichung des Handels und der Industrie, ein Jahr darauf die Kollektivierung der Landwirtschaft. Diese Enteignungen und Verstaatlichungen stürzten die bereits politisch entrechteten Volksdeutschen Rumäniens vollends in eine wirtschaftliche Ohnmacht und raubten ihnen die Grundlagen ihrer materiellen Existenz.

 

Schikanen und Strafen

 

In diesen wirren Jahren zwischen 1945 und 1950 erging es den unter schwierigsten Bedingungen aus Deutschland oder aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrenden Rumäniendeutschen, die ihren Militärdienst bei der Waffen-SS geleistet hatten, sehr schlecht. Größtenteils wurden sie verhaftet und eingesperrt, ungeachtet dessen, dass sie aus sowjetischen Kriegsgefangenenlagern entlassen und ganz legal heimgekehrt waren. Viele, die aus dem Westen heimkehren wollten und es bis an die ungarisch-rumänische Grenze geschafft hatten, wurden beim Überschreiten der Grenze von rumänischen Grenzern erschossen. Die es trotz der Schikanen fertig brachten, nach Hause zu kommen und in den Dörfern der Grenzzone wohnten, wurden gemeinsam mit ihren Familienangehörigen ein weiteres Mal bestraft. Diese Strafe bestand aus der Deportation in die Bărăgan-Steppe, ein im Südosten Rumäniens gelegenes, dünnbesiedeltes Steppengebiet mit sehr heißen Sommern und sehr kalten und stürmischen Wintern.

Ich kehrte nach über vierjähriger Kriegsgefangenschaft aus Russland heim und fand eine Anstellung in dem innerhalb der Grenzzone gelegenem Banater deutschen Dorf Billed, wo ich nach einem Jahr auch heiratete. Hätte ich damals geahnt, was mir in einigen Monaten bevorstehen würde, wäre ich sofort aus der Grenzzone woanders hin umgezogen.

Genau 18 Monate nachdem die letzten Russlandverschleppten, unter denen sich auch meine Frau mit ihrer Schwester befand, ein Großteil der Kriegsgefangenen aus Russland und aus dem Western über Grenzen hinweg heimgekehrt waren, begann für viele Tausende Volksdeutsche aus dem rumänischen Banat ein neuer Leidensweg. Die zwangsweise und mit Unterstützung der Truppen des Innenministeriums – Miliz und Securitate – durchgeführte Umsiedlung aus der Banater Grenzzone in dieses Steppengebiet betraf solche Menschen, die den Kommunismus ablehnten und deshalb von den Vertretern der kommunistischen Ideologie zu Klassenfeinden und Ausbeutern gestempelt wurden. Dazu gehörten laut dieser Ideologie auch alle Volksdeutschen, die im Zweiten Weltkrieg in der Waffen-SS gedient hatten, samt ihren Familienangehörigen. Dass es bei dieser Deportation diesmal nur die in der Grenzzone Wohnhaften betraf, war deren Schicksal. Jedenfalls sollten alle mit dieser Aktion aus dem öffentlichen und politischen Leben ausgeschaltet und in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt werden. Zugleich bezweckte man mit den im Zwangsaufenthalt befindlichen Menschen, dünnbesiedelte Flächen dieser Steppe zu bevölkern und aus diesem Gebiet ein zweites Banat zu machen.

„Die Säuberung der rumänischen Grenzzone entlang der jugoslawisch-rumänischen Grenze von politisch unzuverlässigen Elementen“, wie es die Kommunisten nannten, begünstigte ein Konflikt zwischen Stalin und Tito, der zum Ausschluss der Kommunistischen Partei Jugoslawiens aus der Kominform führte. Tito wollte ohne russische Vormundschaft den Kommunismus in seinem Land aufbauen und widersprach damit den von Stalin vertretenen Grundsätzen und Ansichten. Rumänien, das sich jetzt der vollen sowjetischen Rückendeckung und Hilfsbereitschaft bewusst war, sah den Zeitpunkt eines plausiblen Vorwands gekommen, seine vermutlichen Feinde und damit auch die ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS, mindestens aus den Dörfern in der Grenzzone, materiell zu schädigen, zu entfernen und für den Staat arbeiten zu lassen. Unter dem Vorwand des Zerwürfnisses mit Tito und einer Bedrohung Rumäniens durch Jugoslawien, schritten die Kommunisten an die Zwangsumsiedlung zehntausender Menschen. Dieses begründeten sie damit, dass in der momentanen kritischen Situation deren Gegenwart die Sicherheit an der Grenze gefährde. Der eigentliche Grund aber war ein ganz anderer, nämlich der schon 1949 auf dem Plenum der Kommunisten gefasste Beschluss, Klassenfeinde unschädlich zu machen.

 

Zwangsdeportation!

 

Diese Deportation betraf die gesamte Grenzzone entlang der jugoslawisch-rumänischen Grenze. Das war ein Gebietsstreifen von 25km Tiefe. Im nordwestlichen Banat war dieser Streifen willkürlich bis auf 40km landeinwärts ausgedehnt worden, um so mehr der dort auf der Banater Heide gelegenen wohlhabenderen deutschen Dörfer in die Deportation miteinbeziehen zu können. Betroffen waren laut Angaben und Statistiken der seit 1990 im Banat bestehenden Vereinigung der ehemaligen Bărăgan-Deportierten insgesamt 172 Orte aus dem Banat. Laut den bis jetzt bekannten Unterlagen wurden 12.791 Familien mit 40.320 Personen deportiert, die in der Bărăgan-Steppe 18 neue Dörfer gründen und eigenhändig aufbauen mussten. Bemerkenswert ist, dass behördlicherseits niemals das zutreffende Wort „Deportierte” sondern immer nur die Wörter „Evakuierte” oder „Umgesiedelte” verwendet wurden. Das beweist, dass nach außen hin und dem Ausland gegenüber diese Menschen nicht als Deportierte, sondern nur als aus der Grenzzone Evakuierte gelten sollten. Damit versuchten die Behörden, diese brutale menschenverachtende Aktion zu beschönigen.

Die ersten Anzeichen einer bevorstehenden Deportation bildeten die seit Anfang Juni 1951 auf allen Bahnhöfen in der Grenzzone auf Nebengleisen sehr zahlreich abgestellten leeren Güterwaggons. Um bei der Bevölkerung keine Panik aufkommen zu lassen, trugen die Waggons auf beiden Seiten den Aufdruck „Geeignet für den Getreidetransport”. Das war eine Irreführung, und der Anblick so vieler Waggons rief Erinnerungen an die erst vor sechs Jahren erfolgte Russlandverschleppung wach. Zur Gewissheit, dass ein vermutlich unerfreuliches Ereignis bevorstehe, wurde es, als am Samstag, dem 16. Juni 1951, Miliz- und Securitateangehörige (Staatssicherheitsdienst) in Schulklassen Quartier bezogen. Noch beunruhigender wirkten die mittels Trommelschlag bekanntgemachten Anweisungen, dass „keiner mehr das Dorf verlassen darf, der Eisenbahnverkehr wegen Manöver eingestellt wird und deshalb auch keiner am folgenden Montag zur Arbeit fahren muss.” Die Anwesenheit des Militärs sollte mit der Ankündigung von Manövern begründet werden. Das glaubte jetzt keiner mehr, und dem letzten Zweifler wurde es zur Gewissheit, dass sich Besorgniserregendes anbahnte, möglicherweise wieder eine Verschleppung, ähnlich der von 1945. Keiner aber dachte im entferntesten daran, dass es dieses Mal ganze Familien vom kleinsten Kind bis zum ältesten Greis betreffen würde.

 

In der Nacht zum 17. Juni blieb alles ruhig. Doch in der darauffolgenden Nacht von Sonntag, 17. Juni auf Montag, 18. Juni1951 begann die Deportation. Nach Mitternacht wurde auch an unser Haustor mit einem Gewehrkolben geklopft. Nachdem wir es öffneten, traten eine Gruppe von Militärpersonen und ein Zivilist ein, die nach der Überprüfung unserer Identität die Personalausweise beschlagnahmten und uns befahlen, die nötigsten Sachen zu packen und nach zwei Stunden am Bahnhof transportbereit zu sein. Es durften nur die allernotwendigsten Sachen mitgenommen werden und nur soviel wie auf dem Fuhrwerk, welches man uns zuteilte, Platz hatte. Weil wir sechs Personen waren, konnten wir auf den uns zugeteilten Lkw nur wenig an Möbeln, Bekleidung und Lebensmitteln aufladen. Die übrigen Möbel, Lebensmittel, viel Geflügel und viele andere Sachen blieben entschädigungslos in Haus und Hof zurück. Um zu achten, dass keiner von uns verschwindet oder mit dem Nachbarn spricht, blieb gleich ein uniformierter, mit einer Maschinenpistole bewaffneter Soldat vom Sicherheitsdienst in unserem Hof, der uns später unter seiner Bewachung zum Bahnhof brachte und dort seinem Vorgesetzten übergab. Wir verbrachten drei Tage und zwei Nächte unter freiem Himmel, bis wir am Abend des 20. Juni einen kleinen Güterwaggon zugeteilt bekamen, ohne zu ahnen, dass wir noch viele Tage und Nächte unter freiem Himmel verbringen mussten.

 

Betroffen von dieser Deportation waren sehr viele Deutsche, darunter laut einer Statistik 2344 ehemalige Soldaten der Waffen-SS mit ihren Familien. Aber auch andersnationale Großbauernfamilien, Bauern, die sich der Kollektivierung der Landwirtschaft widersetzten und andere besitzende Schichten der Bevölkerung aus der Grenzzone wurden deportiert. Auf dem Billeder Bahnhofsgelände, wohin auch alle aus den Nachbardörfern Groß- und Kleinjetscha gebracht wurden, weil sie keinen eigenen Bahnhof hatten, sah es wie auf einem Jahrmarkt aus. Auf engstem Raum von einer Bewacherkette zusammengedrängt, konnten sich die 1946 Personen aus diesen drei Dörfern zwischen Möbeln, Gepäck und den zugelassenen Pferden, Kühen, Schweine- und Hühnerkisten kaum noch bewegen. In vielen Augen bemerkte man Tränen und in den Gesichtern Verzweiflung, weil man im Ungewissen war, wohin man deportiert und ob man die Heimat jemals wiedersehen werde. Alte und kranke Menschen, die auf provisorisch hergerichteten Bettstellen unter freiem Himmel lagen, wollten gerne sterben, um noch in der Heimaterde begraben zu werden und um nicht weiterhin ihren Angehörigen zur Last zu fallen. Allein vom Billeder Bahnhof fuhren innerhalb der nächsten vier Tage genau 230 Güterwaggons mit Deportierten ab. Insgesamt wurden für diese Aktion 6211 Güterwaggons benötigt. Oft mussten sich zwei bis drei Familien einen Waggon teilen und in diesem Zustand bei großer Sommerhitze bis zu drei Tagen ausharren. Die Transporte wurden bewacht und bei Aufenthalten dafür gesorgt, dass niemand seinen Waggon verließ.

Auf dem Bestimmungsbahnhof in der Bărăgan-Steppe wurde alles ausgeladen und auf abgeerntete Ackerflächen transportiert, auf welchen sich jede Familie ihr künftiges Wohnhaus zu bauen hatte. 2500 Quadratmeter große Haus- und Gartenplätze waren schon ausgemessen und mit Pflöcken, worauf die Hausnummer stand, markiert. Alle waren entrüstet darüber, dass so etwas sechs Jahre nach dem Ende des Krieges noch geschehen konnte. Man vermutete, schon in bestehende Unterkünfte gebracht, aber nicht einfach aufs freie Ackerfeld abgeladen zu werden. Um Schutz vor dem ununterbrochen wehenden Wind unter glühenden Sommerhitze zu haben, errichteten sich die Menschen aus mitgebrachten Möbeln, Teppichen, Decken und dem herumliegenden Stroh hüttenähnliche Unterkünfte. Darin wohnten sie einige Monate bis sie Lehmziegel geschlagen und nach einem vorgegebenen Plan, je nach der Anzahl der Familienmitglieder, ihre Häuser mit einem oder zwei Zimmern und der Küche erbaut hatten. Der Staat stellte nur das Bauholz für den Dachstuhl, Fenster und Türen. Alles andere musste sich jeder selbst anfertigen. Die Häuser deckte man mit Stroh oder mit Schilfrohr, wo solches vorkam.

Erst 1954 erlaubte man uns, auf eigene Kosten das Haus umzubauen und das Strohdach durch ein Teerpappe- oder Ziegeldach zu ersetzen. Das taten wir dann auch an unserem Haus. Der Wohnort durfte nur in einem Umkreis von 15km verlassen werden. Um das kontrollieren zu können, wurde in die rückerstatteten Personalausweise über dem Lichtbild ein diesbezüglicher Vermerk gestempelt. Auf diese Weise entstanden in der Bărăgan-Steppe innerhalb weniger Monate 18 neue Dorfanlagen mit 400 bis 700 Häusern. Unser Dorf Dâlga beispielsweise hatte 511 Hausnummern. Die unsrige war 498, am Dorfrand gelegen. Die Zimmer und die Küche waren sehr klein und eng, die Fußböden aus Lehm geschmiert und die Zimmerdecken mit Lehmwickeln gemacht. Die Trinkwasserversorgung war in dieser Steppe ein Problem und Dörfer, die in der Nähe der Flüsse Jalomita oder dem Donauarm Borcea lagen, mussten abgekochtes Flusswasser trinken und damit auch kochen. Brennholz oder Kohle war sehr schwer zu beschaffen, so dass mit Maiswurzeln, Maisstengeln, Maiskolben, mit Stroh und auch mit einer besonderen Art von vertrocknetem Steppengras geheizt wurde. Zur Beleuchtung dienten Petroleumlampen, und wenn es kein Petroleum gab, nahm man Kerzen. Bei Regenwetter und nach der Schneeschmelze waren alle Wege und Straßen so aufgeweicht, dass man nur mit Gummistiefeln und die Fuhrwerke nur mit 3 bis 4 vorgespannten Pferden durch den aufgeweichten Schlamm kamen. Meistenteils mussten die Menschen auf den nächstliegenden Staatsgütern in der Landwirtschaft und besonders auf den ausgedehnten Reis- und Baumwollfeldern arbeiten. Es waren aber auch Traktoristen, Mechaniker und andere Handwerker auf den Staatsgütern gefragt. Die Entlohnung war gering, und wären nicht die großen Hausgärten gewesen, wäre die Lebensmittelversorgung zu einem Problem geworden.

 

In befohlener Gemeinschaftsarbeit mussten Lehmziegel geschlagen und ein Haus für die Miliz, ein Rathaus, eine Schule, ein Ambulatorium, ein Konsumladen und zwei bis vier Häuser für alte alleinstehende und kranke Menschen gebaut werden. Anfangs kam überhaupt keine Post an und später nur sehr unregelmäßig. Oft waren die aus dem Banat geschickten Pakete ausgeraubt. Besuche von auswärts waren verboten, fanden sie trotzdem statt und wurde man erwischt, so bekam man eine Strafe, und der Besuch musste sofort das Dorf verlassen. Die mitgenommenen Rundfunkgeräte wurden gleich bei der Ankunft konfisziert, oft auch die Fahrräder von der Miliz den Besitzern weggenommen und von ihnen benützt. Erst nachdem sie kaputt waren, bekam man sie wieder zurück.

Die schlimmste Jahreszeit war der Winter mit dem aus nordöstlicher Richtung wehenden kalten Wind und den lang anhaltenden Schneestürmen. So wurden beispielsweise Anfang Februar 1954 ganze Straßenzüge und die Häuser mit angewehtem Schnee zugedeckt. Auch an unserem Haus musste der Nachbar ein Fenster freischaufeln, durch welches wir hinauskrochen, um den Schnee, der von unten über unser Hausdach reichte, wegzuschaufeln. Um an die Eingangstür zu gelangen, gruben wir einen Tunnel durch den hart angewehten Schnee. Jeden Winter hatten wir es mit tagelangen Schneestürmen zu tun.

Anfangs nahm die Weltöffentlichkeit von dieser Deportation kaum Notiz. Zwar behandelte der Deutsche Bundestag in einer Debatte am 17. Oktober 1951 diese unmenschliche Aktion, konnte aber damit keinem helfen. Erst nach Stalins Tod und nachdem sich doch noch Proteste in der Weltöffentlichkeit häuften und Rumänien die Einhaltung der Menschenrechte angemahnt wurde, änderte sich das Schicksal der Deportierten.

In der zweiten Jahreshälfte von 1955 begann man mit der Aufhebung des Zwangaufenthaltes. Doch vielen freigewordenen Familien verbot man die Rückkehr in die in der Grenzzone gelegenen Dörfer. So blieben die meisten bis 1956 und kehrten mit der Masse der Freigewordenen heim. Alle Kosten, die mit der Heimkehr verbunden waren, mussten von den Heimkehrenden bezahlt werden. Heimgekehrt, hatten fast alle, manche sogar jahrelang zu kämpfen, bis sie in ihre inzwischen von rumänischen Zugezogenen oder öffentlichen Ämtern besetzten, meist stark ruinierten Häuser, wieder einziehen konnten. Manchen gelang das nie und sie mussten sich eine Wohnung mieten. In der Bărăgan-Steppe zerfielen die unter Zwang und so unmenschlichen Bedingungen erbauten Häuser. Das Holzmaterial, die Türen und Fenster aber wurden gestohlen. Gegenwärtig sind auf den großen Flächen der damaligen Dorfanlagen kaum noch Lehmhaufen der zusammengefallenen Häuser zu erkennen, denn sie wurden durch Überackerungen schon fast eingeebnet, oder sind vom Unkraut überwuchert.

Auch die Friedhöfe sind verschwunden, und viele Nachkommen der dort Beerdigten haben nach Jahren, oft in einer Nacht- und Nebelaktion, die Gebeine ihrer Toten ausgegraben und insgeheim, nur in Anwesenheit der allernächsten Verwandten, in dem Familiengrab auf den heimatlichen Friedhöfen im Banat beerdigt. Nicht einmal die Gebeine der Toten wollte man in der Bărăgan-Erde belassen.

 

Ein Kapitel kommunistischer Willkürherrschaft in Rumänien war damit beendet. Aber der materielle und vor allem der seelische Schaden, den sie angerichtet hatte, blieb den zehntausenden Betroffenen wie ein Alptraum erhalten. 

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