»Chiaburi« und »Titoisten«. Die Deportation in den Bărăgan 1951-1956

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von Uwe Detemple

 

Der Kampf gegen das Großbauerntum war für das 1945 in Rumänien installierte volksdemokratische Regime eine notwendige Etappe beim Aufbau der neuen Gesellschaft. Die Vertiefung des Klassenkampfes zwischen den armen Bauern und den Großbauern, den so genannten »chiaburi«, wurde zu einer der wichtigsten Prioritäten der neuen Regierung. Die im Land anwesenden sowjetischen Berater forcierten ein gesellschaftliches Gleichheitsmodell mit dem Ziel der Beseitigung des kapitalistischen Elements auch in der Landwirtschaft. Im März 1949 beschloss die Rumänische Arbeiterpartei die Kollektivierung, gegen die sich alsbald Widerstand regte. Die reichen Bauern wurden beschuldigt, Protestaktionen zu organisieren und Sabotageakte zu verüben. In jener unruhigen Zeit eskalierte ein anderer, für die Partei nicht weniger bedeutsamer Konflikt: das Zerwürfnis zwischen Stalin und Tito. Rumänien stellte sich im »Kampf gegen den Titoismus« bedingungslos an die Seite Moskaus. Die Schnittmenge der beiden Problemfelder war das Banat. Die explosive Kombination von hier unvergleichlich vermögenderen Bauern als in den anderen Landesteilen, die serbische Minderheit als potentiellem Unsicherheitsfaktor und die Nähe der jugoslawischen Grenze wurde propagandistisch instrumentalisiert. Im November 1950 schließlich legte der Geheimdienst Securitate einen Plan zur Entfernung aller »gefährlichen Elemente« aus der Grenzzone vor.

 

1951 verfügte das rumänische Innenministerium die Umsiedlung einiger Bevölkerungskategorien aus einer 25 km breiten Zone entlang der Grenze zu Jugoslawien ins Landesinnere. Im Juni 1951 wurden 12 791 Familien mit 40 320 Personen – darunter »chiaburi« (47 %) und Titoisten (3 %), aber auch alle Flüchtlinge aus Bessarabien, der Nordbukowina und der Süddobrudscha (30 %) – aus 203 Ortschaften der heutigen Kreise Temesch (Timiș), Karasch-Severin (Caraș-Severin) und Mehedinți »evakuiert« und in der Bărăgan-Ebene im Südosten Rumäniens angesiedelt, wo jede Familie mit 2500 m2 Boden begütert wurde. Sie erbauten 18 neue Dörfer, fünf im Kreis Brăila, sieben in Călăraşi, eines in Galatz (Galați) und fünf in Ialomiţa.

Nach der schrittweisen Aufhebung des Zwangsaufenthaltes – Juli und Dezember 1955, Februar 1956 – kehrten viele Familien in ihre Dörfer in der Grenzregion zurück (den 12 000 Flüchtlingen aus Bessarabien, der Nordbukowina und der Süddobrudscha wurde die Rückkehr ins Banat allerdings größtenteils verwehrt), wo sie wieder in ihre alten Rechte eingesetzt wurden. Ihr Landbesitz war jedoch inzwischen in die Kollektivwirtschaften integriert worden. Im Bărăgan verblieben nicht nur ihre Häuser und Felder, sondern auch ihre Toten. In die verlassenen Häuser wurden später Studenten, die wegen ihrer Teilnahme an der Temeswarer Studentenrevolte von 1956 (zusätzlich zu ihren Haftstrafen) ein bis fünf Jahre Zwangsaufenthalt im Bărăgan, hauptsächlich in Lătești, verbüßen mussten, einquartiert.(1) Mit der Zeit verfielen die Häuser, die Friedhöfe verschwanden unter Gemüse- oder Getreidefeldern. Heute existieren noch lediglich die Dörfer Dâlga und Fundata.

 

Gedenkstätte zur Erinnerung an die Deportation, in Fundata

Foto: Rainer Remsing

  

Literatur:

DETEMPLE, Uwe: Banater in Südostrumänien 1951-1956. Books on Demand, Norderstedt 2012. Paperback, 92 Seiten; 12,00 €, ISBN 978-3-8482-0843-2.



(1) DETEMPLE, Uwe: Die Temeswarer Studentenrevolte von 1956. http://www.banaterra.eu/german/content/die-temeswarer-studentenrevolte-v... (2011-10-24). 

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