Brauchtum und Glaube bei den Donauschwaben

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Meinen ersten Vortrag in Deutschland hielt ich auf der Jahrestagung des „Sankt-Gerhardswerks“ in Stuttgart am 31.10.1987. es ging damals um: Religiöses Brauchtum bei den Donauschwaben.
In Rumänien war so etwas vor 1989 nicht möglich. Religiöses Brauchtum war tabu. Beim Temeswarer„Facla Verlag“ geb es die strenge Vorgabe: keine "mystischen" (= kirchlichen) Elemente darstellen! Die Jugend, Schüler und Studenten sollten atheistisch erzogen werden. Den Studenten in Deutschland erscheinen solche Lebenserfahrungen als „Propagand“, bleiben aber doch Teil unserer Biografie.
Volkskunde handelt von den Lebensformen eines Volkes, von seinen Sitten und Bräuchen, von seiner Arbeit und seinen Festen, seinem Glauben und Aberglauben. Nach Paul Kaufmann ist das Brauchtum eines Volkes das Spiegelbild seiner Seele, aber auch seiner religiösen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und sozialen Umwelt. Der Brauch verlangt, dass man auf Grund der Überlieferung etwas ganz Bestimmtes tun oder sich auf eine ganz bestimmte Weise verhalten muss. Die meisten Bräuche sind bäuerlicher Herkunft, denn durch tausend Jahre war die Kultur des Volkes von der Tradition des Landlebens bestimmt.
Das bäuerliche Arbeitsjahr beginnt mit der Aufnahme der Feldarbeiten nach der Winterpause, doch das Kirchenjahr bereits mit der Adventszeit. Beide Wendepunkte widerspiegeln sich in der Le-bens- und Vorstellungswelt der donauschwäbischen (und mithin der Banater) Bevölkerung. Doch der prägende Einfluss der landwirtschaftlichen Tätigkeiten und der mit dem Kirchenjahr verbundenen Bräuchen verlor an Geltung bei den Handwerkern und bei der städtischen Bevölkerung, bei der Land-bevölkerung durch die Enteignung des gesamten landwirtschaftlichen Besitzes 1945, und für die ge-samte Bevölkerung mit dem zunehmendem Einfluss der Medien.
Dennoch sind die Traditionen im Brauchtum des Jahresablaufs noch immer gut zu erkennen und sollen in diesem Vortrag synthetisch dargestellt werden. Die ausführliche Beschreibung aller Bräuche und Überlieferungen im Jahreslauf und im Lebenskreislauf würde zu weit führen.

1. Neujahr und Vorfrühling

Der abendländische Neujahrstag wurde erst 1691 von Papst Innozenz XII. auf den 1. Januar festge-setzt; vordem galten Weihnachten, Dreikönig und Mariä Verkündigung als Jahresanfänge. Im frühmit-telalterlichen Deutschland hatte auch Ostern als Jahresanfang gegolten. Der Neujahrstag ist kein kirchlicher Feiertag, wird aber von den Christen als Fest der Namensgebung Jesu begangen. Der Tag zuvor (d.h. der Sylvesterabend) ist nach dem 335 verstorbenen Papst Sylvester I. benannt. In allen Kulturen wird der Neubeginn als bedeutungsvoll empfunden und gibt Anlass zur Besinnung und zum Feiern; er schafft besondere Vorstellungen und Brauchhandlungen. Es folgt eine Darstellung von 1974 aus der Banater Gemeinden Sackelhausen/Sacalaz, die von der Silvesterfeier, vom Wünschengehen und dem Essen am Neujahrstag berichten.
An Silvester ouweds gehn die Leit en Sacklas (Sackelhausen) en die Danksågung. De Pharre halt e Ånred iwers vergangne Jouhr. Är verlest die Ånzåhl der Geburte, Trauunge oun Stärwefelle. An dem Ouwed, wann die Kärich aus es, spille die Musikante a Marsch. Es geft Abschitt vom alte Jouhr gholl, a annre Marsch soll es neie Jouhr begrieße. Die Jugend geht ens Wertshaus tanze, dort bleibt se bis morjets. Manche Buwe gehn zu de Mejd (Mädchen) nachts um zwelf Uhr wensche oun senge.
An Neijohr morjets geht numml (nochmal) alles en die Kärich. Wann mer oufm Wech met ääm zammkoummt, ruft mer sich zu: ”Viel Gleck em neije Jouhr!”Die Hausfraue hann an Neijouhr ihre bsoundre Speisezeddl. An dem Tåch därf kä (kein) Hingel (Huhn) gschlacht genn, weil die Hingle schärre zreckzus (nach hinten) oun die Schwein wuhle vour. Geback geft Lezelt oun feine Backerei. An Neijouhr geht Groß oun Klään zu de Freind wensche:
- Mer wensche eich vill Gleck em neie Jouhr./ Lang lewe, gleckselich stärwe,
Friede oun Einichkeit/ Noh em Tod es Himmlreich bzw.: oun åå gude Gsoundheit.
Aus Tewel (Schwäbische Türkei) ist dieser Neujahrswunsch zur Gänze hochdeutsch überliefert:
Ich bin heute Nacht vom Schlaf erwacht,/ ein Engel hat mir die Botschaft gebracht,
ich dachte hin, ich dachte her,/ ich weiß nicht, was das für eine Botschaft wär,
doch endlich fällt‘s mir ein,/ das heute Neujahr soll sein.
Drum wünsch ich Euch viel Glück und Segen/ und ein langes Leben .
Eine Besonderheit stellt des ”Nachtwächters Neujahrslied” aus Kirwa (Máreiahalom/ Ofner Bergland) dar, das uns 1992 von Johanna Haidler eingesandt wurde:
- Wohl auf, wohl auf, im Namen Herr Jesu Christ,/ Weil das Jahre zwanzig (1920) vorhanden ist.
Jetzt fang ich an mit Gottes Gnad/ und wünsch dem Herr und Frau ein segenreiches Jahr.
- Ich wünsche ihnen ins Haus hinein/ das neugeborene Jesulein.
Und wie es war zu aller Zeit,/ so bleibe es bis in Ewigkeit.
- Ich wünsche den Verstorbenen die ewige Ruh/ und das unauslöschliche Licht dazu.
Der Ursprung unserer Neujahrsumzüge und Wünsche liegt in uralten Fruchtbarkeits- und Vegetations-riten. Da im Volksglauben auf der Schwelle zum Neuen gefährliche Dämonen Gewalt haben, müssen sie mit Lärm, List und kräftigen Sprüchen (Abwehrzauber, als Gegenstück zum Fruchtbarkeitszauber) vertrieben werden. In Nimmersch/ Nimmesháza (Schwäb. Türkei) tritt als besonderes Brauchelement ”der Neujahrsmann” mit einer drohenden Kette auf. Die Kinder wissen, dass sie der ”Neujahrsmann" mitnimmt, wenn sie nicht brav sind . Der lärmende Umzug geht sicher auf ältere magische Vorstellun-gen zurück, wobei in diesem Fall der kettenrasselnde Knecht Ruprecht, der schwarze Begleiter des heiligen Nikolaus, in die Jahreswende übernommen zu sein scheint. Allerdings ist auch an eine mögli-che Personifizierung des Festes zu denken.

1.1 Dreikönig

Neben dem 1. markierte auch der 6. Januar Jahrhunderte lang den Jahresbeginn. Noch in alten Ka-lendern des 18. Jahrhunderts wird der Dreikönigstag als Hoch- oder Großneujahr genannt. Ist Weih-nachten heute das Familienfest der Christenheit, so ist die Epiphanie, das Fest der Erscheinung des Herrn und Weltfest der katholischen Kirche. Ihm folgt am 2. Februar Maria Lichtmess, als Abschluss der kirchlichen Weihnachtszeit.
Der Dreikönigskult (Bekehrung der ersten drei Heiden zum Christentum) breitete sich aus, nachdem 1164 die Reliquien der Heiligen durch Rainald von Dassel von Mailand nach Köln gebracht wurden. Zur Erinnerung an die Pilger, die von einem Stern zur weihnachtlichen Krippe geleitet wurden, zogen im Laufe der Zeit die Sternsinger Kaspar, Melchior und Balthasar in den ersten Tagen des Jahres, in orientalischen Gewändern und mit einem Stern über die verschneiten Felder, durch die winterlichen Dörfer und Städte. Selbst wenn die drei Heiligen nicht persönlich auftreten, können sie schon Glück bringen, wenn der Hausvater ihre Namen, ja sogar bloß deren Anfangsbuchstaben mit geweihter Kreide an die Türen der Wohn- und Wirtschaftsgebäude schreibt: C † M † B (eigentlich Christus mansonem benedicat", 'Christus segnet unser Heim'). Dabei wurden die Räume ausgeräuchert und mit Weihwasser besprengt. Der alte Brauch des Spendensammelns wurde von der Katholischen Jugend übernommen, die ihre Mitglieder in letzter Zeit als Heilige Dreikönige auf die Wanderschaft schickt, um für die Hungernden der Dritten Welt selbst in den Großstädten Almosen zu sammeln. So wurde ein abklingender Brauch durch neue Sinngebung wiederbelebt.
Während das Dreikönigsspiel in den meisten Gebieten Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr anzutreffen war, konnte man es in Banat noch in den 1980er Jahren erleben. In Sa-ckelhausen zogen die als Dreikönige verkleideten Jungen am 6. Januar mit ihrem Stern singend von Haus zu Haus. In jedem Haus trugen sie ihr hochdeutsch überliefertes Lied vor, das den Bogen schlägt von Weihnachten, der Geburt Jesu, zu seiner Namengebung:
Wir heilig drei König, wir kommen in Regen und Wind,/ Wie suchen das neugeborene Kind.
Wir fanden es im Krippelein. Wir fanden es nackt und bloß.
Josef, liebster Josef mein, zieh‘ dein Hemdlein aus,/ Wie machen dem Kindlein Windeln daraus.
Wir machen es hübsch, wir machen es fein,/ Herr Jesu soll sein Name sein.
Dafür erhalten sie von der Hausfrau Geld, Wurst und ”Krapple”, also Schmalzkrapfen, das Gebäck des Tages und der bald folgenden Faschingszeit.
- Am Lostag Lichtmess (2. Februar) werden die Tage schon ersichtlich länger und die Spinnstuben gehen zu Ende. Deshalb sagt der Volksmund: Lichtmess, spinne vegess, am Tag zu Nacht gess.
- Am Blasiustag, den 3. Februar, wurde man in der Kirche mit zwei gekreuzten, brennenden Kerzen gegen Halsbreining ‚Diphtherie‘ geweiht. Weitere Lostage im Bauernjahr sind Petri Stuhlfeier (22. Feb-ruar), als Gedächtnis an den Apostel Petrus, den ersten Bischof von Rom. Es heißt:
Ist es an Petri Stuhlfeier kalt, / so hat der Winter noch lange Halt.
- Schließlich wird der Matthiastag (24. Februar) beobachtet. Der Bauer weiß:
Matheis, brech Eis. / Hoste (hast du) kaans, machst‘r aans.
- Valentin (Faldin, 14. Februar) galt vielerorts als Schutzpatron der Kranken. Sein Tag galt als Ge-meindefeiertag, an dem die Feldarbeit ruhte. Man ging in die Kirche und fastete, um vor der hinfallen-den Krankheit (Epilepsie) verschont zu werden. Aus Amerika kam der moderne Valentins-Feiertrag.

1.2 Fastnacht

Die Fastnacht, (d. h. der Fasching oder Karneval) beginnt um Neujahr und reicht bis zum Aschermitt-woch, d. h. bis zum Beginn der österlichen Fastenzeit. An Fasching is der Teiwl los und: Die Fasching hat e Loch, tanze tun mer doch, behaupten weitverbreitete Sprichwörter und nennen damit zwei Hauptkomponenten der donauschwäbischen Faschingsbräuche: Maskierungen und unermüdliche Unterhaltung bis zu den heutigen Halloween-Feiern, den Streetpartys und Love Parades. Auffällig ist die Vielfalt der Faschingsbräuche: - vom heidnischem Maskenbrauchtum (der Verbindung mit höheren Mächten zur Abwehr böser Dämonen), - bis zur agrarischer Substanz (Vegerationsriten) und zu - bür-gerlichen Bräuchen (Narrentum und Volksfest). Fasching (eigentlich bair.-österr. Faschang 'Ausschank vor der Fastenzeit'), wurde zu: ung. fasang, farsang, fársáng, farsong (vgl. farsangol‚ Fastnacht feiern, schwärmen), rum. farsang, farsang, serbokr. fašanke, fašenk, fašinak, fašenak.
Das Fasteneinläuten, am Faschingsdienstag um 23 Uhr, kündet das Ende der Faschingszeit an, die oft symbolisch (als Strohpuppe oder Weinflasche) verbrannt oder begraben wurde.

2. Oster- und Pfingstbräuche

Die Termine für Ostern und Pfingsten markieren die Höhepunkte des religiösen Frühlingsbrauchtums.
Die Fastenzeit leitet vom ausgelassenen Faschingstreiben zur Osterzeit über. Von Aschermitt-woch bis Ostern wurde nach Möglichkeit gefastet. Wie im Advent trugen Frauen und Mädchen in die-ser Zeit in vielen donauschwäbischen Gemeinden dunkle Kleider, um ihr Mitgefühl mit dem Leiden Christi zu bekunden. Besonders streng wurde darauf geachtet, dass am schwarzen Sonntag (zwei Wochen vor Ostern) alle Gläubigen - auch junge Mädchen - sich schwarz kleideten. Die Kirchenfarbe ist dann violett. An jedem Freitag und Sonntag Nachmittag fanden Kreuzwegandachten statt. In der Fastenzeit verrichteten die katholischen Dorfbewohner planmäßig ihre österliche Beichte.
Am Palmsonntag trugen alle Gläubigen, Kinder und Erwachsene (in Erinnerung an den Einzug Jesu in Jerusalem) Palmzweige, eigentlich Zweige der Sal- oder Palmweide (Salix caprea) mit aufgeb-lühten Kätzchen zur Kirche, die nach der Messe geweiht wurden. Zur Segenwirkung steckten sie Bauern auf ihre Felder, damit die Saaten gut gedeihen, auf die Gräber der Angehörigen und bewahrten sie im Haus auf. Bei Halsweh sollte man geweihte Palmkätzchen schlucken. Man hielt das geweihte Grün für heil- und segenkräftig. Als Fruchtbarkeitssymbol steht der Palmbusch auf einer Stufe mit den vielförmigen Maien, d. h. mit Zweigen und Bäumen der Frühlings- und Maifeste und kann auch mit dem Würzwisch zu Mariä Himmelfahrt in Verbindung gebracht werden.
Am Palmsonntag wird der Leidensgeschichte Jesu in einem Passionsspiel gedacht wird. Das geschah während des feierlichen Hochamtes auf dem Kirchenchor oder auf einer Freilichtbühne, wie dasam gesungenen Passionsspiel. Als lokale Besonderheit sind die Wuderscher Passionsspiele, ”Das Ungarische Oberammergau” die im Budaörser Heimatbuch beschrieben werden. Hier führten Nonnen mit den Schülerinnen und Marienmädchen religiöse und sittliche Laienspiele auf. Die religiöse Haltung der Dorfbewohner zeigte sich an allen Sonn- und Feiertagen des Kirchenjahres, besonders bei Wallfahrten und Prozessionen. Ein Höhepunkt waren die deutschen Passionsspiele auf dem benachbarten Steinberg im Jahre 1933. Am 12. Juni 2000, fand hier wieder eine Freilichtaufführung der Passionsspiele in ungarischer Sprache statt, die von der Endre Bakk-Stiftung, der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen und der Minderheitenselbstverwaltung Budaörs und den umliegenden Gemeinden mit deutschen Einwohnern organisiert und unterstützt wurde.

2.1 Karwoche

Ein erster Höhepunkt ist der Gründonnerstag ist seit dem 12. Jahrhundert belegt und ist dem lat. dies viridium 'Tag der Grünen', d. h. der öffentlichen Büßer nachgebildet, die an diesem Tag von den Kir-chenstrafen losgesprochen wurden. Von diesem Tag an verstummten die Kirchenglocken und die Schellen in der Kirche bis zum Gloria in der Auferstehungsmesse, dafür hört man die Rätschen (südd.-österr. für ‚Ratsche‘). Das kann eine große Ratsche sein, die auf dem Kirchturm gedreht wird und weithin zu hören ist oder mehrere Handratschen, mit dem Ministranten oder andere Schüler durch die Dorfstraßen zogen. Dazu riefen die Buben ihre Sprüche, etwa mittags:
Liebe Christen, wir wolln euch was sagen,/ die Uhr hat schon zwelwe geschlagen.
Wir rätschen, wir rätschen den Englischen Gruß ("Engel des Herrn", ein Gebet)
den jeder katholische Christ beten muss.
Fallt's nieder, fallt's nieder auf euere Knie,/ bet's ein Vaterunser und drei Ave-Marie.
Am Karsamstag Nachmittag gingen die Rätscherbuben mit einem Strohkorb von Haus zu Haus um als Belohnung für das Ratschen Eier zu sammeln.
- Am Karfreitag wurde in der Kirche ein heiliges Grab mit eine Statue des gekreuzigten Jesus errichtet. Die ganze Gemeinde pilgerte hin und die Feuerwehr hielt davor Wache. Die Kreuzwegandacht führte an den vierzehn Stationen des Kreuzwegs vorbei bis zur Kreuzgruppe auf dem Hügel des Kalvarien-berges.
- Am Karsamstag früh erfolgte neben der Kirche die Feuerweihe. Die entstandene Kohle wurde als heilkräftig angesehen und nach Hause genommen. Am Abend ging die Auferstehungsprozession mit Blasmusik von der Kirche durch die Dorfgassen. Danach gab es in allen Häusern zum ersten Mal im Jahr gekochtes Schinkenfleisch, nachdem das Osterfasten der Karwoche fast nur Spinat, Eier, Hering und Bohnen erlaubt hatte.

2.2 Osterbräuche

Der Zeitpunkt des ältesten und größten christlichen Festes (seit dem 8. Jh., ahd. ostara, ostaru) war lange Zeit unbestimmt, bis das Konzil von Nicäa (787) es auf den Sonntag legte, der dem ersten Voll-mond nach der Tag- und Nachtgleiche des Frühlings, also dem Frühlingsbeginn folgt. Für die Kirche war Ostern immer ein Freudentag und ist im Volk ein Tag der Reinigung und segenskräftigen Handlung (z. B. Spritzen um Gesundheit zu wünschen und Gehen im Ostertau). Bemerkendswert sind die Techniken des Eierfärbens. Von rumänischen Kindern wurde der Brauch übernommen, mit den Eiern zu ”titschen”. Der Junge, dessen Eierschale beim Anschlagen ganz blieb, erhielt das eingeschlagene Ei des Gegners. Lammbraten als Osterspeise war in manchen Ortschaften allgemein üblich, in anderen bevorzugte man Schweinebraten oder Geflügel.
- Der Weiße Sonntag nach Ostern gehörte den Erstkommunikanten, die zum ersten Mal ”weiß spei-sen” gingen; es war ein Fest für jede Familie. Im Mai wurde jeden Abend Maiandacht gehalten und dabei die Lauretanische Litanei gebetet und beliebte Marienlieder gesungen wie ”Maria Maienkönigin” oder ”Meerstern, wir dich grüßen”. Besonders an Sonntagen war die reichlich mit Blumen geschmückte Kirche immer gefüllt.
- Der Dreifaltigkeitssonntag galt für viele Banater Gemeinden als schönstes Kirchenfest. An diesem Tag fand die Wallfahrt zur Ehre der Muttergottes nach Maria Radna statt. Der Tag wurde ursprünglich im Zeichen der Abwehr von Cholera, Pest und anderen Epidemien der Ansiedlerzeit begangen, und die Wallfahrt aller überlebenden Dorfbewohner hatte sich infolge eines Gelübdes in jenen Notzeiten eingebürgert. (Gleichen Inhalt hat die 50-jährige Gelöbniswallfahrt nach Altötting).

2.3 Pfingstbräuche

Pfingsten, von griech. pentekosté heméra ‚fünfzigster Tag‘ (nach Ostern) setzte sich im Gegensatz zu Ostern schon in alter Zeit als kirchliche Bezeichnung des Festes der Herabkunft des Heiligen Geistes durch. Bei den Donauschwaben galt Pfingsten auch als großes Fest, bei dem der Schützenverein in Aktion trat. Man trug seine besten Kleider und legte Wert auf reichliches Essen und gutes Gebäck.
- Zur alten Überlieferung des Pfingstlümmels zählt das Bemühen der Mädchen, am Pfingstmontag ihre Brüder oder die Knechte der Bauernwirtschaft schlafend zu überraschen, um ihr Nachthemd mit dem Polster, dem Leintuch oder der Decke zusammennähen zu können. Den Mädchen wurden auch Blumen ins Bett gelegt und den Jungen das Gesicht mit Laub oder auch Brennnesseln bedeckt. In Wemend (Batschka) war das Pfingstreiten ausgeprägt. Große Burschen schmückten ihr Pferd auf dem Kopf mit bunten Wachskränzchen und ersetzten den Sattel mit einer schönen Decke. Auf den Hut steckten sie einen bunten Strauß. Vor dem Ersten Weltkrieg wurde der Pferdehirt mit grünen Ästen und Laub als Pfingstlümmel maskiert. Mit ihm zogen die Burschen in Begleitung der Blaskapelle von Haus zu Haus. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Brauch ohne den Pfingstlümmel fortgesetzt. Beim Gungl-Wirt erhielten die Reiter Schnitzel zum Frühstück. Danach ritten die Burschen ritten um die Wette bis zum Wirtshaus. Wer zuerst ankam, wurde als Sieger bewirtet.

2.4. Fronleichnam

Das erstmals 1264 in Lüttich von Papst Urban IV. begangene Fest Fronleichnam (mhd. vrônlîcham ‚Leib des Herrn') sollte das Gedächtnis an das Abendmahl mit dem Altarsakrament am Gründonners-tag unter österlichen Vorzeichen wieder aufgreifen. Langsam verband sich damit die aus der Flurpro-zession entstandene Sitte, die Eucharistie als Prozession auf Straßen und Plätze hinaus zu tragen. Die vier Stationen der Evangelienaltäre kamen im 14. Jahrhundert dazu. Der Pfarrer segnet die knieende Menge mit der Monstranz, und die Schützenvereine feuern wie an den höchsten Feiertagen Salutschüsse ab. Die Straßen und Wege sind mit Blumen und frischem Grün festlich geschmückt. Die vier Kapellen werden aus grünen Ästen errichtet und mit Blumengirlanden geschmückt. In vielen Ge-meinden - wie in Wudersch (I) ist es üblich, vor der Kirche zu Fronleichnam einen Blütenteppich aus-zulegen, dessen barocke Komposition, wie in Österreich, religiöse Symbole darstellt.
Ein ähnlicher Umgang um die Kirche mit der Monstranz, fand in Filipowa (Batschka) von Ostern bis Herbst an jedem Monatssonntag (dem ersten Sonntag nach Neumond) statt. Der Monatsumgang hängt mit der Türkengefahr in der Pannonischen Tiefebene zusammen. Nachdem die Türken 1453 Konstantinopel erobert hatten und Europa bedrohten, erließ Papst Kalixtus III. 1456 einen Aufruf an die Christenheit, allmonatlich am ersten Sonntag nach Neumond eine Bittprozession zur Abwehr der Türkengefahr abzuhalten. Das geschah in Ungarn nicht mehr, nachdem die Türken 1521 Belgrad erobert und 1526 bei Mohács gesiegt und die ungarische Tiefebene besetzt hatten. Erst als nach den Schlachten bei Zenta (1697) und Peterwardein (1716) die Türken zurückgedrängt wurden, konnten die Ansiedler die Monatsprozessionen wieder halten. Sie gestalteten sich nun christlichen Triumphzügen.

3. Kirchweih

Die Kirchweihe war ursprünglich die feierliche Übergabe gottesdienstlich genutzter Räume. In der lateinischen Liturgie wurden Kirchweihen seit dem Mailänder Edikt (313) durch die erstmalige Feier der Eucharistie durch den Bischof vorgenommen, jedoch noch ohne besondere Riten. In den Kirchen zum Gedächtnis eines Märtyrers oder Heiligen wurden dessen Leib, später wenigstens einige seiner Reliquien beigesetzt. Im 9. Jahrhundert kam die Waschung mit "Gregoriuswasser" und die Salbung des Altars und der Wände hinzu. Der vielschichtige Ritus wurde 1596 in das Pontificale Romanum übernommen. Das Pontificale Pauls VI. von 1968 sieht eine Einholung der Reliquien am Vortag der Weihe vor, am Weihetag selbst die Besprengung des neuen Gebäudes durch den Bischof von außen und innen, die Waschung und Salbung der Wände, des Hauptportals und des Altars. Anschließend findet das erste feierliche Hochamt statt. Die Kirchweihe erfolgt auf einen Titel, nämlich auf einen Hei-ligen oder auf ein Glaubensgeheimnis (z. B. Dreifaltigkeit). Die Beschreibung eines donauschwäbi-schen Kirchweihtags Anno 1921 hält fest:
(...) Der hochwürdige Domherr und Weihbischof von Kalocsa, Paul von Szuchich, war mit der Geistlichkeit im Kirchhof angelangt, wo der Domherr in feierlichem Ornat seinen Platz unter dem Thronhimmel einnahm. Die Einweihungsfeierlichkeit begann. Der Zug ordnete sich zum Umgang. Böllergeknall ertönte, die Glocken läuteten und die Blechmusikkapelle setzte ein. Der Domherr ging dreimal um die Kirche herum und besprengte die Wände mit Weihwasser. Nach der äußeren Weihe betrat er mit der Geistlichkeit die Kirche mit dem Segensruf: 'Der Friede sei mit diesem Hause!' Während das Innere der Kirche eingesegnet und die Kreuzesbilder mit Chrysam gesalbt wurden, während die Reliquien aus dem Zelt vor der Kirchentür in die Kirche übertragen und in die Reliquiengruft der einzelnen Altäre versenkt wurden, wartete die Gemeinde draußen in tiefer Stille und wurde hernach wurde die Gemeinde in die Kirche eingeführt. Hinter dem Altar begrub man noch einen Gedenkstein mit Inschrift, dann begann der Gottesdienst. Der Pfarrer von Kruschiwl [Kruschewel III], Andreas Holzler, betrat die Kanzel und hielt eine ergreifende Weihepredigt ... Und als die Leute nach dem Hochamt aus der Kirche kamen, trug man schmackhafte Speisen auf und rollte Weinfässer herbei, denn nun sollte der festliche Tag mit den Gästen auch fröhlich gefeiert werden. (...)
Schon seit dem 9. Jahrhundert wurde der Jahrestag der Kirchweihe auch als weltliches Fest gefeiert. Die Kirchweihe hatte Jahrmärkte an sich gezogen. dazu Schaustellungen von Komödianten und volk-stümliche Vergnügungen. Seit dem frühen 16. Jahrhundert setzte sich die gemeinsame Feier der Weihe aller Kirchen eines Bistums durch. Als Termin wurde der Herbst bevorzugt, so dass die Kirchweihe auf einen Sonntag im Oktober oder November verlegt wurde und vielfach mit der Erntefeier zusammenfiel. Kirchtag (bair. Kiridåg) ist der Jahrestag einer Kirche, die Kirchweihe in Bayern und Österreich. Das Wort Kirmes ist in der Volkssprache zur Bezeichnung von Fest und dörflicher Lustbarkeit geworden. Besonders in Mittel- und Süddeutschland ist es das bekannteste und verbreitetste unter den weltlichen Festen geworden, das sich vom Erinnerungsfest der Kircheneinweihung - das zugleich Fest des Kirchenpatrons sein konnte -, abhebt. Aus der Bezeichnung Kirchweihe entsteht durch Kürzung Kirweih, Kirbei. Die weitere Entwicklung führt zu vorderpfälzischem Kerwe, Kirwe, west- und nordpfälzisch Kerb, südfränkisch und hessisch Kirweih, ostfränkisch Kirwa, Kerwa, in Südbaden und in der Nordschweiz zu alemann. Kilbe, Kilbi, Chilbi, schwäbisch Kirbe, bairisch Kirte, Kirde, österr. Kirita(g). Im donauschwäbischen Sprachbereich sind die Varianten für Kirchweih und Kirchtag anzutreffen, am häufigsten: Kerweih, (früher Kerwei!) Kirweih, Kiridag. KATHARINA WILD bringt für 50 erfasste Orte der Schwäbischen Türkei wird unter Kirmes, jedoch meist 'Herbstkirmes' verstanden, getrennt von der "kleinen Kirmes", d. h. der alten "Kirchweih". Nach dem breiten Terminkalender der donauschwäbischen Kirchweihfeste kann es sich um ein Frühlings-, Sommer oder Herbstfest handeln.
Kirchweihsymbole sind der Kirchweihbaum oder "Maibaum", meist eine Eiche mit grünem Wipfel, oder eine große, verzierte Stange, weiterhin der Kirchweihstrauß aus Rosmarinzweigen, der versteigert oder verlost wird, die Kirchweihpaare in einer festlichen Tracht und ihr Auffmarsch, die Kirchweihgesellschaften zur Ausrichtung des Festes, das leere Weinfass, auf dem der "erste Geldherr" die Kirchweihsprüche sagt, die zeremoniellen Kirchweitänze um den Baum, das Verlosen des Kirchweihhutes und Kopftuchs usw. Im Banat und in der Batschka haben sich diese Elemente beson-ders ausgebildet; während sie in der Schwäbischen Türkei nur bis zum Zweiten Weltkrieg blieben.
Aus dem Erntebrauchtum übernahm die Kirchwei außer dem Kranz die Fruchtbarkeits- und Opfertiere, der Hahn, der z. B. im Banater Bergland (früher) erschlagen wurde und der zu ersteigernden Kirchweihbock, z. B. in Sanktanna. übernommen. Der Heischegang in Wolfsberg (Garâna) und Weidental (Brebu Nou) stammt aus dem Fastnachtsbrauchtum. Gastfreundschaft für auswärtige Ver-wandte und Gäste wurde zur Kirchweih groß geschrieben, ja, man gedachte auch der Verstorbenen. Die verschiedenen Bräcuhe der Ansiedler vermischten sich. Mitteldeutsche Bräuche sind z. B. das symbolische Ein- und Ausgraben der Kirchweih, das Baumaufstellen und Verlosen eines Halstuchs und Hutes; oberdeutsche sind das Hahnenschlagen und Kegeln um den Kirchweihbock. Kirchweih-sprüche wurden üblicherweise jährlich von begabten Dorfbewohnern für die Vortänzer verfasst. In Lowrin (Banat) sagte der erste Geldherr 1908 einen hochdeutschen Spruch, der so begann:
Gelobt sei Jesus Christus! (Die Zuschauer erwiderten: In Ewigkeit Amen.)
Willkommen seid, ihr liebe Gäste,/ die ihr uns ehrt an diesem Feste!
Und tretet näher, hört ein wenig her,/ was ich vom Maienbaum und Kirchweihfest erklär.
Seit der Wiederbelebung der Banater Kirchweih, nach der kriegsbedingten Unterbrechung, nahmen nur mehr Jugendliche an der Veranstaltung und Durchführung der Feier teil. Sie wurden im Laufe der Jahre immer jünger (und durch die zunehmende Aussiedlung weniger), so dass schließlich Schüler am Temeswarer Nikolaus-Lenau-Gymnasium beim jährlichen Trachtenfest einen Kirchweihstrauß versteigern sowie Hut und Schultertuch verlosen. Wie die meisten zurückgebliebenen Donauschwaben sind auch viele Banater Deutschen bereits seit Jahrzehnten in städtische Zentren gezogen und feiern hier nach Möglichkeit ihre überlieferten Feste weiter. Also hat auch die Stadtkirchweih alle Elemente der früheren dörflichen Feier übernommen.
Wegen der geringen deutschen Restbevölkerung werden die Banater Kirchweihfeste auch mit der Unterstützung rumänischer, ungarischer oder andersnationaler Dorfbevölkerung bis heute als Dorffest fortgesetzt. Vermutlich wird sich nur die kirchliche Feier erhalten. In Deutschland feiern die Schwaben ihre Kirchweih immer noch bei ihren Treffen. Bei der Festmesse erklingen hier über Lauts-precher die Heimatglocken und die Teilnehmer singen manchmal - wie bei kirchlichen Hochfesten - die hymnische Melodie "Großer Gott, wie loben dich" mit aktualisiertem Text:
Großer Gott, wir danken dir/ für die Heimat unserer Ahnen.
Jeder fand ein Plätzchen hier,/ wo wir unseren Frieden haben.
Deinen Frieden ganz allein/ braucht ein Mensch zum Glücklichsein.

4. Advent und Weihnacht

Zu Kathrein, am 25. November, fand der Kathreineball statt, danach hies es: Kathrein, sperrt die Gei-gen ein, danach gab es bis zu Neujahr keine Musik und Unterhaltung mehr. Die ruhige und besinnliche Zeit begann mit der Gräberpflege für den Allerseelentag, an dem man seiner lieben Verstorbenen gedachte. Denn durch Weltkrieg und Verschleppung hat jede Familie Tote zu beklagen, die oft ohne Gebet in einem Massengrab verscharrt worden sind. Diese Situation führte zur Aufstellung von Gedenksteinen für die anonym Beerdigten einer Ortsgemeinde, zur Errichtung eines Gedenkhofes mit einem von Partisanen verstümmelten Kreuz im Haus der Donauschwaben in Sindelfingen, neuerdings zur Errichtung von Gedenktafeln für die Opfer beider Weltkriege und die Deportierten aus Rumänien und Ungarn. An den Stellen der Massengräber in Jugoslawien werden Gedenkkreuze errichtet.

4.1 Nikolaustag

Der 6. Dezember ist der Tag des heiligen Nikolaus. Er war Bischof von Myra in Kleinasien, nahm am Konzil von Nicäa teil und starb am 6. Dezember 345 oder 352. Wegen seiner Freigebigkeit wird er bis heute als Wundertäter und Helfer in der Not verehrt. Das Patronat wurde später von konfessionellen Schulen übernommen. Gewöhnlich wurde der heilige Nikolaus von einem Pelznickel oder Pelzbuob bzw. einem Pelzmärte (d. h. Pelzmartin) bzw. Knecht Ruprecht oder Krampus begleitet. Bei den christlichen Gestalten der Vorweihnachtszeit kommen immer wieder ihre dämonischen Vorgänger (z. B. aus den römischen Saturnalien) zum Durchbruch und begleiten die Lichtgestalten. Der heilige Nikolaus wurde bekanntlich in Amerika zu Santa Claus an Christmas, also zu einem Weihnachtsmann.
Eine Diplomarbeit aus Darowa (Banat) schildert den Umzug der Nikolaus-Gestalt folgendermaßen:
Nikelo (Nikolaus) wärd abghall am finfte Dezembe ouweds. An dem Ouwed (Abend) richte sich alli Kinne for de Nikelo, weil de Nikelo bringt de bråve Kinne (Kinder) Nusse un Eppl (Äpfel), in anre Tutt (Tüte), de schlimme e Rut. De Nikelo hat e Bunda (Pelzmantel) um un e langi Kett. Uf em Kopp hat de Nikelo e Pelzkapp. Mit därre Kett klingelt er, kloppt an die Tihr un frout: "Sinn die Kinne bråv? Därf de Nikelo 'nin?" Wann die Motte dann "jou!" sååt, kummt de Nikelo ins Zimme. Dann frout (fragt) er: "Kenne die Kinne ååch bede (beten)?" Dann tun die Kinne bede. Wann die Kinne gebet hann, misse se noch a Gedicht såån. Die wu des kenne, krien (kriegen) nou ihre Gschenk. De Schlimme wärd die Kett an de Fuß gemacht. Sie misse vespreche, bråv zu sinn odde krien se nix vun em Chrischtkind.
Am Klåsetag (5. Dezember) wurde in der Sathmarer ein überliefertes Brauchspiel mit mehreren Ge-stalten (die Weißen, der Schwarze, der Tod und der Strohsack = 'Erbsenbär') aufgeführt.
Am Tag der heiligen Luzia, den 13. Dezember, backten die Frauen ein Luzabrot, ein Fladenbrot aus etwas Maismehl und Fett, und bauten ein Luzastühlchen, d. h. einen Schemel aus einem Brett und vier Füßen. Das Brot sollte einen das ganze künftige Jahr sättigen und das Stühlchen den Frauen die Monatsregel erleichtern, wenn sie lden Fuß in ein Schemelloch steckten. Lucia von Syrakus (auf Sizilien), erlitt im Jahre 304 unter Diokletian den Märtyrertod, weil sie nicht heiraten und statt dessen ihre Mitgift an die Armen verteilen wollte. In Schweden ist sie ein ein weißgekleidetes, gabenbringen-des Mädchen mit einem Lichterkranz auf dem Kopf. Sie erhielt aber auch Elemente einer heidnisch-mythischen Schicksalsfrau an der Jahreswende (wie die österr. Perchten).
Am Tag des Apostels Thomas, den 21. Dezember, wurde das Fleisch für Weihnachten be-sorgt. Man sollte möglichst mehrere Haustiere schlachten. Manche ungarische Nachbarn der Donau-schwaben hoben ein Stück Tierhaut als Mittel gegen Keuchhusten für Mensch und Tier auf.

4.2 Weihnachtsbräuche

Das Weihnachtsfest als Erinnerung an die Geburt des Erlösers wurde im Laufe der Jahrhunderte zum volkstümlichsten Fest des Kirchenjahres Doch da der genaue Tag der Geburt weder durch die Bibel noch durch die kirchliche Überlieferung genau bestimmt wird, schwankte der Termin. Seit dem 3. Jahrhundert wurden Geburt und Taufe Jesu zusammen am 6. Januar gefeiert, was in der orthodoxen Kirche bis heute so blieb. Zur Bekämpfung des heidnischen Kultes des Sol invictus, des 'unbesiegten Sonnengottes' und zugleich des orientalischen Kultes des Mithras verlegte die römische Kirche um die Mitte des 4. Jahrhunderts ihr Hauptfest vom 6. Januar, dem Tag der Taufe Jesu, auf den 25. Dezem-ber. Durch diese Terminverschiebung auf den Tag der römischen Sonnwendfeier und den dies natalis des Mithras gingen römische Neujahrs- und Mittwinterbräuche ins christliche Weihnachtsfest über.
Bei den Germanen kam es zugleich zu einer Auseinandersetzung mit dem Julfest, das ebenfalls in die Zeit um die Wintersonnenwende fiel. Also setzte man Christus als das Licht der Welt und den Sieger über die Nacht der Sünde und des Todes dem früheren Sonnengott, den Sonnwendfeuern und dem vorchristlichen Toten- und Fruchtbarkeitsfest der germanischen Wintersonnenwende entgegen.
Die Bezeichnung mhd. ze den wîhen nahten 'zu den heiligen Nächten' tritt zuerst 1170 auf. Die Betonung der Nacht geht wohl auf die christliche Liturgie zurück, während sich der Plural wohl darauf bezieht, dass mehrere Tage gefeiert wurde. Mitteldeutsch gibt es bis heute die Bezeichnung Christtag.
Luther verlegte die christliche Bescherung durch den hl. Nikolaus und das Christkind auf Weih-nachten, um die Bedeutung dieses Festes zu betonen. Das Aufstellen des Weihnachtsbaumes in seiner heutigen Form ist verhältnismäßig jung. Nach RICHARD BEITL wurde er erst im 19. Jahrhundert allgemein; die erste Erwähnung stammt von 1605 aus dem Elsass:
Auf Weihnachten richtet man Dannenbäum zu Straßburg in den Stuben auf, daran henket man Rosen aus vielfarbigem Papier geschnitten, Äpfel, Oblaten, Zischgold, Zucker usw. Man pflegte darum einen viereckent Rahmen zu machen ...
Die Anfänge des Weihnachtsbaumes gehören ursprünglich in den Vorstellungskreis der Zwölften, welche die Zeit von Weihnachten bis zum Dreikönigstag umfassen. Deshalb wird er noch heute am Heiligen Abend aufgestellt, überdauert das Neujahrsfest und wird erst am Dreikönigstag abgeräumt.
Die kulturgeschichtliche Bedeutung des Baumes wird aus dem Lebens-, Himmels- oder Wel-tenbaum und aus dem Wintergrün ersichtlich. Zu den hängenden Formen des Weihnachtsgrüns gehört der Adventskranz, der zuerst 1839 in Hamburg (als Holzreif mit 23 + 4 dicken Kerzen) für Wai-senkinder aufgehängt wurde. Die protestantische Sitte des Adventskranzes kam erst nach dem Ersten Weltkrieg nach Österreich und wurde in der katholischen Kirche aufgenommen. Der Weihnachtsbaum als Lichterbaum wird zuerst 1660 erwähnt. In dieser Form, mit Süßigkeiten und Obst, trat der Lichter-baum seinen Siegeszug über ganz Deutschland und danach über Europa und Amerika an.
Aus Darowa (Banat) wurden die hier wiedergegebenen Weihnachtsbräuche übermittelt:
Noh em Nikelo (Nikolaus) kumme ball die Weihnachte. An Heiliche Ouwed wärre die Christbeem gemach. Friehe wår de Bååm meischtns Kranewette (bair.-österr. 'Wacholder'). Dort wärre Salounzucke, Nusse, Eppl (Äpfel) un Spritzkärze drangebunn. Unne de Bååm wärd's Spillsach geleet.
- An Mettenacht gehn die Leit in die Kärich. Devor fittert de Haushärr alles Viech (...). Am Weih-nachtsmorjet finne die Kinne de Bååm, de Zucke un die Niss, die schmecke prima. Noh kummt ååch noch de Phat ode die Gout mit "Goudesach" (Patengeschenke) (...)
Die Vorbereitung der Kirche auf hohe Feste wie Ostern, Pfingsten und Weihnachten durch gemeinsa-me gottesdienstliche Nachtfeiern seit dem Mittelalter wurde später auf die Vortage der Feste verlegt, die bis heute Vigil genannt werden. Die Mitternachtsmesse ist ein feierliches Erlebnis, das noch durch das Turmblasen verstärkt wurde. Das weltbekannte, in 230 Sprachen gesungene Lied Stille Nacht, heilige Nacht (Text Josef Mohr, Melodie Franz Xaver Gruber, 1818 in Oberndorf bei Salzburg uraufgeführt) wurde gewöhnlich als letztes angestimmt, oder auch das alte Volkslied: "Es ist ein Ros' entsprungen aus einer Wurzel zart". In der Morgenmesse sang man weihnachtliche Hirtenlieder.
Am zweiten Weihnachstag, dem Stefanstag (26. Dezember) wurden Verwandte besucht und der Namenstag gefeiert. Am 27. Dezember eihte man den heilkräftigen Johanneswein in der Kirche.

4.3 Weihnachtsspiele

Während sich in Norddeutschland die Nikolausgestalt zum Weihnachtsmann entwickelte, wurde in vielen donauschwäbischen Ortschaften das gütige Christkind durch eine verkleidete Person verkör-pert, die den Kindern Geschenke brachte und ggf. auch eine Rute zurückließ. Sein Begleiter, der Bel-zebock, blieb inzwischen unsichtbar in der Küche oder lärmte vor dem Fenster mit einer Kette.
In allen deutschen Gebieten, aber auch in Ungarn, Italien und Südfrankreich ist neben dem Weihnachtsbaum die Darstellung der Geburt Christi in den Weihnachtskrippen anzutreffen. Die älteste urkundlich belegte Krippe ist die des heiligen Franziskus von Assisi aus dem Jahre 1223. Aus den Weihnachtsspielen und dem "Kindelwiegen"entwickelten sich das Weihnachtssingen als Aufgabe der Chorknaben. Bei den Sathmarer Schwaben war sowohl das Singen des Christkindchenspiels als auch die szenische Darstellung des Bethlehem bekannt, wie es KOCH beschreibt . Es war aus der oberschwäboschen Heimat mitgenommen worden.
Außer den Krippenspielen gab es die zahlreichen szenisch ausgebauten Christkindlspiele. Josef Lanz untersuchte ein Beispiel, das seit 1903 in Janisch/ Mecsekjánosi (Schwäbische Türkei) aufgeführt wurde. Nach der Vertreibung wurde dieses Christkindlspiel in einem Flüchtlingslager bei Kufstein in Tirol und später in Hochdorf im Kreis Esslingen (Baden-Württemberg) aufgeführt. Es war im "unsichtbares Gepäck", als bleibende Erinnerungen, mitgenommen worden. Im heimatlichen Dorf Janisch wurde das Volkssspiel nach 1945 ungarisch und seit 1956 wieder deutsch vorgetragen.

(Vortrag auf dem Begegnungswochende junger Katholiken aus Rumänien, Ungarn,
der Wojwodina und aus Deutschland. In Altötting, am 7.07.2006)

LITERATUR

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GEHL, HANS (Bearb.) 2000: Wörterbuch der donauschwäbischen Baugewerbe. (Schriftenreihe des IdGL Tübingen), als Teil 2 der Reihe Donauschwäbische Fachwortschätze, Stuttgart: Jan Thorbecke Verlag , ca. 590 S., 8 Karten und zahlr. Abb.
GEHL, HANS 2003: Wörterbuch der donauschwäbischen Landwirtschaft. (Schriftenreihe des Instituts für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde, Bd. 12), als Teil 3 der Reihe Donauschwäbische Fachwortschätze. Stuttgart: Franz Steiner Verlag, 661 S., 8 Karten und 107 Abb. ISBN: 3-515-08264-6. (36 €).
GEHL, HANS 2003: Donauschwäbische Lebensformen an der Mittleren Donau. Interethnisches Zu-sammenleben und Perspektiven. (= Schriftenreihe der Kommission für deutsche und osteurop. Volkskunde Bd. 85). Marburg: Elwert Verlag 2003. (330 S, 19 Abb., 7 Karten, 22 €). ISBN: 3-7708-1228-X. - (Der Band knüpft an meine 5 Sammelbände "Beiträge zur Volkskunde der Banater Schwaben" (Temeswar Facla Verlag, 1973-1984) an und führt sie weiter. Darin: Kapitel 9: Bräuche und Feste im Jahresablauf S. 112-202. Anschließend: Kapitel 10: Höhepunkte im Lebenskreis S. 203-240.)
GEHL, HANS 2005: Wörterbuch der donauschwäbischen Lebensformen. Stuttgart: Franz Steiner Verlag, 720 S., 8 Karten und 38 Abb. ISBN: 3-515-08671-4. (41 €).
HARTMANN, RUDOLF 1975: Pfingstbräuche in der Schwäbischen Türkei. In: Jahrbuch für ostdeutsche Volkskunde, Bd. 18. Marburg, S. 297-305.
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Dr. Hans Gehl

 

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