Adventsbräuche bei den Banater Schwaben

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Dr. Hans Gehl

Von Martini bis Neujahr. Banater Winterbräuche – Brauchgestalten und Umzüge

 

Eigentlich handelt es sich um die Advents- und Weihnachtszeit, doch die Martinsgestalt (11. November) spielt bei der Ausgestaltung der Brauchgestalten dieser Zeit auch eine Rolle, und die Faschingsbräuche leiten bereits zum Frühling über; also sollen die Winterbräuche unserer Region - mit besonderer Berücksichtigung der Brauchgestalten und Umzüge - untersucht werden.

 

1. Vorweihnachtliche Brauchgestalten

 

Die Wetterregel: Martini kommt auf einem Schimmel geritten deutet auf einen Vorboten des Schnees. Allerdings mag dazu beigetragen haben, das der heilige Martin, der Gründer des ersten Klosters des Abendlandes, als römischer Reiter auf einem weißen Pferd (eben einem Schimmel) dargestellt wird. Und zur Martinsgans kann es dazu gekommen sein, dass in den Klöstern schon im 12. Jahrhundert ein Gänsebraten auf den Tisch kam. Die leibeigenen Bauern waren verpflichtet, am Ende der Mastzeit, zu Martini, gemästete Gänse als Zins an den Gutsherrn oder an das zuständige Kloster abzuliefern. Die Gans war der letzte Festbraten vor dem großen Adventfasten. Diese Erklärung des Begriffs ist wahrscheinlicher als der Hinweis auf die Gans als Sinnbild der Fruchtbarkeit, das man also mit der Gans einen Fruchtbargeist verspeiste und sich gefügig machte.

Weihnachten und Neujahr werden als wichtige Marksteine der Wintermonate gewertet, deshalb knüpfen sich daran mannigfache Vorzeichen und Handlungen. Eingeleitet werden beide Höhepunkte im Jahreslauf bekanntlich durch die Adventzeit, die nach Kathrein (25. November) beginnt. Der 6. Dezember ist der Tag des heiligen Nikolaus. Er war Bischof von Myra, nahm am Konzil von Nicäa teil und starb am 6. Dezember 345 oder 352. Wegen seiner Freigebigkeit wird er bis heute als Wundertäter und Helfer in der Not verehrt. Der Einkehrbrauch entstand im 12. Jahrhundert in Klosterschulen, wo die Schüler am Tag ihres Patrons mit kleinen Geschenken belohnt, aber auch für Übeltaten bestraft wurden. Das Patronat wurde später auch von den weltlichen Schulen übernommen. Aus Biberach / Riss wird berichtet, dass die Kinder bereits im 16. Jahrhundert am Vorabend des Nikolaustages ihre Schuhe ins Fenster gestellt und darin Geschenke erhalten haben. Dieser Brauch ist über gang Europa verbreitet. In Baden kam um 1900 Sankt Nikolaus mit einer Bischofsmütze und einer Rute, oft auch mit einem Esel, der die Gaben trug. Gewöhnlich wurde der heilige Nikolaus von einem Pelznickel oder Pelzbuob bzw. einem Pelzmärte (d. h. Pelzmartin) begleitet. Es ist bemerkenswert, dass in manchen Orten Deutschlands das Martins- und das Nikolausgabenfest verschmolzen und beide dem Christfest unterlegen sind. So wird das weißgekleidete Christkindle beim Gabenaustragen am Christabend oft von einem vermummten Pelznickel oder von einem Eselsbock begleitet. Diesen stellt ein Reiter auf einer Heugabel dar, der mit einem Leintuch bedeckt ist. In den 1860-er Jahren ging in Thüringen am Weihnachtsabend ein mit Schellen behangener Erbsenbär herum, der um 1850 in Bamberg als Hel-Niclos erst nach Weihnachten umging, aber trotz seiner furchterregenden Erbsenstroh-Hülle den Kindern Äpfel spendete. Bei den christlichen Gestalten der Vorweihnachtszeit kommen immer wieder ihre dämonischen Vorgänger zum Durchbruch und begleitet die Lichtgestalten oft als böses Element.

Eine Arbeit aus Darowa (V) beschreibt den Umzug der Nikolaus-Gestalt folgendermaßen:

Nikelo (Nikolaus) wärd abghall am finfte Dezembe ouweds. An dem Ouwed (Abend) richte sich alli Kinne for de Nikelo, weil de Nikelo bringt de bråve Kinne (Kinder) Nusse un Eppl (Äpfel), in anre Tutt (Tüte), de schlimme e Rut. De Nikelo hat e Bunda (Pelzmantel) um un e langi Kett. Uf em Kopp hat de Nikelo e Pelzkapp. Mit därre Kett klingelt er, kloppt an die Tihr un frout: "Sinn die Kinne bråv? Därf de Nikelo 'nin?" Wann die Motte dann "jou!" sååt, kummt de Nikelo ins Zimme. Dann frout (fragt) er: "Kenne die Kinne ååch bede (beten)?" Dann tun die Kinne bede. Wann die Kinne gebet hann, misse se noch a Gedicht såån. Die wu des kenne, krien (kriegen) nou ihre Gschenk. De Schlimme wärd die Kett an de Fuß gemacht. Sie misse vespreche, bråv zu sinn odde krien se nix vun em Chrischtkind. 

Ähnlich verlief der Umzug in vielen Banater (oder Batschkaer) Ortschaften. Der Nikolaus war in einen Pelzmantel und eine ebensolcher Kappe gekleidet und trug eine Kette. Für die Kinder, die beten und den Heischespruch sagen konnten:

Nikolaus, Nikolaus, komm ins Haus und leer dein Säckelche aus, lieber Nikolaus,

hielt Nikolaus Äpfel, Nüsse und Bonbons bereit, doch für die schlimmen nur eine dicke Rute. Belohnung und Bestrafung, das Gute und das Böse gingen in dieser Gestalt Hand in Hand.

In der Geschichte des Brauches kommt zum heiligen Nikolaus noch eine zweite Gestalt hinzu, der Knecht Ruprecht. Er trägt auch andere Namen wie Krampus und bestraft das Böse. Eigentlich stellt er selbst das Böse, wahrscheinlich den Teufel, dar. Dabei ist davon auszugehen, dass neben dem christlichen Fest für einzelne Vorstellungen auch römische und orientalische Einflüsse aufgenommen wurden. Die Römer hatten im Dezember ihr Fest der Saturnalien. Dort wurden - wie bei uns zu Fasching üblich - alle Werte umgedreht: Der Sklave ließ sich vom Herrn bedienen, das Gute wurde zum Bösen, das Männliche zum Weiblichen usw. In der römischen Kaiserzeit wurden mit dem alten römischen Bauernfest, das dem Gott der Saaten galt, orientalische Sitten verbunden. Im deutschen Volksfest haben Einrichtungen der Klosterschulen viel mitgestaltet, so die Begegnung mit dem Heiligen, doch aus römischen Bräuchen stammen die Umzüge und das Lärmen verkleideter Personen, die bereits den Übergang zu den Faschingsum­zügen darstellen. Ursprünglich sollten dadurch die bösen Mächte des Winterdunkels dargestellt und zugleich verscheucht werden. An diese Umzüge erinnert das wilde Treiben der österreichischen "schiachen Perchten" an diesem Tag.

Ähnliches geschieht am Klåsetag in der Sathmarer Gegend. In Anlehnung an Stefan Koch beschreiben wir die Entwicklung der Nikolaus-Bräuche und ihre komplexe Ausge­staltung bei den Sathmarer Schwabensaeit ihrer Ansiedlung aus Oberschwaben. Schon zu Beginn des 16. Jahrhunderts war in Oberschwaben schulfrei. "Sankt Niklastag hat man gefeiert. Die Kinder haben abends die Schuhe ausgesetzt und gebetet, daß ihnen Sankt Niklas etwas dreinlege. Uff den Tag haben die Schulmeister die Kinder in die Kirche geführt."

Am Abend vor dem Nikolaustag kamen bei den Sathmarer Schwaben die Klåse (also Klaus, Verkleinerung von Nikolaus) und führten ein überliefertes Brauchspiel auf. Ihr Weg begann beim Einbruch der Dämmerung am Dorfende und führte von Haus zu Haus. Die großen Burschen beschlossen schon im Frühherbst, wer dieses Jahr bei den Klåsen mitmachen durfte und bestimmten auch, wer dr Schwarz, dr Tod, dr Strohsack und die Weiße sein sollten. Die ersten vier Klåse, die Weißi, waren gleich gekleidet. Sie trugen einen langen weißen Unterrock und ein weißes Hemd. Der Tod war ähnlich gekleidet wie die Weißen, nur trug er ein blaues Zipfelhalstuch und hatte eine hölzerne Sense und einen Wetzstein. Der Strohsack zog weite "Guatje" (von ung. gatja 'weite weiße Baumwollhose') und ein sehr weites "Grobshemet" (Leinenhemd) an. Die Hosen wurden an den Fersen zugebunden und sowohl Hose als auch Hemd mit Stroh ausgestopft, so dass er unförmig dick und grob aussah. Diese Gestalt erinnert an die Maske des Erbsenbärs im alten Faschingstreiben. Tatsächlich trug sie vor dem Gesicht eine aus Hasenfell verfertigte Maske. Dr Schwarz war bezeichnenderweise ganz schwarz gekleidet, bezeichnenderweise mit einem langen schwarzen Mantel. Auf dem Rücken und auf der Brust trug er an breiten Lederriemen befestigt 10-14 schwere Kuhglocken. Vor dem Gesicht und auf dem Kopf hatte er eine Teufelslarve mit Hörnern und roter Zunge, zudem war er eingerußt. An seinem Ledergurt waren zwei Ketten befestigt, die von seinen Führern, zwei kräftigen Burschen, festgehalten wurden. Alle drei halten in den Händen Karbatschen aus Weiden, an deren Ende ein Drahtstück mit eingeflochten war: eine gefährliche Waffe. Dr Schwarz musste ein besonders kräftiger und draufgängerischer Bursche sein, sonst hielte er das schwere Gewicht der Glocken beim Gang durch die ganze Gemeinde nicht aus. Er musste in der Lage sein, Schrecken zu verbreiten. Der Umzug am Abend vor dem Nikolaustag gestaltete sich zu einem komplexen Brauchspiel, bei dem jeder Teilnehmer eine Rolle gemäß seinem Charakter spielte.

            Danach fragen die Klåse die Eltern, ob die Kinder brav und folgsam waren. Die Braven bekommen aus den mitgebrachten Säcken Äpfel und Nüsse. Die beim Gebet und der nachfolgenden Prüfung frech waren, bekommen mit der Peitsche Schläge. Die Klåse ermahnen die Kinder noch, weiterhin brav und folgsam zu sein und erhalten Geld zur Beschaffung weiterer Geschenke. Am gleichen 6. Dezember brachten die Taufpaten ihren Taufkindern den Klåse, d. h. ein Nikolausgeschenk: einen geflochtenen kleiner Kuchen, Nüsse, Äpfel u. a. Wo der schwäbische Klåseåbed bereits verschwunden war, kam der heilige Nikolaus manchmal als Bischof gekleidet zu den Kindern. Dieser Brauch war von den Zöglingen der Oberschule aus der Stadt mitgebracht worden.

            Als Besonderheit kann et Nikläschen (der kleine Nikolaus) von Neubeschenowa (V) angeführt werden. In dieser Gemeinde wussten die Kinder - wie in vielen anderen - dass ihnen in der Nacht zum 6. Dezember eine überirdische Gestalt in die aufgestellten Teller und in die sauber geputzten Schuhe Äpfel, Nüsse, getrocknete Zwetschgen und Zuckerwerk legte. Jedoch am Abend zog das Nikläschen durch die dunklen Dorfgassen. Es waren zwei in Leintücher gehüllte halbwüchsige Burschen, die vor jedem Haus riefen: Listr (lasst ihr) et Nikläschen rin? Einer ritt (wie in der Moselgegend und im Saarland, woher die Neubeschenowaer stammen) auf einem Eselchen, der ein Stock mit einem aufgesetzten Eselskopf war. An der Seite hatte er einen "Zwetschgensack", in dem die Geschenke aufbewahrt wurden. Der zweite, im Volksmund Klawang genannt, hatte an einem gabelartigen Gerüst eine Schelle und einen Holzschnabel, mit dem er klapperte und die bösen Kinder zwickte. Um ihn versöhnlich zu stimmen, steckten ihm mutige Jungen eine Münze in den Schnabel. Es handelt sich hier um die Übernahme eines rumänischen Winterbrauchs, da in rumänischen Gemeinden der Umgebung eine ähnliche Gestalt am Neujahrstag unterwegs war, man nannte sie allgemein  "walachisches Chrischtkindl".

            Nach Erich Lammert, der diese capra (rum. Ziege) oder ¾urca benannte Figur des rumänischen Neujahrsbrauches als agro-pastoralen Fruchtbarkeitskult deutet (aus der Moldau wird die symbolische Opferung eines Bocks bestätigt), ergeben sich Parallelen zum skandinavischen Julbock und zur Habergeiß des Alpenraumes. Als Fest der wiederkehrenden Sonne und der erwachenden Fruchtbarkeit wurde das alte nordgermanische Mittwinterfest, das Julfest, gefeiert. Es gar Bezüge zum nordischen Fruchtbarkeitsgott Thor, dessen Gespann von Ziegenböcken gezogen wurde. In Schweden trat der Julbock um die Weihnachtszeit als vermummte Gestalt auf und warf unter lautem Rufen Geschenke ins Zimmer. Der Brauch dieses Weihnachtsgeschenkes, der Julklapp, ist in Skandinavien heimisch und wurde erst spät, nach 1648, infolge der Schwedenherrschaft, in einigen Gebieten Norddeutschlands eingeführt. Dagegen wurde in der Steiermark bei Fruchtbarkeitsumzügen der Schimmel und die Habergeiß mitgeführt. Mit einem Leintuch verhüllte Burschen trugen einen Pferde- oder Geißbockschädel mit einer beweglichen Kinnlade. Die Figur entspricht genau dem nordischen Jul- oder Klapperbock und der rumänischen capra. Im rumänischen Brauch trägt ein vermummter Bursche an einer Stange den hölzernen Bockkopf mit einer beweglichen Kinnlade, die mit einer Schnur zum Klappern gebracht werden konnte. Die Gruppe zog mit Musikbegleitung von Haus zu Haus. Der mit kleinen Schellen behangene Bockträger stampfte mit seiner Stange und klapperte mit der Kinnlade im Takte der Melodie. Die jahreszeitliche oder funktionale Wanderung von Bräuchen oder Brauchelementen ist nichts Außergewöhnliches und das Auftreten eines Klapperbockes in geographisch weit entfernten Gebieten (Skandinavien, Alpen, Karpatengebiet) in der Mittwinterzeit: Weihnachten, Neujahr und bei Fruchtbarkeitsumzügen hat seine Entsprechung in der Übernahme der rum. capra in den Nikolausumzug in Neubeschenowa, zumal Nikolaus häufig von Knecht Ruprecht mit einer rasselnden Kette begleitet wird. Dessen Funktion wurde hier auf den Bock mit klappernder Kinnlade übertragen.

Am Vorabend des Barbaratages (4. Dezember) mussten junge Mädchen zwischen elf und zwölf Uhr nachts den Barbarazweig, meist ein Kirschenzweig, schweigend aus dem Garten holen und in ein Wasserglas stellen. Wenn er bis Weihnachten blühte, brachte er im kommenden Jahr Glück ins Haus. Es kam auch vor, dass die Jungen die Geisterstunde nutzten, um den Mädchen aufzulauern und ihnen einen gehörigen Schreck einzujagen. Zwischen Barbara und Luzia säte man in der Batschka uns im Banat Barbara- bzw. Luzeifrucht in irdene Schalen, um den grünen Weizen unter den Christbaum stellen zu können. Am Tag der heiligen Luzia, den 13. Dezember, backten die Frauen ein Luzabrot, ein Fladenbrot aus etwas Maismehl und Fett, und bauten ein Luzastühlchen. das war ein Schemel aus einem Brett und vier Füßen. Das Brot sollte einen das ganze künftige Jahr sättigen und das Stühlchen den Frauen die Monatsregel erleichtern, wenn sie lange darauf saßen. Die hl. Lucia von Syrakus (in Sizilien), die im Jahre 304 unter Diokletian den Märtyrertod erlitt, weil sie nicht heiraten und ihre Mitgift an die Armen verteilen wollte, geht sonderbarerweise in Ostösterreich als hexenartige Luzelfrau um, andernorts ist sie ein freundliches, gabenbringendes Wesen, in Schweden sogar als weißgekleidetes Mädchen mit einem Lichterkranz auf dem Kopf. Auffällig ist der Gegensatz zwischen Verehrung einer Heiligen und Furcht vor einer Dämonin, einer heidnisch-mythischen Schicksalsfrau an der Jahreswende. Der Name Luzia, welcher aus lat. lux, Licht, entstanden ist, entspricht dem Namen der heidnischen Göttin Perchte, die Lichte, so dass die Heilige im Volksglauben viele Züge der alten Göttin angenommen hat. Aus einer Beschreibung der Luziennacht von 1898 geht hervor, dass in Tirol die Luzia den Mädchen ebenso die Bescherung brachte wie der heilige Nikolaus den Knaben. Auch im Böhmerwald ging am Vorabend des 12. Dezember die Luzia umher, welche die Kinder zum Beten ermahnte und an gute Obst verteilte, den Schlimmen aber drohte, ihnen den Bauch aufzuschlitzen, um ihnen Stroh und Kieselsteine hineinzulegen (wie im Märchen Rotkäppchen). Gewöhnlich zeigte sie sich als Ziege mit übergebreitetem Leintuch und durchstehenden Hörnern (eine Habergeiß), von einem Art Nikolaus geführt.

            Am Tag des Apostels Thomas, den 21. Dezember, wurde das Fleisch für Weihnachten besorgt. Man musste möglichst mehrere Haustiere schlachten, weil es sonst Thomas gemacht hätte, indem er viele im Stall leblos liegen ließe. Die längste Nacht des Jahres leitet die Raunächte ein. Der Tomastag galt wie Andreas und manche andere übertragene Jahresanfangtage als Orakeltag für die Erforschung der Zukunft, besonders als Liebesorakel durch Schuhwerfen, Treten des Schemels usw.

 

2. Weihnachtsbräuche

 

Das Weihnachtsfest wurde im Laufe der Jahrhunderte zum volkstümlichsten Fest des Kirchenjahres, zu einem Fest er Familie und der Kinder. Die Kirche feiert zu Weihnachten die Erinnerung an die Geburt des Erlösers. Doch da der genaue Tag der Geburt weder durch die Bibel noch durch die kirchliche Überlieferung genau bestimmt wird, schwankte der Termin. Seit dem 3. Jahrhundert wurde Geburt und Taufe Jesu zusammen am 6. Januar gefeiert, was in der orthodoxen Kirche bis heute so blieb. Zur Bekämpfung des heidnischen Kultes des Sol invictus, des 'unbesiegten Sonnengottes' und zugleich des orientalischen Kultes des Mithras verlegte die römische Kirche um die Mitte des 4. Jahrhunderts ihr Hauptfest vom 6. Januar, dem Tag der Taufe Jesu, auf den 25.- Dezember. Durch diese Terminverschiebung auf den Tag der römischen Sonnwendfeier und den dies natalis des Mithras übergingen römische Neujahrs- und Mittwinterbräuche ins christliche Weihnachtsfest. Auf germanischem Boden kam es zugleich zu einer Auseinandersetzung mit dem Julfest, das ebenfalls in die Zeit um die Wintersonnenwende fiel. Also setzte man Christus als Sonne der Gerechtigkeit, das Licht der Welt und den Sieger über die Nacht der Sünde und des Todes dem früheren Sonnengott, den Sonnwendfeuern und dem vorchristlichen Toten- und Fruchtbarkeitsfest der germanischen Wintersonnenwende entgegen. Nach Kluge tritt die Bezeichnung mhd. ze den wîhen nahten 'zu den heiligen Nächten' zuerst 1170 auf und übernimmt - wie mit Ostern - einen vorchristlichen Festnamen in den christlichen Kalender. Die Betonung der Nacht geht wohl auf die christliche Liturgie zurück, während sich der Plural wohl darauf bezieht, dass mehrere Tage gefeiert wurde. Mitteldeutsch ist bis heute die Bezeichnung Christtag gebräuchlich.

Zu einer Fortführung ältester Bräuche zählt 1. das Schenken (zu Nikolaus, Neujahr und Dreikönig). Es geht einerseits auf die römische Sitte zurück, am Jahresbeginn als glückverheißende Vorzeichen Geschenke auszutauschen, andererseits auf die geheimnisvolle Bescherung durch höhere Mächte und Tote um die Mittwinterzeit. Die christliche Bescherung durch den Nikolaus und das Christkind verlegte bei uns - nach Luther - ihren Schwerpunkt auf Weihnachten, um die Bedeutung dieses Festes zu betonen. Das Aufstellen des Weihnachtsbaumes in seiner heutigen Form ist verhältnismäßig jung. Nach Beitl wurde er erst im 19. Jahrhundert allgemein. Die erste Beschreibung eines weihnachtlichen Tannenbaums enthält die Schilderung einer Reise in das Elsass aus dem Jahre 1605: "Auf Weihnachten richtet man Dannenbäum zu Straßburg in den Stuben auf, daran henket man Rosen aus vielfarbigem Papier geschnitten, Äpfel, Oblaten, Zischgold, Zucker usw. Man pflegte darum einen viereckent Rahmen zu machen ..." Die Anfänge des Weihnachtsbaumes gehören ursprünglich in den Vorstellungskreis der Zwölften, welche die Zeit von Weihnachten bis zum Dreikönigstag umfassen. Deshalb wird er noch heute am Heiligen Abend aufgestellt, überdauert das Neujahrsfest und wird erst am Dreikönigstag abgeräumt. Die Bedeutung des Baumes in der Kulturgeschichte der Völker geht bis auf den heiligen Lebensbaum, der als Himmels- oder Weltenbaum ins Mythische gesteigert wurde. In christlicher Sicht war auch das Kreuz Christi ein Baum, der wahre Lebensbaum. Biblisch ist auch die Vorstellung von einem Paradiesbaum, wie er seit dem 14. Jahrhundert mit Äpfeln und Oblaten behangen bei den Adam- und Evaspielen im Umzug mitgetragen wurde. So wie der Baum als Wintermai vom Freien in die Stube gewandert ist, so wandert er heute wieder ins Freie, auf die Gräber von Verstorbenen oder vor Kriegerdenkmäler.

Vor dem Weihnachtsbaum waren die Weihnachtsmaien (symbolische Lebensbäume) üblich, mit Äpfeln und Schmuck behangene Tannenzweige, aber auch pflanzliches Wintergrün wie Schlehdorn oder Wacholder, das man an Fenster, Spiegel oder an die Stubendecke anbrachte, um Gesundheit, Wachstum und Fruchtbarkeit in Haus, Stall und Feld zu sichern. Zu den hängenden Formen des Weihnachtsgrüns gehört auch der Adventskranz, der zuerst 1839 vom Hamburger Theologen Hinrich Wichern im "Rauhen Haus" für Waisenkinder aufgehängt wurde: Ein großer Holzreifen mit 23 kleinen und vier dicken Kerzen für die Sonntage. Die ursprünglich protestantische Sitte des Adventskranzes kam erst nach dem Ersten Weltkrieg nach Österreich und ist in der katholischen Kirche heimisch geworden.

Lichter auf grünen Zweigen verdoppeln im Volksglauben die Wirkung, Segen zu bringen und Unheil abzuwehren. Es leuchtet aber nicht nur zu Weihnachten, es blüht auch. Der Legende nach blühen die Apfelbäume in der Heiligen Nacht und es blühen die Barbarazweige. Das heißt, sie wurden von einem Mädchen am Barbaratag, dem 4. Dezember, vom Kirschbaum geschnitten und in eine Vase mit Wasser gesteckt, damit sie zu Weihnachten blühen. Ähnlich soll der am 13. Dezember gesäte Luzienweizen bis Weihnachten wachsen und grünen. Die alten Krippen- und Weihnachtslieder widerspiegeln noch die Verbindung des Blühens mit der Geburt des Erlösers; man denke an die bekannte Weihnachtsweise: Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart. Der Weihnachtsbaum steht auch mit dem Neujahrsgrün in Verbindung, da im Rahmen des Mittwinterglaubens Weihnachten zeitweise als Jahresanfang galt. Dazu kam wohl auch die Absicht, die bösen Geister abzuwehren, die um die Jahreswende ihr gefährliches Unwesen treiben. Demselben abwehrenden Zweck dienten, bereits aus dem 14. Jahrhundert überlieferte, brennende (besonders geweihte) Kerzen und Räucherungen. Aus ihrer Verschmelzung mit dem wintergrünen Baum ist schließlich der Weihnachtsbaum als Lichterbaum entstanden, der zuerst 1660 erwähnt wird. Goethe beschreibt ihn 1774 in den "Leiden des jungen Werthers". In dieser Form, als Lichterbaum mit Süßigkeiten und Obst tritt der Weihnachtsbaum seinen Siegeszug über ganz Deutschland und danach über fast ganz Europa und Amerika an.

 

2.1. Weihnachtliche Brauchgestalten

 

In vielen donauschwäbischen Ortschaften war es üblich, das Christkind durch eine verkleidete Person zu verkörpern, die den Kindern - ähnlich dem heiligen Nikolaus - Geschenke brachte und ggf. auch eine Rute zurückließ. Während sich in Norddeutschland die Nokolausgestalt zum Weihnachtsmann entwickelte, entstand in süddeutschen Gebieten das gütige Christkind, das sich aber von den dunklen Mächten der Raunächte nicht ganz befreien konnte. Vor allem dort, wo es schlimme Kinder gab, wurde das Christkind von einem Belzebock begleitet, der aber unsichtbar blieb und in der Küche oder vor dem Fenster mit einer Kette lärmte. So geschah es z.B. in Putinci (Syrmien). Der Pelznickel, Belzenickel, Bemzebock kommt eigentlich vom heiligen Nikolaus - der in Amerika zu Santa Claus an Christmas wurde. Diese Gestalt ging in der Pfalz (z. B. in Fischbach oder im Dernbacher Tal, besonders vor 1920) zusammen mit dem Christkind bereits am Vorabend des dritten Adventsonntags, zehn bis zwölf Tage vor Weihnachten durchs Dorf. Der Pelznickel ist in einen Pelz vermummt, hat einen Schlapphut oder eine Pelzmütze auf dem Kopf, und trägt einen Sack und auf dem Rückenhöcker und trägt in der Hand eine Kette und eine Rute. Er spricht mit rauer Stimme.

Das Christkind ist ein großes, weißgekleidetes Mädchen mit verschleiertem Gesicht. Sie trägt einen weißen Kunstblumenkranz auf dem Kopf, ein kleines Schellchen in der rechten Hand und ein weißbedecktes, vergoldetes Körbchen mit Äpfeln, Nüssen und Lebkuchen im linken Arm. Es spricht seine erzieherischen Sprüche mit hoher, klarer Stimme. Im Haus prüft es die Kinder, ob sie brav und folgsam sind, Gebete und Schulsachen gut aufsagen können. Je nachdem fällt die Bescherung aus. Klagen die Eltern, so kommt der Belzenickel aus dem kalten Hausflur herein, schlägt die unfolgsamen Kinder und droht sie in seinen großen Sack zu stecken. Belzenickel und Christkind umtanzen Hand in Hand das Zimmer und ziehen weiter. Der Besuch findet in der Pfalz ein- bis zweimal vor Weihnachten statt, manchmal nur der Belzenickel allein. Am Weihnachtsabend verteilt das Christkind seine Gaben unsichtbar an die Eltern. Das mittelalterliche geistliche Schauspiel mit der drohenden Rute sollte der Erziehung der Klosterschüler dienen. Nach der Reformation kam das freundliche und belohnende Christkind dazu. Der Brauch hat sich bis heute in den Dörfern des Pfälzerwaldes - und zwar eher in katholischen als in protestantischen - erhalten.

Damit das Christkind auf seinem nächtlichen Umzug die Kinder ja nicht vergisst, steckten die Kinder für das Eselchen Heubüschel ans Scheunentor oder an die Fensterläden. In der Volkskunde galt der Esel das ursprüngliche Reittier des begleitenden Teufels, während Nikolaus ein Schimmel als Reittier zustand. Mit der Einführung des Christkinds und der nachreformatorischen Ersatzmänner des heiligen Nikolaus wurde der Esel entweder zum begleitenden Reittier des Christkinds oder es verselbständigte sich zu einer vermummten Schreckgestalt, welche die Kinder stößt bzw. mit Nadeln in der Eselmaske sticht, wie es auch der Esel beim Weihnachtsspiel in Glogowatz u. a. Ortschaften im Banat und in der Batschka tut. Im pfälzischen Gossersweiler heißt der in graues Aschentuch vermummte Bursche mit langen Papierohren Stutzesel (von stutzen 'stoßen'), im unterelsässischem Kreis Weißenburg Bick- oder Pickeresel (von picken 'stoßen, stechen'). Dieser Brauch zeigt, dass die Südpfalz und das Elsass einen einheitlichen Kulturraum bilden.

 

2.2 Weihnachsspiele und Umzüge

 

In allen deutschen Gebieten, aber auch in Ungarn, Italien und Südfrankreich ist neben dem Weihnachtsbaum die Darstellung der Geburt Christi in den Weihnachtskrippen anzutreffen. Die älteste urkundlich belegte Krippe ist die des heiligen Franziskus von Assisi bei Greccia aus dem Jahre 1223. Im 17. Jahrhundert gelangten die ersten Krippen über Tirol nach Deutschland, wo die Volkskunst ihre Herstellung übernahm. Aus den Weihnachtsspielen und dem "Kindelwiegen", das schon im 10. Jahrhundert in Salzburg belegt war, entwickelte sich das Weihnachtssingen und die Weihnachtslieder. Das Weihnachtssingen war Aufgabe der Chorknaben, die in der Schule Lateinisch lernten. Bei den Sathmarer Schwaben war sowohl das Singen des Christkindchenspiel als auch die szenische Darstellung des Bethlehem bekannt, wie es Koch beschreibt.

Am Heiligen Abend gingen Kinder und Jugendliche beim Einbruch der Dunkelheit gruppenweise zum Weihnachtssingen in die Häuser. Vor den erleuchteten Stubenfenstern erbaten sie zuerst die Erlaubnis zu singen und boten dann Weihnachtslieder dar wie: Der Engel ist vom Himmel gekommen und Auf, ihr Hirten von dem Schlaf! Von der Hausfrau erhielten sie als Entlohnung gedörrte Äpfel- und Birnenschnitz, Nüsse u. a. Obst. Nachdem sie ein gesegnetes Weihnachtsfest gewünscht hatten, zogen sie zum nächsten Haus weiter.

Ein einfaches Bethlehemspiel wurde von drei weiß gekleideten, mit Bändern geschmückten jungen Mädchen dargeboten. Der Gruppe geht ein Kind mit einem Glöcklein voraus und erbat Einlass, der nie verwehrt wurde. Mit dem üblichen Gruß: Gelobt sei Jesus Christus! traten die Darstellerinnen in die Stube, wobei die mittlere eine selbstgefertigte Puppe als Christkind trug. Es war in Seide gekleidet und mit Grellen (Glasperlen) geschmückt. Nun sangen sie zweistimmig Weihnachtslieder wie: Uns ist geboren ein göttliches Kind, das man im Stalle zu Bethlehem findt. Nun durften die Kinder des Hauses das Chrischtkindle selbst auf den Arm nehmen und herzen, was sie freudig taten. Die Sängerinnen erhielten von der Hausfraur Geld oder auch Äpfelschnitz.

Bald läutete wieder ein Glöcklein und eine Schar verkleideter Jungen kam mit dem Bethlehem herein. Zuerst trugen zwei Engel ein selbstgefertigtes Kirchlein mit dem Stall von Bethlehem herein und stellten es auf den Tisch. Dazu sangen sie das alte Weihnachtslied: Es sungen zwei Engel einen süßen Gesang. Danach traten vier Hirten herein, klagten über die Kälte der Nacht und legten sich zum Schlaf nieder. Ein Engel trat auf und kündete die Frohbotschaft der Heiligen Nacht. Die Hirten erwachten und berieten, was sie dem Kind nach Bethlehem mitnehmen sollten: Milch, Butter, Lämmlein und Wolle. Dann zogen sie los, umschritten den Tisch mit dem Kirchlein und sangen das Hirtenlied aus der Ansiedlungszeit: Ihr Hirten gebet acht. Dabei waren die Hirten mit Pelzen gekleidet, trugen Schlapphüte und einen langen Hirtenstab, der oben mit einem Glöcklein versehen war. Beim Gehen ertönten die Glöcklein. Nach der Anbetung des göttlichen Kindes erhielten sie vom Familienvater für ihre Darbietung etwas Geld.

Das ursprüngliche, aus der Urheimat der Sathmarer Schwaben stammende Bethlehemspiel war in Vergessenheit geraten. Lediglich das Hirtenlied wurde von Stefan Koch 1934 in Sukunden aufgezeichnet und veröffentlicht. Nach dem Ersten Weltkrieg versuchte man in den schwäbischen Gemeinden eine triviale Fassung des Bethlehemspiels in ungarischer Sprache einzuführen, die aber nicht angenommen wurde. Koch stellte den Schülern in Hamroth 1928 die oben beschriebene Fassung zur Verfügung, die seither in dieser Gemeinde gespielt und seit 1934 auch in Sukunden aufgeführt wurde.

            Josef Lanz untersuchte die Geschichte der Weihnachtsspiele in der Schwäbischen Türkei anhand eines Bethlehemspiels von Kossoratz., im Vergleich zu einem Weihnachtsspiel von 1688 aus Steinheim, in Nordwürttemberg. Daraus ergab sich, dass ein Volksschauspiel immer aus einer oberschichtigen Stufe in den Traditionskreis einer Trägergemeinschaft aufgenommen wurde. In diesem Prozess hat das Spiel sich der augenblicklichen Entwicklungsstufe der Aufnahmegemeinschaft anpassen müssen, hat sich manchmal in seine Einzelbestandteile aufgelöst. Diese haben sich wieder mit Teilen anderer Spiele vereinigt, und oft sind dabei von einfachen Menschen unverstandene Stellen verballhornt (entstellt) worden oder haben ihren Sinn gänzlich geändert. Das Steinheimer Weihnachtsspiel - als Anfangsphase einer solchen Entwicklung zu betrachten -, ist kein Volksschauspiel im üblichen Sinne, sondern ein Schulspiel, wie sie im 17. Jahrhunderten zu Hunderten im ganzen deutschen Sprachraum geschrieben wurden. Es beginnt mit dem Wagner Bartenschlag, der in seiner Jugend mit einem vom Gemeindepfarrer Pfaff geschriebenen Weihnachtsspiel in benachbarten Dörfern unterwegs gewesen war. Von einigen Schulbuben in der Werkstatt danach gefragt, zieht er eine Handschrift dieses Spieles hervor, ergänzt sie mit mehreren Liedern und Versen, studiert das Spiel mit den Jungen ein und führt es im Dorf auf. So wurde das Schulspiel vom Volk aufgenommen, von Jahr zu Jahr etwas verändert und dadurch zum Volksspiel.

            So beginnt die Entwicklung in allen Spiellandschaften der Donauschwaben. Ursprüngliche Christkindel-, Bethlehem-, Adam und Eva- und Hirtenspiele, mit einer ganzen Hirtenfamilie, konnten sich gegenseitig beeinflussen und zusammenwachsen. Ihre Utensilien: Christbaum und Bethlehemstall (Haus mit Krippendarstellung) konnten nach der Christmette gemeinsam bis Lichtmess in der Kirche bleiben. Wenn ein Adam- und Evaspiel mit einem Hirtenspiel zusammenwuchs, so diente der in beiden vorhandene Baum als Verbindungsglied; der Weihnachtsbaum wurde als Mahnung an den Sündenfall eingebaut. So heißt es z. B. im Janischer Hirtenspiel: Der Christbaum erinnert uns an den Baum, welcher im Paradiese stand. 

Das von Lanz beschriebene Bethlehemspiel ist zweifellos literarischen Ursprungs, wurde von einem Pfarrer verfasst, vom Volk aufgenommen und überliefert, wobei die Veränderungen so weit führten, dass von der Urfassung nur mehr Fragmente erhalten geblieben sind. Und wenn man nach der Vertreibung noch erleben konnte, wie donauschwäbische Spielgemeinschaften bestrebt waren, ihre mitgebrachten Volksspiele der veränderten Umwelt in der neuen Heimat anzupassen, so war hier noch eine späte Entwicklungsstufe nachzuvollziehen. Ein alter Spielführer vom Schlag des Wagners Bartenschlag berichtete 1947 aus Hammelburg, dass er dort das "Bethlohemspiel" aufgeführt habe, mit dem Unterschied, dass er das Spiel verlängert und dazu noch Weihnachtslieder eingesetzt habe.

            Zu beachten ist, dass der mittlere Donauraum - wie alle Neusiedlungsgebiete des Ostens - die erste Zeit von mancherlei Not gekennzeichnet war, so dass die Befriedigung materieller Bedürfnisse Vorrang vor Spiel und Lustbarkeit hatte. Nach der Überwindung dieser Notzeiten war das mitgebrachte Überlieferungsgut zum Teil vergessen und mussten aus den Resten neu aufgebaut werden. Das Volksschauspiel im donauschwäbischen Gebiet erlebte in den Zeiten des Wohlstandes eine Blütezeit. Ausgehend von den spärlichen Überlieferungen wurden von Schulmeistern und Pfarrern immer wieder neue Spiele in gehobener Sprache und glatten Versen verfasst, doch sie wurden zu Volksschauspiel durch ihre Eingliederung in das Brauchtum der dörflichen Gemeinschaft, ihrer Zuordnung zu einer festen Spielerkameradschaft mit festgelegter Tracht und bestimmten Spielutensilien. Die Untersuchungen der Weihnachtsspiele aus der Schwäbischen Türkei ergaben, dass neue Spiele auftraten, sich mit älteren Spielen vermischten, von anderen Spielkameraden gleichzeitig mit älteren Spielen aufgeführt wurden oder mit diesen von Jahr zu Jahr abwechselten und schließlich die älteren Spiele verdrängten oder selbst aufgegeben wurden. Von Karl Horak stammt eine Übersicht über das gesamte deutsche Volksschauspiel im Banat, wobei ein Schwerpunkt auf die Paradeisspiele und die Weihnachtsspiele gelegt wird, mit Unterteilung in folgende Gruppen:

mit Schimmelreiter, mit Stuppesel, mit Ochs und Esel, die eine relative Verselbständigung erfahren konnten, mit Belzebock, ohne vorchristliche Figuren, Bethlehemspiele und Mischformen. Zu der letztgenannten Gruppe zählt Horak ein Christkindlspiel, in das Lieder und Worte aus einem Hirtenspiel und einem Adam und Evaspiel eingeführt wurden. Dieses Spiel wurde von der Familie Magosch aus Jabuka (Apfeldorf) im Banater Pantschowa und im benachbarten Syrmien, in Franztal-Semlin (IV) aufgeführt. Ein in Apfeldorf aufgezeichnetes Christkindl- oder Krippenspiel zeigte nur geringe Übereinstimmungen mit dem Familienspiel der Familie Magosch. Das kann daher rühren, dass beide Spiele auf eine gemeinsame ältere, ausführlichere Vorform zurückgehen oder dass das Magosch-Spiel einer ausgeprägten persönlichen Umbildung unterworfen war. Möglicherweise treffen beide Erklärungen zu.

            In seiner Untersuchung bezieht sich Lanz auf ein altes Christkindlspiel aus Janisch / Mecsekjánosi (Schwäbische Türkei), das von der Kameradschaft der zwölf- bis dreizehnjährigen Mädchen alle Jahre von Haus zu Haus aufgeführt wurde. Im Jahre 1903 kam ein Lehrer Hering ins Dorf und brachte ein angeblich selbst gedichtetes Hirtenspiel mit, dass er mit den neun- bis zehnjährigen Mädchen und Buben einlernte; später fand sich eine Einlernfrau. Das neue Spiel wurde entweder gleichzeitig mit dem Christkindlspiel oder abwechselnd mit ihm, ebenfalls von Haus zu Haus gespielt. In den späteren Jahren fielen die Buben ab und es blieb ein Spiel der jungen Mädchen. Im Jahre 1916 brachte " 's Hanskaste Kathibos (Base Kathi)" aus Köbling / Köblény in der Schomodei ein Adam- und Evaspiel mit nach Janisch, das die Kameradschaft der 15- bis 16-jährigen Mädchen übernahm und von der Kathibos eingelernt wurde. Auch dieses Spiel war eine bauernbarocke Kunstdichtung jüngeren Datums. Nun wurden alle drei Spiele aufgeführt, manchmal von Jahr zu Jahr abwechselnd, manchmal gleichzeitig nebeneinander. Wenn sie ihr Spiel zur selben Zeit aufgeführt hatten, gingen alle Darsteller in ihrer Spieltracht zur Christmette und stellten sich in einer bestimmten Reihenfolge vor dem Altar auf, wie es auch unsere Banater Christkindldarsteller taten.

Nach der Vertreibung gelangten die Janischer in das Flüchtlingslager Wörgl bei Kufstein in Tirol, die Spielkameradschaften waren auseinandergerissen. Am Heiligen Abend versammelten sie sich im Lager, um gemeinsam zur Christmette zu gehen. Da begannen einige Frauen spontan die Eingangsverse des alten Janischer Christkindlspieles zu singen. Als Sprecherinnen der einzelnen Rollen fielen ehemalige Mitspielerinnen früherer Spielgenerationen ein. Die übrigen Lieder sangen alle Frauen und Mädchen mit, während die Männer im Kreis um sie herum standen. Danach erst gingen sie zur Kirche. Einige Janischer Familien gelangten nach Hochdorf im Kreis Esslingen (Baden-Württemberg). Hier hat sich der Brauch eingebürgert, alle Jahre vor der Christmette bei einem der Landsleute zusammenzu­kommen und vor dem Kirchgang gemeinsam das Spiel aus dem Stegreif zu singen, ohne besondere Absprache oder Rollenverteilung, wie im Lager von Wörgl. So hat sich zwar nicht mehr die heimatliche Spieltradition erhalten, dagegen ist aus dem weihnachtlichen Lagererlebnis ein neuer Brauch entstanden, der sich bewahrt hat und die Spielentwicklung veranschaulicht. Im heimatlichen Dorf Janisch waren - laut Lanz - etwa 20 Familien zurückgeblieben, die sich jedoch in den ersten Jahren nach 1945 nicht trauten, das Weihnachspiel aufzuführen. dann übersetzten sie es ins Ungarische und spielten es einige Jahre so und seit 1956 wieder deutsch. Die anderen beiden Spiele sind seit der Vertreibung nicht mehr aufgeführt worden. Diese Spielgeschichte eines donauschwäbischen Dorfes zeigt einerseits die Aufnahme zweier schriftlich überlieferter Spiele in das Leben einer dörflichen Gemeinschaft, andererseits die Funktion eines Volksspiels bei den nicht vertriebenen Donauschwaben und sein Ausklang bei den in Deutschland Lebenden, die durch ihr "unsichtbares Gepäck", die bleibenden Erinnerungen, mit ihrer heimatliche Brauchwelt verbunden bleiben und versuchen, dieser eine neue Funktion zu verleihen.

 

 

LITERATUR

 

Beitl, Richard / Klaus Beitl 1981: Wörterbuch der deutschen Volkskunde. Stuttgart: Kröner Verlag.

Horak, Karl 1975: Das deutsche Volksschauspiel im Banat. (= Schriftenreihe der Kommission für ostdeutsche Volkskunde in der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde e. V., Bd. 14), Marburg: N. G. Elwert Verlag.

Kaufmann, Paul 1982: Brauchtum in Österreich. Feste, Sitten, Glaube. Wien / Hamburg: Paul Zsolnay Verlag Gesellschaft m.b.H.

Klein, Diethard H. 1998: Wetterregeln, Bauernweisheiten und alte Bräuche. Augsburg: Weltbild Verlag.

Kluge, Friedrich 1999: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 23. Auflage, bearb. von Elmar Seebold. Berlin / New York: Walter de Gruyter Verlag.

Koch, Stefan 1984: Die Sathmarer Schwaben - Oberschwaben im Südosten. Laupheim: Selbstverlag.

Lammert, Erich 1973: Julbock - Capra - Habergeiß. In: Hans Gehl (Hg.): Heide und Hecke. Beiträge zur Volkskunde der Banater Schwaben. Bd. 1, Temeswar: Facla Verlag, S. 81-84.

Lanz, Josef 1958: Ein Branauer Bethlehemspiel. Zur Geschichte der Weihnachtsspiele in der schwäbischen Türkei. In: Hermann Bausinger (Hg.): Schwäbische Weihnachtsspiele. Stuttgart: Silberburg Verlag, S. 47-68.

Orner, Wendel: Sitten und Gebräuche im Spiegel des Wortschatzes der rheinfränkischen Mundart von Darowa (Lexicul legat de obiceiuri ½i datini în graiul renano-francon din comuna Darova). Temeswar, Typoskript mit handschr. phon. Zeichen, 1974, 162 S. (Diplom­arbeit, Universität Temeswar, Lektor: Peter Kottler).

Petri, Anton Peter:1963: Neubeschenowa. Geschichte einer moselfränkischen Gemeinde im rumänischen Banat. Freilassing: Pannonia Verlag.

Piskay, Susanne: Der Wortschatz im Zusammenhang mit den Sitten und Gebräuchen der rheinfränkischen Mundart von Sackelhausen (Lexicul legat de obiceiuri în graiul renano-francon din comuna Sçcçlaz). Temeswar, handschr. Ms. 1974, 121 S. mit Fotos, (Diplomarbeit, Universität Temeswar, Lektorin: Maria Pechtol).

Seebach, Helmut: Alte Feste in der Pfalz. Bd. 1: Advent, Weihnachten, Silvester und Dreikönigstag, 1995; Bd. 2: Fastnacht. Ein Beitrag zur Fastnachtsforschung und zur oberdeutsch-schweizerischen Einwanderung in die Pfalz, 1997; Bd. 3: Sommertag, Ostern, Pfingsten und Johannistag, 1998. Mainz-Gonsenheim: Bachstelz Verlag Helmut Seebach.



Vgl. Kaufmann 1982, S. 162.

Vgl. Klein 1998, S. 281-284.

Orner 1974, S. 107.

Vgl. Piskay 1974, S. 70.

Vgl. Koch 1984, S. 350-358.

Vgl. Petri 1963, S. 120 f.

Vgl. Lammert 1973, S. 81 f.

Vgl. Klein 1998, S. 289.

Kluge 1999, S. 882.

Vgl. Beitl 1974, S. 953 f.

Vgl. Kaufmann 1982, S. 47.

Vgl. Kaufmann 1982, S. 44-46.

Vgl. Seebach Bd. 1, 1995, S. 60-67.

Vgl. Koch 1984, S. 364-366.

Vgl. Lanz 1959, S. 47-68.

Vgl. Horak 1975.

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